E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 1, Januar 2001, S. 17-19)


Paulo Freire (1921 - 1997)
Alphabetisierung als Erziehung zur Befreiung

Christoph Wagner


Kaum ein anderer Pädagoge fand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weltweit so viel Aufmerksamkeit wie der Brasilianer Paulo Freire. Die von ihm entwickelten Alphabetisierungsmethoden wurden in unzähligen Projekten umgesetzt und auf unterschiedliche Bereiche der Pädagogik übertragen. Freire selbst ging es aber um mehr als um Alphabetisierung. Im Mittelpunkt seines pädagogischen Konzepts steht die Entwicklung eines kritischen Bewusstseins bei den Machtlosen und Unterdrückten. In einer Einheit von Reflexion und Aktion sollen diese die Machtverhältnisse und das eigene Handlungspotenzial erkennen mit dem Ziel, die Welt zu verändern.



I.

Paulo Reglus Neves Freire wurde am 19. September 1921 in Recife im Nordosten Brasiliens geboren. Nach ersten Lebensjahren in gesicherten Mittelstandsverhältnissen bekam seine Familie Ende der 20er Jahre die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zu spüren. Verschärft wurde die prekäre ökonomische Lage der Familie durch den Tod des Vaters, als Paulo Freire 13 Jahre alt war. Wie er selbst später bemerkte, waren es diese Kindheitserlebnisse, die ihn für die Problematik der Armut sensibel gemacht haben.

Freire gelang es trotz materieller Not, 1947 ein Jurastudium an der Universität Recife erfolgreich abzuschließen. Er ergriff allerdings keinen juristischen Beruf. Durch die Heirat mit der Grundschullehrerin Elza Maria Oliveira im Jahr 1944 war er mit Erziehungsfragen in Berührung gekommen, 1946 hatte er begonnen, für den Sozialdienst des Arbeitgeberverbandes (Serviço Social da Industria, SESI) Alphabetisierungskurse für Fabrikarbeiter durchzuführen. In der Folgezeit konzipierte er eine neue Alphabetisierungsmethode, aus der später seine "Erziehung als Praxis der Freiheit" bzw. die "Pädagogik der Unterdrückten" werden sollte.

Mitte der 50er Jahre nahm er das Angebot der Universität von Recife an, Geschichte und Philosophie der Erziehung zu lehren. Seine erwachsenenbildnerischen Aktivitäten entwickelte Freire vor allem in gewerkschaftlichen, kirchlichen und studentischen Kreisen. Von Recife gingen Initiativen aus, die bald auf das ganze Land ausstrahlen und in die "Bewegung der Volkserziehung" münden sollten. Anfang der 60er Jahre beschloss die katholische Kirche unter der Leitung von Bischof Dom Helder Camara, Alphabetisierungsprogramme im Radio zu senden. Auch politische Verantwortungsträger waren auf die erfolgreiche Methode von Freire aufmerksam geworden; regionale und nationale Projekte wurden in Angriff genommen.

Unterstützt vom Bürgermeister von Recife konnte Freire Anfang der 60er Jahre im Nordosten Brasiliens mit einer offiziellen Alphabetisierungskampagne beginnen. Und 1963 schließlich wurde unter dem damaligen Staatspräsidenten Goulart das von Freire konzipierte Programm auf die nationale Ebene übertragen. In 20 000 über das ganze Land verteilten Kulturzirkeln sollten zwei Millionen erwachsene Analphabeten in die Arbeit einbezogen werden.

Der Staatsstreich der brasilianischen Streitkräfte von 1964 setzte dem Vorhaben ein jähes Ende. Die von den neuen Machthabern als subversiv eingestufte "Methode Paulo Freire" wurde verboten und die nach ihr arbeitenden Alphabetisierungsgruppen wurden geschlossen. Freire selbst musste nach zweieinhalbmonatiger Haft seine Heimat verlassen, konnte seine Arbeit aber im chilenischen Exil fortsetzen. 1968 führte ihn sein Weg in die USA, wo er eine Gastprofessur in Harvard antrat. Anfang der 70er Jahre wurde er schließlich Berater für Bildungsfragen in Entwicklungsländern beim Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf. Ab 1976 arbeitete er beim Aufbau des Bildungswesens in Guinea-Bissau mit.

1980 konnte Freire in seine brasilianische Heimat zurückkehren. Er übernahm Lehrtätigkeiten an verschiedenen Universitäten, war weiterhin als Erziehungs- und Bildungsberater tätig und engagierte sich zunehmend auch (partei-)politisch. So war er Mitbegründer der oppositionellen "Partei der Arbeiter" (PT) und arbeitete 1988-1991 als "Städtischer Sekretär für Erziehung und Bildung" in São Paulo. In den folgenden Jahren wendete er sich in Vorträgen und Publikationen verstärkt den Themen Umwelt, Globalisierung und Neoliberalismus zu.

Mit seinen Büchern hat sich Paulo Freire international einen Namen gemacht. Sein populärstes, 1970 erschienenes Buch "Pädagogik der Unterdrückten" wurde in 18 Sprachen übersetzt. Vortragsveranstaltungen, Konferenzteilnahmen und Beratertätigkeiten führten ihn rund um den Globus. Zu den zahlreichen Auszeichnungen, die er erhielt, zählt der "Prize for Peace Education" der UNESCO (1996). Er wurde als Kandidat für den Friedensnobelpreis gehandelt und mit fast 30 Ehrendoktortiteln ausgezeichnet. Die ihm von der Universität Oldenburg Anfang 1997 verliehene Ehrendoktorwürde konnte er nicht mehr entgegennehmen. Er starb am 2. Mai 1997 in São Paulo.


II.

Paulo Freire wird häufig als "wichtigster Volkspädagoge der Gegenwart", "einer der bedeutendsten Wegbereiter einer Pädagogik für das 21. Jahrhundert" und "the best known educator of our time" bezeichnet. Weltweit bekannt geworden ist er durch seine Erwachsenenbildungsarbeit in Lateinamerika und Afrika. Unter entwicklungstheoretischen und entwicklungspraktischen Gesichtspunkten ist seine Pädagogik insofern von Relevanz, als er sie im unmittelbaren Kontext mit dem Kampf gegen Unterdrückung und Elend, für Befreiung, Gerechtigkeit und Demokratie sieht. Als er seinen Beraterposten beim Weltkirchenrat antreten sollte, formulierte er dies unmissverständlich: "Meine Sache ist die Sache der Armen dieser Erde. Sie sollten wissen, dass ich mich für die Revolution entschieden habe."

Im Unterschied zu vielen anderen entwicklungstheoretischen Ansätzen hat Freire bei seiner Konzeption das Individuum im Blick, genauer: das unterdrückte Individuum. Ihm geht es darum, die subjektiven Voraussetzungen für dessen Befreiung zu schaffen. Durch Erziehung zur Selbstbefreiung sollen sie bewusst planende und handelnde Akteure ihrer eigenen Lebenspraxis werden.

Freires Ziel besteht darin - ähnlich wie bei Ivan Illich, mit dem er Mitte der 70er Jahre das Werk "Diálogo" publizierte -, durch Bildung eine gewaltlose Revolution zu erreichen. Sein Grundgedanke ist, dass nur wer die Welt benennen kann, d. h. nur wer die Sprache in Wort und Schrift beherrscht, in der Lage ist, die Welt zu verändern.

Erziehung kann nach Freire niemals neutral sein. Unabhängig von ihrer konkreten Ausgestaltung hat Erziehung immer auch eine politische Dimension. Freire unterscheidet grundsätzlich zwei Erziehungspraktiken: Erziehung als Instrument der Domestizierung des Menschen und als Instrument zur Befreiung des Menschen. Die Erziehung zur Domestizierung funktioniert als Akt bloßer Wissensübermittlung: Die Schüler werden als bloße Behälter betrachtet, die vom Lehrer gefüllt werden müssen. Nach dem - wie Freire es in seinem Buch "Pädagogik der Unterdrückten" nennt - "Bankiers-Konzept" tritt der Lehrer als Anleger, der Schüler als Anlage-Objekt auf. Der Lehrer übermittelt Wissen als "Spareinlagen", die der Schüler lediglich entgegenzunehmen und abrufbereit zu deponieren hat.

Ziel dieser anti-dialogischen Erziehung ist es, den Menschen an die gegebenen Verhältnisse anzupassen, sein eigenes Denken auszuschalten, Kreativität und Kritikfähigkeit abzutöten, um letztlich den Fortbestand der unterdrückerischen Gesellschaftsordnung und die Vormachtstellung der herrschenden Eliten zu sichern. Insofern gehören zu den Spareinlagen auch Mythen, die zuallererst der Aufrechterhaltung des Status quo dienen. Dazu zählt z. B. der Mythos, dass

  • die unterdrückerische Ordnung eine freie Gesellschaft sei,
  • alle Menschen die Freiheit hätten zu arbeiten, wo sie wollen,
  • die existierende Ordnung die Menschenrechte respektiere,
  • jeder Fleißige selbst Unternehmer werden könne,
  • die herrschenden Eliten die Entwicklung des Volkes fördern, weswegen das Volk zur Dankbarkeit verpflichtet sei,
  • die Unterdrücker fleißig, die Unterdrückten hingegen faul und unehrlich seien,
  • es eine natürliche Unterlegenheit der Unterdrückten gegenüber den Unterdrückern gebe.

Diese Mythen seien, so Freire, zentraler Bestandteil einer den Unterdrückten oktroyierten "Kultur des Schweigens". Da die Eliten über die Definitionsmacht des Wortes verfügen, sind die Massen unfähig, sich in einer ihrer unmittelbaren Realität entsprechenden Weise zu artikulieren. Und Sprachlosigkeit führt zu Apathie. Um die so zementierten Herrschaftsverhältnisse aufzubrechen, bedarf es nach Freire einer Entmythologisierung. Dazu in der Lage sind nur diejenigen, die lesend, schreibend und sprechend über ihr eigenes Wort verfügen.

Dem Bankiers-Konzept stellt Freire die "problemformulierende Bildung" entgegen, in deren Mittelpunkt die Frage nach dem "Warum" steht. Dabei sollen die Menschen "die Kraft [entwickeln], kritisch die Weise zu begreifen, in der sie in der Welt existieren [...]. Sie lernen die Welt nicht als statische Wirklichkeit, sondern als eine Wirklichkeit im Prozess sehen, in der Umwandlung" (Pädagogik der Unterdrückten, S. 67). Der Schlüsselbegriff in Freires Konzeption ist conscientização (etwa: Bewusstwerdung). Das ist der Lernvorgang, "der nötig ist, um soziale, politische und wirtschaftliche Widersprüche zu begreifen und um Maßnahmen gegen die unterdrückerischen Verhältnisse der Wirklichkeit zu ergreifen" (PdU, S. 25).

Für Freire ist Alphabetisierung in ihrer Qualität als Entwicklung eines kritischen Bewusstseins ein revolutionärer Akt. Erst der Bewusstwerdungsprozess versetzt den Menschen in die Lage, als Subjekt zu agieren. Beide Dimensionen, Reflexion und Aktion, gehören bei der Erziehung als Instrument zur Befreiung des Menschen zusammen. Ein Verzicht auf Aktion führt zu Verbalismus, zu leerem Geschwätz; ein Verzicht auf Reflexion führt zu Aktionismus, der - so Freire - die wahre Praxis leugnet und Dialog unmöglich macht.

Erziehung zur Befreiung setzt eine dialogische Unterrichtssituation voraus. Der Lehrer hat nicht mehr das Recht, die Lehrinhalte allein zu bestimmen, sondern diese ergeben sich aus der Untersuchung des thematischen Universums der Schüler. Dazu ist beiderseitige Empathie erforderlich. Der Lehrer fungiert in diesem Prozess - gemäss dem erst später populär gewordenen Motto der "Hilfe zur Selbsthilfe" - als Koordinator bzw. Animateur.

In seinem Buch "Erziehung als Praxis der Freiheit" (S. 66 ff.) hat Freire die verschiedenen Phasen seines Alphabetisierungsprogramms erläutert. Im Wesentlichen fußt die "Methode Paulo Freire" darauf, aus dem unmittelbaren Erfahrungsraum der Gruppe, mit der gearbeitet wird, sogenannte generative Wörter zu benutzen, deren Silben durch Rekombination die Bildung neuer Wörter ermöglichen. Konkret: In der Lerngruppe wird ein generatives Wort wie z. B. Favela (Slum) zunächst bildlich dargestellt (Kodierung), dann die gezeigte existenzielle Situation diskutiert und thematisch interpretiert (Dekodierung). Nachdem alle relevanten Aspekte besprochen sind, erscheint ein Bild des Schlüsselwortes mit seinen semantischen Gliedern, also zunächst FAVELA und dann in Silben aufgegliedert FA-VE-LA. Schritt für Schritt werden schließlich die phonemischen Gruppen gezeigt, hier also FA-FE-FI-FO-FU, dann VA-VE-VI-VO-VU und LA-LE-LI-LO-LU. Ist dies geschehen, bildet die Gruppe mit den vorhandenen Silben neue Wörter.

Freire berichtet über das mit dieser (hier vereinfacht dargestellten) Technik erzielte Ergebnis wie folgt: "Im Allgemeinen konnten wir nach einer Zeit von sechs Wochen oder zwei Monaten eine Gruppe von 25 Personen so entlassen, dass sie die Zeitung lesen, Notizen und einfache Briefe schreiben und Probleme von lokalem und nationalem Interesse diskutieren konnten" (EPF, S. 71).


III.

Paulo Freire hat durch sein Wirken in ganz unterschiedlicher Weise Spuren hinterlassen. Auf den ersten Blick - auch wenn man Nachrufe zu seinem Tod liest - entsteht der Eindruck, sein pädagogisches Erbe sei beschränkt auf die von ihm entwickelte Alphabetisierungsmethode, mit der erwachsene Analphabeten in 40 Stunden lesen und schreiben lernen können. Tatsächlich aber bleibt sehr viel mehr vom Werk Paulo Freires. Die Einflüsse seiner als politisch-emanzipatorisch verstandenen Pädagogik, die situationsbezogen und dialogisch ausgerichtet ist, reichen vom Kindergarten über die Jugendarbeit bis zur Sozialarbeit und Erwachsenenbildung.

Die Berücksichtigung des sozialen und gesellschaftlichen Kontextes als zentrales Element seiner Konzeption hat aber nicht nur die Pädagogik beeinflusst; sie steht auch in einem Zusammenhang mit der im Wesentlichen aus Lateinamerika stammenden "Theologie der Befreiung". Bildungsarbeit und Erziehung sollen nach dem Verständnis von Freire unmittelbar zu einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung beitragen. Im Sinne liberaler Aufklärung geht es dabei in erster Linie um eine Emanzipation derer, die gesellschaftlich marginalisiert sind. Oder wie es der Generaldirektor der UNESCO, Federico Mayor, in einem Nachruf auf Freire noch allgemeiner formulierte: "A pioneer in the fight against illiteracy, Paulo Freire demonstrated - more than anyone - that education was the foundation of all freedoms; that it alone can give people mastery over their destiny."

Die weltweite Ausstrahlung der Konzeptionen von Paulo Freire ist außergewöhnlich. Nur wenigen Wissenschaftlern aus Lateinamerika ist außerhalb des Subkontinents solche Aufmerksamkeit entgegengebracht worden. Dies gilt für den akademischen wie für den (bildungs-)praktischen Bereich. Deutschland kann hier als Beispiel genannt werden. Zwar lässt sich der frühe Erfolg der Schriften von Paulo Freire in Deutschland wohl auch damit erklären, dass diese den Nerv einer Zeit trafen, in der in Teilen der Bevölkerung eine gewisse Revolutionsromantik angesagt war; Aber Freires Konzeption hat die Strömungen des Zeitgeistes überdauert.

Sein Einfluss auf die "Kritische Pädagogik" ist ungebrochen. Es sind unzählige Dissertationen, Diplom- und Magisterarbeiten, Bücher und Zeitschriftenaufsätze über Freire verfasst worden. Die Veranstaltung von Seminaren und Vorträgen, die Pflege internationaler Kooperationsvorhaben, entwicklungsbezogene Bildungsarbeit etc. haben sich die "Paulo-Freire-Gesellschaft" (München) und die "Paulo Freire Kooperation" (Oldenburg) zur Aufgabe gemacht. Der Auseinandersetzung mit Freires Pädagogik dienen die Zeitschriften "Dialogische Erziehung" und "Zeitschrift für befreiende Pädagogik". In Brasilien selbst wurde 1992 das Instituto Paulo Freire gegründet, in dem sich Personen und Institutionen aus 24 Ländern zusammengeschlossen haben.

Wenngleich Freire sein Konzept nicht überall erfolgreich umsetzen konnte, hat er sich doch Verdienste durch seine praktische Bildungsarbeit vor allem in Brasilien, in den Jahren seines chilenischen Exils bei der Organisation von Alphabetisierungsprogrammen im landwirtschaftlichen Bereich und beim Aufbau des Bildungswesens in verschiedenen afrikanischen Ländern erworben. Projekte in vielen Ländern aus dem Bereich der Bildungsarbeit mit Frauen, der Friedenserziehung, der Ökologie- und Gesundheitsbewegung orientieren sich auch heute noch an dem von Freire entwickelten pädagogischen Ansatz.

Freires Methode der Alphabetisierung wurde allerdings auch für Zwecke missbraucht, die seiner Konzeption diametral gegenüberstehen. Bestes Beispiel ist das 1967 von den damaligen brasilianischen Machthabern ins Leben gerufene Alphabetisierungsprogramm MOBRAL (Movimiento Brasileiro de Alfabetização). In einer kompletten Pervertierung der Freire’schen Konzeption machten diese sich den Erfolg der Methode für eigene Zwecke der nationalistischen Indoktrination nutzbar. An die Stelle der zentralen, kritisch-reflexiven Komponente der conscientização trat genau das, was bei Freire als Bankiers-Konzept der Erziehung bezeichnet wird. Seines dialogischen Charakters beraubt diente MOBRAL über das Sich-Aneignen vorgegebener Lerninhalte der Verstärkung von Mythen, die für die Anpassung an die gegebenen Herrschaftsverhältnisse sorgen sollten.

Diese Instrumentalisierung seiner Methode kann Freire sicher nicht zum Vorwurf gemacht werden. Angreifbar ist sein Werk hingegen, wenn man wissenschaftliche Kriterien anlegt. Problematisch bleibt z. B. - trotz aller Relativierungen und Abwägungen seiner Anhänger -, dass er zentrale Begriffe nicht klar definiert. Begriffe wie "Freiheit" und "Volk" bleiben unscharf. Und für den von ihm in seinem ersten Buch verwendeten Hauptbegriff conscientização findet sich in "Erziehung als Praxis der Freiheit" überhaupt keine Definition. Dies holt er erst in der Einleitung zur "Pädagogik der Unterdrückten" nach.

Auch sein Entwicklungsbegriff ist nicht eindeutig und nur schwer zu operationalisieren. Entwicklungstheoretisch steht Freire zunächst in einer Tradition derjenigen dependenztheoretischen Strömung, für die Entwicklung in Abhängigkeit von Zentrumsnationen nicht möglich, weil ein Widerspruch per se ist. Darüber hinaus wendet er sich gegen einen rein wachstumsfixierten Entwicklungsbegriff. Er differenziert zwischen Modernisierung und Entwicklung und weist darauf hin, dass Indikatoren wie Pro-Kopf-Einkommen keinen Aufschluss über den Entwicklungsstand einer Gesellschaft geben. So weit, so gut. Wenn er aber erklärt, "das grundlegende und entscheidende Kriterium [für Entwicklung] besteht darin, ob die Gesellschaft ein 'Wesen für sich selbst' ist" (PdU, S. 138), dann bleibt dies doch sehr vage. Durch mangelnde sprachliche Präzision und allzu mystisch angehauchte Wendungen in seinen Schriften waren Verwirrungen und Fehlinterpretationen immer wieder Tür und Tor geöffnet.

Von Kritikern wird ihm u. a. auch vorgeworfen, allzu idealistische Positionen vertreten sowie Alltagssituationen überinterpretiert zu haben. Seine Analyse der politisch-sozialen Wirklichkeit sei moralisch überfrachtet und stark von einem Schwarzweißdenken geprägt, das relativierende und differenzierende Grautöne vermissen lasse. Diese Kritik hat allerdings die internationale Ausstrahlung von Freire kaum beeinträchtigt.

Die "entwicklungspraktischen" Verdienste Freires hat Joachim Dabisch in einem Vortrag zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Oldenburg am 7. 7. 1997 zusammengefasst: "Als Pädagoge der Unterdrückten, als Pilgervater des Offensichtlichen - wie er sich auch nannte - vermittelte er unzähligen Menschen einen Zugang zur Welt des Verstehens, indem sie begannen, unwürdige Lebensumstände zu verändern. Sie lernten dies in kleinen, oftmals selbstorganisierten Gruppen. Sie lernten, ihre eigenen Bedürfnisse zu artikulieren, sie in Begriffe zu fassen."

Das revolutionäre Potenzial seiner Zielgruppen und ihren Willen zu einem wirklichen Klassenkampf hat Freire wohl doch überschätzt. Vielleicht machte er deshalb in seinem 1994 erschienenen Buch "Pedagogy of Hope" das "Prinzip Hoffnung" zum Leitgedanken der eigenen Auseinandersetzung mit seiner "Pädagogik der Unterdrückten".


Schriften von Paulo Freire

1965: Educação como Práctica da Liberdadae. Rio de Janeiro (dt. 1974: Erziehung als Praxis der Freiheit. Stuttgart)

1970: Pedagogy of the Oppressed. New York (Manuskript auf portugiesisch von 1968; dt. 1971: Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Stuttgart)

1970: Extensão ou Comunicação? Rio de Janeiro (dt. 1974: Pädagogik der Solidarität. Für eine Entwicklungshilfe im Dialog. Wuppertal)

1977: Cartas a Guiné-Bissau. Registros de uma experiencia em processo. Rio de Janeiro (dt. 1980: Dialog als Prinzip. Erwachsenenalphabetisierung in Guinea-Bissau. Wuppertal)

1981: Der Lehrer ist Politiker und Künstler. Neue Texte zu befreiender Bildungsarbeit. Hamburg

1987 (mit Ira Shor): A Pedagogy for Liberation. Dialogues on Transforming Education. London

1994: Pedagogy of Hope. Reliving Pedagogy of the Oppressed. New York

1996: Letters to Cristina: Reflections on My Life and Work. New York/London

1997: Pedagogy of the Heart. New York

Schriften über Paulo Freire

Joachim Dabisch, Heinz Schulze (Hg., 1991): Befreiung und Menschlichkeit. Texte zu Paulo Freire. München

Dimas Figueroa (1989): Aufklärungsphilosophie als Utopie der Befreiung in Lateinamerika: Die Befreiungstheorien von Paulo Freire und Gustavo Gutiérrez. Frankfurt M./New York

Moacir Gadotti (1994): Reading Paulo Freire. His life and work. New York Heinz-Peter Gerhardt (1978): Zur Theorie und Praxis Paulo Freires in Brasilien. Frankfurt M.

Flavia Mädche (1995): Kann Lernen wirklich Freude machen? Der Dialog in der Erziehungskonzeption von Paulo Freire. München

Bernhard Mann (1979): Die pädagogisch-politischen Konzeptionen Mahatma Gandhis und Paulo Freires. Eine vergleichende Studie zur entwicklungsstrategischen politischen Bildung in der Dritten Welt. Frankfurt M.

Peter McLaren (2000): Che Guevara, Paulo Freire, and the Pedagogy of Revolution. Lanham u.a.

Margot Riemann Costa e Silva (1990): Paulo Freire. Bilanz einer Konzeption. Frankfurt M.


Dr. Christoph Wagner ist Akademischer Oberrat am Institut für Politikwissenschaft der Universität Mainz. cwagner@mail.uni-mainz.de



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