E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 10, Oktober 2000,
S. 288 - 291)


Fernando Henrique Cardoso (*1931)
Abhängigkeit und Entwicklung in Lateinamerika

Dieter Nohlen, Claudia Zilla


Fernando Henrique Cardoso vereint zwei großartige Karrieren, eine wissenschaftliche und eine politische. Von Hause aus Soziologe, hat er wissenschaftlich im Rahmen des entwicklungstheoretischen Denkens der 60er und 70er Jahre eine herausragende Rolle gespielt. Im Kontext der Kritik an den Modernisierungstheorien verkörperte er jene Schule der Dependenztheorie, deren an den Cepalismo der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika anknüpfende Positionen zum kleinsten gemeinsamen Nenner jener neuen entwicklungstheoretischen Überzeugungen wurde, die sich an Begriffen wie Abhängigkeit, strukturelle Heterogenität und abhängige Entwicklung festmachten. Auch wenn diese Theorierichtung selbst Geschichte geworden ist, viele Perspektiven Cardosos gehören zum Allgemeingut entwicklungstheoretischen Denkens.
Im Zuge der Redemokratisierung Brasiliens vollzog Cardoso den Schritt in die praktische Politik. In den 90er Jahren übernahm er die politische Führung des Landes. Damit stellte er sich der Aufgabe, im Rahmen eines von neoliberalen Überzeugungen geprägten politischen Klimas praktische Reformen in Wirtschaft und Gesellschaft herbeizuführen.



I.

Fernando Henrique Cardoso (mit der Anthropologin Ruth Corrêa Leile verheiratet, drei Kinder) wurde am 18. Juni 1931 in Rio de Janeiro geboren. Er studierte Soziologie an der Universität von São Paulo. Seit 1952 arbeitete er im Umkreis des bedeutenden brasilianischen Soziologen Florestan Fernandes. Durch seine linksgerichteten Ansichten, die sich in zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen niederschlugen, erwarb er sich bereits einen hohen Bekanntheitsgrad, ehe er 1961 an der Universität von São Paulo mit einer Studie über „Sklaverei und Kapitalismus im südlichen Brasilien“ promovierte.

Der Militärputsch von 1964 trieb Cardoso ins Exil. Er lehrte Entwicklungssoziologie in Frankreich, Argentinien und Chile. In Santiago wurde er stellvertretender Direktor des lateinamerikanischen Zentrums für Wirtschafts- und Sozialplanung (ILPES). In der Hochburg des Cepalismo reiften seine dependenztheoretischen Einsichten, die ihn international bekannt machten. 1967 kehrte er nach Brasilien zurück und lehrte Politische Wissenschaft an der Universität von São Paulo, bis ihn 1969 die Militärregierung kurzzeitig verhaftete und ihm die Lehrerlaubnis an der Universität entzog. Im selben Jahr gründete er in São Paulo das Brasilianische Planungs- und Analysezentrum (CEBRAP), das zum Forum der progressiven Intellektuellen und Akademiker Brasiliens avancierte. Es folgten ehrenvolle Einladungen zu Gastprofessuren an Universitäten in Europa und den USA. 1973 (und noch einmal 1982) trat er auch an der Freien Universität Berlin auf, die ihm 1995 den Ehrendoktor verlieh.

In den späten 1970er Jahren betrat Cardoso die politische Bühne, zunächst als Berater des Partido do Movimiento Democrático Brasileiro (PMDB, Demokratische Bewegung), dann als ihr Kandidat. Die politische Karriere war jedoch anfangs wenig erfolgreich. Bei Wahlen kam der „profesor“ nicht an. Erst als Nachrückkandidat für São Paulo konnte Cardoso 1983 in den brasilianischen Senat einziehen. 1988 gründete Cardoso zusammen mit Dissidenten des PMDB den Partido da Social Democracia Brasileiro (PSDB, Sozialdemokratische Partei Brasiliens).

Den entscheidenden Karriereschub brachte seine Aufnahme in die Regierung von Itamar Franco 1992-1994. Zunächst fungierte er als Außenminister, ab Mai 1993 als Finanzminister. In diesem Amt gelang es ihm mit dem Plano Real, innerhalb eines Jahres die monatliche Inflationsrate in Brasilien von annähend 50% auf 1,5% zu drücken. Vor allem dank dieses Erfolgs konnte Cardoso die Präsidentschaftswahlen vom Oktober 1994 gegen Luis Inacio Lula da Silva vom Partido do Trabalhadores (PT, Arbeiterpartei) bereits im ersten Wahlgang mit 54,3% der Stimmen für sich entscheiden.

Cardosos Reformprogramm umfasste die Modernisierung des Gesundheits- und Erziehungswesens, den Abbau des Beam- tenapparats zur Entlastung des Staatshaushaltes, die Privatisierung von staatlichen Betrieben, die Reform der Altersversorgung, die Verbesserung der Infrastruktur und die Schaffung von Investitionsanreizen. Da er über keine feste Mehrheit im Parlament verfügte, erließ er viele Reformen per Dekret, erlangte jedoch nachträglich zumeist die parlamentarische Zustimmung. Nur im Falle der Kostenreduzierung für die soziale Sicherheit und die staatliche Verwaltung zwecks Verringerung des Haushaltsdefizits blockierte der Kongress seine Initiativen. Insgesamt blieb ihm in Umfragen die Zustimmung der Mehrheit der Bevölkerung erhalten.

Nachdem Cardoso eine Verfassungsreform durchgesetzt hatte, welche die Wiederwahl des Präsidenten ermöglichte, siegte er im Oktober 1998 erneut gegen Lula und wieder im ersten Wahlgang mit 53,4% der Stimmen. Zu Beginn seiner zweiten Amtsperiode sah sich Cardoso jedoch gezwungen, die einheimische Währung drastisch abzuwerten. Während ihm internationale hohe Anerkennung zuteil wurde - im Juni 2000 erhielt er den Principe-de-Asturias-Preis - ließen die Probleme der wirtschaftlichen Instabilität und die Fortdauer der sozialen Misere des Landes (Armut, Ungleichheit, Kriminalität) seine Zustimmungswerte in Brasilien ebenso drastisch absinken.


II.

Der Beitrag Cardosos zur Entwicklungstheorie ist in außerordentlichem Maße durch Raum und Zeit bestimmt. Seine Untersuchungen zu Abhängigkeit und Entwicklung, dem Begriffspaar, das zugleich griffiger Titel seiner Schriften und dominierende Problemperspektive war, sind als Teil der Kontroversen zu verstehen, die hauptsächlich in den 1960er Jahren in Lateinamerika und speziell in dem sozialwissenschaftlichen Laboratorium, das Chile aufgrund der Präsenz etlicher internationaler Studienzentren seinerzeit abgab, ausgefochten wurden.

Es ist die Zeit der Infragestellung des Entwicklungsoptimismus und der lateinamerikanischen Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft (desarollismo), der Erschöpfung reformerischer Strategien, der Propagierung revolutionärer Programme und autoritärer Gegenentwürfe, wobei letztere sich wachsender Unterstützung westlicher Entwicklungsforscher und der führenden westlichen Macht erfreuen. Es ist aber auch die Zeit noch ungebrochenen Festhaltens am Staat als Entwicklungsdemiurgen, an wirtschaftlicher und sozialer Planung, an Industrialisierung im Konzept der Importsubstitution.

Hatte Cardoso sich vorher wissenschaftlich vor allem mit Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung Brasiliens beschäftigt, insbesondere mit der Rolle der brasilianischen Bourgeoisie im Industrialisierungsprozess, so regte ihn sein erzwungener Aufenthalt in Santiago de Chile zu breiteren entwicklungstheoretischen Studien an. Im damaligen sozialwissenschaftlichen Diskurs, getragen von den Ökonomen und Soziologen der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und des Tochterinstituts ILPES sowie den Soziologen und Politikwissenschaftlern der Lateinamerikanischen Fakultät für Sozialwissenschaften (FLACSO), setzten Cardoso und der chilenische Soziologe Enzo Faletto mit ihrer 1969 veröffentlichten Schrift „Abhängigkeit und Entwicklung in Lateinamerika“ neue Akzente.

Ihre Theorie der Abhängigkeit bzw. abhängiger Entwicklung schrieb einerseits die „cepalinische“ Entwicklungsoziologie von José Medina Echavarría fort, andererseits verstand sie sich als Alternative zu Andre Gunder Franks marxistischer Theorie der Abhängigkeit. Thematisch handelte es sich um eine umfassende Analyse von Entwicklung, welche die Wachstumsprozesse der verschiedenen Länder des Subkontinents mit Struktur und Verhalten der sozialen Klassen sowie mit den Machtstrukturen verband und so den politischen Charakter ökonomischer Transformationsprozesse in den Mittelpunkt stellte.


Varianten der
Dependencia-Theorie

Im institutionellen Kontext von CEPAL und ILPES wurden Ende der 60er Jahre verschiedene Theoreme erarbeitet, die auf den Säulen der strukturalistischen Theorie der peripheren Wirtschaft (Singer/Prebisch-These), den Theorien des amerikanischen Neoimperialismus und des linken Strukturalismus aufbauten und unter dem Oberbegriff der Dependencia-Theorie bekannt wurden. Gemeinsamer Kern der verschiedenen Varianten dieser Großtheorie war der Verweis auf den kausalen Zusammenhang zwischen dem Typ der ökonomischen und sozialen Entwicklung der Länder Lateinamerikas und der Art und Weise, wie diese Gesellschaften historisch in das kapitalistische Weltwirtschaftssystem eingebunden wurden und eingebunden blieben. Es handele sich um einen historischen Prozess, in dem - entsprechend dem Zentrum-Peripherie-Modell - bestimmte Länder (in der zeitlichen Abfolge Spanien, Portugal, Großbritannien, USA) als Zentren fungierten und die lateinamerikanischen Länder den entwickelteren Ökonomien in der Weise untergeordnet geblieben seien, dass sich die die Produktion und Konsumtion betreffenden einheimischen Entscheidungen an der wirtschaftlichen Dynamik der Zentren orientiert hätten. Im Begriff der strukturellen Abhängigkeit verfestigte sich die der Dependencia eigene Vorstellung von den Entwicklungsbedingungen in der Peripherie, vor allem deren exogene Bestimmung.

Cardosos Entwicklungstheorie teilt mit der Dependencia die Kritik an der Modernisierungstheorie, an der Annahme endogener Verursachung der Entwicklungsdefizite, am linearen Entwicklungsverständnis und damit an der ahistorischen Betrachtungsweise. Aber nicht weniger entschieden grenzte er sich innerhalb der Dependenztheorie ab gegenüber Ansätzen, die seinerzeit im politischen Bereich viel Widerhall fanden.

Um Cardoso im dependenztheoretischen Lager angemessen zu verorten, ist es sinnvoll, die Kaskade von Unterscheidungen zu wählen, die Andreas Boeckh (2000:172) einführte: Er unterschied zunächst zwei Ansätze: Der erste Ansatz konzentriert sich auf den ökonomischen Aspekt von Entwicklung und betont die Ausbeutung durch die Industrieländer entweder (indirekt) durch Handel (Verfall der terms of trade bzw. in der marxistischen Version ungleicher Tausch) und/ oder (direkt) durch die hohen Gewinntransfers transnationaler Konzerne: Beide Argumentationslinien führen die Wachstumsschwierigkeiten des abhängigen Kapitalismus und seine Unfähigkeit, eine an den einheimischen Bedürfnissen orientierte Entwicklung anzutreiben, auf die Ausbeutung Lateinamerikas durch die kapitalistischen Industrieländer zurück. Der zweite Ansatz rückt die politische Dimension von Entwicklung und die strukturelle Verflechtung der Ökonomien der Peripherie mit denen der Zentren in den Vordergrund. Die Einbindung der Entwicklungsländer in das sich ausbreitende Weltsystem verursache nicht nur einen permanenten Ressourcenabfluss, sondern dar- über hinaus eine strukturelle Transformation im Innern dieser Gesellschaften, die das System externer Ausbeutung und Abhängigkeit in Form struktureller Heterogenität nach innen verlagert.

Unter diesem zweiten Ansatz können nun zwei Hauptrichtungen unterschieden werden: Erstens die Richtung des Deutsch-Amerikaners Andre Gunder Frank, der die „ Entwicklung der Unterentwicklung“ (1966) in der Peripherie als gleichzeitigen, interdependenten Prozess zur Entwicklung in den Metropolen betonte. Zweitens die Richtung, für die Fernando Henrique Cardoso steht. Sie plädiert für eine genauere Analyse dieses Abhängigkeitszusammenhangs unter Berücksichtigung der jeweiligen internen historischen und soziopolitischen Faktoren, in Verbindung mit denen externe Faktoren ihre Wirkung entfalten. Cardoso und Faletto stellten nicht nur fest, dass unterschiedliche Ausprägungen der Unterentwicklung in den einzelnen lateinamerikanischen Großregionen bestehen, sondern auch, „dass in bestimmten Situationen Entwicklung und Abhängigkeit gleichzeitig vorkommen“ (Cardoso 1979: 219).


Abhängigkeit und Entwicklung

In der auch in Deutsch erschienen Hauptschrift „Abhängigkeit und Entwicklung“ haben wir es mit einem sehr differenzierten Ansatz zu tun, der sich nicht damit zufrieden gibt, eine spiegelbildliche Umkehrung der alten Modernisierungstheorie zu sein. Vielmehr ist er charakterisiert durch eine ausgewogene analytische Berücksichtigung von endogenen und exogenen, ökonomischen und politischen, prozeduralen und strukturellen Variablen, die auch in ihren Wechselwirkungen untersucht werden. Es ist gerade diese dynamische Multidimensionalität und die Differenziertheit seiner analytischen Kategorien, die Cardosos Ansatz von den häufig statisch-monokausalen entwicklungstheoretischen Beiträgen sowohl aus dem Dependencia-Lager als auch dem modernisierungstheoretischen Lager unterscheidet. Zudem entfaltet sich dieser Ansatz in seinen einzelnen Elementen in lebhafter Kritik an seinerzeit gängigen entwicklungstheoretischen Annahmen, weshalb eine geschlossene Theorie außerhalb der Reichweite Cardosos lag. Vielmehr läßt sich seine Entwicklungstheorie als eine auf Kontext, Dynamik und Prozess abhebende Methodologie der Analyse von Unterentwicklung und Entwicklung begreifen.


Nähe und Distanz
zur Marx'schen Theorie

Infolge dieses Grundcharakters der Entwicklungstheorie Cardosos empfiehlt es sich, die kritische Beziehung zu verschiedenen Theoriegebäuden zu untersuchen. In Anlehnung an die Marx'sche Theorie geht der Cardoso/Faletto-Ansatz aus von der Zentralität der Probleme der gesellschaftlichen Kontrolle von Produktion und Konsumtion und der historischen Rekonstruktion ihrer Entwicklung. Die Organisationsform der Gesellschaft beruhe weder auf egalitären Verhältnissen noch auf kooperativen Mustern, sondern auf ausbeuterischen sozialen Asymmetrien (Cardoso/Faletto 1979: 211). Die Autoren distanzieren sich jedoch zugleich vom ökonomischen Determinismus; sie weisen es weit von sich, politische Konsequenzen aus einer strukturellen ökonomischen Analyse herzuleiten.

Eine weitere Differenzierung des dependenztheoretischen Ansatzes von Cardoso liegt in seiner Definition des Begriffs „historisch-strukturell“. Der Ansatz „zielt nicht nur auf die Strukturbedingtheit des gesellschaftlichen Lebens, sondern auch auf den historischen Wandel der Gesellschaftsstrukturen durch Konflikte, soziale Bewegungen und Klassenkämpfe“ (ebd.: 210). Hierin besteht einerseits eine gewisse Gemeinsamkeit mit der Marx'schen Theorie, nämlich in Form des dialektischen Konzepts zur Untersuchung von Gesellschaft, ihren Strukturen und Wandlungsprozessen.

Andererseits ist hervorzuheben, dass Cardoso/Faletto kein geschlossenes teleologisches Konzept von Geschichte vertreten. Im Gegensatz zum Marx'schen historischen Determinismus betonen sie die Offenheit von Entwicklungsprozessen. Sie distanzieren sich auch von dem für andere Varianten der Dependenztheorie typischen starren Strukturalismus. Sie verweisen hingegen auf die Möglichkeit der Veränderung gesellschaftlicher Strukturen durch soziale Bewegungen.

So wenden sich Cardoso/Faletto nicht nur kritisch gegen Franks These von der „Entwicklung der Unterentwicklung“, sondern auch gegen die These der „strukturellen Aufrechterhaltung der Unterentwicklung“ von Raúl Prebisch. Vielmehr müssen - neben „den perpetuierenden strukturellen Mechanismen“ - „die widersprüchlichen Ergebnisse des Entwicklungsprozesses selbst und die Möglichkeiten der Negation der bestehenden Ordnung“ berücksichtigt werden (ebd.).


Kritik an den
Modernisierungstheorien

In Auseinandersetzung mit der Modernisierungstheorie wird deren evolutionärer, linearer Entwicklungsbegriff abgelehnt. Die Vorstellung des Entwicklungsprozesses als eines Übergangs von traditionellem Strukturtyp hin zu strukturellem Dualismus und dann zu einem modernen Strukturtyp („typische Stadien“) sei weder logisch noch empirisch notwendig. Methodologisch gebe es keinen Grund anzunehmen, dass die Entwicklungsländer dabei seien, die Geschichte der entwickelten Länder zu wiederholen. In Lateinamerika handle es sich nicht um eine Abweichung vom europäischen und nordamerikanischen Muster, die es zu korrigieren gelte, sondern um einen anderen Kontext, eine andere historische Phase.

Grundsätzlicher gerät die Kritik an den zentralen Begrifflichkeiten: Die Kategorien „Entwicklung“ bzw. „Moderne“ und „Unterentwicklung“ bzw. „Traditionalismus“ seien allzu allgemein; notwendig sei, zwischen unterschiedlichen ökonomischen Ausprägungen der Entwicklungsstrategie (z. B. exportorientierte Entwicklung, importsubstituierende Industrialisierung) zu differenzieren. Zudem sei Entwicklung kein ausschließlich ökonomi- sches Phänomen, sondern ein umfassender gesellschaftlicher Prozess. Daher sei unabdingbar notwendig, die sozialen Kräfte in die Analyse der Entwicklungsproblematik einzubeziehen.

Zur näheren Erläuterung präzisieren Cardoso/Faletto die Bedeutung von Nicht-entwicklung, Unterentwicklung und Entwicklung. Hinsichtlich des letzteren Begriffspaars liegen die Unterschiede zwischen den entwickelten und unterentwickelten Ökonomien nicht nur in dem Stadium oder dem Stand des Produktionssystems, sondern auch in ihrer Funktion oder Position innerhalb der internationalen ökonomischen Struktur von Produktion und Distribution. „Dies wiederum [lasse] auf eine eindeutige Struktur von Herrschaftsverhältnissen schließen.“ (ebd.: 25). Daher gelte es, stets die „Zusammenhänge zwischen dem Wirtschaftssystem und der gesellschaftlichen und politischen Organisation der unterentwickelten Länder“ zu untersuchen (ebd.: 24). Denn Unterentwicklung sei ein komplexes Phänomen, an dem sowohl externe (Form der Bindung an den Weltmarkt) als auch interne Faktoren (Interessenbündnisse der einheimischen Klassen innerhalb und außerhalb des Landes) beteiligt seien. Mit dieser Interdependenzvorstellung verlassen Cardoso/Faletto die geläufige monokausale Argumentation von modernisierungs- und dependenztheoretischen Beiträgen, welche die Ursache der Unterentwicklung unilateral entweder in endogenen Hemmfaktoren oder in der Ausbeutung durch die Industrieländer sehen.


Abhängige Entwicklung als
Entwicklungsperspektive

Der Terminus „Abhängigkeit“ drückt nach Cardoso/Faletto „keine metaphysische Abhängigkeitsbeziehung zwischen einer Nation und einer anderen“ aus (ebd.: 204). Vielmehr seien die Abhängigkeitsbeziehungen die Folge eines Geflechts von Interessen und Zwängen, die bestimmte Gesellschaftsgruppen an andere, bestimmte soziale Klassen binden. Diese Interdependenzen blieben unberücksichtigt durch Gleichsetzung sowohl von „wirtschaftlichem Wachstum“ mit „Entwicklung“ (Modernisierungstheorie) als auch von „Abhängigkeit“ mit „Unterentwicklung“ (Dependenztheorie). Es bestehe eigentlich kein Widerspruch zwischen den Begriffen „Entwicklung“ und „Abhängigkeit“, denn es gebe „so etwas wie eine abhängige kapitalistische Entwicklung (Cardoso 1979: 211).“ So sei in bestimmten Ländern der Dritten Welt eine interne strukturelle Spaltung eingetreten, und zwar derart, dass die „fortgeschrittensten“ Teile ihrer Volkswirtschaften mit dem internationalen System verflochten sind. Getrennt von diesen fortgeschrittenen Sektoren - aber ihnen untergeordnet - spielen die rückständigen Wirtschafts- und Sozialsektoren der abhängigen Länder dann die Rolle „interner Kolonien“ (ebd.).In diesem Zusammenhang wird der methodologische Kern der Cardoso’schen Entwicklungstheorie greifbar. Die Beschaffenheit des zu untersuchenden Phänomens erzwinge einen starken Kontextbezug. Es gelte, in jeder einzelnen Grundsituation der Abhängigkeit zu untersuchen, auf welche Weise Staat, Klasse und Produktion zusammenhängen.


III.

Cardosos Entwicklungstheorie wird üblicherweise der Dependencia zugeordnet, also einem der beiden Großparadigmen, die bis in die 80er Jahre das entwicklungstheoretische Spektrum ausfüllten. Doch weist Cardoso mit seinem multidimensionalen, kontextsensiblen und historisch differenzierten Ansatz über die Dependencia und die dem Gegensatz der Entwicklungsparadigmen zugrundeliegenden Annahmen weit hinaus. Besonders augenfällig wird dies im Schlusskapitel von „Abhängigkeit und Entwicklung in Lateinamerika“, worin Cardoso und Faletto keine allgemeinen Schlussfolgerungen ziehen, sondern Anmerkungen und Überlegungen methodologischer und konzeptioneller Natur bieten. Sie verweigern sich folglich theoretischen Ergüssen in der Form jener Erklärungen und Empfehlungen universalistischen Anspruchs, wie sie für die zwei Großtheorien seinerzeit üblich waren.

In Abgrenzung speziell zu herkömmlichen dependenztheoretischen Vorstellungen formulieren Cardoso und Faletto ein Programm der Analyse interdependenter Beziehungen zwischen externen und internen Variablen des Entwicklungsprozesses. Und entgegen den im Dependenzlager vorherrschenden Vorstellungen von der Notwendigkeit revolutionärer Umgestaltung (und sei es auch nur des reformistisch erscheinenden Imperativs der Dissoziation, der jedoch ebenfalls revolutionäre Veränderungen im Innern voraussetzt) mündet das komplexe Verständnis von Struktur (spezifische historische Bedingungen), Prozess (Ziele und Interessen in den Auseinandersetzungen gesellschaftlicher Gruppen) und deren gegenseitiger Bedingtheit in einen gemäßigten Reformismus, der zumindest den Stil, wenn auch noch nicht den Inhalt späterer Reformpolitik in Lateinamerika vorausahnen lässt.


IV.

Nachhaltige politische Bedeutung gewann weniger der Entwicklungstheoretiker als vielmehr der Politiker Cardoso, freilich in einem gänzlich veränderten wirtschafts- und entwicklungspolitischen Kontext. Im Schuldenjahrzehnt der 80er Jahre gingen die bisherigen entwicklungsstrategischen Glaubenssätze - staatszentrierte Entwicklung durch nachholende Industrialisierung - unter. Es obsiegten neoliberale Überzeugungen, zunächst gegossen in Strukturanpassungsprogramme. Der Linksintellektuelle und Dependenztheoretiker Cardoso verfocht als Politiker diese orthodox an den Konzepten des IWF ausgerichteten Programme. Ihm gelang als Finanzminister, was zwei vorangegangene Regierungen vergeblich versucht hatten, nämlich erfolgreich ein nachhaltig wirksames wirtschaftliches Stabilisierungs- und Sanierungsprogramm zu implementieren, d. h. nach einem Jahrzehnt geringer Expansion und jährlicher Preissteigerungen von über 1000% die Inflation entscheidend zu senken und für wirtschaftliches Wachstum zu sorgen. Die wichtigsten Bestandteile seines Programms waren die Einführung einer neuen, flexibel mit dem US-Dollar verbundenen Währung (Real), drastische Einsparungen im öffentlichen Haushalt, die Privatisierung von Staatsbetrieben, die Öffnung des Marktes für ausländische Anbieter (mit dem Ziel, Inlandspreise zu senken und den Wettbewerb zu fördern) und eine allgemeine wirtschaftliche Deregulierung. Bei den Wahlen von 1994 erhielt Cardoso für diese Politik die breite Unterstützung besonders der unteren Teile der Einkommenspyramide, die am stärksten die sozialen Kosten der Inflation zu tragen gehabt hatten und die nun wieder eine gewisse Kaufkraft entwickelten. Nach der Regierungsübernahme 1994 setzte Cardoso seine Reformpolitik fort, die neben weitreichender Liberalisierung und Deregulierung auch eine soziale Komponente umfasste.

Der historische, kontextsensible Zugriff auf Entwicklungsfragen hat es Cardoso erleichtert, diese Wende vom staatszentrierten Entwicklungsmodell zum Neoliberalismus zu vollziehen. Es blieb nicht aus, dass ihm das kritisch vorgehalten wurde. Er hat sich verschiedentlich zu rechtfertigen versucht, sich als Sozialdemokraten definiert, der dem linken Lager angehöre, was insbesondere seine Auffassungen von der Rolle des Staates und von einer radikalen Demokratie belegten. Der Staat spiele in der Wirtschaft nach wie vor eine entscheidende Rolle, zwar nicht mehr als Produzent, wohl aber als regulierende Agentur, die u. a. bestimmte Dienstleistungen zu gewährleisten habe. Der Staat sei zudem ein Schlüsselfaktor bei der Lösung von Problemen sozialer Ungleichheit. Für seine Politik sei die Bezeichnung „liberal“ nicht angemessen - und noch weniger das Etikett neoliberal. Er sei eben nicht für einen „reinen freien Markt“, der gewiss Wachstum, jedoch „Wachstum mit Exklusion“ bewirke. Zur Vermeidung dieses Wachstumsmusters sei der Staat verpflichtet. Er müsse allerdings reformiert werden. Das brasilianische „patrimonialistische System mit einem privatisierten Staat“ müsse umgestaltet werden. Der Staat müsse sich auf seine Aufsichts- bzw. Kontrollfunktion konzentrieren. Diese Staatskonzeption Cardosos steht im Einklang mit der Neuorientierung der Sozialdemokratie in vielen Ländern, der er in Brasilien freilich in Auseinandersetzung mit der authentischen Linken zum Wahlsieg verhalf.

Im Zusammenhang mit der Globalisierungsdebatte konnte Cardoso allerdings an den alten dependenztheoretischen Diskurs wieder anknüpfen, indem er zunächst die Globalisierung als neue Form von Dominanz und Abhängigkeit bezeichnete, die wie ehedem nicht Entwicklung per se ausschließe, sondern vielmehr kritisch auf ihre entwicklungsfördernden und -hemmenden Seiten untersucht werden müsse. Verwies er einst auf die Spielräume innerhalb gegebener Strukturen, so nun auf die Möglichkeiten der Anpassung und Veränderung „This is what I used to advocate with dependency theory: Universal factors do exist, but take care, because the effects of such factors on different societies depend on the way in which we organize our domestic reaction to the factors. Now it’s the same thing. You have universal factors, in other words globalization, lack of control over capital, the resultant anguish - both in Brazil and out there - and social security problems; but each country can organize its reaction differently“ (Cardoso 1997: 3).


Schriften von Fernando Cardoso
- (mit Enzo Faletto, 1969): Dependencia y desarollo en América Latina. Mexico/Buenos Aires (deutsch 1976: Abhängigkeit und Entwicklung in Lateinamerika. Frankfurt/M.
- 1972: Estado y sociedad en América Latina. Buenos Aires
- 1973: Associated-Dependent Development, in: Alfred Stepan (Hg.): Authoritarian Brazil. New Haven, S. 142 - 176
- 1977: The Consumption of Dependency Theory in the United States, in: Latin American Research Review (12)3, S. 7 - 24
- 1979: Abhängigkeit und Entwicklung in Lateinamerika, in: Dieter Senghaas (Hg.): Peripherer Kapitalismus. Frankfurt/M., S. 200 - 220
- 1979: On the Characterization of Authoritarian Regimes in Latin America, in: David Collier (Hg.): The New Authoritarianism in Latin America. Princeton University Press, S. 33 - 57
- 1981: Die Entwicklung auf der Anklagebank, in: Peripherie, 5/6, S. 6 - 31
- 1996: La demanda de equidad, in: Foro Internacional, Vol.XXXVI, Nr. 4, Mexiko, S. 778 - 7791
- 1997: Interviews with the President (II), in: Veja, September 10
- 1998: Die sozialen Folgen der Globalisierung - Marginalisierung oder Besserstellung?, in: KAS- Auslandsinformationen 01, S. 4 - 16

Weiterführende Schriften
Ricardo Bielchovsky (1999): Evolución de las ideas de la CEPAL, in: Revista de la CEPAL, Número extraordinario
Andreas Boeckh (2000): Dependencia-Theorien, in: Dieter Nohlen (Hg): Lexikon Dritte Welt. Reinbek, S. 171 - 175
Amaury de Souza (1999): Cardoso and the Struggle for Reform in Brazil, in: Journal of Democracy 10(3), 49 - 63.
Andre G. Frank (1969): Die Entwicklung der Unterentwicklung, in: B. Echeverria, H. Kurnitzky (Hg.): Kritik des bürgerlichen Anti-Imperialismus. Berlin
IRELA (1995): Brazil under Cardoso: Returning to the World Stage? Dossier N° 52, Madrid
Dieter Nohlen, Roland Sturm (1982): Über das Konzept der strukturellen Heterogenität, in: Dieter Nohlen, Franz Nuscheler (Hg.): Handbuch der Dritten Welt, 2. Aufl., Bd. 1, S. 92 - 116
Dieter Senghaas (Hg., 1974): Peripherer Kapitalismus. Analysen über Abhängigkeit und Entwicklung, Frankfurt/M.


Prof. Dr. Dieter Nohlen lehrt Politische Wissenschaft an der Universität Heidelberg. Er ist Herausgeber des siebenbändigen Lexikons der Politik (1993 - 98), des Lexikons Dritte Welt (11. Aufl., 2000) und zusammen mit Franz Nuscheler des Handbuchs der Dritten Welt (8 Bde., 3. Aufl., 1992 - 95). Nohlen erhielt 1991 den Max-Planck-Forschungspreis und 2000 den Universitätspreis der Universität Augsburg für Spanien- und Lateinamerikaforschung.
Claudia Zilla M.A. ist Stipendiatin der KAS und Doktorandin am Institut für Politische Wissenschaft der Universität Heidelberg.



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