E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 1, Januar 2000, S. 19-21)


Albert O. Hirschman (1915 - )
Ungleichgewichtiges Wachstum - und die Neigung zur Selbstsubversion

Manfred Nitsch, Philipp Lepenies


Als Vertreter der Theorie des "ungleichgewichtigen Wachstums" und als kritischer Beobachter von Entwicklungsprojekten ist der Ökonom Albert O. Hirschman bekannt geworden. Später hat er als "Grenzüberschreiter" in Richtung Politikwissenschaft, Soziologie und Geschichte mit den Begriffspaaren "Exit - Voice" und "Passions - Interests" bahnbrechende Beiträge zur Analyse der raum-zeitlichen Einbettung von wirtschaftlichen Prozessen in die gesellschaftlichen Bedingungen geleistet.



I.

Albert Otto Hirschman wurde 1915 in Berlin geboren und besuchte das Französische Gymnasium. Schon früh engagierte sich der protestantisch getaufte, aber jüdischstämmige Hirschmann in der sozialistischen Jugendbewegung und kehrte 1933 nach dem Tode des Vaters Deutschland den Rücken, um in Paris an der Ecole des Hautes Etudes Commerciales zu studieren. Das Jahr 1935/36 verbrachte er an der London School of Economics - pünktlich zur Publikation von Keynes' "General Theory". Der Kampf gegen jede Form des Faschismus war neben seinen wissenschaftlichen Interessen in diesen Jahren bestimmend für Hirschmanns Leben. Anschließend an sein Jahr in London kämpfte er für einige Monate bei den Internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg. Er promovierte bald darauf in Triest (Italien) mit einer Arbeit über die Außenhandelspolitik Frankreichs und meldete sich 1940 freiwillig zur französischen Armee. Während der deutschen Okkupation tauchte er mit falschen Papieren in Marseille unter und verhalf zusammen mit Varian Fry im Auftrag des "Emergency Rescue Committee" emigrierten deutschen Intellektuellen im unbesetzten Frankreich und vielen anderen Prominenten wie Nichtprominenten zur Flucht in die USA, bevor er selbst, seiner drohenden Verhaftung zuvorkommend, 1941 mit einem Stipendium der Rockefeller Foundation eine Einreisegenehmigung in die USA erhielt.

In dieser Zeit verwandelte sich sein Name: In Frankreich besann er sich auf seinen anderen Vornamen Albert (der deutsche Rufname Otto klang auf Französisch zu sehr wie "Auto"), und als ihm der US-amerikanische Beamte der Einwanderungsbehörde das zweite "n" seines Nachnamens raubte, nahm er das noch hin, bestand aber auf dem "c". Seither also führt er den Namen Albert O. Hirschman, unter dem er berühmt geworden ist. In den USA verheiratete er sich 1941 mit der aus dem Baltikum stammenden Sarah Hirschman, die, wie er selbst schreibt, stets seine erste kritische Leserin gewesen ist.

In den Jahren 1941-1942 entstand in Berkely die Schrift "National Power and the Structure of Foreign Trade", in der er analysierte, wie Deutschland vor dem 2. Weltkrieg vor allem in Südosteuropa seine wirtschaftliche Übermacht einsetzte, um auch politischen Einfluss auf diese Staaten auszuüben. 1943-1945 nahm Hirschman mit der US-amerikanischen Armee in Nordafrika und Italien am 2. Weltkrieg teil. Danach arbeitete er in der Westeuropa-Abteilung der US-Zentralbank und war u. a. mit dem Marshall-Plan und der Aufstellung der ersten Input-Output-Analysen für Westeuropa beschäftigt.

Ab 1952 war er in Lateinamerika tätig, zunächst im Auftrag der Weltbank und später als unabhängiger Wirtschaftsberater im kolumbianischen Planungsamt. Nachdem er 1956 seine erste Ökonomie-Professur an der Yale University (New Haven) angetreten hatte, verfasste er aufgrund seiner Erfahrungen in Kolumbien die "Strategy of Economic Development" (1958), die seinen Ruf als Entwicklungstheoretiker begründete.

1958 folgte er einem Ruf auf den Lehrstuhl für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an die Columbia University in New York, wechselte dann 1964 an die Harvard University in Boston und 1974 nach Princeton, wo er - ab 1985 emiritiert, aber noch immer aktiv - den Lehrstuhl für Sozialwissenschaften am Institute for Advanced Study innehat.


II.

"It ain't necessarily so", lautet das bekannte Lied aus Gershwins Oper "Porgy and Bess". Diese Weisheit von Sportin' Jack ist nach eigenem Bekunden so etwas wie das Motto der Forschung von Hirschman. Seine Werke erschließen sich am besten dann, wenn man sie zu zeitgenössischen Theorien und Strömungen in Beziehung setzt und sie gleichzeitig als Versuche versteht, zu beweisen, dass alles auch ganz anders sein könnte.

Das gilt auch für seine eigenen Erkenntnisse, denn obwohl er oft neue theoretische Modelle entwickelte, hat er es immer geschickt vermieden, neue Orthodoxien zu begründen. Er bezeichnet diese Eigenart als "Propensity to Self-Subversion", also als Neigung zur "Selbstsubversion", wie auch der Titel einer seiner neueren Essaysammlungen lautet. Vielleicht lässt sich so erklären, warum es keine homogene "Hirschman-Theorie" gibt, wohl aber einen speziellen Denkstil, der sich auf folgende Formel bringen lässt: Die nach Wahrheit und festen Erkenntnissen strebende Theoriebildung muss stets mit dem kritischen Geist der auf Vorläufigkeit und "Selbstsubversion" gerichteten Aspekte von Wissenschaft als sozialem Prozess vereinbart werden.

Das Hinterfragen von Theorien und das Aufzeigen von Alternativen meistert Hirschman vor allem dadurch, dass er sich von einer Sozialwissenschaft in die andere weiterbewegt. Der Ökonom Hirschman ist ein "Trespasser" über die Grenzen der eigenen Zunft hinaus. Geschichte, Soziologie, Anthropologie und Philosophie werden in seinen Schriften fast immer unterstützend hinzugezogen. Dieser multidisziplinäre Ansatz definiert den unvergleichbaren Stil Hirschmans, ist aber wohl auch einer der Gründe dafür, dass Hirschman heute eher in den anderen Sozialwissenschaften fester Bestandteil der akademischen Lehre ist, als in der Ökonomie.

Mit seinem ersten größeren Werk über Macht und Außenhandel von 1942/45 nahm er wohl als Erster die Grundargumente der Dependenztheorie vorweg, weswegen es auch 1969 neu aufgelegt wurde. Aber Hirschman wäre nicht der sich als "selbst-subversiv" charakterisierende Theoretiker, hätte er nicht 1978 und 1979 seine Meinung in den berühmten Essays "A Generalized Linkage Approach ..." und "Beyond Asymmetry" grundlegend modifiziert: Kleine Staaten können demnach durchaus das Potential besitzen, sich aus der Abhängigkeit zu befreien, denn das ökonomische Schattendasein lässt Spielraum; worauf es ankomme, seien die Konstellation der Akteure und das Gewicht der Interessen. Was könnte den dogmatischen Dependenztheoretikern mehr widersprechen und andererseits den aufgeklärten kritischen Sozialwissenschaftlern in Lateinamerika und anderswo mehr entgegenkommen?

Die "Strategy" von 1958 versteht sich als Frontalangriff auf die damals vorherrschende Version der Modernisierungstheorie, vor allem auf die Theorie des "Balanced Growth" (Rosenstein-Rodan), die die gleichzeitige Entwicklung der gesamten Volkswirtschaft durch einen "Big Push" (Ragnar Nurkse) von aufeinander abgestimmten Investitionen als einzig mögliche Strategie ansah. Hirschman plädierte für das Gegenteil. "Unbalanced Growth" war für ihn deshalb das analytische wie programmatische Stichwort.

Im Gegensatz zum Modell des "Balanced Growth" ist Hirschmans Modell dynamischer und offener für alternative Wege in die Zukunft: Investitionsentscheidungen richten sich nach Prioritäten und finanziellen oder technologischen Möglichkeiten, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt ergeben. "One thing at a time" - so Hirschmans Devise, denn der Engpass in seinem Wachstumsmodell ist die "ability to invest", und es ist immer einfacher, als Reaktion auf sich bietende Marktlücken oder auch auf offensichtliche Mängel und Engpässe in der Infrastrukturausstattung zu investieren, als auf die Abstimmung mit anderen Investoren zu warten. Wenn zusätzlich die prinzipielle Ungewissheit der Zukunft und die unterschiedlichen Interessen und Rivalitäten berücksichtigt werden, ist Entwicklung nicht als ex ante planbarer und koordinierbarer Prozess möglich, sondern immer nur als Sequenz von Einzelentscheidungen denkbar.

Sein Konzept der "Linkages" sollte die Machbarkeit dieser Entwicklungsstrategie erklären helfen: Ausgehend von einer bereits laufenden Produktion werden entwicklungswirksame Investitionsentscheidungen entweder nach rückwärts oder nach vorwärts gefällt. "Backward Linkages" führen bei einem Eisenhüttenwerk zu Bergbau- und Energie-Investitionen, "Forward Linkages" zu Weiterverarbeitungsindustrien, die Baustahl und andere Eisen- und Stahlprodukte erzeugen und weiterverarbeiten. Später ergänzte er dieses Tableau um die "Fiscal Linkages", durch die der Staat ihm zufließende Exportsteuern in den Aufbau einer ganz anderen Industrie steckt (oder auch in einer aufgeblähten Bürokratie versickern lässt), und um die "Consumption Linkages", durch welche eine lokale Konsumgüterindustrie sich beispielsweise im Gefolge eines Kaffee-Booms dann entwickeln kann, wenn die Rohstoffrente einer breiten Schicht von Kaffeepflanzern und ihren Arbeitern zufließt.

Hirschman verstand schon Mitte der 50er Jahre Entwicklung nicht als die mechanische Herstellung der optimalen Kombination von Produktionsfaktoren und als bloße Kapitalakkumulation, geschweige denn als Ergebnis von Finanztransfers, sondern als Suche nach örtlichen Ressourcen und Fähigkeiten, die versteckt vorhanden sind, aber möglicherweise ungenutzt verkommen. In jeder noch so ausweglosen Situation versucht Hirschman endogene Kräfte zu identifizieren und zu mobilisieren, die man für den Fortschritt instrumentalisieren könnte. Er nennt das selbst die Suche nach "built-in modifiers or remedies" - ein weiteres wichtiges Leitmotiv seiner Schriften.

Entwicklungsprobleme und besonders die Entwicklung Lateinamerikas waren auch weiter bestimmend für seine Forschung. Besonders bezeichnend für ihn ist die Schrift, die nach einer weiteren Gutachtertätigkeit für die Weltbank im Jahre 1967 entstand: "Development Projects Observed" (mit neuem Vorwort nachgedruckt 1995) - wohl eines der besten und interessantesten Werke über Entwicklungsprojekte, die je geschrieben wurden. Ungewollte Nebenwirkungen, heimliche Zielgruppen, doppelte Motive, Zwänge und Freiheiten von Projektleitern und ihren Counterparts sind kaum sonst jemals mit so viel Liebe zum Detail und gleichzeitig so viel Anstößen zur Generalisierung, mit so kritischer Feder und dennoch so fern von besserwisserischem Zynismus formuliert worden. Der Text atmet Optimismus, Menschenliebe und aufkläreri- schen Geist.

Der in dieser Studie behandelte Güterverkehr der nigerianischen Staatsbahn, der im Gegensatz zum blühenden Straßenverkehr über viele Jahre in einem desolaten Zustand verharrte, ging Hirschman nicht aus dem Kopf. Wie konnte man die Stagnation erklären? Die Beschäftigung mit dieser Frage führte 1970 zum Entstehen von "Exit, Voice and Loyalty", seinem nach der "Strategy" wohl bekanntesten Werk. Vorrangig ging es ihm darum, aufzuzeigen, in welchen Formen sich Unzufriedenheit artikulieren kann. In der ökonomischen Theorie geschieht das in der Regel durch "Exit", d. h. die Abwanderung von unzufriedenen Konsumenten zu einem anderen Anbieter auf dem Markt. Die politische Wissenschaft hingegen analysiert vorrangig die Artikulation von Unzufriedenheit in Form von mehr oder weniger deutlich artikuliertem verbalen Protest, also durch "Voice". Durch die Kombination von Exit und Voice gelang ihm die Darstellung eines analytischen Instrumentariums, mit dessen Hilfe man viele sozio-ökonomische Situationen neu beleuchten und erklären konnte.

Allein die Identifizierung von Exit und Voice als alternativen Artikulationsmechanismen von Unzufriedenheit werden dieser Theorie allerdings noch nicht gerecht. Hirschman versuchte überdies zu zeigen, welche Feedback-Mechanismen vorhanden sein müssen, damit sich eine suboptimale Situation wieder verbessern kann. Es geht also wieder um die letztlich optimistische Suche nach endogenen Mechanismen, die für Verbesserungen sorgen bzw. solche blockieren.

Bei Anwendung auf den Fall der nigerianischen Eisenbahn kam Hirschman zu folgender Schlussfolgerung: Die marode Situation veränderte sich deswegen nicht, weil für die Kunden der Exit zum perfekten Substitut "Gütertransport auf der Straße" nahezu kostenlos war. Ist aber Exit kostenlos, so kommt es nicht zu Voice - deswegen erhielt die nigerianische Staatsbahn kaum artikulierten Feedback und sah sich angesichts der einmal etablierten und dann stetig fließenden staatlichen Finanzhilfen nicht veranlasst, diese Situation zu verändern.

Die Grundthese "Freier Exit verhindert Voice" wurde jedoch grundlegend in Frage gestellt, als Hirschman Anfang der 90er Jahre als spezieller Gast des Wissenschaftskollegs zu längeren Aufenthalten nach Berlin zurückkehrte und sich mit dem Deutschen Herbst 1989 beschäftigte. Das Schicksal der DDR lässt sich nach Hirschman auch mit Hilfe der Exit-Voice-Theorie beschreiben. Die Besonderheit der Ereignisse ist seiner Meinung nach nur verständlich, wenn man sich vor Augen hält, dass der Exit über die Tschechoslowakei oder Ungarn bereits im Spätsommer für die unzufriedenen Bürger der DDR kein Ding der Unmöglichkeit mehr war. Zeitgleich zum Exodus wurde jedoch die Anzahl derer, die sich montags in Leipzig zu Großdemonstrationen trafen, immer größer, und neben den Forderungen nach Veränderungen erschallte immer wieder der Ruf: "Wir bleiben hier!"

Erst der potentielle und angedrohte Exit machte also Voice möglich und verlieh dem Protest das notwendige Gewicht, denn "Wir bleiben hier" ließ sich interpretieren als "Veränderungen sofort, oder auch wir gehen". Mögliches Exit wurde erfolgreich als Erpressungsmittel eingesetzt, unterstützte Voice, und dieses Zusammenspiel besiegelte das Schicksal der DDR. Exit kann Voice auch verstärken - die Selbst-Subversion Hirschmans erlebte ihren vorläufigen Höhepunkt.

Nach "Exit - Voice" publizierte Hirschman vor allem wissenschaftsgeschichtliche, philosophische und politische Schriften, obwohl er sich bisweilen immer noch mit Entwicklungstheorie beschäftigte, so in seinem "Getting ahead Collectively" (1984) im Anschluss an eine Reise für die Inter-American Foundation nach Lateinamerika. Wer die Ursprünge und die Wirkungen der über Nichtregierungsorganisationen vermittelten Allianz zwischen Akademikern und Volksbewegungen verstehen und dem Demokratisierungsschub in den 1970er und 1980er Jahren auf die Spur kommen will, findet hier die wohl beste und einfühlsamste Quelle.

Die Frage nach den Möglichkeiten kollektiven Handelns und der Artikulation von Unzufriedenheit ließ Hirschman auch danach nicht los. So analysierte er in "Shifting Involvements" (1982) die zyklenartig auftretende Bereitschaft von Menschen, sich kollektiv zu organisieren. Die persönliche Kosten-Nutzen-Rechnung eines Individums ist hierbei nach Hirschman nämlich anders als von der gängigen ökonomischen Theorie angenommen: Nicht das Ergebnis, sondern das öffentliche Engagement selbst ist es, was Nutzen (und eben nicht nur Kosten) bringt. Engagement hat jedoch seine Grenzen, denn wenn die Unzufriedenheit über das Nichterreichen des Ziels zu groß ist, kommt es zu einer Rückkehr zum rein privat orientierten Handeln.

1977 publizierte Hirschman "The Passions and the Interests", worin er aufzeigte, wie sich durch die jahrhundertelange Suche nach Mechanismen, die die "Leidenschaften" wie Gier und Selbstsucht zum Wohle aller als "Interessen" im Zaum halten konnten, dies schließlich im Menschenbild Adam Smiths und in der Entstehung der moralischen Voraussetzungen für den Kapitalismus gipfelte. Die Essaysammlung "Rival Views of Market Society" (1986) ermöglicht einen Überblick über diese Teile seines Gesamtwerks.

Die fortschrittliche Grundlinie seines Denkens kommt besonders deutlich in "The Rhetoric of Reaction" (1991) zum Ausdruck, in der er diejenigen rhetorischen Argumentationsmuster analysiert, mit der reaktionäre Kräfte gemeinhin versuchen, Fortschritt zu verhindern. Gemeinsam mit seinem 1995 erschienenen "A Propensity to Self-Subversion", das neben autobiographischen Essays auch eigene Interpretationen zu seinem Werk enthält, und dem 1998 erschienenen "Crossing Boundaries", das neben einigen neueren Essays vor allem ein 70seitiges autobiographisches Interview enthält, sowie den vielfältigen Festschriften und Laudationes bei der Verleihung von Preisen und Ehrendoktorwürden (u. a. des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaft der Freien Universität Berlin 1988), liegen damit ein umfassendes Werk und eine breite Literatur zur positiven Würdigung dieses Universalgelehrten vor - aber kaum Kritik.


III.

Es gibt jedoch durchaus Einwände gegen Hirschmans Thesen und auch gegen seine Methoden. Zunächst einmal schildert er in verschiedenen Publikationen selbst, zu welchen Missverständnissen sein Plädoyer für "ungleichgewichtiges Wachstum" geführt habe. Von Militärmachthabern sei ihm "Wachstum zuerst, dann Demokratie" entgegengeschallt, andere wiederum hätten damit zu legitimieren versucht, dass sie ihre Lieblingsprojekte mit "Vorpreschen" auch ohne bereits existierende Nachfrage realisieren wollten. Auch seine (nicht explizite, aber doch implizite) Empfehlung von Industrien mit hohen Linkage-Effekten dürfte eine Rolle bei einer Reihe von fehlgelaufenen Projekten, etwa Stahlwerken, gespielt haben.

Ein Essay über Hirschman würde aber diesem "selbst-subversiven" Geist nicht gerecht, wenn nicht auch eine kürzlich von Paul Krugman geäußerte fundamentale Kritik aus dem Blickwinkel der modernen Ökonomie an Entwicklungstheoretikern wie Hirschman aufgenommen würde. Die Kritik lautet, dass sie ihre Modelle nicht in mathematische Formen gegossen hätten und dass sie deshalb nicht in den Kanon der mainstream economics aufgenommen worden seien (Krugman 1996, S. 20, 81), so dass sie als "not even wrong" schlicht ignoriert würden. Dabei geht Hirschman in seiner "Strategy" durchaus auch formal vor, und er ist auch einer der ersten Ökonomen, die bei empirischen Untersuchungen auf die formale Spieltheorie zurückgegriffen haben, nicht nur in seinen "Journeys" von 1963, sondern vor allem in seinem berühmten Essay von 1973 "Changing Tolerance for Income Inequality" (das "Tunnel-Modell"). Der mathematische Anhang von Michael Rothschild, welcher dieses Modell formalisierte, bewog jedoch die Zunft keineswegs, Hirschmans Werke in den von Ökonomen wie Krugman wahrgenommenen Corpus von wissenschaftlicher Literatur aufzunehmen.

Nun entscheidet nach einem alten 68er Diktum über die Aufnahme in den Kanon der herrschenden Meinung in erster Linie nicht die Methodik, sondern die Meinung der Herrschenden. Bei Hirschman muss man immer sehr genau hingucken, denn die seinen Theorien zu entlehnenden Lehren sind nicht auf einfache Rezepte zu reduzieren, auch das "ungleichgewichtige Wachstum" nicht. "It ain't necessarily so" - das ist für Herrschende, und übrigens auch für Oppositionelle als Herrschende im Wartestand - eine unbequeme Botschaft, und neben der allgemein aufklärerisch-kritischen Orientierung sind es wohl vor allem diese Offenheit gegenüber der Zukunft und diese Skepsis gegenüber der Wissenschaft und selbst gegenüber den eigenen Botschaften, die die Verwandlung von Hirschmans Wissenschaft in Herrschaftswissen verhindern.


Schriften von Albert O. Hirschman:
- 1945: National Power and the Structure of Foreign Trade. Berkeley, UCP
- 1958: The Strategy of Economic Development. New Haven, YUP (dt. 1967: Die Strategie der wirtschaftlichen Entwicklung. Stuttgart, G. Fischer)
- 1967: Development Projects Observed. Washington, Brookings; reprint 1995
- 1970: Exit, Voice, and Loyalty. Responses to Decline in Firms, Organizations, and States. Cambridge MA, HUP (dt. 1974: Abwanderung und Widerspruch. Tübingen, Mohr)
- 1977: The Passions and the Interests. Political Arguments for Capitalism before its Triumph. Princeton, PUP
- 1984: Getting Ahead Collectively. Grassroots Experiences in Latin America. New, Pergamon
- 1989: Entwicklung, Markt und Moral. Abweichende Betrachtungen. München, Hanser
- 1995: A Propensity to Self-Subversion. Cambridge MA, HUP (dt. 1996: Selbstbefragung und Erkenntnis. München, Hanser)
- 1998: Crossing Boundaries. Selected Writings. New York, Zone Books

Schriften über Albert O. Hirschman:
Varian Fry (1986): Auslieferung auf Verlangen. Die Rettung deutscher Emigranten in Marseille 1940/41. München, Hanser
A. Foxley. et al. (Hg., 1986): Development, Democracy, and the Art of Trespassing: Essays in Honor of Albert O. Hirschman. Notre Dame IN, Notre Dame University
Lloyd Rodwin et al. (Hg., 1994): Rethinking the Development Experience. Essays Provoked by the Work of Albert O. Hirschman. Washington, Brookings
Paul Krugman (1996): Development, Geography, and Economic Theory (2nd. ed.). Cambridge MA, MIT Press


Manfred Nitsch ist Professor für Politische Ökonomie Lateinamerikas, Fachbereich Wirtschaftswissenschaft und Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin.
Philipp Lepenies ist Dipl.-Volkswirt und Doktorand an der FU Berlin.



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