E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 1, Januar 2002, S. 3)


Editorial

Dem Terrorismus den Nährboden entziehen

Reinold E. Thiel


Ist der 11. September ein Datum, mit dem eine neue Zeitrechnung beginnen muss? Nach dem nichts mehr ist wie vorher? Lange Listen von Attentaten, die bin Ladin und seinen Anhängern zugeschrieben werden, sind in den letzten Wochen veröffentlicht worden, sämtlich Attentate auf Einrichtungen der USA: Botschaften in Afrika, ein Kriegsschiff im Golf von Aden, sogar das World Trade Center selbst, schon damals mit der Absicht, es zum Einsturz zu bringen. Die Listen zeigen: Die neue Konfrontation mit dem Terrorismus hat nicht erst vor Monaten begonnen, sondern vor Jahren. Die Amerikaner (und wir alle) hatten es nur nicht bemerkt. Neu ist nach dem 11. September nur eines: unsere Wahrnehmung. Das ist ein wichtiges Ergebnis. Und neu sind unsere Reaktionen. Wieweit sind diese Reaktionen angemessen, wieweit sind sie geeignet, künftigem Terrorismus vorzubeugen?

Dass die erste Reaktion der Regierung der Vereinigten Staaten in der Aufbietung der ganzen militärischen Macht gegen den Kleinstaat, der bin Ladin Unterschlupf gewährte, bestand, mag man damit erklären, dass die USA sich nie so verletzt und gedemütigt gefühlt haben. Das ist eine durchaus plausible und durchaus nachvollziehbare Erklärung. Demütigung ist ein starkes Motiv, zurückzuschlagen. Aber das gilt nicht nur für die USA. Wer die Brennpunkte des Terrorismus in der Welt betrachtet, wird auf dieses Motiv stoßen. Nicht überall - im Baskenland oder in Korsika greift diese Erklärung nicht. Aber nehmen wir die Kurden, denen von der Türkei das Recht auf die eigene Sprache und Kultur verweigert wird, oder die muslimischen Einwohner des Kaschmirtals, wo Indien 1948 eine Grenzregelung durch Volksabstimmung akzeptierte, deren Durchführung aber seit mehr als 50 Jahren verweigert. Oder nehmen wir Palästina.

Der Rest dieses Landes, der nach der israelischen Staatsgründung übrig blieb, hätte eine wenn auch prekäre Basis für einen selbstständigen palästinensischen Staat bieten können, wenn denn Israel bereit gewesen wäre, das Gebiet zu räumen. Das hätte vor allem bedeutet, die völkerrechtswidrigen "Siedlungen" aufzugeben, die das ganze Rest-Palästina überziehen und eine ähnliche Rolle spielen wie vor Jahrhunderten die Zwingburgen der Kreuzritter. Der Oslo-Prozess schien eine Chance für eine Einigung zu bieten, aber Israel war nicht bereit, seine Oberkontrolle aufzugeben. Heute ist die Situation so, dass die palästinensische Bevölkerung nach 30 Jahren Besetzung jede Hoffnung auf Verständigung mit Israel verloren hat. Die täglichen Demütigungen, die Stromsperren, die Straßenkontrollen mit Leibesvisitation, die Wasserrationierung, während die israelischen Siedlungen volle Swimmingpools haben, die Behinderungen der autonomen Verwaltung - die mörderischen Anschläge palästinensischer Selbstmordattentäter sind Ausdruck ohnmächtiger Wut, und es ist absurd zu glauben, Arafat könnte sie verhindern. 72 % der palästinensischen Jugend sind zu solchen Attentaten bereit, wie Umfragen des Jerusalem Medium and Communication Centre (mit Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stiftung) ergeben haben. Sie glauben an keine Zukunft mehr.

Und das beobachtet die gesamte islamische Welt. "Der Krieg in Afghanistan ist Frucht aus dem Leid, das seit mehr als 50 Jahren Tag für Tag den Arabern in Palästina zugefügt wird", sagt Scheikh Ahmed Kuftaro, der Groß-Mufti von Syrien, kein Scharfmacher, sondern ein Mann des Dialogs, der mehrmals den Papst getroffen hat. Währenddessen polemisieren rechte Kreise in Israel, wie etwa "Hazofeh", die Zeitung der Nationalreligiösen und der Siedler, gegen die "Oslo-Bande". Und die USA sind die Schutzmacht Israels, die dessen Politik mit vier Milliarden Dollar jährlichen Subsidien erst ermöglichen. Sie hätten es in der Hand, die strukturelle Gewalt der israelischen Regierung, die selbst die FAZ mit der Bantustan-Politik des früheren Südafrika vergleicht, zu beenden, wenn sie den politischen Willen dazu hätten.

Die Regierung der USA weiß aber zu wenig darüber, was die Motive der Terroristen in der Welt sind. Ihre Geheimdienste haben eklatant versagt. Das ist nichts Neues. 1958 erschien der Roman "The Ugly American" von Lederer und Burdick (ein Bestseller), der zeigte, wie die Amerikaner in Südostasien gegenüber den Kommunisten an Boden verloren, weil ihre Vertreter den Markt für amerikanische Produkte ebneten, aber nichts über das Leben, das Denken und die Motive der Einheimischen wussten und Nehru für einen Kommunisten hielten. Schon damals resümierte der Rezensent der FAZ: "Tragisch, dass Amerikas Ansehen in Asien heute auf einem psychologischen Tiefpunkt angelangt ist." Wie sich gezeigt hat, ging es noch tiefer.

Gert Krell sagt in seinem Artikel in diesem Heft, der Hunger in der Welt sei keines der Motive für den Terrorismus. Das ist, allein betrachtet, richtig. Aber die Motive sind komplex. Der demokratische US-Senator Patrick Leahy hat recht, wenn er sagt: "Wir wären sicher nicht der große Satan, wenn wir Kindern in armen Ländern den Schulbesuch oder die notwendigen Impfungen ermöglichen würden." Auch Armut demütigt, wenn man den Reichtum anderer sieht und die Politik, die dazu führt, dass der Abstand zwischen Arm und Reich wächst, und dieser Vorwurf richtet sich nicht nur gegen die USA, sondern gegen den gesamten industrialisierten Norden. Das Elend der Dritten Welt, so der Soziologe Dirk Baecker, wird als "Kollateralschaden für die Sicherung des Wohlstands der Ersten Welt in Kauf genommen", und die philippinische Präsidentin Gloria Arroyo mahnt, der Krieg gegen den Terrorismus müsse ein Krieg gegen die Armut sein.

Da ist es gut zu sehen, dass die deutsche Entwicklungsministerin fordert, als "Antwort auf den Terror eine weltweite Koalition für Gerechtigkeit und Solidarität" zu bilden, und die Initiative für einen Aktionsplan der reichen Länder ergreift, der mehr Mittel und eine andere Politik zur Minderung der Armut in der Welt mobilisieren soll; und dass eine Gruppe US-amerikanischer Senatoren im Kongress eine Gesetzesinitiative einbringt, die zum Ziel hat, die Auslandshilfe innerhalb von fünf Jahren zu verdreifachen. Allerdings: Geld allein wird nicht reichen. Noch wichtiger ist, dass niemand in der Welt seiner menschlichen Würde beraubt werden darf. Beides zusammen wird wirkungsvoller sein im Kampf gegen den Terrorismus als Bomben und Raketen.



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