E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 1, Januar 2000, S. 3)


Editorial

600 Jahre Entwicklungstheorie

Reinold E. Thiel


Das erste Heft im Jahr 2000 - in einem neuen Millennium? Die korrekten Rechner sagen, das fange erst im Jahr 2001 an - aber jeder hat das Gefühl, mit der Zwei vorneweg beginne eine neue Epoche. Die Italiener sprechen nicht vom 20. Jahrhundert, sondern vom Novecento, und müssten entsprechend von nun an das Vénticento zählen. Aber natürlich haben diese Zahlen in Wirklichkeit keinerlei Bedeutung. Historische Epochen richten sich nicht nach dem Kalender. Der britische Historiker Eric Hobsbawm hat vom "kurzen 20. Jahrhundert" gesprochen, das 1914 begann und 1989 endete. 1990 hat die nächste historische Epoche begonnen, seit zehn Jahren befinden wir uns im 21. Jahrhundert. Aber die Millenniumsfeiern haben trotzdem stattgefunden.

Dies ist das richtige Heft für die Frage, welche Bedeutung der Mann, der das vergangene Jahrhundert so entscheidend prägte, für unsere Arbeit hat, für das Nachdenken über Entwicklung. Die politischen Folgen des von Karl Marx errichteten Gedankengebäudes waren verhängnisvoll, das ist nicht mehr strittig. Selbst als das darauf aufbauende Machtgebilde zusammenbrach, waren die Auswirkungen noch verheerend: So brutal hat sich der Kapitalismus schon lange nicht mehr gezeigt wie heute in Russland. Dennoch: Marx' wichtigstes Thema war die Frage, wie Gesellschaften sich entwickeln, welche Triebkräfte sozialen Wandel bewirken, und was er dazu geschrieben hat, bietet auch uns Heutigen immer noch eine Fülle neuer Anregungen.

Es gab in der Vergangenheit eine Interpretation des Geschichtsverständnisses von Karl Marx, die keinen Widerspruch duldete und ihm eine unilineare Deutung unterstellte. Ulrich Menzel hat Marx neu gelesen und ist in den verschiedenen Teilen seines Werkes auf drei (oder sogar vier) unterschiedliche Entwicklungstheorien gestoßen. Die erste, die der marxistischen Orthodoxie, beschreibt "das Abfolgeschema von Urgesellschaft, antiker Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus, Kapitalismus, Sozialismus und Kommunismus", mit weltweiter und allzeitiger Gültigkeit. Die nächste (von Menzel nicht separat gezählt) ist die der Asiatischen Produktionsweise mit einem Despoten, der alleiniger Grundbesitzer ist und sich das Mehrprodukt in Form von Tribut aneignet. Die "Asiatische Despotie" kennt keine weiteren Entwicklungsphasen, wird durch den europäischen Kolonialismus überrannt und einer Modernisierung europäischen Stils zugeführt (so glaubte Marx), mündet also in den europäischen Weg. Später aber äußerte Marx sich differenzierter über Asien, insbesondere über Indien. Er sah, dass die florierende indische Manufaktur von den britischen Kolonialherren zugunsten der eigenen Exporte systematisch zerstört worden war, und entwarf so etwas wie eine frühe Fassung der Dependenztheorie. Schließlich, als in Russland (lange vor der Oktoberrevolution) von den Narodniki die Frage aufgeworfen wurde, ob es einen direkten Weg von der Dorfgemeinschaft zum Sozialismus geben könne, unter Umgehung des Kapitalismus, schlug er sich in Gedanken und nicht abgesandten Briefentwürfen auf ihre Seite, fühlte sich aber zu eng der russischen Sozialdemokratie verpflichtet, um dies öffentlich zuzugeben. Auch schien ihm die neue Idee wohl zu weit entfernt von dem, was er bislang postuliert hatte.

Vor allem in Marx' ethnologischen Studien und in seinen Schriften zu Indien, China und Russland findet sich vieles, das auch die heutige Diskussion noch befruchten kann. Man wird wohl Menzels Vermutung zustimmen müssen, dass die Autoren der marxistischen Orthodoxie sich nie "die Mühe gemacht (haben), Marx' Entwicklungstheorie aus den verstreuten Hinweisen zu rekonstruieren". Menzel gebührt Dank dafür, dass er diese Arbeit auf sich genommen hat.

Noch viel weiter zurück in die Vergangenheit greift Frank Bliss' Beitrag über Abd al-Rahman Ibn Khaldun, den großen arabischen Denker des 14. Jahrhunderts. In seinem Werk, der "Muqaddima", kulminiert das arabische geographische und historiographische Denken, das bei Autoren wie Jaqut, al Idrisi und Nuwairi zu großen Enzyklopädien geführt hatte, aber bis hin zu Ibn Khalduns Zeitgenossen Ibn Battuta, Ibn al-Khatib und Makrisi immer nur in der Aufhäufung faktischen Wissens bestand. Ibn Khaldun war der erste arabische Autor, der über die wirkenden Kräfte in der Gesellschaft reflektierte, über das Nomadentum mit seinen Tugenden der Einfachheit und des Stammeszusammenhalts und die sich daraus entwickelnde städtische Gesellschaft, die zum Verlust der ursprünglichen Tugenden, zu Luxus und Korruption und zum schließlichen Verfall führt - bis hin zur Ablösung durch ein anderes, aufstrebendes Volk. Ibn Khaldun war ein Soziologe und Entwicklungstheoretiker avant la lettre, auch den zeitgenössischen christlichen Autoren weit voraus, aber in der auf ihn folgenden Zeit kam es zum Zusammenbruch der islamischen Gelehrsamkeit, und er hatte keine Nachfolger. Von der europäischen Wissenschaft wurde er erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt.

Schließlich ist in diesem Heft von zwei Autoren der Gegenwart die Rede, auch sie aus verschiedenen Generationen: Albert O. Hirschman (geb. 1915) und Hernando de Soto (geb. 1941). Hirschman begründete seinen Ruf als Entwicklungstheoretiker mit der 1958 veröffentlichten "Strategy of Economic Development", in der er die Theorien des "balanced growth" und des "big push", die eine wirtschaftliche Entwicklung auf allen Ebenen gleichzeitig postulierten, widerlegte und seine Theorie des "unbalanced growth" dagegensetzte, mit einem realistischeren Blick für das Mögliche. Seither hat er sich immer wieder in die entwicklungspolitische Debatte eingemischt, mit immer neuen Analysen und Vorschlägen. Es wird ihm eine bittere Genugtuung gewesen sein, dass ein Abkömmling der Big-push-Theorie, der er vor vierzig Jahren widersprach, unter dem neuen Etikett des "big bang" bei der Transformation der russischen Wirtschaft mit katastrophalen Folgen versagte.

Hernando de Soto wurde (mit einem "big bang") bekannt, als er 1986 in Lima sein Buch "Der andere Weg" veröffentlichte, das rasch auch in andere Sprachen übersetzt wurde, und worin er überzeugend darstellte, dass ein großes, unerschlossenes Entwicklungspotential im "informellen Sektor" sich entfalten könnte, wenn nur die bürokratischen Hemmnisse abgebaut werden. Er ist rasch von den Marktliberalisierern in Anspruch genommen worden, aber sein Motiv ist anders: Ihm geht es nicht um den Markt, sondern um die Menschen.



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