E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 10, Oktober 2000,
S. 278 -281)

Verwaltungsentwicklung in Vietnam
Zusammenarbeit der DSE mit dem Nationalen Verwaltungsinstitut
Friedrich Bolay, Reinhard Koppe, Paul Schlüter

Die Zentralstelle für öffentliche Verwaltung der DSE arbeitet seit 1993 mit dem vietnamesischen Verwaltungsinstitut zusammen, wobei seit 1995 das Ziel verfolgt wird, ein didaktisches Zentrum aufzubauen. Dieses Vorhaben wurde 1999 evaluiert. Zu den Empfehlungen des Evaluierungsberichts gehört, dass die methodisch-didaktische Weiterbildung stärker mit der fachlich-inhaltlichen verbunden werden sollte, und dass ein engerer Zusammenhang zwischen Personeller und Technischer Zusammenarbeit hergestellt
werden muss.
Die Zentralstelle für öffentliche Verwaltung (ZÖV) der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE) hat seit 1993 mit dem Nationalen Verwaltungsinstitut (NIPA) in Vietnam zusammengearbeitet. Dies geschah zunächst in Form einzelner, untereinander nicht verbundener Kurse. Seit 1995 verfolgen beide Partner auf der Grundlage eines Gutachtens und einer note of understanding gemeinsam das Ziel, ein didaktisches Zentrum innerhalb von NIPA aufzubauen. Dafür bietet die DSE bestimmte Kursprogramme in Vietnam oder in Deutschland an, ist aber nicht durch einen Vertreter ständig in Vietnam präsent.
Für dieses Vorhaben wurde ein sogenanntes Programmpaket zusammengestellt, das eine mehrjährige Planung der Zusammenarbeit bis 2001 ermöglicht. Der Gesamtumfang der Maßnahme von etwa 1,9 Mio. DM erscheint zwar im Vergleich mit Projekten der Technischen oder Finanziellen Zusammenarbeit eher bescheiden; sie besteht jedoch aus einer Vielzahl von arbeitsintensiven Einzelmaßnahmen und ist daher für die beteiligten Institutionen und ihre Arbeit von erheblicher Bedeutung.
Dieses Programmpaket wurde Mitte 1999 durch eine Gutachtermission einer Zwischenevaluierung unterzogen, die rückblickend das planerische Konzept und seine Umsetzung zu prüfen und vorausschauend Empfehlungen für den erfolgreichen Abschluss der Zusammenarbeit zu erarbeiten hatte. Mitglieder der Gutachterkommission waren Prof. Friedrich W. Bolay (Verwaltungsfachhochschule Wiesbaden), Reinhard Koppe (Diakonisches Werk) und Dr. Rainer Hampel (Arnold-Bergstraesser-Institut). Es ist hier nicht möglich, alle Ergebnisse des Gutachtens wiederzugeben, das sich auf über 60 Seiten intensiv mit dem Verwaltungssystem und der Verwaltungsreform in Vietnam, mit der Aus- und Fortbildung für den öffentlichen Dienst und den Aufgaben von NIPA beschäftigt, Planung und Implementierung der Maßnahmen analysiert und bewertet und ein detailliertes Programm für die Weiterführung entwickelt. Im Rahmen dieses Artikels können lediglich einzelne Aspekte und erste Reaktionen der programmführenden Stellen bei DSE und NIPA dargestellt werden, die aber möglicherweise über den Einzelfall hinaus von Bedeutung sein können.

Vietnam als Transformationsland
Zum Zeitpunkt der Zwischenevaluierung hatten sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen durch die Asienkrise im Vergleich zu den ersten Jahren der Zusammenarbeit verschlechtert. So sank das jährliche Exportwachstum von + 27 % im Jahre 1997 auf + 2,1 % in 1998 mit einer negativen Tendenz in 1999. Ähnliche Befunde zeigten auch die anderen Wirtschaftsindikatoren.
Dazu kommt, dass sich Vietnam in einem schwierigen Prozess der politischen und wirtschaftlichen Reform befindet, der veränderte Anforderungen an Staat und Recht, Verwaltung und öffentlichen Dienst stellt. Die politische Führung versucht dabei nach Meinung vieler Beobachter so etwas wie die Quadratur des Kreises, das heißt, sie will Sozialismus mit Marktwirtschaft oder die Vorherrschaft der Partei mit Rechtsstaatlichkeit und Fachkompetenz in der Verwaltung in Einklang bringen. Die Widersprüche, die dabei auftreten, tragen dazu bei, dass die erforderlichen Maßnahmen oft zu spät und nur halbherzig ergriffen werden. Dadurch wächst der Reformdruck, gleichzeitig werden aber auch die Bedingungen für die Durchsetzung von Reformen schwieriger.
Die internationale Staatengemeinschaft unterstützt alle Entwicklungen in Richtung Marktwirtschaft, Privatisierung, Rechtsstaatlichkeit und Reform der Verwaltung. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit hat dabei, wie im Länderkonzept des BMZ vom Februar 1996 ausgewiesen, einen Schwerpunkt im Bereich der Rechtsentwicklung, des Haushaltswesens, der Rechnungskontrolle und der Verwaltungsorganisation.

Verwaltungsreform
Die Reform der öffentlichen Verwaltung und des öffentlichen Dienstes wird von der politischen Führung ernst genommen. Insbesondere ist erkennbar, dass das Ziel einer fachlichen Qualifikation der Verwaltungsbediensteten systematisch verfolgt wird. Allerdings lag zum Zeitpunkt der Zwischenevaluierung im Bereich Management und Personal des öffentlichen Dienstes noch kein ausgearbeitetes nationales Reformkonzept vor, es gab lediglich eine Vielzahl bilateraler und internationaler Vorhaben und Initiativen.
In der Vergangenheit haben Strukturreformen, vor allem in Form von Programmen der Dekonzentration, im Vordergrund gestanden. Dies ist im vietnamesischen Zentralstaat aus historischen Gründen und wegen der geographischen Ausdehnung des Landes und der Unterschiede zwischen Süd und Nord ein Dauerthema.
Die Reform des öffentlichen Dienstes kommt demgegenüber nur zögernd voran. Allerdings wird die Forderung, dass Staat und Verwaltung dem Volke zu dienen hätten, ernst genommen und in reformfreudigen Verwaltungen, wie etwa in Ho-Chi-Minh-Stadt, auch praktisch angepackt. Dies ermöglicht einen Erfahrungsaustausch zwischen Deutschland und Vietnam, etwa zwischen bürgernaher Verwaltung bei uns und der sogenannten ein-Tor-ein-Stempel-Verwaltung der süd-vietnamesischen Metropole.
Der öffentliche Dienst Vietnams gilt als korrupt. Dies wird öffentlich kritisiert und politisch bekämpft. Man muss allerdings berücksichtigen, dass viele Beamten und ihre Familien vom staatlichen Grundeinkommen nicht leben können. So hat sich auch im Zusammenspiel mit Gebern ein informelles und paralleles Bezahlungssystem entwickelt, an dem viele partizipieren. Davon zu unterscheiden sind Formen der großen oder Luxus-Korruption.

Personalpolitik,
Aus- und Fortbildung
Die Größe des öffentlichen Dienstes in Vietnam wird mit etwa 1,2 Mio. Beschäftigten verschiedener Berufs- und Fachrichtungen angegeben; davon sollen etwa 175 000 Verwaltungsbeamte im engeren Sinne sein. Vietnam praktiziert ein Laufbahnsystem und für Leitungsstellen ein Positionssystem. Es gibt 19 Fachlaufbahnen und eine Verwaltungslaufbahn mit drei Laufbahngruppen. Die Strukturen sind, vermutlich französischen Vorbildern folgend, dem deutschen Beamtenrecht nicht unähnlich.
Die zentrale Stellung von NIPA ergibt sich dabei aus Vorschriften, die Verbeamtung und Aufstieg von Aus- und Fortbildung und dem Bestehen von Prüfungen abhängig macht. Die Bedeutung von Bildungsmaßnahmen und Prüfungen für Staatsämter ist auch in der Tradition des konfuzianischen Kulturkreises verwurzelt.
Gleichwohl darf man sich nicht vorstellen, dass die Personalpolitik für den öffentlichen Dienst ein politisch neutrales Fachbeamtentum nach deutschem Verständnis anstrebt. Die führende Rolle der Partei ist in der Verfassung festgeschrieben und ein politischer Wechsel nicht vorgesehen. Ein verfassungstreuer Beamter muss daher den sozialistischen Charakter des Staates und die führende Rolle der Partei anerkennen. In diesem Rahmen wird aber der Rechtsstaatlichkeit und der fachlichen Qualifikation wachsende Bedeutung beigemessen, obwohl nicht ganz klar ist, was das praktisch bedeutet.
Für den Zusammenhang von Wirtschafts- und Verwaltungsreform ergibt sich daraus eine Logik, zu der es eigentlich keine Alternative gibt. Die Verwaltung muss den sich aus der Wirtschaftsreform ergebenden sozioökonomischen Wandel irgendwie bewältigen oder steuern. Dazu benötigt sie Mitarbeiter, die auch über einschlägige fachliche Qualifikationen verfügen. Diese können nur durch Aus- und Fortbildung vermittelt werden. Dazu werden funktionsfähige Bildungseinrichtungen und qualifizierte Dozenten und Trainer benötigt. Die Wirksamkeit der Bildungsprozesse hängt einerseits von den methodisch-didaktischen Fähigkeiten und andererseits von den fachlich-inhaltlichen Qualifikationen ab.
Die Unterstützungsmaßnahmen der ZÖV haben sich bisher auf den methodisch-didaktischen Bereich konzentriert, weil sowohl beim deutschen als auch beim vietnamesischen Partner Unsicherheit herrscht, wie denn die praktische Arbeit der reformierten Verwaltung in fachlich-inhaltlicher Hinsicht aussehen soll. Die Gestaltung von Curricula und Unterricht ist jedoch schwierig, wenn die Berufspraxis, auf die sie sich beziehen sollen, unklar ist. Irgendwie verwaltet wurde auch im Rahmen der herkömmlichen Kaderverwaltung. Im Hinblick auf die neue Verwaltung warten die Betroffenen, wie in der Vergangenheit, auf politische Vorgaben.

Vorschläge für die Weiterführung
des Projekts
Angesichts dieser Probleme haben die Gutachter empfohlen, der Fachdidaktik größere Priorität einzuräumen. Die Zusammenarbeit hatte einen Schwerpunkt bei allgemeinen methodisch-didaktischen Fragen. Dabei hatte sich noch eine Verschiebung zu einer Überbetonung der informationstechnischen Unterstützung von Aus- und Fortbildung entwickelt, worauf NIPA vor allem personell unzureichend vorbereitet war. Trotz der hohen Erwartungshaltung der Partnerorganisation in diesem Bereich - Vietnam startet derzeit eine große Initiative zur Internet-Entwicklung - hat die DSE inzwischen den Stellenwert der neuen Medien innerhalb des Unterrichts zurückgedrängt.
Wichtiger für eine tatsächliche Veränderung des Unterrichtsgeschehens erscheint die Entwicklung ganz konkreter fachdidaktischer Konzepte, etwa für die Ausbildung in Informationstechnik oder Wirtschaftsrecht oder für die Verhaltensschulung bei Bürgerkontakten. Dies erleben die Dozenten dann als hilfreich für ihre Arbeit und die Studenten als Verbesserung des Unterrichts.
Es wurde daher zum einen empfohlen, das Didaktische Zentrum mit einem fachdidaktischen Unterbau in den Fakultäten und Fachbereichen zu versehen, etwa durch Arbeitsgruppen und Beauftragte für Didaktik. Ein erster Schritt zur Umsetzung ist darin zu sehen, dass Mitglieder der Fakultät für Didaktik zusammen mit Professoren aus anderen Fakultäten seit April 2000 an der Entwicklung eines Praxis-Handbuches für die Unterrichtstätigkeit arbeiten.
Andererseits wurde vorgeschlagen, einige fachdidaktische Projekte modellhaft zu entwickeln. Dabei bot es sich an, eine Verbindung zu anderen Projekten herzustellen, etwa jenem, das von der deutschen Entwicklungszusammenarbeit im vietnamesischen Rechnungshof gefördert wird und das auch im eigenen Interesse Beiträge zu diesem Ausbildungsthema leisten kann. Damit sollte zugleich dem Gedanken der Vernetzung aktiv Rechnung getragen werden: Für die Verwaltungsausbildung ist klar, dass Beamte die Bedeutung und die Arbeitsweise der Rechnungskontrolle kennen müssen, da sie konkret davon betroffen sein können und mit den Organen der Rechnungskontrolle zusammenarbeiten müssen. Dies ist umgekehrt auch Voraussetzung einer wirksamen Arbeit der Rechnungsprüfung.
Es wurde daher empfohlen, zunächst die aktuelle Entwicklung der Rechnungsprüfung in Vietnam (gesetzliche Grundlagen, Arbeitsweise, Strukturen usw.) aufzuarbeiten, daraus Curricula und Unterrichtsmaterialien für verschiedene Zwecke und Zielgruppen zu entwickeln und diese dann in einem Train-the-Trainers- Programm und mit einem ausgearbeiteten didaktischen Paket auch in den Provinzschulen zu verbreiten. Solche Modellprojekte wären auch in Zusammenarbeit mit den deutschen Maßnahmen in den Bereichen Verwaltungsorganisation, Rechtsentwicklung oder Haushaltswesen vorstellbar.
Die Potenziale, die eine Vernetzung deutscher Maßnahmen enthält, werden von den Entwicklungsorganisationen immer noch zu wenig genutzt. Der direkte Zugang zu Personen, Institutionen und Materialien, die der persönliche Kontakt ermöglicht, ist für die praktische Arbeit besonders wertvoll. Außerdem sind in den angesprochenen Themenfeldern durch die Projekte tatsächliche Weiterentwicklungen der Verwaltungspraxis zu erwarten, auf die man sich beziehen kann.
Gescheitert waren zu Beginn der Zusammenarbeit Versuche, in den Kursen relativ abstrakte Themen wie etwa Marktwirtschaft, Bürgernähe oder Dezentralisierung zu behandeln, wohl auch deshalb, weil sie aus der Sicht eines einfachen Verwaltungsdozenten zu politisch waren. Themen wie etwa Rechnungsprüfung, die auf den ersten Blick eher technisch aussehen, sind daher leichter zu konkretisieren, vor allem weil die entsprechenden Entwicklungen in der Verwaltungspraxis ja schon grünes Licht haben.
Die DSE hat sich in der Zwischenzeit um eine verbesserte Vernetzung im fachlichen Bereich bemüht: Ein Deutschland-Seminar im Juni 2000 fand in enger Abstimmung - was Inhalt und Dozenten betrifft - mit einem Projekt der GTZ zum Thema Staatsrechnungshof statt. Diese Kooperation zwischen DSE und GTZ soll im November 2000 durch ein gemeinsames Seminar in Vietnam zum Thema Haushalt und Finanzen fortgesetzt werden. Auf gutem Weg ist außerdem der im Gutachten befürwortete Einsatz eines integrierten CIM-Experten für die Verwaltungsfakultät. In enger Abstimmung zwischen NIPA, CIM und DSE wurde ein Aufgaben- und Anforderungsprofil entwickelt, das dazu beitragen kann, die beobachteten Steuerungsdefizite aufgrund der mangelnden Präsenz der DSE aufzuheben. Es ist derzeit vorgesehen, dass eine deutsche Expertin mit Beginn des Jahres 2001 ihre Arbeit bei NIPA aufnehmen wird.

Missverständnisse und Probleme
Das Ziel der Zusammenarbeit, der Aufbau eines didaktischen Zentrums, war zum Zeitpunkt der Zwischenevaluierung noch nicht erreicht. Dazu hatten neben Schwierigkeiten auf der Partnerseite auch begriffliche Probleme beigetragen. Ein Zentrum ist im vietnamesischen Verständnis und Rechtssystem eine juristische Person, die nur vom Ministerpräsidenten ins Leben gerufen werden kann. Es wurde über längere Zeit nicht geklärt, welche Bedeutung diese Zielformulierung hat. Aus der Sicht der Gutachter war eine eigenständige juristische Person nicht erforderlich, so dass man sich relativ schnell auf die Formulierung Aufbau einer Fakultät für Verwaltungsdidaktik einigen konnte, ohne dass sich damit inhaltlich etwas änderte. Die Gründung einer Fakultät liegt im Bereich der Organisationsgewalt der NIPA-Leitung, die auch ihre Absicht erklärt hat, unverzüglich die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen.
Die Schaffung einer Organisationseinheit ist eine Voraussetzung für die Zuweisung von Stellen und damit für die Zuweisung von Vollzeitpersonal. Dies war aus den genannten Gründen nicht erfolgt und hatte dazu beigetragen, dass das Zentrum zwar räumlich und technisch gut ausgestattet war, aber nur dann funktionierte, wenn die ZÖV Maßnahmen vor Ort durchführte. Die personelle Erneuerung der NIPA-Spitze hat seit Abschluss des Gutachtens und auf dessen Grundlage wesentlich dazu beigetragen, die Arbeit der Fakultät zu stabilisieren. Die NIPA-Leitung unter dem neuen Präsidenten, Dr. Hien, hat für eine insgesamt zufriedenstellende personelle Ausstattung gesorgt und sich auch personellen Wünschen der deutschen Seite nicht verschlossen. So wurde z. B. eine Mitarbeiterin von NIPA in die Fakultät integriert, die zuvor an einem zweijährigen australischen Projekt zur Verwaltungsreform teilgenommen hatte.
Das Interesse an didaktischer Weiterbildung ist einerseits aus formellen Gründen vorhanden, weil das Bildungsministerium von allen Lehrern, Trainern und Dozenten entsprechende Qualifikationsnachweise verlangt. Andererseits gibt es auch viel Kritik an der pädagogischen Qualität und der Wirksamkeit der Ausbildung und Fortbildung, die vielfach noch von der Tradition der Kaderschulung geprägt ist. Früher waren Veranstaltungen vor allem auch ein Mittel der Steuerung und dienten dazu, den politischen Willen von oben nach unten weiterzugeben. Die Kader mussten eifrig mitschreiben, weil von ihnen erwartet wurde, dass sie auf lokaler Ebene oder in ihren Betrieben das Gehörte ihrerseits weitergeben. Daher ist auch das Mikrophon das wichtigste Hilfsmittel und in jedem Lehrsaal vorzufinden.
Die Forderung nach modernen Lehr- und Lernmethoden beruht auf der richtigen Erkenntnis, dass die herkömmliche Form für eine Verwaltung, die einen beschleunigten Wandel bewältigen muss, nicht mehr angemessen ist. Es ist ein Bewusstsein dafür vorhanden, dass es auch um Verhaltensänderungen und problemlösungsorientierte Handlungsformen geht. Auf der Grundlage der bereits durchgeführten Maßnahmen konnte empfohlen werden, sich in Zukunft auf das training of mastertrainers zu konzentrieren, also die Weiterqualifizierung von Dozenten, die ihrerseits andere Dozenten methodisch-didaktisch qualifizieren.
Eine positive Reaktion auf diese Empfehlung ist darin zu sehen, dass ein großer Teil der Fakultätsmitglieder an den Maßnahmen der letzten 12 Monate teilgenommen hat und damit ein fester Stamm von Personen existiert, die in Zukunft als Multiplikatoren eingesetzt werden können. Selbst am oben erwähnten Deutschland-Seminar haben fünf Fakultätsmitglieder teilnehmen können. Ein von den Fakultätsmitgliedern im April 2000 selbstständig durchgeführtes Seminar in der Provinz My Tho im Süden Vietnams machte deutlich, dass diese personelle Kontinuität inzwischen erste Wirkungen zeigt. Die bereits erwähnte Entwicklung von Praxis-Handbüchern soll die Dozentinnen und Dozenten in die Lage versetzen, differenzierte Methoden der Erwachsenenbildung in ihren Unterricht einzubeziehen. Die bislang im Entwurf vorliegenden Module (u. a. Gruppenarbeit, Fallstudie, Diskussionsformen) sollen im weiteren Verlauf der Arbeit fertiggestellt und um weitere Module ergänzt werden.

Die Einheit von
Technischer und
Personeller Zusammenarbeit
Das Instrumentarium der DSE wurde in den vergangenen Jahren erweitert und flexibilisiert. So können etwa Partner durch die kleine TZ auch mit Materiallieferungen unterstützt werden. Dadurch wurde es der DSE ermöglicht, NIPA mit Computerarbeitsplätzen auszustatten.
Die Einführung von Programmpaketen ermöglicht eine mehrjährige Planung und befreit die Zusammenarbeit vom haushaltsrechtlichen Jährlichkeitsprinzip. Damit hat die DSE die Möglichkeit gewonnen, über Seminare und einzelne Veranstaltungen hinaus substantielle Beiträge zu Vorhaben und Reformen in Partnerländern zu leisten. Im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe ist es dabei wünschenswert, dass auf der Partnerseite eigenständige Pläne und Vorhaben vorhanden sind, die durch die Zusammenarbeit unterstützt werden. Diese Voraussetzung war im Falle von NIPA gegeben, weil der Aufbau einer Fakultät für Verwaltungsdidaktik als nationales Projekt geplant war.
Bemerkenswert an diesem Vorhaben ist auch, dass es sich dabei um Institution-Building handelt, wie man es sonst eher im Bereich der Technischen Zusammenarbeit erwartet. Im Rahmen der Personellen Zusammenarbeit ist es naheliegend, dass die ZÖV vor allem Maßnahmen der Organisations- und Personalentwicklung unterstützt, die in vielen Ländern zentrale Bestandteile von Staatsmodernisierung und Verwaltungsreform sind. Eine solche übergreifende Konzeption stellt hohe Anforderungen an die Planung und das Management der Zusammenarbeit, weil der Prozesscharakter solcher Veränderungen eine permanente Anpassung der Maßnahmen an die übergeordneten Zusammenhänge erforderlich macht.
Bei Strukturreformen wird häufig der Fehler gemacht, die Bedeutung des Personalfaktors und den Zeitbedarf von Einstellungs- und Verhaltensänderungen zu unterschätzen. Andererseits berücksichtigen Maßnahmen der Personalentwicklung oft zu wenig die Bedeutung der organisatorischen Rahmenbedingungen, die maßgeblich dafür sind, ob erworbene Qualifikationen wirksam eingesetzt werden können oder nicht. Integration und Abstimmung von personellen und strukturellen Faktoren ist eine wesentliche Voraussetzung für die Wirksamkeit solcher Prozesse. Das ist bei diesem Vorhaben zu beobachten.
Dazu kommt, dass grundsätzlich Zusammenarbeit nicht nur von objektiven Faktoren wie Zuständigkeiten, Instrumenten und Ressourcen bestimmt wird, sondern sehr stark auch von menschlichen Faktoren wie Zuwendung, Verständnis und Vertrauen. Dies spielt nicht nur, aber vor allem auch in Asien eine maßgebliche Rolle und hat die Zusammenarbeit mit NIPA über schwierige Phasen hinweggerettet. Der geplante Umzug der DSE nach Bonn und die erwarteten Veränderungen spielten daher im Hintergrund der Zwischenevaluierung eine nicht unbedeutende Rolle.
Aus Sicht der programmführenden Stelle hat das Gutachten wesentliche und unverzichtbare Anregungen für die Projektfortsetzung geliefert, auch wenn nicht alle Vorschläge im vergangenen Jahr umgesetzt werden konnten: Während es auf der formal-methodischen Ebene beim Partner eine große Bereitschaft gibt, neue Trends aufzunehmen und an vietnamesische Bedingungen zu assimilieren, stoßen fachlich-inhaltliche Vorschläge trotz der Öffnungspolitik in Vietnam nicht selten auf Vorbehalte, die - wenn überhaupt - nur im Rahmen einer Politik der kleinen Schritte überwunden werden können. Nicht zu vergessen ist zudem der Zeitfaktor: Niemand wird erwarten können, dass ein bis vor wenigen Jahren der Planwirtschaft unterstelltes Verwaltungssystem im Rahmen einer fünfjährigen Projektlaufzeit von Grund auf verändert und modernisiert werden kann. In dieser Einschätzung sind sich alle beteiligten Organisationen einig - und vielleicht ist dies eine wesentliche Voraussetzung für eine kontinuierliche - wenn auch langsame - Entwicklung.
Prof. Dr. Friedrich W. Bolay lehrt an der Verwaltungsfachhochschule Wiesbaden Verwaltungsbetriebslehre und Staatsrecht. Dipl.-Verwaltungswissenschaftler Reinhard Koppe ist Mitarbeiter des Diakonischen Werks der EKD in Stuttgart. Paul Schlüter ist Mitarbeiter der DSE-Zentralstelle für öffentliche Verwaltung, Fachbereich Verwaltungszusammenarbeit, seit September 1999 zuständiger Programmreferent für das NIPA-Paket.

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