E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 10, Oktober 2001, S. 289)
Die sozialen Wurzeln des Terrors erkennen
Peter Lock
Die Terroranschläge gegen die Vereinigten Staaten vom 11. September sind schwerste Verbrechen und müssen mit aller Härte strafrechtlich geahndet werden. Zu dem Zeitpunkt, da dieser Kommentar geschrieben wird, ruft die amerikanische Regierung nach Vergeltung, ohne dass schon klar wäre, in welcher Form und gegen wen sie militärisch zuschlagen will. Der Ruf nach Vergeltung allerdings ist gefährlich, denn Vergeltungsschläge sind unvermeidbar mit inakzeptabel hohen Opfern verbunden. Unschuldige Menschen werden dabei getötet, ihre Ressourcen zum Überleben zerstört. Zudem wird durch staatliche, militärische Vergeltungsschläge jene terroristische Zelle, die für die Anschläge in New York und Washington verantwortlich ist, gewissermaßen in den Rang eines gegnerischen Staates erhoben: fast eine diplomatische Anerkennung.
Der 11. September war das Werk einer leistungsfähigen, transnational operierenden Organisation. Der ideologische Zusammenhalt dieser
Organisation muss sehr groß sein, da sie offensichtlich nicht unterwandert werden konnte. Die politischen Ziele müssen in quasi-religiöse Heilsvorstellungen eingewebt sein. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass gezielt ausgebildetes Personal für Selbstmordoperationen abgerufen werden kann. Bei diesem Terrorakt wurde die post-moderne Zivilisation mit ihren eigenen Mitteln angegriffen. Insofern kann nur ein loser Zusammenhang bestehen zu den von den Medien zelebrierten Ausbildungslagern in Afghanistan, in denen sich vormoderne Krieger untauglichen militärischen Exerzitien unterziehen.
Wichtiger für das Verständnis der Ereignisse ist, dass der neoliberale Globalisierungsprozess von der Bildung sehr unterschiedlicher transnationaler Netzwerke mit politischen, religiösen, wirtschaftlichen und (wirtschafts-)kriminellen Zielsetzungen begleitet ist. Terrorismus ist der Einsatz unberechenbarer, entgrenzter Gewalt aus politischen Motiven, seien sie auch noch so verwirrt und verzerrt. Er ist die fatale Fortsetzung eines gescheiterten oder unmöglichen politischen Dialogs über angestrebte gesellschaftliche Veränderungen. Terrorismus hat immer eine gesellschaftliche Basis. Daher muss, wer Terrorismus bekämpfen will, seine gesellschaftlichen Wurzeln ergründen.
Wir müssen uns eingestehen, dass die gegenwärtige Form wirtschaftlicher Globalisierung an den Interessen einer Mehrheit der Weltbevölkerung vorbeigeht. Die unerbittliche Polarisierung zwischen Arm und Reich, die strukturelle Unfähigkeit, Hunger auf der Welt zu überwinden, die Erosion von Staatlichkeit und die zunehmende Bedeutung von Gewalt als Regulativ wirtschaftlicher Aktivitäten, die häufig zu kriegerischen Aktivitäten eskaliert, sind untrügliche Indikatoren dafür. Eine dramatische Zuspitzung erfahren diese Entwicklungen in der weltweiten Jugendarbeitslosigkeit, die in vielen Ländern weit mehr als die Hälfte der nachwachsenden Generation betrifft, die zu Leben im informellen Sektor führt und in Jungendkriminalität mündet. Ein realistisches politisches Projekt, das Perspektiven bietet, diese katastrophale intergenerationelle Apartheid zu überwinden, ist nicht in Sicht.
Die ausgeschlossene Mehrheit der Weltgesellschaft ist gleichzeitig durch die Medien mit der Welt des Massenkonsums der Wohlstandsgesellschaften konfrontiert, zu der ihr nur durch kriminelle Tätigkeiten der Zugang möglich ist. Die Alternative ist, diese Welt der Moderne zu verteufeln und ihre Abschaffung zum politisch-fundamentalistischen Programm zu erheben. Gewalt und Zerstörung erscheinen dabei als probates Mittel.
Ein Diskurs zur Überwindung dieses Zustandes scheint aus dieser Perspektive nicht mehr möglich. Die These vom "Ende der Geschichte" bedeutet auch, dass der gegenwärtige, für eine Mehrheit in der Weltgesellschaft unerträgliche Zustand festgeschrieben ist. Gleichzeitig führt der reiche Teil der Menschheit einen Diskurs über die angeblich unausweichliche kriegerische Konfrontation mit jenen Teilen der Welt, in denen die große Mehrheit der Ausgeschlossenen lebt.
Die Macht-Asymmetrie in der Weltgesellschaft und das Fehlen eines politischen Dialogs - das sind die Bedingungen, die den Terrorismus vom 11. September hervorgebracht haben. In dieser Situation muss sich die Politik darauf konzentrieren, fähig zum Dialog mit jenen Menschen zu werden, die nur die Schattenseite des Globalisierungsprozesses kennen. Dies setzt aber voraus, dass nicht mehr Wirtschaftsordnungen, sondern die Lebens-, häufig die Überlebensperspektiven der Menschen Priorität haben.
Dr. Peter Lock ist Friedens- und Konfliktforscher und lebt in Hamburg.
E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE) Redaktionsanschrift: E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach, D-60268 Frankfurt
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