E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 1, Januar 2000, S. 12-15)


Abd al-Rahman Ibn Khaldun (1332 - 1406)
Vom Nomadentum zu Stadt und Staat

Frank Bliss


Ibn Khaldun gilt als erster Autor, der sich soziologischer Methoden bei der Analyse historischer Prozesse bedient hat. Er wurde als Geschichtsphilosoph gelobt, blieb aber in der arabischen Literatur isoliert und hatte auch sonst wenig erkennbaren Einfluss auf spätere Autoren. Das Thema seines Hauptwerkes, der Muqaddima, ist der Aufstieg und Verfall von Herrscherdynastien. Die Nomadenführer mit ihren Tugenden und dem Zusammenhalt innerhalb der eigenen Verwandtschaftsgruppe erobern die Macht in den Maghrib-Reichen. Aber der Verlust der ursprünglichen Tugenden, die Zunahme von Luxus und die zerstörerischen Eingriffe in die Wirtschaft führen zum Verfall der Macht und zur Ablösung einer herrschenden Gruppe durch die andere.



I.
Von der Politik
zur Universalgeschichte

Im 14. Jahrhundert war der Maghrib, das Gebiet der heutigen Staaten Tunesien, Algerien und Marokko, politisch ein instabiles Gebiet. Herrschaften lösten einander in schneller Folge ab. Die einflussreichste Dynastie, die Almoraviden in Marokko, herrschten 86 Jahre lang, die ihnen folgenden Almohaden rund 120 Jahre, die zu Lebzeiten Ibn Khalduns noch regierenden Meriniden hingegen für nicht mehr als zwei Generationen.

Zwischen den Dynastien, aber auch innerhalb der aristokratischen Oberschicht gab es Rivalitäten. Der Gegensatz zwischen eingesessenen berbersprachigen Völkern und den zugewanderten Arabern und vielleicht sogar noch mehr zwischen der bäuerlichen sesshaften Bevölkerung und den Nomaden prägte diese Konflikte.

In dieser Situation wurde Abu Zeid Abd al-Rahman Ibn Muhammad Ibn Khaldun, der "bedeutendste Sohn Tunesiens", am 25. Mai 1332 in Tunis geboren.

Die Familie war zu Anfang des 13. Jahrhunderts aus Sevilla vor der Reconquista nach Tunesien geflohen. In Sevilla bereits der regionalen Elite angehörend, kam der Urgroßvater Ibn Khalduns auch im tunesischen Hafsidenreich schnell zu hohen Ämtern, so dass für den jungen Ibn Khaldun eine politisch-administrative Karriere am Hofe von Tunis vorgezeichnet schien. In familiärer Tradition studierte er den Koran, die Tradition des Propheten, islamisches Recht und arabische Sprache.

Die kurzzeitige Besetzung der Hafsidenhauptstadt durch die marokkanischen Meriniden 1347-1349 sollte jedoch die vorgeplante Karriere Ibn Khalduns in eine völlig andere Bahn lenken, bei der sei- ne Tätigkeit für verschiedene Herrscherhäuser und sein literarisches Werk fast zwangsläufig eine Synthese eingingen.

Nachdem die Meriniden 1349 aus Tunesien abgezogen waren, folgte ihnen Ibn Khaldun in ihre Hauptstadt Fès, das intellektuelle Zentrum des damaligen Maghrib, gleichermaßen um weitere akademische Ausbildung wie um eine politisch-administrative Karriere bemüht. In den nächsten Jahren bekleidete Ibn Khaldun einflussreiche Positionen bei den Meriniden, den Herrschern von Bougie, Stammesführern im algerischen Zentralland und dem Fürsten von Granada im islamischen Spanien. Dabei galt seine Loyalität scheinbar mal einer, mal der anderen Seite, was jedoch den von vielen Freunden umgebenen Tunesier trotz Gefängnisaufenthalten und wiederholter lebensbedrohlicher Situationen entgegen den Gepflogenheiten der Zeit nicht den Kopf kostete.

Nachdem im Jahre 1364 sein Versuch gescheitert war, den Emir von Granada, Muhammad V., politisch zu beraten - der Emir erwies sich trotz der Belehrungen in "good governance" immer mehr als willkürlicher Tyrann -, erhielt Ibn Khaldun erstmals die Gelegenheit, Politik selbst zu formulieren, und zwar als Chefminister des kleinen nordalgerischen Emirats von Bijâya. Es gelang ihm jedoch nicht, die Unabhängigkeit des Gebiets zu wahren, und angesichts des Scheiterns der Versuche, seine politischen Ideale in die Praxis umzusetzen, begann der gelehrte Tunesier nach den Ursachen für jene historischen Prozesse zu suchen, die er vergeblich zu beeinflussen versucht hatte.

Es gelang ihm jedoch bis 1375 nicht, sich aus den politischen Wirren des Maghrib herauszuhalten. Schließlich begab er sich unter den Schutz des arabischen Nomadenstammes der Aulad Arif, in deren Festung Qalat Ibn Salama er für mehr als drei Jahre zurückgezogen lebte. Hier hatte Ibn Khaldun endlich die Muße, seine Gedanken über den Aufstieg und den Fall der Dynastien zu Papier zu bringen, die er teilweise persönlich kennen gelernt und zu beeinflussen versucht hatte, oder die insbesondere in der maghrebinischen Welt in den vergangenen Jahrhunderten geherrscht hatten. Es entstand die "Muqaddima", die theoretische Einleitung seiner geplanten, breit angelegten Universalgeschichte.

1379 erhielt Ibn Khaldun eine Einladung an den Hafsidenhof von Tunis, wo er zunächst sein historisches Werk mit den Arbeiten über die Araber und Berber im Maghrib fortsetzte. Um wachsenden politischen Intrigen dort zu entgehen, verabschiedete er sich 1382 definitiv aus dem Maghrib und begab sich nach Kairo, wo der Mamlukensultan Barqûq den inzwischen als bedeutenden Gelehrten geltenden Ibn Khaldun mit großen Ehren empfing und bald zum obersten Richter der malekitischen, der wichtigsten Rechtsschule des Landes machte. Bis zu seinem Tode 1406 konnte der Tunesier nun alle politischen Intrigen, den Sultanswechsel von Barqûq auf dessen Sohn und selbst die Konfrontation Ägyptens mit dem mongolischen Eroberer Tamerlan angesichts seines bedeutenden Rufes ohne Schaden überstehen. Den Gedanken, einen Herrscher durch "politische Erziehung" beeinflussen zu können, hatte Ibn Khaldun allerdings bereits vor seinem Umzug nach Ägypten aufgegeben. Mit vielen Mächtigen der islamischen Welt, einschließlich des Mongolenkhans, hat er gleichwohl den Gedankenaustausch bis zu seinem Ende gepflegt.


II.
Entstehung von Herrschaft,
gute Regierung und
das ökonomische System

Vor allem die misslungene politische Erziehung des Fürsten von Granada und das eigene Scheitern als Chefminister von Bijâya haben Ibn Khaldun veranlasst, sich mit der Geschichte des Maghrib und der gesamten islamischen Welt zu beschäftigen. Im Gegensatz zu den Chronisten seiner Zeit ist sein Ziel jedoch nicht, eine Abfolge von Fakten darzustellen, sondern die Ursachen für die von ihm selbst so nahe erlebten Wandlungen zu entdecken.

Sein Hauptwerk ist die bereits erwähnte Muqaddima. Wenn Ibn Khaldun in seiner Einführung in die Weltgeschichte auf die (in heutigen Auszügen seines Werkes besonders gern dargestellten) Gesetzmäßigkeiten bei der Entstehung und dem Niedergang von Herrschaft gestoßen zu sein glaubte, so lässt sich daraus keineswegs der Fatalismus ableiten, den ihm so häufig westliche Kommentatoren zuschreiben. Wer Ibn Khaldun sorgfältiger liest, wird auf einen Theoretiker stoßen, für den die Entwicklung von Herrschaft und Staaten höchst unterschiedlich verlaufen kann, je nachdem, wie sich das politische System etwa gegenüber der Wirtschaft, der Religion oder gesellschaftlichen Gruppen verhält. Lediglich Kommen und Gehen der herrschenden Dynastie folgen einem Grundschema, das hier in wenigen Sätzen skizziert werden soll.

Politische Macht resultiert demnach aus der "asabiya", einem Begriff, der im weitesten Sinne die verwandtschaftliche Solidarität meint, die eingesetzt wird, um Herrschaft zu errichten und ein anderes, seine asabiya verlierendes Herrschaftssystem abzulösen. Besonders starke asabiya sieht Ibn Khaldun bei den nomadisch lebenden Gruppen ("badâwa"), die er in Gegensatz zu den im Luxus schwächer werdenden städtischen Kulturen, den "hadâra", setzt. Dabei mag der Autor an die Almoraviden und zuletzt die Meriniden gedacht haben, die beide als überwiegend nomadisch lebende Verwandtschaftsverbände die etablierten Herrscherfamilien im Gebiet des heutigen Marokko abgelöst hatten.

Eine neue Dynastie setzt sich aufgrund ihrer anfangs starken asabiya durch. Allerdings kann sie sich üblicherweise, wie Ibn Khaldun seinem unmittelbaren Erfahrungsumfeld entnehmen konnte, nur rund drei Generationen halten (90-120 Jahre), bis eine neue Gruppe mit dann stärkerer asabiya sie ablöst. In der ersten Generation ist das "nomadische" Leben noch ausgeprägt. Während der zweiten Generation der vollständigen Sesshaftigkeit kann Macht weiter ausgebaut, können auch ihre Früchte genossen werden. In der dritten Generation schließlich geht die asabiya zugrunde und die Herrscher können sich nur noch durch Hilfe Dritter und durch Tyrannei halten.

Fünf Faktoren tragen zum Niedergang der Herrschaft bei:

  1. die Abschwächung der religiösen Einflüsse,
  2. der steigende Luxus der Herrschenden und ihrer Klienten,
  3. die Tatsache, dass sich die Herrscher auf Personen außerhalb der asabiya-Beziehung stützen,
  4. die daraus resultierende Abhängigkeit und
  5. die sich in der Konsequenz entwickelnde Tyrannei.

Dieses Auf und Ab der Dynastien stellt lediglich einen Rahmen dar, innerhalb dessen sich die soziale und ökonomische Entwicklung vollzieht. Dabei wird hier von Ibn Khaldun keineswegs ein statischer Zustand oder eine rein zyklische Entwicklung der Gesellschaft postuliert, wie dies allein mit Blick auf das Herrschaftsmodell unterstellt werden könnte. Der Niedergang des Staates bedeutet nicht das Ende der Gesellschaft.

Im Gegensatz zu der sich ablösenden Herrschaft ist das sozio-ökonomische System von Land zu Land und innerhalb der Phasen der Geschichte eines Reiches daher auch höchst unterschiedlich beschaffen und entwickelt sich entsprechend unterschiedlich in der Zeit, wobei aber auch hier bestimmte Gesetzmäßigkeiten beobachtet werden können. Diese sind in entwicklungstheoretischer Sicht besonders interessant und vielleicht die "modernsten" Gedanken im Werk Ibn Khalduns.

Für ihn ist jedes Phänomen des sozialen Lebens erklärbar, es hat seine Gründe. Ganz ähnlich wie Emile Durkheim in unserer Zeit verfolgt der Tunesier am Anfang seiner Darstellung gesellschaftlicher Funktionsprinzipien die Idee der "sozialen Dichte", die für ihn eine Grundbedingung für wirtschaftliche Entwicklung darstellt.

Während die ländliche Gesellschaft aufgrund der geringen Bevölkerungsdichte nur wenige Chancen auf sozio-ökonomische Veränderungen hat, sind die Städte Zentren von Entwicklung. Hier führen die größere soziale Dichte und besonders der Prozess des Bevölkerungswachstums, begünstigt durch die von einer starken Herrschaft garantierte Ruhe, zu intensiverer und besserer Kooperation, zur Zunahme der Produktivität, zum technischen Fortschritt und zuletzt zu dem bereits die Grundlage für den Niedergang der politischen Herrschaft mitbereitenden materiellen Luxus.

Al-Azmeh zufolge (1982) hat Ibn Khaldun das Verhältnis von Reichtum und Bevölkerung so gesehen: Die Wohlhabenheit einer Stadt kann als "arithmetische Summe" betrachtet werden, die proportional zur Größe der betreffenden Gesellschaft ist. In diesem Zusammenhang sei allerdings von Ibn Khaldun die Frage der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums noch nicht thematisiert worden. Und da er sich sehr stark auf die Städte bezieht, bleibe auch die Frage offen, welchen Regeln die Prosperität auf dem Lande und im kleinstädtischen Milieu folgt.

Die politische Herrschaft hat in jedem Fall erhebliche Wirkungen auf die Ökonomie, die insbesondere von der Sicherheit und der zu Beginn einer neuen Herrschaft nur geringen Einmischung des Staates in das Finanzsystem und die Warenproduktion profitiert. Die folgenden von Ibn Khaldun beobachteten Regeln sind dabei besonders interessant:

1. Maßvolle Steuern fördern private Produktion und zugleich solide Staatsfinanzen. Der junge Staat verfügt in der Regel über erhebliche finanzielle Ressourcen, die er durch Eroberungen akquiriert hat. Dieses Geld wird teilweise investiert und heizt die Nachfrage an. Preise steigen, und da die Steuern gleichzeitig niedrig liegen können, erhält die Produktion große Anreize. Gefördert wird der wirtschaftliche Aufschwung durch flankierende Maßnahmen des Staates, indem er z. B. die Münze, die Sicherheit von Gewichten und Maßen, gerechte Wirtschaftsgesetze und andere elementare Grundlagen des Warenaustausches gewährleistet (vgl. Muhsin Mahdi 1957).

Ob der Reichtum der Bürger aber auch längerfristig mit dem Zustand der Staatsfinanzen korrespondiert, wird nicht weiter ausgeführt. Die angesichts einer gut gefüllten Staatskasse mäßige Besteuerung trägt sicher dazu bei, dass das wirtschaftliche Engagement der Bevölkerung steigt und diese mehr produziert und akkumuliert. Reicht jedoch die mäßige Besteuerung auch bei deutlichem Wirtschaftswachstum aus, um die Staatskasse hinreichend zu füllen?

Ibn Khaldun sieht hier drei Phasen: in der ersten bleiben die Steuern niedrig, weil genügend Geld durch die externen Zuflüsse in die Staatskasse vorhanden ist. Während der zweiten Phase steigen die Ausgaben des Staates noch nicht erheblich, so dass die Kasse auch durch relativ mäßige, aber wegen des wirtschaftlichen Wachstums doch kontinuierlich zunehmende Steuern gefüllt werden kann. In einer dritten Phase jedoch übersteigen angesichts teurer "Selbstverteidigungskosten" des Tyrannen die Ausgaben die bisherigen Steuereinnahmen, so dass die Steuersätze erhöht werden müssen.

2. Engagement des Herrschers in der Wirtschaft führt zu Verzerrungen und ökonomischem Stillstand. Zu erheblichen Problemen kommt es, wenn der Staat angesichts leerer werdender Kassen selbst ökonomisch aktiv zu werden versucht, insbesondere durch eigene Handelsgeschäfte. Der Staat verfügt nämlich (immer noch) über die größeren Ressourcen und könnte den Privatmann am freien Zugang zu Gütern hindern, direkt oder durch Überbieten der Konkurrenz. Umgekehrt wird der Staat bzw. der Herrscher den Markt negativ beeinflussen, indem er die Bevölkerung zwingt, seine Produkte zu überhöhten Preisen zu kaufen. Kapital wird auf diese Weise aus dem Wirtschaftskreislauf abgezogen, Handel und Gewerbe kommen zum Stillstand (vgl. Fuad Baali 1992).

Wenn in der Phase des Niedergangs der Herrscher sich zum Tyrannen entwickelt und die immer teurer werdende Sicherung seiner Macht mit dem direkten Griff in die Taschen der Bevölkerung finanziert, hört deren Interesse an wirtschaftlichen Aktivitäten auf und es kommt ebenfalls zum ökonomischen Stillstand. Ibn Khaldun zufolge ist darüber hinaus jegliche Enteignung von Geld und Eigentum (ökonomisch) schädlich.

3. Zwangsarbeit ist schädlich. Die ungerechtfertigte Auferlegung von Frondiensten und die Zwangsarbeit generell sind nicht nur ein Unrecht, sondern verletzten die Regel, "daß Arbeit mit jenen Dingen verbunden sein soll, die insgesamt das Kapitel ausmachen". So wie ein Eigentümer über Land oder Waren verfügt, muss er auch über seine Arbeitskraft verfügen können.

Nun könnte man fragen, warum die gute Herrschaft, die auf eine gesunde Ökonomie zurückgreifen kann und ihrerseits in Luxus lebt, nahezu automatisch zur Tyrannei wird, anfängt, über ihre wirtschaftlichen Verhältnisse zu leben und dabei (mit den beschriebenen negativen Konsequenzen) an der Steuerschraube dreht. Schuld hieran ist nach Ibn Khaldun der Luxus selbst, der aus dieser Verbindung von guter Herrschaft und Wirtschaftsaufschwung resultiert. Die Herrschaft wird nachlässig, die genannte asabiya löst sich auf und der Herrscher muss sich auf Dritte stützen, was die Ausgaben weiter steigert und zugleich die Dynastie in Abhängigkeit bringt.

Ein kluger Herrscher wird selbst bei dynastischen Nachfolgekämpfen die Städte weitgehend unangetastet lassen, da sie die Grundlage des späteren Reichtums darstellen. Hieraus kann gefolgert werden (allerdings ohne dass dies von Ibn Khaldun direkt gesagt würde), dass den Städten beim Machtantritt einer neuen Dynastie zumindest ein Teil des vormaligen Reichtums bleibt. Demnach wäre die Entwicklung von Herrschaft vielleicht als gleichmäßig-zyklisch anzunehmen, die sozio-ökonomische Entwicklung hingegen verliefe eher spiralförmig.


III.
Ibn Khaldun im 14. Jahrhundert

Ibn Khaldun war in seiner Zeit eine bekannte Persönlichkeit und galt seit den siebziger Jahren des 14. Jahrhunderts als ein bedeutender Gelehrter. Dass der Mamlukensultan Barqûq über den Tunesier Bescheid wusste, kann noch mit der Kleinräumlichkeit der wissenschaftlichen Welt jener Jahre erklärt werden. Dass sein Ruf jedoch bis zu dem mongolischen Eroberer Tamerlan drang und dieser Ibn Khaldun als hohen Beamten des ägyptischen Feindes mit Respekt gegenübertrat, spricht für einen außergewöhnlichen Bekanntheitsgrad des damaligen Qadi der Malekiten.

Ibn Khaldun selbst war von der Neuartigkeit seiner Arbeiten überzeugt, wenngleich er sich der Lücken des Werkes bewusst war. Hinsichtlich seines Einflusses auf die Zeitgenossen und das islamische Denken in den Folgejahren bestehen dagegen Zweifel. Aziz al-Azmeh (1982), der diesen Aspekt untersucht, spricht von einer höchstens bruchstückhaften Rezeption. Nur ein einziger Autor, Ibn al-Azraq, der letzte Qadi vor der Reconquista von Cordoba, habe sich systematisch mit der Muqaddima auseinandergesetzt, und auch in der ottomanischen Historiographie gebe es keine Khaldunische Schule. Die unsystematische Berücksichtigung der Arbeiten Ibn Khalduns hat nach al-Azmeh ihren Grund darin, dass der Autor in der Muqaddima nichts wirklich Neues vorgetragen, sondern Elemente unterschiedlicher Disziplinen nebeneinander gestellt habe.

Dies ist sicher richtig; al-Azmeh vergisst aber einen entscheidenen Punkt: Das Besondere an Ibn Khalduns Werk sind nicht die vielen hundert Seiten langatmig beschriebener Geschichte einzelner berbersprachiger oder arabischer Stämme, sondern die in der Muqaddima formulierten, in seinem eigentlichen Geschichtswerk ("Kitab al-Ibâr") allerdings nicht umfassend berücksichtigten Anforderungen an die Geschichtsschreibung und an die Analyse von Politik und Gesellschaft. Diese Anforderungen, insbesondere der empirische Anspruch (Beobachtung, Vergleich, historische Methode, Gesamtschau, Objektivität usw.), mögen indes von den Zeitgenossen nicht in ihrer Relevanz erkannt worden sein, zumal das 15. Jahrhundert im Maghrib wie in Ägypten generell als Phase des wissenschaftlichen Niedergangs angesehen werden muss und mangels Förderung durch die Machthaber nur noch wenige bedeutende literarische Werke entstanden.


IV.
Ibn Khaldun heute

"Ibn Khaldun ist der einzige Lichtpunkt in seinem Bereich des Firmaments ... Er hat eine Philosophie der Geschichte entwickelt und zu Papier gebracht, die zweifelsohne die größte Leistung ihrer Art ist, die jemals durch einen Kopf zu irgendeiner Zeit und an einem Ort erbracht worden ist" (Toynbee).

Ibn Khalduns Werke wurden in Europa wohl erstmals im späten 17. Jahrhundert wahrgenommen. Ende des 18. Jahrhunderts wurden einzelne Bruchstücke seiner Arbeiten in europäische Sprachen übersetzt. Dem bedeutenden österreichischen Orientalisten Hammer-Purgstall sind schließlich Veröffentlichungen von ersten längeren Auszügen der Muqaddima zu verdanken (1816-18). Zwischen 1844 und 1868 wurden die Autobiographie Ibn Khalduns, dann die Geschichte der Berber und zuletzt der vollständige Text der Muqaddima in französischer Sprache publiziert.

Heute führen Bibliographien mehr als 1000 Studien über Ibn Khalduns Werke an. Auffallend ist, dass sich diese Werke zumeist um die Beantwortung der Frage nach der seinerzeitigen wie der heutigen Bedeutung des doch als so herausragend dargestellten Tunesiers drücken. Nicht seine Wirkungen, sondern sein Werk stehen im Mittelpunkt der Erörterungen. Wenn also tiefschürfende Kenner des "Phänomens Ibn Khaldun" eine Wertung vermeiden, darf auch an dieser Stelle nur eine sehr vorsichtige Bilanz erwartet werden.

Ibn Khaldun hat uns ganz sicher keine soziologische Studie der maghribinischen Gesellschaft des 14. Jahrhunderts geliefert, die unsere Wissenslücken über jene Zeit in erheblichem Umfang ausfüllen würden. Obwohl viele Begriffe sich bei späteren Soziologen wiederfinden, sind doch die Gedanken von Soziologen wie Comte oder Durkheim kaum durch Ibn Khalduns Werke beeinflusst worden. Das Besondere an diesen, allen voran der Muqaddima, ist vielmehr, dass zahlreiche im 14. Jahrhundert vorgetragene Beobachtungen und Erklärungen für soziale Phänomene auch heute noch ihre Gültigkeit haben. Das Konzept der asabiya lässt sich, zumindest vom Grundgedanken her, weiterhin auf die tribalen Gesellschaften der arabisch-islamischen Welt anwenden.

Mit Recht wird von einigen Autoren die Um- oder Neuinterpretation von Gedanken des Tunesiers kritisiert. Dennoch ließe sich, vorsichtig formuliert, Ibn Khaldun als Vater der Idee einer entwicklungsorientierten Herrschaft bezeichnen, der den entwicklungsorientierten Staat in seinen Grundzügen beschrieben hat, die dabei entdeckten Prinzipien den Herrschern seiner Zeit nahebringen wollte und selbst eine Zeit lang einen Staat im Sinne dieser Prinzipien zu führen versuchte. Diese Leistung Ibn Khalduns in seiner Zeit zu würdigen, erscheint mir wichtiger als die Beantwortung der Frage, ob er mit seinen Ideen wirkungsvoller oder bedeutungsloser als heutige Theoretiker war.


Schriften von Ibn Khaldun:
- The Muqaddimah. An Introduction to History. Übers. Franz Rosenthal. New York 1958 (3 Bde.); franz. Ausgabe: Les Prolégomènes. Übers. William McGucken de Slane. Paris 1863 ff., Neuausgaben Paris 1934 (3 Bde.) und Vincent Monteil, Beirout 1967 (3 Bde.); deutsche Ausgabe in Auszügen: Buch der Beispiele. Übers. Mathias Pätzold. Leipzig 1992
- Histoire des Berbères et des dynasties musulmanes de l'Afrique septentrionale. Übers. William McGucken de Slane. Paris 1852 ff. (4 Bde.), Paris 1925-27 (2 Bde.), Neuausgabe Paris 1968 (4 Bde.)
- Autobiographie d'Ibn Khaldun. Übers. McGucken de Slane, Paris 1844 und 1863; Neuübersetzung u. d. T. "Le voyage d'Occident et d'Orient" von Abdessalam Cheddadi. Paris 1980

Schriften über Ibn Khaldun:
Al-Azmeh, Aziz (1981): Ibn Khaldun in Modern Scholarship. London. (Umfassende Bibliographie mit über 850 Titeln)
Ayad, M. Kamil (1930): Die Geschichts- und Gesellschaftslehre Ibn Khalduns. Stuttgart/Berlin
Baali, Fuad (1988): Society, State, and Urbanism: Ibn Khaldun's Sociological Thought. Albany
Baali, Fuad (1992): Social Institutions. Ibn Khaldun's Social Thought. New York
Mahdi, Muhsin (1957): Ibn Khaldun's Philosophy of History. London
Rabi', Muhammad Mahmud (1967): The Political Theory of Ibn Khaldun. Leiden
Sivers, Peter von (1968): Khalifat, Königtum und Verfall. Die politische Theorie Ibn Khalduns. München

Weiterführende Schriften:
Toynbee, Arnold J.: A Study of History, London 1935-61, Bd. 3, S.321-322


Frank Bliss ist Professor für Ethnologie an der Universität Hamburg und unabhängiger entwicklungspolitischer Gutachter; diverse Publikationen zur Entwicklungspolitik, über den Islam und Ägypten.



E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit,
herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE)

Redaktionsanschrift:
E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach, D-60268 Frankfurt
 
 

Inhaltsverzeichnis Inhaltsverzeichnis Seitenanfang Seitenanfang
Deutsche Stiftung für internationale EntwicklungEntwicklungspolitisches ForumInternationales Institut für JournalismusFachgruppe BildungInformationszentrum Entwicklungspolitik (IZEP)Fachzentrum für Internationale Wirtschafts-, Finanz- und SozialpolitikZentralstelle für AuslandskundeFachgruppe Öffentliche VerwaltungZentralstelle für gewerbliche BerufsförderungFachzentrum für Ernährung, Ländliche Entwicklung und Umwelt (ZEL)Fachgruppe Gesundheit


Copyright © 1999, DSE, letzte Änderung 29.12.1999