E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 11, November 2000, S. 325 - 327)


Albert Tévoédjrè (geb. 1929)
Armut als Selbstbeschränkung auf das Notwendige

Jürgen Gräbener


Der Lehrer, Diplomat und Politiker Albert Tévoédjrè aus dem westafrikanischen Benin veröffentlichte 1977 sein viel beachtetes Buch "Armut - Reichtum der Völker", worin er die Selbstbeschränkung auf das Wesentliche als Paradigma der Entwicklung vorschlug. Dies geschah in einem Umfeld, in dem die Befriedigung der "Grundbedürfnisse" die entwicklungspolitische Diskussion beherrschte und auch die Weltbank sich dem Kurs der Armutsbekämpfung verschrieb.



I.

Politische Karriere, Berufsweg und Schriften des am 10. November 1929 in Porto Novo im heutigen Benin geborenen Albert Tévoédjrè begleiteten den Prozess der afrikanischen Unabhängigkeiten um 1960 bis zur neuen Anpassung der Nord-Süd-Beziehungen mit dem Ende des Ost-West-Konflikts und der Globalisierung als neuer Ideologie.

Er ging in Ouidah (Benin) und Dakar (Senegal) zur Schule, studierte in Frankreich, in der Schweiz und den USA, engagierte sich in der Föderation schwarzafrikanischer Studenten in Frankreich und im Mouvement Africain de Libération Nationale. Bis 1960 arbeitete er als Lehrer, wobei er sich auch gewerkschaftlich engagierte. In der ersten Regierung seines Landes - damals Dahomey - war er 1960-1962 Informationsminister, dann bis 1963 Generalsekretär der von Frankreich ins Leben gerufenen Union Africaine et Malgache. Auf ein Interim als Hochschullehrer in der Schweiz und in den USA folgten 1965-1983 leitende Funktionen im International Labour Office (ILO). Nach dem Scheitern seiner Kandidatur für das Amt des Generaldirektors des ILO schied er 1984 aus und widmete sich der Association Mondiale de Prospective Sociale, aus der auf seine Initiative 1987 das Centre Panafricain de Prospective Sociale entstand.

1990 war er Mitglied und Berichterstatter der Beniner Nationalkonferenz (Conférence des Forces Vives de la Nation), die als erste in einer von Frankreich angeregten Reihe den friedlichen Übergang der afrikanischen sozialistischen" Militärdiktaturen zur Demokratie einleitete. Er wurde Mitglied des Haut Conseil de la République, der als Übergangsparlament bis zu Wahlen fungierte, gründete eine eigene Partei, Notre Cause Commune, scheiterte 1991 bei den Präsidentschaftswahlen und war 1991-96 Abgeordneter. 1996-99 wurde er unter dem diesmal, mit Frankreichs Hilfe, demokratisch gewählten Präsidenten Kérékou (der schon bis 1990 Partei- und Staatschef der Volksrepublik Benin gewesen war) Minister für Plan, Wirtschaft und Arbeit.

Neben einer Reihe von Zeitschriftenbeiträgen begleiteten vier Monographien die politische und berufliche Entwicklung Tévoédjrès, von denen allerdings nur noch eine ("Armut, Reichtum der Völker") in Bibliotheken leicht zu finden ist.

In "Pan-Africanism in Action" resümierte er seine Erfahrung aus der Union Africaine et Malgache. Die Arbeit wurde für die Harvard Universität in einer Zeit geschrieben (1965), in der die US-Regierung gelegentlich die Sozialforschung amerikanischer Universitäten einsetzte, um zu Einsichten über informelle politische Perspektiven, Prozesse und künftige Entscheidungsträger in Entwicklungsländern zu gelangen. "La Pauvreté. Richesse des Peuples" (deutsch: Armut, Reichtum der Völker) entfaltete die Suche der siebziger Jahre zwischen New Age, New Economic Order und autozentrierter Entwicklung. "Mes certitudes d’espérance" versuchte Entwicklungsziele und Wege für den Süden aus dem Christentum zu begründen. "L’Afrique Révoltée" ist vom Buch- und Lesemarkt verschwunden, ohne wegweisende Spuren zu hinterlassen.


II.

Das1977 abgeschlossene und 1978 in Paris (später auch in englischer und deutscher Übersetzung) erschienene "La Pauvreté - Richesse des Peuples" bot keine neuen Konzepte, hat aber das Verdienst einer Gesamtdarstellung des Standes der entwicklungspolitischen Diskussion jener Jahre. Seine Doppelrolle als leitender Beamter einer internationalen Organisation (ILO) und als bewusster Afrikaner machte es dem Autor bisweilen nicht leicht, sich für Argumente zu entscheiden. So schöpfte er sowohl aus dem Wörterbuch des Anti-Imperialismus wie aus dem der Weltbank.

Tévoédjrè leitet seine Überlegungen einerseits aus der praktischen Erfahrung in internationalen Institutionen und in der Entwicklungspolitik Benins ab. Das erklärt das Zusammentragen von Politikideen, strategischen Überlegungen und konkreten Aktionsvorschlägen. Andererseits sucht er nach allgemeingültigen Quellen und geht dabei bisweilen sehr weit zurück.

Über Strecken liest sich das Buch wie Regierungs- und EZ-Programme: auf allgemeiner Ebene unwidersprochen, in der Praxis immer wieder an vielen Hindernissen scheiternd. Das gilt z. B. für seine Rezepte für wünschenswerte Entwicklung: "Grundeigentum und Zugang zu Land gerechter verteilen" (Pauvreté, 82), "die gegebenen Ressourcen besser nutzen; die (landwirtschaftliche) Produktion steigern und diversifizieren. Ernte-, Tranport- und Lagerverluste reduzieren" (ebd., 83 [Übersetzung aller Zitate J. Gr.] ).

Oder es klingt wie ein Handbuch für Dorfpromotoren: Vorzüge und Ertragsmöglichkeiten des Niembaums (Pauvreté, 85-87), angepasste Technologie, Dorfhandwerk, Biogas, Abfallrecycling, traditionelle Medizin, Rolle der Frau usw. (Pauvreté, 87-91, 126-129).

Bis zu Martin Heidegger ("Sein und Zeit") grub Tévoédjrè die Fundamente eines anderen Flügels seiner polymorphen Architektur: "Die Sprache ist das Haus des Seins. In ihr wohnend kommen wir zur Existenz". Allerdings zitiert er den Satz, als stamme er von J. Berque (Pauvreté, 47) und auch nur den ersten Teil, obwohl gerade der zweite Antwort auf die Frage gibt, wie denn die spezifische Existenz entstehen kann, nach der der Autor sucht, nämlich die "Konstruktion einer Nation" und "einer authentischen Kultur". Die Sprache der Kolonialmacht führe zu Entfremdung; sie sei Herrschaftsinstrument und verhindere eine Entwicklung aus der Gesellschaft selbst heraus (Pauvreté, 49). Sie sichere die nachhaltige Unterwerfung der Dritten Welt unter ein entfremdendes Wirtschaftsparadigma.

Tévoédjrès vier Bücher, auch sein Hauptwerk "Armut - Reichtum der Völker", entstanden vor dem Ende des Ost-West-Konflikts. Sie schöpften aus dem zeitgenössischen Theorienfundus im Spannungsfeld der New-Age-Debatte und aus der Suche nach einem eigenständigen Weg des Südens. Die Verknüpfungen wurden auch deutlich in den Vorworten zu "Armut" von Jan Tinbergen und Helder Camara. Auf vorbereitende Gespräche mit Ivan Illich wird mehrfach verwiesen. So erfahren die Argumente des Autors Unterstützung von weltweit anerkannten Autoritäten, brauchen sie aber vielleicht auch.

Zwei Jahrzehnte später, nach dem Ende des "Kalten Krieges" und der geopolitischen Neuordnung, ist es spannend, nachzuschauen, welche der von Tévoédjrè zusammengetragenen Werte, Analysen, Prognosen Bestand haben, im Keller der Geschichte verschwanden oder in die politische Praxis eingegangen sind.


Die Bescheidung
auf das Notwendige

Tévoédjrè schlägt ein Paradigma vor, das den weltgeschichtlichen Einschnitt von 1990 überdauert hat und in die politische Praxis eingegangen ist: die Bescheidung auf das Notwendige. "Das Elend verfolgt und bedroht uns, weil wir nicht die Armut wählten" (Pauvreté, 60). Sein Buch erschien zu einer Zeit, da das Thema der Grundbedürfnisbefriedigung" die entwicklungspolitische Diskussion beherrschte. 1973 hatte der Weltbank-Präsident Robert McNamara in seiner berühmten Nairobi-Rede die Bank auf den Kurs der Armutsbekämpfung gebracht, 1974 waren in der Cocoyoc-Erklärung der UNCTAD zum ersten Mal die Grundbedürfnisse als Basis von Entwicklung genannt worden, 1976 erschien das ILO-Aktionsprogramm "Beschäftigung, Wachstum und Grundbedürfnisse". In den 80er Jahren arbeitete im Bonner Entwicklungsministerium (BMZ) Karl Osner mit seiner Arbeitsgruppe ES 31 an Konzepten zur Armutsminderung und zur Partizipation, unter Beteiligung eines breiten Spektrums deutscher EZ-Einrichtungen.

Bei dieser Diskussion drohte aber ein Missverständnis, mit dem sich Tévoédjrè (Pauvreté, 26) auseinandersetzte: Selbstbescheidung auf das Notwendige einerseits, Elend andererseits müssen deutlich getrennt werden, um Wege zur Überwindung des Elends zu finden.

Das Paradigma der Armut als Selbstbeschränkung auf das Notwendige führt zur Forderung nach einer "neuen Theorie der Volkswirtschaft" (Pauvreté, 69). Eine solche Theorie hätte induktiv vorzugehen und sich am Wohlergehen von Gruppen zu orientieren. "Eine Gesellschaftsordnung des kargen (frugal) Miteinander in gemeinsamer, selbstbezogener Entwicklung; die Mobilisierung der Energie von Völkern für die eigene Zukunft; die Grundbedürfnisse einer mit sich selbst solidarischen Gesellschaft befriedigen: das sind für mich die Eckpfeiler einer neuen Wirtschaftsordnung" (Pauvreté, 100). Tévoédjrè verweist auf das damals in den Vereinten Nationen gerade abgesegnete Ziel einer Neuen Weltwirtschaftsordnung. Die Ableitung seiner Begründung von Aristoteles, Ibn Khaldun, Francis Bacon, Toynbee, Hegel und Schopenhauer - freilich auch von Raoul Prebisch und Samir Amin - demonstriert Belesenheit. Sie befremdet aber auch im Kontext der Suche nach einer Wirtschaftstheorie, die den Wirklichkeiten der südlichen Hemisphäre in der Gegenwart gerecht wird und die "Fern-" bzw. "Außensteuerung" nachdrücklich verwirft.

Mit der Forderung (Pauvreté, 170-171), im Rahmen der Hilfe die Selbsthilfe zu ermutigen hinkt er hinter der auch in den 70er Jahren schon geübten Praxis her. Anderseits unterscheidet er nicht zwischen langfristigen, strukturellen Defiziten (u. a. im Sahel) und den kurzfristig aus Naturkatastrophen und Kriegen entstandenen. Und er entzieht sich der heiklen Frage nach dem Absatz von Agrarüberschüssen insbesondere der EU und nach den Wirkungen von deren Weiterleitung nach Afrika auf Produzenten und Märkte dort.

Ohne den Begriff zu benutzen, lobt Tévoédjrè (Pauvreté, 132-134) das sozialistische Modell der UdRSS und ihrer Satelliten sowie Tansanias und Chinas. Er zitiert aus der von Julius Nyerere entworfenen Arusha-Erklärung die vier Pfeiler der Entwicklung: Volk, Boden, gerechte Politik und good governance. Und er zitiert François Perroux, der 1956 den Sieg der Armen im Sozialismus weltweit prophezeite. Tévoédjrè warnt allerdings auch vor der Korruption, die er als Bruch des contrat social bestimmt.

Das Ende des sozialistischen Modells braucht hier nicht dargestellt zu werden. Aus der gerechten Politik ist inzwischen die Rechtsstaatlichkeit geworden, die zusammen mit der good governance zunächst in die Kriterien, später in den Aufgabenkatalog auch der deutschen Entwicklungszusammenarbeit einging.

Aus der Welt der Globalisierung und des freien Kapitaltransfers als Bedingung für Wachstum kaum noch nachvollziehbar, glaubt Tévoédjrè, Kapital weitgehend durch den Faktor Arbeit substituieren zu können: "In einer strikten Wirtschaft wäre die vorlaufende Kapitalakkumulation kein entscheidender Faktor mehr für die Entwicklung der Produktivkräfte" (Pauvreté, 90). Zur Illustration dienen die kleinen und mittleren Unternehmen in China (beobachtet 1976), ohne Erklärung der theoretisch "kapitallosen" Herkunft von Infrastruktur, Geräten, Gebäuden, Energie, ohne die auch eine "angepasste" Produktion in kleinen Unternehmen kaum auskommen kann.

Tévoédjrè denkt in Kategorien des Nationalstaates und seiner regionalen und globalen Einknüpfungen. Speziell in Afrika südlich der Sahara muss der so konzipierte Staat bis heute immer wieder um sein Überleben kämpfen. Mit Fortschreiten der Dezentralisierung und dem Heranwachsen von Institutionen der Zivilgesellschaft wird seine Rolle weniger beherrschend und vielleicht auch weniger exponiert. Welche Folgen dieser Prozess auf die Kommunikation Nord-Süd haben wird, ist nicht abzusehen. Sicherlich wird sie vielschichtiger. Tévoédjrè fordert statt des konventionellen Transfers von Wissen und Technologie die "schöpferische Autonomie des Volkes in einem neu ausgewogenen internationalen Austausch" (Pauvreté, 185). Diese Kreativität werden nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte allerdings vor allem der private Sektor, Verbände und Gebietskörperschaften an Hand konkreter Herausforderungen entwickeln müssen.

Tévoédjrè setzt sich immer wieder mit der Frage auseinander, wie ein Gegengewicht zum Staat entstehen könne. Wohl auf dem Hintergrund seiner Berufserfahrungen im ILO räumt er den Gewerkschaften eine besondere Rolle ein (Pauvreté 158). Aus dem, was er damals außerordentlich diffus als "groupements" beschrieb, sind inzwischen die Institutionen der Zivilgesellschaft geworden. Dieser Begriff gewann im letzten Jahrzehnt für die EZ zunehmend Gestalt im Zusammenhang der Operationalisierung zweier anderer Konzepte: des demokratischen Prozesses und der Dezentralisierung. Rückblickend kann er helfen, eine ganze Reihe früherer Überlegungen neu zu ordnen. Der Staat entwickelt sich auch in der südlichen Hemisphäre vom einsam-mächtigen Ordnungspol, der nachgeordnete Instanzen mit Rechten, Pflichten und Privilegien (deacto oder de jure recht beliebig widerrufbar) belehnen kann, zu einem Partner mit klarerem Profil und deutlichen Kompetenzgrenzen.

Tévoédjrè sah damals, was wir auch heute noch sehen: die Gefahr, dass sich zentralistische Staaten Gewerkschaften aneignen - selbst wenn die Zeit der Einheitsgewerkschaften abgelaufen ist - oder dass Gewerkschaften zu Hütern der Privilegien gesellschaftlicher Gruppen missraten. Die Forderung, Gewerkschaften sollten das Entstehen von ländlichen Genossenschaften und Bauernverbänden inspirieren (Pauvreté, 159), hat sich in der gesellschaftspolitischen Praxis nicht halten können. Dagegen bestehen zwei andere Feststellungen uneingeschränkt fort: Gewerkschaften werden von vielen Regierungen nicht als Partner verstanden, sondern als Bedrohung, und sie beschränken sich all zu oft auf Reaktionen und kurzfristige aktuelle Forderungen, statt sich an der Debatte um gesellschafts- und wirtschaftspolitische Ziele und Wege zu beteiligen.

Neben der Armut als bewusster Selbstbescheidung spielt in Tévoédjrès Überlegungen folgerichtig die Solidarität eine Schlüsselrolle. Einmal als Solidarität unter Gleichen: "mit sich selbst solidarisch" sein (Pauvreté, 100), meist jedoch als undefiniertes Füreinander von Menschen, Gruppen oder Staaten. Dabei möchte er die internationale Solidarität nicht nur von Nationalstaaten getragen sehen, sondern von den "Völkern selbst" und den "oft unterdrückten Massen" (Pauvreté, 151). Horizontale Beziehungen sollen die Solidarität stärken, und sie dürfe sich nicht auf den Bereich der Wirtschaft beschränken.

Wir wissen inzwischen aus dem Ringen um Europa, wie stark Werte und politischer Wille von Staaten bzw. Regierungen einerseits und von Bevölkerungen andererseits (die z. B. über Volksbefragungen an Entscheidungen beteiligt werden) von einander abweichen können. Und welcher europäische Durchschnittsbürger wüsste genug über Afrika, Asien oder Lateinamerika, um sachkundig am Gespräch z. B. über europäisch-afrikanische Solidarität teilzunehmen und sie bewusst mit zu tragen?

Wir müssen heute im Norden wie im Süden die Folgen einer politisch begründeten und im damaligen Kontext kostengünstigen Pseudosolidarität ausbaden: die demonstrativ offenen Arme für unsere Brüder im Osten oder in Afrika sind hinter die Mauern der Festung Europa gesunken. Internationale Solidarität bedeutet heute in Gestalt der EZ auch eine Investition, damit jede(r) dort bleiben kann und bleiben mag, wo er/sie hingehört. Als Struktur für die Übung - oder je nach Fall auch erst einmal für die Schaffung - von Solidarität sieht Tévoédjrè internationale Organisationen. Als langjähriger Beamter einer von ihnen (ILO) erhofft er sich sehr viel von ihnen, insbesondere im Rahmen des UN-Systems: Interventionstruppen, Entwicklung globaler Zukunftskonzepte, praktische EZ. Ein volles Kapitel ist der Auseinandersetzung USA - ILO in der zweiten Hälfte der 70er Jahre gewidmet. Inzwischen hat die internationale Gemeinschaft eine ganze Reihe von Kriegen geführt, führt sie noch oder marschiert zwischen Konfliktparteien auf. Die Ergebnisse ermutigen nicht, solche Operationen zum Standard zu erheben.

Tévoédjrè schlägt vor (Pauvreté, 167), dass vor allem kleinere Länder dem Beispiel Costa Ricas folgen, die Streitkräfte abschaffen und die internationale Gemeinschaft im Konfliktfall um Schutz bitten. Unter ethischen Gesichtspunkten ist dies sicher eine attraktive Perspektive. Aber - abgesehen von den schwierigen militärischen, diplomatischen, finanziellen Erfahrungen insbesondere des letzten Jahrzehnts, die er freilich nicht voraussehen konnte - er diskutiert nicht die Funktionen der Streitkräfte, auf die viele Politiker gerade kleiner Länder zu seiner Zeit und bis heute nicht verzichten wollen: interne Repression, Umleitung interner Konflikte nach außen, Bedienung einer macht-, status- und geldhungrigen Klientel. Solche Ziele können Politiker nur mit eigenen Streitkräften effizient verfolgen und deshalb können sie natürlich auf den Vorschlag der Abschaffung der Streitkräfte nicht eingehen. Der heutige Anteil Afrikas am Gesamtaufkommen unserer Erde an Bürger- und Nachbarschaftskriegen und am Weltwaffengeschäft belegt furchtbar, wie irreal Tévoédjrès Ideen und Hoffnungen waren.

Der Autor setzt sich mit dem in den 70er Jahren noch vorherrschenden Entwicklungsindikator des Brutto-Inlandsprodukts (BIP) auseinander und verweist demgegenüber auf die Überlegungen des US Overseas Development Council (Pauvreté, 101 ff.), mit Hilfe von drei zusätzlichen Indikatoren (Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, Alphabetisierung) zu einer nicht nur ökonomischen Beschreibung des Fortschrittes von Gesellschaften zu gelangen. Inzwischen ist mit dem Human Development Index des UNDP ein gro- ßer Schritt gelungen. Die seit Rio angestellten Versuche, die Umweltbelastung in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung aufzunehmen, lagen zwar damals noch jenseits des Horizonts der allgemeinen Diskussion, ergänzen aber die Forderungen des Autors aus heutiger Sicht.


III.

Tévoédjrè bietet uns die Möglichkeit, im Rückblick zu sehen, was von den Gedanken und Hoffnungen aus der Zeit zwischen der Unabhängigkeitswelle des Südens um 1960 und der Wende von 1990 von der Entwicklung überholt wurde, was eingelöst oder selbstverständlich wurde und was schließlich als Utopie oder als politische Forderung fortbesteht. In diese letzte Gruppe gehört die in beiden Hemisphären differenzierter und intensiver gewordene Forderung nach Selbstbescheidung, wie sie sich auch in dem so wichtig gewordenen Begriff der Nachhaltigkeit widerspiegelt.

Oft gefällt sich Tévoédjrè allerdings auch im Stil der Moralpredigt, die diffuse Emotionen anspricht: "Wenn an der Macht zu bleiben bedeutet, nicht zwei Nächte nacheinander unter dem gleichen Dach zu schlafen und zu zittern, wann immer ein Hund bellt; wenn die Praxis der Macht heißt, die anderen mit dem Feuer zu zerstören und sich selbst zerstören zu lassen: wo liegt dann der Wert des Unterfangens? Ich behaupte, dass die Schaffung einer Armutsgesellschaft Antwort auf die Tragödie einer Gesellschaft bringt, in der die Macht selbst das Beispiel gibt. Denn die Völker folgen dem Beispiel ihrer Führer" (Pauvreté, 136). In der gesellschaftlichen Praxis soll sich dieser moralische Anspruch niederschlagen in einer kooperativen Republik (Pauvreté, 136 ff.), die die Gefahr zentralstaatlicher Bürokratie banne. In einer solchen Republik werde Reichtum und Armut geteilt und die Gleichheit der Menschen im Sein (égalité ontologique) könne Wurzeln schlagen. Dies wird sicher noch für lange Zeit eine Utopie bleiben.


Schriften von Albert Tévoédjrè
- 1958: L’Afrique révoltée. Paris, Présence Africaine
- 1965: Pan-Africanism in Action. An account of the U.A.M ( Union Africaine et Malgache). Cambridge (MA), Harvard University Center for International Affairs
- 1977: La pauvreté - richesse des peuples. Paris, Editions ouvrières, 207 S. (deutsch: Armut - Reichtum der Völker. Wuppertal, Jugenddienst-Verlag 1980, 214 S.)
- 1979: Schlussbericht des Symposiums über die Aussichten für die zukünftige Entwicklung Afrikas bis zum Jahr 2000, in: Neue Entwicklungspolitik (Wien), Jg. 5, Nr. 3
- 1980: Employment, Human Needs and the NIEO, in: Jorge A. Lozoya, Haydee Birgin (Hg.): Social and Cultural Issues of the New International Economic Order. New York, Pergamon, S.1-28
- 1984: Mes certitudes d’espérance. Paris, Editions ouvrières, 136 S.
- 1990: Menschenrechte, Demokratie und Entwicklung, in: epd Entwicklungspolitik (Frankfurt/M., April


Dr. Jürgen Gräbener, Soziologe, langjähriger Mitarbeiter deutscher EZ-Organisationen in Afrika und Lateinamerika, ist zur Zeit für die GTZ als Umweltberater in Madagaskar tätig.
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