E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 10, Oktober 2001, S. 290-293)


Pfründenkapitalismus und Reichtumstransfer
Zu den Ursachen von Entwicklung und Unterentwicklung in Afrika

Gerhard Hauck


Für das Ausbleiben der Entwicklung in Sub-Sahara-Afrika macht Gerhard Hauck interne wie externe Faktoren verantwortlich: intern ein Gesellschaftsmodell, in dem wirtschaftliche Aktivitäten überall von staatlichen Privilegien abhängig sind (Pfründenkapitalismus), extern ein Weltwirtschaftssystem, das bis heute zum Abfluss statt zum Zufluss von Kapital führt.
Eine Lösung sieht Hauck intern in der Durchsetzung der Trennung von Staat und Wirtschaft, extern in einer Erhöhung des Kapitalzuflusses von außen, die aber, um zugleich die Armut zu mindern, zu einer Stärkung der Massennachfrage führen muss und deshalb nur durch eine Erhöhung der Entwicklungshilfe bewirkt werden kann.


In das Zeitalter der Unabhängigkeit waren die meisten afrikanischen Staaten in den 1960er Jahren mit großem Optimismus gestartet. Die Zeichen der Auguren standen für ganz Afrika auf Demokratie und wirtschaftlicher Entwicklung. Mit beidem aber tat man sich schon bald sehr schwer. Militärputsche und Umwandlung von parlamentarischen Systemen in Einparteiregime waren binnen kurzem ebenso an der Tagesordnung wie ökonomische Stagnation. Die 80er Jahre wurden schließlich pauschal zum "verlorenen Jahrzehnt für Afrika" erklärt. Und obwohl in den 90er Jahren in einer Reihe von Staaten der Übergang zu Parlamentarismus und Mehrparteiensystem erzwungen und der wirtschaftliche Niedergang gebremst werden konnte, blieben die Ergebnisse alles in allem weit hinter den Erwartungen zurück.

Die Frage nach den Ursachen ist natürlich komplex. Dennoch muss sie gestellt werden, will die sozialwissenschaftliche Afrikaforschung sich nicht selbst für bankrott erklären. Meine Antwort lautet vorweggenommen: Zwei Ursachen sind zentral: eine interne in Gestalt der mangelhaften Trennung der Sphären von Politik und Ökonomie in den meisten afrikanischen Staaten, und eine externe in Gestalt eines Wertabflusses, zumindest aber des Fehlens eines Nettowertzuflusses von außerhalb, auf den in allen erfolgreichen Fällen von kapitalistischer Entwicklung zurückgegriffen werden konnte.


Interne Ursachen:
Der Pfründenkapitalismus

Beginnen wir mit Ersterem. Die Errichtung einer aus den ökonomischen Tageskämpfen herausgehaltenen Regulierungsinstanz in Gestalt des bürgerlichen Staates mit seiner spezifischen Form der Trennung von Politik und Ökonomie ist ein Funktionserfordernis der kapitalistischen Wirtschaft. Deren spezifische Überlegenheit bei der Effektivierung der Produktion liegt wesentlich in der Verallgemeinerung der Warenproduktion begründet, welche bedeutet, dass Gewinne zu erzielen in legitimer Weise einzig durch den Kauf und Verkauf von Waren einschließlich der Ware Arbeitskraft möglich ist. Der Kapitalist ist einer, der dadurch Profit macht, dass er Waren kauft oder verkauft, und nicht dadurch, dass er anderen gewaltsam etwas wegnimmt - sei es auf legale (Abgaben), sei es auf illegale Weise (Raub).

Das paradigmatische Gegenbild liefert die europäische Feudalgesellschaft des Mittelalters mit Leibeigenschaft, Fronarbeit und Schollenpflichtigkeit. Der Feudalherr war politischer Herrscher und ökonomischer Herr in einem; politischer, juristischer, militärischer Zwang waren selbstverständliche Instrumente der Aneignung des von den Leibeigenen produzierten Mehrprodukts, konstitutive Elemente des alltäglichen Produktionsprozesses. Es war dieses Arrangement, das der Effektivierung der Produktion mittels Optimierung der Ressourcenallokation am meisten im Wege stand. Leibeigenschaft und Schollenpflichtigkeit verhinderten, dass die Arbeitskraft jederzeit an dem Ort und in dem Gewerbe eingesetzt werden konnte, wo ihr Einsatz den höchsten Profit versprach. Ähnliches gilt für die anderen Produktionsfaktoren: Ein großer Teil des Bodens musste für die Subsistenzproduktion der Leibeigenen auf deren Eigenparzellen reserviert bleiben; und eben weil diese dort den größten Teil ihrer Subsistenzmittel selbst produzierten, fielen sie als Nachfrager für kapitalistisch produzierte Waren weitgehend aus.

Erst die allgemeine Kontraktfreiheit, die Freiheit jeder Person, mit jeder beliebigen anderen in Warentauschverhältnisse einzutreten oder auch nicht einzutreten, ohne durch die politischen Gewalten daran gehindert zu werden, brachte die kapitalismusspezifische Flexibilität der Ressourcenallokation.

Die Aufgabe der politischen Gewalt im Kapitalismus ist daher notwendig eine andere: nicht tagtägliches Eingreifen in den Produktionsprozess, sondern Sicherung der Rahmenbedingungen für die Profiterzielung mittels Kauf und Verkauf von Waren. Der Vertrag genügt sich nicht selbst, die Einhaltung der Verträge in einer auf Kontraktfreiheit beruhenden Marktgesellschaft kann nicht ihrerseits ins Belieben der Kontraktparteien gestellt werden (vgl. Durkheim 1893; Marx 1867). Um sie zu garantieren, braucht die bürgerliche Gesellschaft einen ihr gegenüber relativ autonomen und zudem berechenbaren Staatsapparat. Recht darf ebenso wenig zur käuflichen Ware werden wie Gewalt zum Mittel der Gewinnakkumulation.

Genau mit dieser Trennung aber, mit diesen Grenzen des Marktes tun sich die meisten afrikanischen Gesellschaften schwer. Nahezu alles wird käuflich, auch das Recht, auch die Liebe, auch die ewige Seligkeit (vgl. Elwert 1987). Und durch ein staatliches Gewaltmonopol garantierte gewaltfreie Räume - ein gewaltfreier Markt vor allem - sind kaum noch auszumachen. Die Dienstpistole wird, überspitzt gesagt, ebenso ein Mittel des Gütererwerbs wie das Geld Mittel des Erwerbs von Rechten. Der entscheidende Punkt dabei ist, dass die Grenzüberschreitungen (anders als im Modell des Patrimonialstaats) von beiden Seiten ausgehen: Nicht nur die Inhaber von staatlicher Gewalt nützen diese zur privaten Akkumulation, auch die Eigentümer von privatem Kapital nützen dieses, um sich vom Staat Rechte, Privilegien und Vergünstigungen zu kaufen.

Die Ursachen für diese Schieflage habe ich 1984 am Beispiel Nigerias mit dem Begriff des "Pfründenkapitalismus" zu analysieren versucht. Zentral hierfür ist zunächst, dass der Staat überall zur primären, alle anderen an Bedeutung weit überragenden Akkumulationsquelle geworden ist. In Nigeria liegt dies in erster Linie an den staatlichen Öleinnahmen, anderswo liegt es an Bergwerksrenten anderer Art (z. B. sambisches Kupfer), wieder anderswo an staatlichen Marketing Boards, über die sämtliche agrarischen Exporte abgewickelt werden müssen, allüberall daran, dass der Staat die privilegierte Empfangs- und Verteilungsinstanz von Entwicklungshilfegeldern ist.

Entscheidend ist jedoch weiter, dass der staatliche Geldreichtum nirgendwo zur Gänze und kaum irgendwo zum größten Teil in staatliche Produktionsanlagen gesteckt wurde (die, wenn es sie denn gab, meist mehr oder weniger kümmerlich dahinvegetierten). Ein großer - und in den einstigen kapitalistischen Musterländern Nigeria, Kenia, Kamerun, Elfenbeinküste überragender - Anteil wurde und wird vielmehr in ungezählten "Contracts" für kaum koordinierte Projekte an private Unternehmer vergeben - Staatspfründen für Privatkapitalisten. Staatliche Vergabeentscheidungen bestimmen über die Erwerbschancen der Einzelkapitalisten wie der Bourgeoisie insgesamt. Kapitalistische Akkumulation kann so durchaus stattfinden, fand und findet statt. Aber sie "vollzieht sich nicht auf konkurrenzverfassten Märkten, erfolgt nicht über den freien Warenverkehr" (Traub 1986, 382), sondern über den Staat. Die unausweichliche Konsequenz ist, dass der interne ökonomische Konkurrenzkampf der Bourgeoisie in erster Linie als Kampf um den Zugang zu politischer Entscheidungsmacht geführt wird.

Dies ist allerdings erst die Hälfte der Wahrheit. Der Staat ist in Afrika zwar überall der alles überragende, aber nirgendwo der einzige Nachfrager nach industriell-kapitalistisch hergestellten Gütern. Es gibt auch einen privaten Markt. Dieser jedoch ist generell durch eine extrem hohe Einkommensungleichheit geprägt - führend sind hier Nigeria, Namibia und Südafrika mit Gini-Index-Werten zwischen 0,7 und 0,8; aber Kenia, Elfenbeinküste und die anderen einstigen Musterländer stehen ihnen nur wenig nach (vgl. Hauck 1996; Melber 2000; Menzel 1992).

Extreme Armut steht also extremem Reichtum gegenüber. Dies führt nahezu zwangsläufig zu einer Konzentration der kaufkräftigen Nachfrage auf Luxuskonsumgüter, insbesondere auf hochwertige, kapitalintensiv hergestellte Dauergüter vom Kühlschrank übers Auto und den Hifi-Turm bis zum Computer. Dieser Markt - und sogar der für einige kurzlebige Luxuskonsumgüter - ist jedoch fest in der Hand ausländischer Konzerne, von Mercedes und Nissan über IBM und Sony bis zu Nestlé und Unilever. Mit ihnen in Konkurrenz einzutreten wäre für jeden einheimischen Unternehmer selbstmörderisch. Deshalb bleibt für das einheimische Kapital kaum mehr als der Handel, die Verteilung der importierten oder im Lande produzierten ausländischen Waren, der Immobilienmarkt und die (hin und wieder durch Indigenisierungsdekrete geförderte) nominelle Beteiligung am Aktienkapital der im Lande tätigen multinationalen Konzerne. Von Kontroll- und Leitungsfunktionen im Bereich der Produktion bleibt die afrikanische Bourgeoisie praktisch ausgeschlossen. Eigene Akkumulationsfelder, nennenswerte Märkte, auf denen sie mit ihren eigenen Produkten in ökonomischen Wettstreit mit ihresgleichen hätte treten können, konnten sie kaum irgendwo entwickeln - nicht nur wegen der Dominanz des Staates, sondern auch wegen der der transnationalen Konzerne. Was Wunder, dass sie auch wenig Interesse an der Etablierung eines aus den ökonomischen Konkurrenzkämpfen herausgehaltenen bürgerlichen Staates entwickelte.


Welche Veränderungen
wären notwendig?

Gewiss sind nun all die genannten strukturellen Entwicklungshemmnisse menschengemacht und deshalb änderbar. Ihre Abschaffung würde jedoch revolutionäre Umwälzungen in mindestens drei Bereichen voraussetzen:

  • im Bereich des Staatsapparats, in dem eine Bürokratie etabliert werden müsste, die sine ira et studio, ohne politische und finanzielle Eigeninteressen, allein nach unpersönlichen, gesetzten Regeln entscheidet;
  • im Bereich der Einkommens- und Eigentumsverhältnisse, in dem die Ungleichheit rigoros vermindert werden müsste;
  • und im Verhältnis zu den ausländischen Konzernen, deren Wirkungsfelder einschneidend begrenzt werden müssten.

Sofern die hier vorgetragenen Überlegungen korrekt sind, können sie die offenbare Instabilität der parlamentarischen Systeme wie auch den beklagten Mangel an wirtschaftlicher Dynamik in Afrika zu großen Teilen erklären. Wenn die staatlichen Allokationsentscheidungen über den Erfolg im internen wirtschaftlichen Konkurrenzkampf der Bourgeoisie entscheiden, dann liegt die höchste ökonomische Prämie eben nicht auf der Effektivierung der Produktion mittels Investition, sondern auf der politischen Einflussnahme.

Und wenn der Zugang zu politischer Entscheidungsmacht das wichtigste Instrument der Kapitalakkumulation abgibt, dann ist es für die einmal an diese Macht Gekommenen eine Frage des ökonomischen Überlebens, auch daran zu bleiben. Einen Regierungswechsel durch Wahlen müssen sie bei Strafe ihres ökonomischen Untergangs zu vermeiden suchen - notfalls mit Gewalt, dem der politischen Instanz spezifischen Mittel der Auseinandersetzung.


Externe Ursachen:
Der Einfluss des Weltmarkts

Hinreichend ist diese Erklärung jedoch nicht. Sie krankt an der übermäßigen Konzentration auf Einzelstaaten als Analyseeinheiten. Man muss kein Anhänger von Wallersteins Weltsystemperspektive sein, um zu sehen, dass die Staaten Afrikas - wie andere auch - in ihrer Entwicklung sehr viel stärker durch die Dynamik des gegenwärtigen Weltsystems bestimmt werden, als sie diese umgekehrt bestimmen können; die aktuellen Diskussionen um "Globalisierung" und "Weltgesellschaft" sagen nichts anderes.

In der Entwicklungstheorie allerdings ist es seit dem Niedergang des Sterns der Dependencia eher Mode, die Bedeutung externer Faktoren herunterzuspielen oder ganz zu bestreiten. In der Regel folgt man dabei dem Vorbild der Weltbank (1989, 24 ff.), welche die Irrelevanz der externen Faktoren zu begründen sucht durch den Nachweis, dass die Entwicklung der Terms of Trade den ökonomischen Niedergang Afrikas in den 80er Jahren nicht erklären kann.

Was die Terms of Trade angeht, ist die Beweisführung weitgehend korrekt. Ihr Niedergang erschien den Beobachtern nur deshalb so katastrophal, weil sie von dem extrem günstigen Basisjahr 1981 ausgegangen waren. Hätte man, so die Weltbank, stattdessen 1961 als Basisjahr gewählt, hätten sich die Terms-of-Trade-bedingten Gewinne und Verluste weitgehend ausgeglichen, allerdings mit der gewichtigen Ausnahme der ärmsten Länder des Kontinents. (Dass 1961 ein ziemlich ungünstiges Jahr war, relativiert die Argumentation etwas, ohne sie jedoch außer Kraft setzen zu können.)

Erledigt ist das Problem damit jedoch noch lange nicht. Die Diskussion um externe Faktoren auf die Frage der Terms of Trade zu reduzieren, wäre eine extreme Verkürzung. Für einen Reichtumstransfer aus der armen in die reiche Welt kann eine Vielzahl weiterer Faktoren sorgen. Der nächstliegende ist der am häufigsten übersehene: die offene oder verdeckte "Repatriierung" von Gewinnen durch metropolitane Konzerne. Wenn solche an der Peripherie investieren, dann tun sie es selbstverständlich in der Absicht, Gewinne zu machen. Und über diese Gewinne verfügen sie, nicht die je betroffenen Länder. Sie können sie im Lande investieren, können sie aber auch in die Metropolen transferieren - direkt und offen, oder verdeckt über Patent- und Lizenzgebühren, "transfer pricing", "managerial, technical and consulting charges" u. ä.. Teile davon haben sie zu allen Zeiten transferiert, und die standen dann in den Metropolen für "Entwicklung" zur Verfügung und fehlten in den Entwicklungsländern, obwohl sie mit dortiger Arbeitskraft und dortigen Rohstoffen erarbeitet wurden (zur Diskussion um die Größenordnung des Gewinntransfers vgl. Hauck 1996, 235 ff.). Hier liegt ein entscheidender Unterschied etwa zum frühkapitalistischen England, in dem ein solcher Transfer keine Rolle spielte - und in dem zusätzlich noch die den Kolonien abgepressten Reichtümer zur Verfügung standen.

Von mindestens ebenso großer Bedeutung sind die Vorteile, die der Norden aus oligopolistischen oder quasi-monopolistischen Strukturen auf dem Weltmarkt einerseits, aus der Zoll- und Subventionspolitik von EU, USA und Japan andererseits zieht.

Wenn Zehntausende von afrikanischen Kleinbauern einem einzigen internationalen Nahrungsmittelkonzern gegenüberstehen (oder zweien oder dreien) - wie einstens Unilever in Westafrika oder Brooke Bond Liebig in Kenia -, dann kann dieser die Preise von deren Produkten weit unter das Freie-Markt-Niveau senken, Monopolprofite erzielen, denen entsprechend geminderte Profite auf der afrikanischen Seite gegenüberstehen.

Ähnlich beschert auch die Agrarsubventionspolitik von EU und USA den Bauern der Peripherie seit Jahrzehnten unaufholbare Wettbewerbsnachteile - und lässt die für ihre Konkurrenzfähigkeit entscheidenden Agrarpreise weltweit verfallen. Um es auf ein besonders drastisches Beispiel zuzuspitzen: Die EU-Subventionen für Zuckerrüben schaden der Rohrzuckerproduktion in der Dritten Welt mehr als alle Ineffizienz, Schlamperei, Korruption und Währungsmanipulation bei den dortigen Produzenten und Exporteuren zusammen. Sollte sich jedoch ein afrikanisches Land anschicken, eine ähnliche Subventionspolitik zu betreiben, wäre sofort der IMF zur Stelle und würde "Liberalisierung" erzwingen.


Das Zusammenspiel
externer und interner Ursachen

Der Mechanismen des Reichtumstransfers aus der armen in die reiche Welt sind also viele. Die Frage bleibt: Ist dieser Transfer von entscheidender Bedeutung für Entwicklung und Unterentwicklung? Die einhellige Antwort der neuen modernisierungstheoretischen Orthodoxie (von Zapf und Berger bis Senghaas und Menzel) lautet: Nein - "Modernisierung ist eine interne Leistung der in diesem Prozess begriffenen Gesellschaften" (Berger 1996, 46).

Ich setze gegen diese These, dass beide Faktoren notwendige Bedingungen kapitalistischer Entwicklung sind: der interne der Verallgemeinerung der Warenproduktion samt der zugehörigen, spezifisch kapitalistischen Trennung der Sphären von Politik und Ökonomie ebenso wie der externe eines Netto-Außenbeitrags.

Die durch die allgemeine Kontraktfreiheit und die staatlich garantierte Gewaltfreiheit der ökonomischen Abläufe bewirkten Veränderungen können zwar erklären, dass in der kapitalistischen Produktionsweise Effektivierung der Produktionsinstrumente und Optimierung der Ressourcenallokation unter dem Gesichtspunkt der Profitmaximierung eher möglich sind als anderswo. Aber daraus folgt noch nicht, dass die Produktion gesamtwirtschaftlich auch tatsächlich steigen wird.

Dies wird sie nur, wenn die gewachsene Warenmenge auch verkauft, die Nachfrage also gesteigert werden kann. Die gängige Schlussfolgerung daraus ist die der Unterkonsumtionstheorie: Das entscheidende Hemmnis für autozentrierte Entwicklung seien zu niedrige Masseneinkommen; durch Steigerung der Masseneinkommen - speziell der Reallöhne - habe der Kapitalismus, wo er erfolgreich war, das Nachfrageproblem gelöst (vgl. v. a. Elsenhans; Senghaas).

Die Antwort übersieht, dass die Masseneinkommen - die Löhne ebenso wie die Einkommen kleiner, für den Weltmarkt produzierender Agrarproduzenten - für das Kapital eben nicht nur einen Nachfrage-, sondern auch einen Kostenfaktor darstellen. Die zyklisch auftretenden Nachfrageengpässe in Rezessionsphasen werden keinen kapitalistischen Unternehmer veranlassen, die Löhne, die er zahlt, zu erhöhen, um die Gesamtwirtschaft zu kurieren. Vielmehr wird jeder versuchen, sie zu senken, um seine individuellen Produktionskosten zu verringern und so seine Gewinne doch noch zu halten. Reallohnsteigerungen sind im Kapitalismus begrenzt durch die Gewinnmargen der Unternehmer; sobald sie diese längerfristig überschreiten, wird das Kapital seine Investitionstätigkeit einschränken, die Akkumulation wird erlahmen, die Nachfrage nach Arbeitskraft wird zurückgehen, die Löhne werden wieder sinken. Als dauerhafter (überzyklischer) Motor der Akkumulation kommen Reallohnsteigerungen nicht in Betracht.

Ganz anders sieht es aus, wenn in Zeiten zyklischer Nachfrageengpässe auf einen Außenbeitrag in Gestalt eines Reichtumstransfers aus peripheren Regionen oder Sektoren zurückgegriffen werden kann. Das Nachfrageproblem erledigt sich dadurch von selbst. In den Frühstadien der kapitalistischen Entwicklung Europas geschah dies dadurch, dass die koloniale Ausplünderung, der Zustrom an Reichtümern aus Mittel- und Südamerika, Indonesien, Indien und indirekt auch aus Afrika (transatlantischer Sklavenhandel) die kaufkräftige Nachfrage in den herrschenden Klassen in gewaltigem Maße ansteigen ließ. Der Gegeneinwand, dieser Reichtumszufluss hätte nur inflationäre und somit wachstumsschädliche Auswirkungen gehabt (vgl. v. a. Elsenhans 1982) ist nicht stichhaltig, denn die dadurch ausgelöste Inflation war keine abrupte und totale, sondern eine säkulare (Preissteigerungsraten in der Größenordnung von 4% pro Jahr - vgl. ausführlicher Hauck 1996, 109 ff.). In späterer Zeit wurden die direkt gewaltsamen Methoden der Ausplünderung zunehmend durch in einem engeren Sinn "ökonomische" Formen des Reichtumstransfers nach Art der dargestellten ersetzt. Verschwunden ist der Reichtumstransfer also nicht, er hat nur seine Erscheinungsformen verändert.

Auch noch die "Newly Industrializing Countries (NICs)" der 80er Jahre, die "kleinen asiatischen Tiger", haben davon profiziert, allerdings nicht in der Form der Ausbeutung ärmerer Ökonomien: Korea und Taiwan erhielten über Jahrzehnte hinweg aus strategischen Gründen US-Hilfe in ganz außergewöhnlichem Ausmaß. Und was immer man sonst über diese Hilfe sagen mag: Als zusätzliche kaufkräftige Nachfrage stand sie zur Verfügung.

Bis heute sind dies jedoch die einzigen wirklichen NICs. Honkong und Singapur sind als Stadtstaaten Sonderfälle. Malaysia und Thailand sind im Gefolge der asiatischen Finanzkrise weit zurückgefallen, von Indonesien, den Philippinen und Brasilien redet eh keiner mehr. Der "große arme Rest", von dem Menzel 1992 sprach, ist noch heute der gleiche wie damals. Interne Gründe gibt es zuhauf - und sie kreisen allesamt um das Problem der mangelhaften Trennung der Sphären von Politik und Ökonomie. Bestehen bleibt aber ebenso das Argument, dass keines der betroffenen Länder auf einen nennenswerten Außenbeitrag ähnlicher Art wie Korea und Taiwan zurückgreifen konnte.


Keine Entwicklung ohne verstärkte
Entwicklungshilfe

Was folgt daraus? Es folgt, dass auch bei günstigsten sozioökonomischen Bedingungen interner Art kapitalistische Entwicklung in den Ländern des "armen Rests", speziell in Afrika, undenkbar erscheint ohne eine Vervielfachung der effektiven Entwicklungshilfe - weit über die von den UN angepeilten Messzahlen hinaus. Begründet werden könnten dahinzielende Forderungen etwa aus Wole Soyinkas (2001) Überlegungen zu einer "Ethik der Entschädigung" (die sich, dies sei eigens betont, nicht nur gegen die Untaten von Europäern, sondern auch gegen die von Arabern und Afrikanern richtet): Der transatlantische Sklavenhandel muss das Gedächtnis der Welt weiterhin beschäftigen, nicht nur weil er zu einer "unausweichlichen Kritik des europäischen Humanismus" führt, sondern auch weil er Afrika ein gewaltiges menschliches Potenzial entzog und funktionierende wirtschaftliche Systeme zerstörte. Ohne Entschädigung wird es im Verhältnis zwischen Kolonisierern und Kolonisierten von ehedem auch keine Heilung geben.

Eine Einschränkung zum Schluss: Die bisherigen Überlegungen bezogen sich auf Bedingungen für kapitalistische Entwicklung im Allgemeinen, und das heißt: für Wachstum durch Kapitalakkumulation. Über Fragen der Verteilung wie der Nachhaltigkeit ist damit noch nichts ausgesagt. Wachstum durch Kapitalakkumulation ist auch ohne Nachhaltigkeit und ohne Anstieg der Masseneinkommen möglich - und empirisch eher der Normalfall. Wachsende Ungleichheit hat S. Kuznets in seiner klassischen U-Kurven-These für die frühen Phasen der Industrialisierung ja geradezu als theoretische Notwendigkeit ausbuchstabiert; Trickle-Down-Effekte verspricht er erst für die Spätphasen.

Wenn man jedoch den Faktor Reichtumstransfer von außerhalb mit in Rechnung stellt, ergeben sich etwas andere Perspektiven. Das unterkonsumtionstheoretische Modell ist ja nicht per se unsinnig. Die oben vorgetragenen Gegenargumente verlören ihre Gültigkeit, wenn die kaufkräftige Nachfrage der Unterklassen durch einen Wertzufluss von außen erhöht werden könnte - so wie im frühkapitalistischen Europa die Nachfrage der herrschenden Klassen -, was zudem auch die Chance auf Überwindung des pfründenkapitalistischen Syndroms, auf Etablierung eines eigenständigen Akkumulationsfeldes für die afrikanische Bourgeoisie, verbessern würde. Wenn ein solcher Werttransfer durch vervielfachte Entwicklungshilfe zustande gebracht würde, wären Modalitäten und Konditionalitäten theoretisch durchaus möglich, die die Verminderung der Ungleichheit ebenso wie Nachhaltigkeit und die Einhaltung der Menschenrechte gewährleisten würden. Realistisch im Sinne der "Realpolitik" ist ein solches Szenario angesichts der gegebenen Machtverhältnisse - in den Zentren wie an der Peripherie - natürlich nicht. Als langfristig handlungsorientierende Zukunftsvision erscheint es mir dennoch mit guten Gründen vertretbar. Denn scheitern müsste es ja nicht an internen Unstimmigkeiten, an irgendwelchen immanenten Eigengesetzlichkeiten der Ökonomie, sondern an der Macht - und Machtverhältnisse sind änderbar.


Literatur

Berger, Johannes (1996): Was behauptet die Modernisierungstheorie wirklich? in: Leviathan 24, 45-72

Durkheim, Emile (1893): Über die Teilung der sozialen Arbeit. Frankfurt 1977

Elsenhans, Hartmut (1982): Grundlagen der Entwicklung der kapitalistischen Weltwirtschaft, in: D. Senghaas (Hg.): Kapitalistische Weltökonomie. Frankfurt

Elwert, Georg (1987): Ausdehnung der Käuflichkeit und Einbettung der Wirtschaft, in: K. Heinemann (Hg.): Soziologie des wirtschaftlichen Handelns. KZSS-Sonderheft. Opladen

Hauck, Gerhard (1984): Pfründenkapitalismus in Nigeria, in: E. M. Bruchhaus (Hg.): Afrikanische Eliten 20 Jahre nach der Unabhängigkeit. Hamburg

Ders. (1996): Evolution, Entwicklung, Unterentwicklung. Frankfurt

Ders. (1997): Entwicklungstheorie nach ihrem Ende, in: Manfred Schulz (Hg.): Entwicklung - die Perspektive der Entwicklungssoziologie. Opladen

Kuznets, S. (1955): Economic Growth and Income Inequality, in: American Economic Review 45, 1-28

Marx, Karl (1867-1894): Das Kapital. 3 Bde. MEW 23-25, Berlin 1969

Melber, Henning (Hg., 2000): Namibia - a Decade of Independence. Windhoek

Menzel, Ulrich (1992): Das Ende der Dritten Welt und das Scheitern der großen Theorie. Frankfurt

Senghaas, Dieter (1982): Von Europa lernen. Frankfurt

Soyinka, Wole (2001): Die Last des Erinnerns. Düsseldorf

Traub, Rudolf (1986): Nigeria. Weltmarktintegration und sozialstrukturelle Entwicklung. Hamburg

World Bank (1989): Sub-Saharan Africa from Crisis to Sustainable Growth. Washington DC

Zapf, Wolfgang (1996): Die Modernisierungstheorie und unterschiedliche Pfade der gesellschaftlichen Entwicklung, in: Leviathan 24, 63-77


Dr. Gerhard Hauck ist apl. Professor für Soziologie an der Universität Heidelberg. Er war seit 1980 als Gastprofessor an einer nigerianischen und einem halben Dutzend deutscher Universitäten tätig. Jüngste Buchveröffentlichung: Gesellschaft und Staat in Afrika. Frankfurt, Brandes & Apsel 2001.
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