E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 1, Januar 2001, S. 3)


Editorial

Langfristige Wirkungen - aber reicht das ?

Reinold E. Thiel


Im Oktober-Heft von E+Z erschien ein Artikel von Reinhard Stockmann, Alexandra Caspari und Paul Kevenhörster unter dem Titel Langfristige Wirkungen der staatlichen EZ. Der Artikel stützte sich auf eine Untersuchung des BMZ über ebendiese "langfristigen Wirkungen", an der die Autoren beteiligt waren, berichtete zunächst, dass die Ergebnisse insgesamt positiv waren ("Drei Viertel aller untersuchten Projekte konnten ihre Ziele bis zum Förderende überwiegend erreichen ... Diese Ergebnisse sollen hier nicht weiter vertieft werden"), und kam dann zu seinem eigentlichen Thema: Nur bei einem Teil der Projekte wurde "die organisatorische Leistungsfähigkeit der Partner dauerhaft gestärkt ...". Der Hauptteil des Artikels widmete sich dann der Frage, wo dafür die Ursachen liegen: Manchmal seien dafür die Rahmenbedingungen verantwortlich, aber keineswegs immer; "viel wichtiger ist vielmehr für jedes Projekt die Akzeptanz der Projektziele, ... [die] Übereinstimmung zwischen deutscher und einheimischer Seite in der Zielrichtung und Ausgestaltung des Vorhabens ..." Zu einem Zeitpunkt, da allerorten von "Ownership" geredet wird, zweifellos ein hochwichtiges Thema.

Die Autoren des Artikels wollten also erklärtermaßen nicht die gesamten Ergebnisse der Studie referieren, sondern einen bestimmten Aspekt vertiefen, nämlich über Ursachen von Wirkungen nachdenken. Das führte aber zu Missverständnissen, und es löste eine Debatte aus, deren Niederschlag nun den Schwerpunkt dieses Heftes darstellt. Zwei andere ebenfalls an der Studie beteiligte Autoren, Jutta Kranz-Plote und Lutz R. Meyer, hielten es für wichtiger, zu berichten, dass doch die Untersuchung in erster Linie positive Wirkungen der deutschen EZ erwiesen habe; das stellen sie nun in einem eigenen Beitrag dar (S. 11-12). Dass dem Ministerium daran gelegen sein musste, nicht nur den von Stockmann/ Caspari/Kevenhörster dargestellten Ausschnitt, sondern die Gesamtergebnisse und die vom zuständigen Referat für Erfolgskontrolle daraus gezogenen Schlüsse darzustellen, versteht sich von selbst, und dies tut ein Beitrag, für den Staatssekretär Stather verantwortlich zeichnet (S. 8-10). Aber noch jemand meldete sich zu Wort: Dirk Messner.

Dazu ist ein Rückblick angebracht. Im Mai 1994 hatte E+Z in einem Schwerpunktthema "Die Selbstkritik der Weltbanken" behandelt, nämlich die Berichte, mit denen nach dem Washingtoner Institut auch die großen Regionalbanken ihre Arbeit einer selbstkritischen Prüfung unterzogen hatten. Dazu hatte ich im Editorial angemerkt, dass dies zwar von erstaunlichem Reformwillen zeuge, dass aber eines immer noch fehle: "... die Überlegung, welcher Zusammenhang zwischen Einzelprojekten und der Gesamtentwicklung eines Landes ... besteht", also die Frage nach der Wirkung von Projekten über sich selbst hinaus. Dies nahm damals Dirk Messner zum Anlass, mich darauf hinzuweisen, dass genau diese Frage von ihm und einigen Kollegen in einer Querschnittsevaluierung für das BMZ untersucht worden sei. Daraufhin erschien im Januar 1995 in E+Z ein Dossier, das die Ergebnisse ebendieser Studie vorstellte, mit der Frage: "Führt Entwicklungshilfe zu Entwicklung?"

Das war vor sechs Jahren. Leitung und Mitarbeiter des Referats Erfolgskontrolle im BMZ haben inzwischen gewechselt, niemand weiß mehr, dass diese Fragen damals diskutiert wurden. Was die Entwicklungszusammenarbeit dringender als irgend etwas sonst braucht, ist institutionelles Lernen: Damit Erkenntnisse, die man schon einmal gehabt hat, nicht vergessen werden. Nun also meldet sich Dirk Messner (er immer noch der selbe) erneut zu Wort, um darauf hinzuweisen, dass die Fragestellung von Stockmann/Caspari/Kevenhörster zwar von immenser Bedeutung, aber nicht ausreichend sei: Dass ein Projekt sich als "nachhaltig" erwiesen, also das Ende der externen Förderung überlebt habe und immer noch funktioniere, besage noch nicht, dass es auch "breitenwirksam" sei, also einen Einfluss auf die Entwicklung seines Umfeldes gehabt habe. Das aber sei das Ziel von Entwicklungspolitik, nicht die Schaffung von isolierten "Inselprojekten". Tatsächlich, so sagt Messner, hat die Entwicklungspolitik in ihrer Zieldiskussion längst die Schlussfolgerungen aus dieser Einsicht gezogen: "Nicht mehr das Einzelprojekt, sondern aufeinander bezogene Maßnahmen sowie die Interaktion von Projekten mit ihrem Umfeld stehen nun im Zentrum. Schwerpunktsetzung, Bündelung, Komplementarität von Aktivitäten zielen explizit auf breitenwirksame Impulse der EZ."

Aber warum steht dies nicht auch bei der Evaluierung von Projekten im Mittelpunkt? Gewiss, untersucht wurden hier ältere Projekte, die noch anders konzipiert waren. Aber die Frage, ob sie einen Beitrag zur Entwicklung des jeweiligen Gastlandes geleistet haben, muss doch auch für sie, wenigstens als Frage am Rande, zulässig sein? (Wenn sie es doch schon 1994 war...)

Methodisch steht hinter der Kritik von Messner an Stockmann die Frage, ob es sinnvoll ist, die Breitenwirksamkeit einer Maßnahme mit in die Definition von Nachhaltigkeit einzubeziehen, wie das Stockmann tut (er spricht von "Diffusion" und "externer Nachhaltigkeit", vgl. S. 16), oder ob man besser, mit Messner, Nachhaltigkeit und Breitenwirksamkeit als getrennte Kategorien behandeln sollte - was vermutlich zu größerer Klarheit in der Analyse führen würde.

Dass wir dies alles hier diskutieren können, ist einer anderen Entwicklung in der deutschen EZ zu verdanken: der zu größerer Transparenz. 1998 habe ich in zwei Heften (Mai und Dezember) kritisiert, dass die Evaluierungsberichte des BMZ nicht veröffentlicht werden, dass also die entwicklungspolitische Öffentlichkeit gehindert wird, an den Einsichten, die Evaluierung erbringt, teilzuhaben ("Der geheime Lernprozess"). Zugleich habe ich die neue Leitung des Hauses aufgefordert, das zu ändern. Im Januar-Heft 1999 habe ich der Ministerin in einem Interview die Frage gestellt, wie sie es künftig damit halten wolle, und die Antwort erhalten, dass die Berichte grundsätzlich der öffentlichen Diskussion zugänglich sein sollten, und dass auch kontroverse Diskussionen die Arbeit des BMZ befruchten würden. Im Juni 1999 konnte E+Z dann erfreut melden, dass ab sofort alle Evaluierungsberichte veröffentlicht werden. Das wird zwar immer noch selektiv gehandhabt, wie der Fall der Querschnittsevaluierung zur EZ in Krisenregionen zeigt (bei der offenbar die kontroverse Diskussion doch nicht erwünscht war), aber insgesamt ist doch der Fortschritt unverkennbar. Dafür seien Ministerium und Referat an dieser Stelle ausdrücklich bedankt.



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