E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr.11, November 2000,
S. 316 - 318)

Tontines in Kamerun
Verknüpfung traditioneller und semi-formeller Finanzierungssysteme
Jean-Marc Sika, Balz Strasser

In Kamerun sind die lokalen Tontines immer noch das wichtigste Finanzierungssystem, die Bevölkerung tätigt über sie rund 90 % ihrer Finanztransaktionen. Dagegen erreichen der formelle und semi-formelle Finanzsektor (Geschäftsbanken und Spar- und Kreditgenossenschaften) lediglich etwa 10 % des landesweiten Kreditwesens. Aber die begrenzten Einsatzmöglichkeiten der Tontines machen diese ungeeignet zur Förderung eines dauerhaften
Wirtschaftswachstums.
Jean-Marc Sika und Balz Strasser beschreiben einen neuen Weg, den eine lokale Kreditkooperative erprobt, um diese Lücke zu schließen.
Kamerun hat 14 Millionen Einwohner. 7,5 Millionen davon machen den aktiven Teil der Bevölkerung aus. Im formellen Finanzsektor der staatlichen und privaten Geschäftsbanken wurden bis heute etwa 700 000 Konten eröffnet, aufgeteilt in 250 000 Geschäftskonten und 450 000 Privatkonten. Im semi-formellen Finanzsektor sind 800 Spar- und Kreditkooperativen mit 250 000 Mitgliedern tätig. Insgesamt werden über die Kanäle dieser beiden Gruppen von Finanzinstitutionen nur etwa 10 % der aktiven Bevölkerung erreicht. Die Mehrheit der Bevölkerung wickelt ihre Kredite über den informellen Finanzsektor ab. Dieser besteht aus privaten Geldverleihern, informellen Händlern und den Tontines, den kleinen, lokalen Spar- und Kreditvereinigungen.
Was sind die Tontines, und welche Bedeutung haben sie für die Wirtschaft des Landes?
Die Tontines sind wegen ihrer Hybrideigenschaften - einer Mischung aus sozialen und finanziellen Funktionen - nur schwer zu definieren. Typischerweise schließen sich in diesen Spar- und Kreditvereinigungen Menschen zusammen, die sich in irgendeiner Weise gegenseitig verbunden fühlen. Es gibt Familien-Tontines, Nachbarschafts-Tontines und solche unter Handwerkern oder Bauern. Dabei sind Männer- und Frauengruppen in der Regel getrennt. Gemeinsame Beziehungen oder Interessen stehen im Vordergrund. Das stärkt die soziale Kontrolle und gibt Sicherheit, dass die Tontines erfolgreich sind.

Die wichtigsten Arten von Tontines
In Kamerun kann man die Tontines insgesamt zwei Typen zuordnen, die beide noch Varianten aufzeigen.
Der erste Tontine-Typ ist ein rotierendes Sparsystem. Die Mitglieder dieser Tontine versammeln sich in fixen Abständen - üblicherweise wöchentlich bzw. monatlich - und bringen jedesmal die am Anfang der Runde bestimmte Geldsumme ein. Die gesammelte Summe wird jeden Monat einem anderen Mitglied übergeben. Von diesem Moment an gibt es zwei gebräuchliche Varianten. In der ersten ist die Reihenfolge der Mitglieder, die einkassieren, durch Konsens im voraus bestimmt. Die Anzahl der Mitglieder ergibt die Anzahl der Perioden, und dadurch ist die Länge eines Zyklus definiert. Jeden Monat wird eine gleich hohe Summe verteilt, und es gibt keine Zinsen.
Bei einer Variante des ersten Typs wird das im voraus gesammelte Geld in einer Auktion versteigert, und alle Mitglieder, die in der aktuellen Tontine-Runde noch kein Geld erhalten haben, dürfen mitbieten. Das Geld geht an den Meistbietenden. Die erzielte Verkaufsprämie aus diesem monetären Hauptmarkt wird in kleine Geldpakete aufgeteilt, die wiederum in Auktionen verkauft werden. Die Gelder dieses zweiten monetären Marktes sind kurzfristige Kredite, die inklusive Zinsen innerhalb von wenigen Wochen wieder zurückgezahlt werden müssen.
Sollte die Geldsumme des zweiten
monetären Marktes groß genug sein, wird sie in den ersten Markt transferiert und
in der darauffolgenden Tontine-Runde
angeboten. Jedes Mitglied gewinnt so
eine "Gratis"-Runde. Die Tontine ist zu
Ende, sobald alle Mitglieder einmal zu ihrem Geld gekommen sind. Die Kredite des zweiten monetären Marktes werden in der letzten Runde gesammelt und gleichmäßig an alle Teilnehmer verteilt. Eine neue Runde kann beginnen. Beide
Varianten dieses Tontine-Typs sind ersparnisorientiert.
Der zweite Tontine-Typ hingegen ist kreditorientiert. Hier ist die zu erbringende Summe nicht im vorhinein festgelegt, sondern sie hängt im wesentlichen von den finanziellen Möglichkeiten jedes Mitglieds ab. Der gesammelte Fonds entspricht einem gemeinsamen Fonds, welcher als Kreditkasse den einzelnen Mitgliedern zur Verfügung steht. Bei jeder Tontine-Runde werden die Rückzahlungen und die neuen Beiträge in Geldpakete aufgeteilt, deren Höhe von der Anzahl der Interessenten und der Menge des nachgefragten Geldes abhängt. Um alle Mitglieder zu befriedigen ist ein Schiedsgericht oft unabdingbar. Die ausgehändigten Kredite sind in diesem Fall kurzfristiger Art (üblicherweise für einen Monat), und die Zinsen belaufen sich auf 5 bis 10 Prozent pro Monat. Der Zyklus der Tontine ist dann zu Ende, wenn der Termin, aufgrund dessen die Runde gestartet wurde, erreicht ist. Dies kann im August sein, wenn das Ziel ist, den Schulanfang der Kinder zu finanzieren, oder im Dezember, wenn man sich auf die höheren Ausgaben für die Festlichkeiten des Jahresendes vorbereiten will. Zu diesem festgelegten Zeitpunkt werden die Ersparnisse der Mitglieder zurückbezahlt, inklusive der erzielten Zinsen, die abhängig von Höhe und Dauer des Kredits sind.
Da diese beiden Typen von Tontines komplementäre Rollen spielen (Aufbau von Investitionskrediten oder Ersparnisse), trifft man innerhalb einer Gruppe oft auf das Zusammenspiel beider Typen. Trotz der schon heute großen Differenzierung entstehen immer neue Varianten von Tontines. Ihre Fähigkeit zur Anpassung an die sich stetig verändernden Rahmenbedingungen und die unerschöpfliche Phantasie ihrer Förderer bringen immer wieder neue Tontines-Formen hervor.

Stärken der Tontines
als Spar- und Kreditinstrument
Für die Mehrheit der Bevölkerung, die keinen Zugang zum formellen Bankensystem hat, sind die Spar- und Kreditmöglichkeiten der Tontines eine notwendige Alternative. Ein großer Teil der Bevölkerung kommt dadurch in den Genuss von Finanzdienstleistungen und kann die eigenen Geldflüsse über das Jahr hinweg besser verwalten. Da die Tontines selbstverwaltet sind, können sie jederzeit an die sich verändernden Bedürfnisse der einzelnen Beteiligten angepasst werden. Diese Flexibilität ist in einem Kontext hoher wirtschaftlicher und sozialer Unsicherheiten von großer Bedeutung und ist sicher einer der Erfolgsfaktoren der Tontines. Eine weitere positive Eigenschaft der Tontines ist deren hohe Rückzahlungsquote. Dies ist das Resultat eines Systems, das ausschließlich auf dem wechselseitigen Vertrauen zwischen den Mitgliedern basiert und unabhängig von komplexen und ausschließenden Sicherheitsgarantien oder Bürgschaften ist. Das soziale Beziehungsnetz, in dem die Akteure leben, ist so aufgebaut, dass man auf die Mithilfe und Solidarität der anderen angewiesen ist. So liegt es im Interesse jedes einzelnen Mitglieds, die regelmäßigen Beiträge mitzubringen und das ausgeliehene Geld fristgerecht zurückzuzahlen, sonst droht der Ausschluss nicht nur aus dieser Tontine, sondern aus der gesamten Tontine-Welt. Und das kann sich niemand leisten.

Schwächen der Tontines
Die Tontines weisen aber auf der finanziellen Ebene einige Schwachpunkte auf, die es unmöglich machen, sie als Mittel zur Finanzierung der notwendigen Investitionen für die wirtschaftliche Entwicklung Kameruns zu nutzen.
Eine erste Schwäche der Tontines liegt in der Unmöglichkeit der Umwandlung von kurzfristigen Ersparnissen in längerfristige Kredite; dies ist übrigens auch im formellen Banksektor Kameruns noch ein ungelöstes Problem. Ein Grund für die Unmöglichkeit der Umwandlung ist die kurze Dauer des Tontine-Zyklus. Ein zweites, damit verbundenes Problem liegt in der geringen Höhe der Kreditsummen, und schließlich sind auch die hohen Zinskosten kein Anreiz dafür, die Tontine-Kredite zur Finanzierung langfristiger Projekte zu gebrauchen.
Die begrenzte Sparmöglichkeit ist wesentlich von der Dauer eines Tontine-Zyklus abhängig, welcher seinerseits durch die Anzahl der Mitglieder bestimmt wird. Ihre institutionalisierte Dauer von maximal 12 Monaten hat zur Folge, dass längerfristige Projekte nicht finanzierbar sind; dies vor allem deshalb, weil am Ende eines
jeden Turnus alles wieder auf Null ausgeglichen werden muss - das Gesparte wird samt Zins an die Mitglieder zurückbezahlt, und die ausgeliehenen Kredite ebenso. Erst dann kann der folgende Zyklus beginnen.
Will man größere Investitionen vornehmen, wäre es theoretisch möglich, das Gesparte aus verschiedenen Tontine-Runden zusammenzufügen, bis die notwendige Summe zur Verfügung steht. Man könnte sich auch einen Transfer der zurückbekommenen Summe in die nächste Runde vorstellen. Das Problem liegt aber in dem Zeitloch zwischen dem Ende einer Runde und dem Beginn der nächsten. In dieser Zwischenzeit befindet sich das Geld nämlich in der eigenen Tasche, mit all den bekannten Konsequenzen. Es ist oft ein Ding der Unmöglichkeit, im sozialen Kontext Kameruns die Geldsumme bis zum Beginn der nächsten Runde nicht auszugeben.
Ein ähnliches Problem besteht auch in der Dauer der Tontine-Kredite, die den Mitgliedern zur Verfügung stehen. Die ein- bis maximal zweimonatige Rückzahlungsfrist erlaubt es nur, Investitionen zu tätigen, die auch kurzfristig rentabel sind. Dies bedeutet, dass die Kredite vor allem für die Finanzierung kurzfristiger, meist spekulativer Aktivitäten interessant sind, nicht jedoch für langfristig produktive
Projekte.
Ein anderer Schwachpunkt der Tontine als Kreditinstrument liegt in den hohen Kosten der Kredite, die 5-10 % pro Monat betragen. Grund dafür ist einerseits, dass es schon immer so war, andererseits, dass es immer noch mit einem gewissen Risiko verbunden ist, bei einer Tontine mitzumachen.
Geht man davon aus, dass die Entwicklung der ländlichen Regionen nicht möglich ist ohne die Existenz lokaler und langfristig verfügbarer Kreditmittel zu erschwinglichen Konditionen, so reichen die Mittel, die durch die Tontines zur Verfügung stehen, nicht aus. Die Produktionskapazität der ärmeren Bevölkerungsteile - und vor allem der Frauen - ist dadurch stark limitiert.

Ein Lösungsansatz:
Brücken schlagen und Synergien nutzen
Einen neuen Weg erprobt seit 1999 die Caisse Populaire de Banégang, eine Spar- und Kreditkooperative in Bansoa, einem Dorf im Westen Kameruns. Dabei geht es um den Aufbau eines neuartigen Kreditsystems, in welchem die traditionelle Tontine mit dem klassischen Kredit einer semi-formellen Finanzinstitution verknüpft wird. Die Idee ist, die Vorteile der altbewährten Tontine - Flexibilität, Solidarität, Eigenverantwortung und Gruppendynamik - mit den interessanten Konditionen der Kreditkooperative - vor allem längere und günstigere Kredite - zu kombinieren.
Bemüht sich ein Einzelmitglied einer Kooperative um einen Kredit, so muss
eine Bürgschaft hinterlegt werden. Dies kann ein Stück Land sein, aber auch eine bekannte Person als Garant für den Kredit. Dieses System ist aber vor allem für Frauen ungünstig, weil sie aus kulturellen Gründen kaum im Besitz von Land sind, vor allem in ländlichen Regionen. Als Antwort auf diese Schwachstelle ist die
Caisse darangegangen, ein Kreditsystem für die in Tontines organisierten Frauengruppen des Dorfes aufzubauen, da man die Vergabe von Krediten an Frauen besonders fördern möchte.
Die Grundsatzidee ist, dass die Tontine als Gruppe zu einem aktiven Mitglied der Kooperative wird und dadurch Anspruch auf die Rechte und Pflichten eines Mitglieds hat. Eine Verpflichtung ist, regelmäßig einen Sparbetrag in das eigene Tontine-Konto bei der Caisse einzubezahlen. Dieser Betrag wird durch regelmäßige, individuelle Beiträge der verschiedenen Mitglieder während der Ton- tine-Runden zusammengetragen. Die Tontine-Gruppe hat jetzt die Möglichkeit, um einen Kredit bei der Kooperative nachzusuchen.
Bevor dies geschieht, wird mit der Hilfe der operativen Leitung der Caisse für jedes Mitglied ein eigener Investitionsplan aufgestellt, der im Rahmen seiner Entwicklungsmöglichkeiten liegt. Der Entscheid, in welchen Bereichen die Investition getätigt werden soll, ist Sache jedes einzelnen Mitglieds. Die Summe der geplanten Investitionen wird dann in einem Portfolio zusammengestellt. Die Tontine bewirbt sich jetzt bei der Caisse um einen Kredit in der Höhe dieses Portfolios, und der erteilte Kredit wird innerhalb der Gruppe nach den ausgearbeiteten Investitionsplänen aufgeteilt. Die Rückzahlungszeit beträgt im Normalfall zwischen 23 und 36 Monate, weil es in Kamerun keine Institutionen gibt, die das Risiko für längerfristige Kredite tragen. Bei jedem Tontine-Treffen bezahlt jedes Mitglied die an seinen Kredit gebundene Rückzahlungsrate, und der Gesamtbetrag wird dann an die Caisse zurückgezahlt.
Das Einzigartige an diesem System ist, dass sich nicht die Mitglieder bei der Kooperative verschulden, sondern die Tontine als Institution. Die Mitglieder verschulden sich individuell bei der Tontine, so wie es schon vorher war. Der soziale Druck und die ausgeprägte Solidarität innerhalb der Tontine ermutigen jedes Mitglied, seine Beiträge fristgerecht zurückzuzahlen. Damit kann auf die für Kredite der Kooperative sonst üblichen Bürgschaften verzichtet werden. Man vertraut in ein traditionelles System, das in der lokalen Bevölkerung stark verankert ist und schon seit Jahrzehnten hohe Rückzahlungsquoten garantiert.
Doch der eigentliche Vorteil einer Verknüpfung mit der Kooperative besteht einerseits in der Höhe und Dauer der gewährten Kredite, andererseits im günstigen Preis der Kredite: jährlich 20 % (1,8 % pro Monat), wobei
18 % an die Caisse zurückgezahlt werden und 2 % für den langfristigen Aufbau eines Garantiefonds zur Verfügung stehen. Jedes Mitglied kann nun in Projekte investieren, die es mit den geringen Mitteln aus einer traditionellen Quelle wie der Tontine nicht finanzieren könnte.

Ein Praxisbeispiel: Kredite
für die Landwirtschaft
Das folgende Beispiel soll diese Vorteile erläutern: Eine Bäuerin möchte organischen Dünger für ihr Maisfeld kaufen, und sie muss dafür 18 000 F CFA ausgeben. Ihr Mais braucht 3 Monate, bis er erntereif ist, und weitere 3 Monate, bis er getrocknet und verkaufsbereit ist. Wenn sie die 18 000 F CFA in einer Tontine ausleiht, hat sie zwei Probleme. Erstens ist der Preis dafür sehr hoch (mindestens 5 % pro Monat), zweitens muss sie diesen Kredit schon nach 2 Monaten zurückzahlen, bevor der Mais überhaupt geerntet werden kann. Dies bedeutet, dass sie, um den ersten Kredit zurückzahlen zu können, einen anderen Kredit aufnehmen muss, welcher üblicherweise nur zu noch teureren Konditionen zu haben sein wird. Dies ist keine ideale Lösung. Bei der Kreditkooperative hingegen kann sie über die Bürgschaft ihrer Tontine einen Kredit von 18 000 F CFA haben. Dieser muss innerhalb von
6 Monaten in Raten zurückgezahlt werden. Jeden Monat bringt sie die Summe von 3000 F CFA (18 000 : 6) plus 1,8 % Zinsen in die Tontine. Auch bei dieser Lösung muss sie mit der Tilgung beginnen, ehe ihr der Gewinn aus dem Maisanbau zur Verfügung steht; da aber die monatlich zu bezahlende Summe gering ist, kann sie sie aus anderen Einkünften aufbringen.
Jede Tontine-Gruppe soll aber weiterhin mit ihren traditionellen Aktivitäten funktionieren, denn die Tatsache, dass die Kredite der Tontines für langfristige Investitionen nicht in Frage kommen, bedeutet nicht, dass sie für andere Zwecke nicht mehr in Betracht gezogen werden sollten. Im Gegenteil: Es kann, je nach Sektor, in dem man tätig ist, sinnvoll und klug sein, einen kurzfristigen, teuren Kredit aufzunehmen, um spekulative Geschäfte zu machen. Und in einem Kontext fehlender Liquidität und hoher Transaktionskosten ist es von Vorteil, auch kurzfristig wichtige Ausgaben decken zu können.
Jean-Marc Sika ist Finanzierungsspezialist und Leiter des Productive Credit and Women in Development Program (PCWID) der Stichting Nederlandse Vrijwilligers (SNV) in Bamenda, Kamerun.
Balz Strasser ist Agrarökonom und befasst sich zurzeit mit informellen Finanzinstitutionen und Linkage-Building in Kamerun. Er arbeitet und lebt in Zürich.
E-Mail: balz.strasser@bluewin.ch

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