E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 11, November 2000, S. 304 - 307)


Die Ökonomie des Archipels und das versunkene Land
Die Struktur von Wirtschaftsräumen im Informationszeitalter

Wolfgang Hein


Der post-fordistische Globalisierungsprozess der vergangenen Jahrzehnte hat nicht nur zu einer weitreichenden Reorganisierung der Produktion geführt, sondern auch zu einer dramatischen Ver- änderung der räumlichen Strukturen der Weltwirtschaft. "Raumüberspringende" Ströme von Kommunikation und Ferntransporten haben netzwerkähnliche Beziehungen zwischen global verstreuten Produktionsstandorten und wenigen "Global cities" als Zentren von Finanzdienstleistungen, Forschung und Konzernzentralen entstehen lassen. Damit verbunden ist eine zunehmende Polarisierung zwischen den reicher werdenden Gewinnern der Globalisierung an den Knotenpunkten und der von sozialer und ökonomischer Exklusion betroffenen Bevölkerung in den Netzwerkzwischenräumen. Der Begriff der "Ökonomie des Archipels" des französischen Ökonomen Pierre Veltz dient Wolfgang Hein als Ausgangspunkt für eine Analyse der Chancen marginalisierter Räume.



Die neuen netzwerkähnlichen Strukturen der Weltwirtschaft sind in zahlreichen Forschungsarbeiten untersucht worden, die sich allerdings weitgehend auf eine Analyse der Knotenpunkte konzentrieren. Darin geht es vor allem um die "global cities" (Friedmann/Wolff 1982, Sassen 1991, Mayer 1997) und um die Bedeutung industrieller Distrikte bzw. "Clusters" (räumliche Agglomerationen von Unternehmen der gleichen oder eng verwandter Branchen), deren Wettbewerbsfähigkeit auf der Kooperation einer Vielzahl lokaler Betriebe und Institutionen im Rahmen der jeweiligen industriellen Branche und auf übergreifenden systemischen Voraussetzungen beruht (Piore/Sabel 1984, Altenburg 1996, Scott 1997; zum Konzept der systemischen Wettbewerbsfähigkeit vor allem Eßer u. a. 1996). Auch neue, übergreifende Ansätze zur Raumökonomie und -geographie (Storper 1997, Fujita/Krugman/Venables 1999; Benko/Lipietz 2000) beschäftigen sich praktisch ausschließlich mit der Transformation der Entwicklungsvoraussetzungen von Zentren und kaum oder gar nicht mit der Problematik der im Rahmen dieser Netzwerkentwicklung marginalisierten Zwischenräume (vgl. zusammenfassend Hein 2000).

Exklusion, Marginalisierung, Verarmung als Gegenpol zur erfolgreichen Entwicklung durch Globalisierung ist zwar auch ein allgegenwärtiges Thema, etwa in der monumentalen Studie von Manuel Castells zum Informationszeitalter (Castells 1996-98) - doch kaum jemals wird die Struktur der marginalisierten Räume in Bezug zum Netzwerk und dessen Knotenpunkten so genau und differenziert analysiert, dass sich daraus Perspektiven ihrer Re-Integration ableiten ließen. Wenn räumliche Ungleichgewichte als Folge der Globalisierung analysiert werden, dann meist auf der Ebene nationaler Ökonomien, was angesichts der Verfügbarkeit von Daten nachvollziehbar ist, aber den Tendenzen der aktuellen Entwicklung von Raumstrukturen nicht gerecht wird. In anderen Fällen tritt der Aspekt interregionaler Raumbeziehungen hinter die sozial-ökologische Analyse der Verwundbarkeit (vulnerability) von Regionen bzw. von Bevölkerungsgruppen zurück.

Verständlicherweise ist es das Ziel regionaler Entwicklungsstrategien, Marginalisierung durch die dynamische Entwicklung der jeweiligen Region im Sinne von systemischer Wettbewerbsfähigkeit im weitesten Sinne zu überwinden (etwa durch die Förderung wettbewerbsfähiger industrieller Cluster) und die Region zumindest zu einem untergeordneten Knotenpunkt im globalen Netz zu machen. Global gesehen, zeichnen sich dabei allerdings zwei ganz zentrale Probleme ab:

(1) Es gibt keine Netzwerke ohne Zwischenräume. Die Konzentration wirtschaftlicher Aktivitäten auf Knotenpunkte bringt eine Ausdünnung wirtschaftlicher Kapazitäten anderswo mit sich, wenn auch keineswegs notwendigerweise als Nullsummenspiel. Eine flächendeckende Entwicklung peripherer Räume (etwa im Inneren Afrikas) durch - in welchen Branchen auch immer - international wettbewerbsfähige Cluster ist auch mittelfristig sehr unwahrscheinlich. Was geschieht aber mit Zwischenräumen, die zumindest kurzfristig keine Chance haben, "systemisch wettbewerbsfähig" zu werden?

(2) Selbst wenn es ökonomisch möglich wäre, die Erde mit einem dichten Netz von Knotenpunkten moderner Industrien und Dienstleistungen zu überziehen - ist das langfristig überhaupt ökologisch möglich? Ist es nicht im Sinne des Diskurses über nachhaltige Entwicklung durchaus wünschenswert, ökonomisch wenig genutzte Räume aus globalen Wachstumsprozessen herauszuhalten?


1. Zum Konzept der
"Archipelökonomie":
Netzförmige statt
zonale Strukturen

Im Gegensatz zu den genannten Studien hat das Konzept der Ökonomie des Archipels, das Pierre Veltz (1996) im Rahmen einer Analyse der Transformation von Raumstrukturen in Frankreich entwickelte, den Vorteil, dass es sofort beide Aspekte - Knotenpunkte wie Marginalisierung von Räumen - ins Auge fallen lässt. Mit dem Bild einer Inselgruppe von wichtigen Standorten, zwischen denen andere Regionen an Bedeutung verlieren, sozusagen im Meer zwischen den Inseln versinken, bietet Veltz einen konzeptionell geschlossenen Ansatz zur Erfassung der entstehenden post-fordistischen Raumstruktur und der Wechselbeziehung zwischen weltweiter Integration von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen einerseits und der Exklusion großer Räume, die sozusagen durch die Maschen der Netzwerke "hindurchfallen", andererseits. Auch in Veltz’ Arbeit geht es um die Erklärung einer neuen Struktur der wirtschaftlichen Zentren, aber sie bietet Ansatzpunkte zum Weiterdenken.

Das Konzept der Archipelisierung (anknüpfend an die Société d’Archipel von Jean Viard, 1994) wird anhand der Veränderung der Raumstrukturen in Frankreich seit den 1940er Jahren erläutert. Ein den gesamten Raum einbeziehendes Mosaik von Zonen im Sinne einer Zentrum-Peripherie-Struktur wird durch Netze ersetzt, deren Knotenpunkte eine Reihe von Polen wirtschaftlicher Entwicklung bilden, die stärker untereinander als mit ihrer unmittelbaren Umgebung verknüpft sind.

Veltz zeigt, dass während der 1980er Jahre die regionalen Einkommensunterschiede (nach einer Periode der Angleichung in den Jahrzehnten zuvor) fast überall in den Industrieländern deutlich zugenommen haben. Dabei sind allerdings Prozesse der Homogenisierung in Bezug auf die Gesamtverteilung der Wachstumspole im Raum erkennbar, während es gleichzeitig zu einer Fraktionierung im Kleinen kommt. Am Beispiel von drei Branchen (Agroindustrie, pharmazeutische Industrie, Automobilindustrie) wird deutlich gemacht, dass sich zunehmend branchenspezifische Kriterien in Bezug auf optimale Produktionsstandorte, aber auch auf Vermarktungsstrategien durchsetzen und damit eine branchenübergreifende Strukturierung des Raumes (etwa: Industriegebiete vs. ländliche Räume) abgebaut wird. In einem kürzlich erschienenen Versuch einer wirtschaftstheoretischen Grundlegung zur Spatial Economy kommen Fujita/Krugman/Venables (1999) zu dem Ergebnis, dass Handelsliberalisierung das Entstehen neuer Zentren in Grenzregionen und damit ein neues Muster von Konzentrations- und Dekonzentrationsprozessen begünstigt.

Im Gegensatz zu diesen Homogenisierungstendenzen lässt sich, so Veltz, eine z.T. erhebliche Verstärkung der sog. Mikro-Ungleichheiten beobachten, d. h. einer Tendenz zur Homogenisierung im Hinblick auf das gesamte Territorium stehen Tendenzen zur Fraktionierung im kleinen Maßstab gegenüber; extremer Reichtum finde sich häufig Seite an Seite mit extremer Armut. Veltz vermutet, dass in zunehmendem Maße "fraktale Strukturen" entstehen, d. h. dass sich vergleichbare Strukturen der Ungleichheit auf allen Ebenen wiederholen - von der globalen bis zur lokalen Ebene. Zentren und Peripherien durchdringen einander, die neuen Peripherien, die Zwischenräume zwischen den "Inseln des Archipels", werden zunehmend abgekoppelt und hören damit eigentlich auf, Peripherien im Sinne der traditionellen Beziehung zwischen komplementären Räumen zu sein (ebd. S. 55-58). Wachstumseffekte werden so von Knotenpunkt zu Knotenpunkt wie zwischen den Gliedern einer Kette (sozusagen horizontal) übertragen und nicht mehr "vertikal" von einem Entwicklungspol in das Hinterland hinein.

Aus einem zonal strukturierten Raum wird ein Raum, der durch eine Inselgruppe von hochproduktiven Standorten bei gleichzeitiger Marginalisierung der dazwischen liegenden Räume gekennzeichnet ist. Eine raumüberspringende Infrastruktur ist typisch für eine solche Struktur. Die betrifft den Flugverkehr allemal, aber auch Verkehrsmittel wie den ICE und den Transrapid, die die produktiven Inseln miteinander verbinden, die dazwischenliegenden Räume aber lediglich durchschneiden ("Tunneleffekt").

Es wird deutlich, dass Veltz mit seiner "Archipelwirtschaft" in einigen zentralen Aspekten den räumlichen Transformationsprozess der Weltwirtschaft durchaus ähnlich beschreibt wie der "Global-city"-Ansatz. Die Mobilisierung von Ressourcen im Rahmen einer differenzierten globalen Arbeitsteilung und durch globalen Wettbewerb hat neue Formen verschärfter räumlicher und sozialer Differenzierung zwischen netzwerkartig strukturierten Knotenpunkten und (tendenziell) marginalisierten Zwischenräumen mit sich gebracht, die empirisch zwar bisher nur in einzelnen Aspekten einigermaßen befriedigend analysiert worden sind, deren Grundstruktur aber doch theoretisch recht überzeugend begründet worden ist.


2. Zur differenzierteren
Betrachtung netzwerkartiger
Raumstrukturen

Veltz entwickelt in seinem Buch kein differenziertes theoretisches Konzept. Einige weiterführende Thesen zu den Entwicklungsperspektiven des "versunkenen Landes" liegen allerdings nahe, wenn man die Grundidee des skizzierten Ansatzes mit anderen Überlegungen zur Transformation räumlicher Strukturen durch den Globalisierungsprozess verknüpft:

1. Die Komplexität der Raumstrukturen ergibt sich daraus, dass es sich ja nicht nur um ein großes Netzwerk handelt, sondern um eine beträchtliche Zahl sich überlagernder Netzwerke. Diese überlappen sich zwar räumlich sehr stark (und verursachen daher auch Konzentration und Marginalisierung), aber doch nicht in vollständig kongruenter Weise. Als Resultat ergeben sich trotz der generellen Polarisierungstendenzen recht vielfältige Raumstrukturen, die durchaus auch in eher peripheren Räumen Ansätze für Entwicklung bieten. Zu unterscheiden ist etwa zwischen den Netzwerken der "Global cities" als Schaltzentralen der weltweiten ökonomischen und politischen Beziehungen einerseits und den Netzwerken der "industrial districts" andererseits, wobei auch bei letzteren noch einmal zwischen verbundenen, aber relativ autonomen "clusters" und sog. "satellite clusters", die vor allem als Standorte von Lohnveredlungsindustrien entstanden sind, zu differenzieren ist. Schließlich ist zu bedenken, dass auch moderne, weltmarktorientierte Agrarregionen keineswegs außerhalb globaler Netzwerke liegen.

2. Neue Technologien (Kommunikation, Wettbewerbsfähigkeit kleinerer Serien etc.) verbessern auch Modernisierungschancen an peripheren Standorten, so etwa durch den Zugang zu Information im Internet und die Möglichkeit der weltweiten Kommunikation auch von periphersten Standorten aus - wobei allerdings der Zugang zum Telefonnetz eine limitierende Bedingung darstellt. Eine Reihe traditionell entwicklungslimitierender Faktoren peripherer Regionen können also durch neue Technologien aufgehoben werden.

3. Die Dichte der Netzwerkstrukturen ist offenbar eine zentrale Determinante für das Potenzial, neue industrielle Cluster zu entwickeln. In den Industrieländern sind diese Strukturen sehr viel dichter geknüpft und lassen flächenmäßig sehr viel kleinere (und leichter zu überbrückende) Zwischenräume. Hier wird es vor allem darum gehen, dass sich bestehende Zentren "am Leben erhalten", an die Erfordernisse neuer Technologien anpassen oder auch selbst zu Innovationszentren werden. Für die Zwischenräume, die sich durch landwirtschaftliche Strukturveränderungen transformieren, könnte die Option Naturschutz plus Tourismus durchaus realistisch sein, während diese Option für die "Nicht-Entwicklung" großer marginalisierter Räume im Süden nur in ganz spezifischen Fällen (Vorlaufer 1997) möglich erscheint.

4. Die Interaktion zwischen Spezifika der Regionalgesellschaft und Netzwerkstrukturen ist gerade in peripheren Regionen, in denen prämoderne, vor allem subsistenzwirtschaftliche Strukturen noch eine wesentliche Rolle spielen, von zentraler Bedeutung. Jörg-Meyer Stamer (1999) verweist auf die Rolle dieser Beziehung für die Entwicklung sog. Überlebenscluster und deren Potenzial zur Transformation in moderne Formen kleingewerblicher Cluster (Altenburg/Meyer-Stamer 1999). Derartige Charakteristika spielen aber auch für die weiteren Entwicklungsperspektiven bereits existierender kleinindustrieller Cluster eine nicht zu unterschätzende Rolle (etwa: Bedeutung kultureller Faktoren, Entwicklung von Konsummustern, Sparverhalten usw.)

5. Das von Veltz in diesen Diskussionszusammenhang eingeführte Konzept der fraktalen Strukturen hat offensichtlich seine Grenzen: Netzwerkzwischenräume in Deutschland und im subsaharischen Afrika sind kaum miteinander vergleichbar. Die Richtung transnationaler Migration von den Netzwerkzwischenräumen im Süden in die Netzwerkzwischenräume der Global-City-Regionen verdeutlicht dies. Gesellschaften entwickeln sich nicht mit mathematischer Logik; mathematische Repräsentationen können nur Hilfsmittel sein, um einzelne Grundmuster zu verstehen. Unterschiedliche historische Voraussetzungen implizieren jeweils andere Entwicklungschancen oder -hindernisse; Innovationen als Ergebnis gesellschaftlicher Reaktionen auf Probleme bzw. Konflikte bringen immer wieder neue Differenzierungen mit sich.

Die Beziehungen zwischen den verschiedenen Typen von Knotenpunkten untereinander, aber auch zwischen den Knotenpunkten und den Netzwerkzwischenräumen sind offenbar von sehr unterschiedlichem Charakter - je nachdem, auf welcher räumlichen Ebene (global, regional oder lokal) und in welchen Teilen der Welt sie angesiedelt sind. Dies schafft durchaus Potenziale, Marginalisierungsprozesse zu überwinden - allerdings jeweils sehr spezifische entsprechend den lokalen und regionalen lagebedingten und gesellschaftlichen Voraussetzungen.


3. Strategieansätze - Potenzial
zur Entwicklung marginalisierter
Räume in der Dritten Welt

Häufig leiden Strategiediskussionen daran, dass sie nicht primär von einer Analyse aktueller Situationen und Entwickungstendenzen her geführt werden, sondern von normativen Zielvorstellungen ausgehen, die, polemisch gesagt, eine Liste von allem Schönen und Guten darstellen. Das Archipel-Konzept reflektiert die räumliche Entwicklungsdynamik des post-fordistischen Globalisierungsprozesses. Globalisiertes Wachstum bei gleichzeitig wachsender sozialräumlicher Polarisierung ist eines der zentralen gesellschaftlichen Probleme post-fordistischer Akkumulation.

Versteht man gesellschaftliche Regulation als "die Art und Weise, in der sich das Kapitalverhältnis trotz und wegen seines konfliktorischen und widersprüchlichen Charakters reproduziert" (Lipietz 1985, S.109), dann stellt dieser Polarisierungsprozess offenbar einen der zentralen Konflikte dar, den post-fordistische Regulation bewältigen und mit Strategien der ökologischen Nachhaltigkeit vermitteln muss - wohlbemerkt, "Regulation" als Modus gesellschaftlicher Selbststeuerung, nicht als intentionale politische Regulierung. In dem Konzept einer breiten Entwicklung von Klein- und Kleinstunternehmen als autonomer, aber auch politisch geförderter Strategie des Überlebens und der Einkommensverbesserung verbindet sich Einkommensschaffung mit der Mobilisierung neuer Ressourcen für den Akkumulationsprozess (Humanressourcen, aber auch die Ressource "Raum"); dies kann als kohärentes Element postfordistischer Regulation angesehen werden. Die gleichzeitige Förderung einer solchen Entwicklung durch NRO-Netzwerke ebenso wie durch die Weltbank entspricht einer solchen Interpretation (Hein 2000a). Auf diesem Hintergrund lassen sich drei Strategieansätze diskutieren:

1. Förderung neuer lokaler Knotenpunkte: Zunächst einmal liegt der Versuch nahe, durch die Förderung wirtschaftlicher Aktivitäten neue, kleinere Knotenpunkte der Entwicklung zu fördern, "versunkene" Gebiete dabei zu unterstützen, als neue Inseln "wiederaufzutauchen". "Cluster" von Klein- und Kleinstunternehmen lassen sich inzwischen in vielen Teilen des Südens auffinden; sie produzieren häufig billige Konsumgüter niedriger Qualität für den lokalen Markt, meist (zumindest ursprünglich) nicht mit dem Ziel, ein Unternehmen aufzubauen, sondern ein Einkommen zu erzielen, das zum Überleben reicht (daher auch die Bezeichnung "survival cluster"); sie sind weitestgehend dem informellen Sektor zuzurechnen. Trotz ihrer prekären ökonomischen und politischen Situation haben sich viele von ihnen als überlebensfähig und einige auch als entwicklungsfähig erwiesen. Letzteres ist allerdings fast immer abhängig von externer Unterstützung zur Förderung der Wettbewerbsfähigkeit und von einem insgesamt günstigen Umfeld, das evtl. auch die Ankopplung an Cluster größerer Unternehmen ermöglicht, die im Bereich einer differenzierteren Massenproduktion tätig sind (Altenburg/Meyer-Stamer 1999).

In den Arbeiten zu Cluster und systemischer Wettbewerbsfähigkeit werden Möglichkeiten deutlich, wenigstens Ansätze systemischer Wettbewerbsfähigkeit auch in recht peripheren Regionen zu entwickeln, wie schwierig es häufig auch sein mag, die in vielen Bereichen fehlenden Voraussetzungen sich entwickeln zu lassen (vgl. Meyer-Stamer 1999 zur einer Kleinstadtregion in Süd-Brasilien, ferner Beispiele zu Indonesien und dem subsaharischen Afrika in World Development Nr. 9/1999). Es erscheinen hiermit also Möglichkeiten am Horizont, durch das Entstehen kleinster Netzknotenpunkte die Netze der Akkumulation enger zu knüpfen.

Der Cluster-Ansatz analysiert die Ursachen des Erfolgs, die geleisteten Anpassungsprozesse usw., nicht jedoch - und das ist meine zentrale Kritik an diesem Ansatz - die Bedeutung des Clusters für einen größeren sozioökonomischen Raum: Die Orientierung der Cluster-Analyse passt sich sozusagen der Archipelstruktur der Ökonomie an: Analysiert werden Cluster bzw. industrial districts als Inseln wirtschaftlicher Entwicklung; Entwicklung erscheint als "Cluster-Förderung", nicht als ein wie auch immer definierter Fortschritt einer Gesellschaft. Die Zwischenräume zwischen den Inseln werden nur interessant, wenn es gelingt, sie selbst zu Clustern wirtschaftlicher Entwicklung zu machen; die Frage, welche Auswirkungen nun die erfolgreiche Entwicklung eines Clusters auf Wirtschaftskreisläufe mit Umlandregionen, auf die Einkommensverteilung zwischen industrial district und Umland oder innerhalb der Industrieregion selbst hat, wird nicht untersucht.

2. Überlebens- und Entwicklungsmöglichkeiten in den Netzwerkzwischenräumen ("endogene Entwicklung"): Robert Kappel stellt den Cluster-Ansatz in den Zusammenhang einer weit zurückreichenden Diskussion über endogene Entwicklung (Kappel 1999). Er betont nicht primär die Wettbewerbsfähigkeit der Cluster im globalen Umfeld, sondern die Bedeutung der Ankopplung der urbanen Standorte an die ländliche Entwicklung. Als Folgen von linkages durch die Lieferung von Inputs, von Vorprodukten und Dienstleistungen in die Landwirtschaft und die Weiterverarbeitung sowie durch die Organisation von Vermarktung und Export für landwirtschaftliche Produkte können sich im urbanen Bereich agroindustrielle Cluster bilden, die gleichzeitig aber auch die Marginalisierung landwirtschaftlicher Regionen verhindern können. Dies kann bedeuten, dass ländliche Regionen über die agroindustriellen Cluster mit globalen Netzen verbunden werden, aber auch, dass sich in marginalisierten Regionen relativ kleinräumige gesellschaftliche Zusammenhänge verstärken, die sich als weitgehend resistent gegen den Transformationsdruck einer sich globalisierenden Arbeitsteilung erweisen können.

Aber auch dies erscheint im Hinblick auf die Überwindung von absoluter Verarmung in extrem marginalisierten ländlichen Regionen schwierig. Theo Rauch (1996) hat die Perspektiven ländlicher Regionalentwicklung im "Spannungsfeld zwischen Weltmarkt, Staatsmacht und kleinbäuerlichen Strategien" umfassend analysiert. Auch wenn er in seiner Arbeit (obwohl unter Berücksichtigung von Weltmarkt als Rahmenbedingung) die Dynamik postfordistischer Globalisierung nicht berücksichtigt, ist sein Leitgedanke für die ärmsten Regionen doch insofern nützlich, als er fragt, wie die sonst meist beklagte unfreiwillige Abkopplung dieser Regionen genutzt werden kann, um Möglichkeiten einer stärker autozentrierten Entwicklung zu eruieren und zu verfolgen.

Rauch (S.173 f.) betont die Bedeutung der Krise des Exportsektors und der damit zusammenhängenden Währungskrisen (Devisenknappheit, Begrenzung von Importen) sowie den Rückgang der städtischen Nachfrage nach Agrarprodukten als Faktoren, die regionale Abkopplungsprozesse hervorrufen. (Man kann auch an weitere Aspekte denken, etwa den Zerfall der Infrastruktur, den Abbau von Subventionen usw.) Soweit zuvor Mischstrukturen aus Markt- und Subsistenzproduktion bestanden haben, sei zunächst ein Überleben durch verstärkte Subsistenzproduktion möglich. Dabei (ebd., S. 230-243) entstehen kleinräumige Wirtschaftskreisläufe, die allerdings unter dem Aspekt der sozioökonomischen Nachhaltigkeit in zweierlei Hinsicht gefährdet sind, nämlich aufgrund ihres extrem niedrigen Produktivitätsniveaus einerseits, des ständigen Drucks zur "Wiederankopplung" andererseits. "Günstig für die Entstehung kleinräumiger Wirtschaftskreisläufe sind also abgelegene, schlecht versorgte, dicht besiedelte ländliche Regionen mit gleichmäßiger Einkommensverteilung, diversifizierter und für den Weltmarkt relativ unbedeutender Ressourcenausstattung, in welchen regionalspezifische Konsummuster noch eine gewisse Bedeutung und vorindustrielle Produktionsweisen eine gewisse Präferenz besitzen" (ebd. S. 235).

Eine solche Situation ist offensichtlich prekär. Durchaus ähnlich wie im Falle der städtisch-gewerblichen Überlebenscluster wird es in den meisten armen Regionen ohne aktive Unterstützung von außen nicht zu einer solchen Entwicklung der technischen Kapazitäten in der Agrarproduktion, der lokalen Lebensmittelverarbeitung und der handwerklichen Produktion sowie der institutionellen Kapazitäten kommen, dass die entstandenen lokalen Produktions- und Kooperationsbeziehungen auch einer verstärkten Re-Integration in den Weltmarkt standhalten. Bei gezielter Unterstützung in den Bereichen der Aus- und Fortbildung, infrastruktureller Investitionen und lokaler Vermarktung könnten jedoch mittelfristig stabile sozioökonomische Beziehungen in Netzwerkzwischenräumen entstehen, ohne dass diese Räume zu "systemisch wettbewerbsfähigen" Standorten in der globalen Ökonomie werden.

3. Netzwerkzwischenräume als "ökologische Reservate". In den meisten marginalisierten Regionen des Südens würde diese Überlegung zunächst mit Entrüstung zurückgewiesen werden. Die Grundidee hinter der internationalen Unterstützung von Nationalparks, Biosphärenreservaten und anderen Schutzgebieten geht aber genau in diese Richtung: Angesichts der im Prinzip akzeptierten Notwendigkeit, das globale Ökosystem durch Systeme weltweiter - Regulierungen und Ungerechtigkeiten (tendenziell) ausgleichender - Transferleistungen zu schützen, kann die Honorierung ökologischer Dienstleistungen durchaus als Chance für ökonomisch marginalisierte Regionen gesehen werden. Dass dies im Rahmen bestimmter Formen des Tourismus oder über die Konzessionsvergabe zur Nutzung genetischer Ressourcen sogar neue ökonomische Chancen eröffnen mag (Vorlaufer 1997), ist noch zusätzlich zu bedenken. Es sollte klar sein, dass derartige Nutzungsbeschränkungen von Naturräumen (die ja mit wenigen Ausnahmen, wie der Antarktis. immer auch soziale Räume sind) nur partizipativ und unter Berücksichtigung aller Rechte der dort lebenden Menschen beschlossen werden dürfen.


Polarisierung und Politik:
Postfordistische Regulation
und die Archipelstruktur
der Weltwirtschaft

Es ist hinreichend dokumentiert, dass die Liberalisierung der Märkte und die politische Deregulierung nicht die Voraussetzungen schaffen für eine spontane wirtschaftliche Entwicklung auch in den Räumen zwischen den entstehenden Knotenpunkten globaler Akkumulation. "Politik" muss in der einen oder anderen Form eingreifen, um sozialräumlichen Polarisierungsprozessen entgegenzuwirken und gleichzeitig neue Ressourcen für den Akkumulationsprozess zu mobilisieren. Dies betrifft die lokale Selbstorganisation in den Zwischenräumen des Archipels, den Nationalstaat und transnationale Politik (beeinflusst u. a. durch das globale Problempotenzial marginalisierter Räume mit seinen Auswirkungen auf die "global cities": illegale Migration, internationale Kriminalität). Dabei wird es im allgemeinen um Kombinationen zwischen einer aktiven Unterstützung der Mobilisierung neuer Potenziale und einem temporären Schutz vor externer Konkurrenz gehen, wobei in den Theorie- und Strategiediskussionen nicht vergessen werden darf, dass es sich dabei um politische Prozesse handelt, die abhängig sind von politischen Problemsichten, Kräfteverhältnissen und institutionellen Strukturen, und die die Unsicherheit zukünftiger Entwicklung berücksichtigen müssen.

Die drei skizzierten Theorie- und Strategieansätze (Förderung der Entwicklung lokaler Knotenpunkte der Akkumulation, Förderung endogener Entwicklung in marginalisierten Zwischenräumen, Förderung ökologischer Reservate durch externe Transferleistungen) ergänzen sich in ihrem sehr unterschiedlichen Bezug auf den "archipelisierten" globalen Raum, auch wenn sie ganz anderen theoretischen Quellen entspringen. Es ist die Vielfalt der realen Entwicklung, die trotz der Polarisierungstendenzen vielfältige strategische Ansätze zur Identifikation und Förderung von "Potenzialen" bietet - das Bild der Archipelökonomie ist daher auch angemessener als die Anwendung der Konzepte von "Inklusion und Exklusion" auf räumliche Entwicklung.

Aber auch eine effektive Umsetzung eines Mix der genannten Strategien wird den Polarisierungseffekt post-fordistischer Modernisierung nicht aufheben. Erfolgreiche Clusterentwicklung entzieht der Umgebung wieder Ressourcen, zieht Kapital, qualifizierte Migranten etc. an und führt auch innerhalb des Clusters wieder tendenziell zu Archipelstrukturen. Auch ist der Niedergang anderer Cluster als Folge des Wettbewerbs (einschließlich des politischen Wettbewerbs) nicht auszuschließen. Der Wettbewerb zwischen Standorten ist kein Nullsummenspiel, aber er hat immer Gewinner und Verlierer - und auch die Zukunftschancen der Verlierer sind nur im Zusammenhang der Dynamik globaler Raumstrukturen zu identifizieren.



Literatur:
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Pierre Veltz (1996): Mondialisation, Villes et Territoires. L’Économie d’Archipel. Paris
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Dr. Wolfgang Hein ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Übersee-Instituts und Privatdozent an der Universität Hamburg. hein@duei.de



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