E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 11, November 2002, S. 318-319)


Agrarreform und Industriegesellschaft in Südkorea

Dirk Messner


Die südkoreanische Bodenreform nach dem Ende des 2. Weltkriegs verteilte das Land des Staates und der Großgrundbesitzer und schuf einen selbständigen Kleinbauernstand. Das eigentliche Ziel der Bodenreform war jedoch, die Basis für eine Industrialisierung zu schaffen. Die ehemaligen Grundbesitzer wurden dazu gebracht, die Entschädigungszahlungen in die Industrie zu investieren, bei Bauern und Industriearbeitern entstand Nachfrage für die Produkte einer importsubstituierenden Konsumgüterindustrie.


Die Bodenreform in Südkorea nach dem 2. Weltkrieg verdankte ihre Durchführung weniger einem tatsächlichen Interesse der USA an Veränderungen in der koreanischen Ökonomie und Gesellschaft als vielmehr der Furcht vor sozialistischen Erhebungen. In Nordkorea hatte bereits im März 1946 eine umfassende Landreform stattgefunden, die im Süden Demonstrationen für eine Neuverteilung des Bodens auslöste. Dies veranlasste die US-Strategen zu Reformen, die für die weitere Entwicklung Südkoreas von entscheidender Bedeutung waren.

Aus der militärischen Trutzburg Südkorea wurde nun auch ein politisches Projekt, an dem die Überlegenheit der kapitalistischen Gesellschaftsordnung gegenüber sozialistischen Modellen und die Möglichkeit der nachholenden Industrialisierung unter kapitalistischen Vorzeichen demonstriert werden sollte. Von großer Bedeutung war in diesem Kontext die Durchführung einer Landreform.

Der erste konkrete Schritt zur Landreform bestand in der Gründung einer "Nationalen Landverwaltung" im März 1948, die die Verteilung der ehemaligen japanischen Ländereien organisieren sollte. Als Preis für das Land wurde die dreifache Menge des durchschnittlichen jährlichen Ertrags festgelegt, die in Naturalien innerhalb von 15 Jahren an den Staat abzuführen war. Von diesen Umverteilungen waren 11,6 % der Gesamtanbaufläche betroffen. Unter dem Druck der Amerikaner, deren Militärregierungszeit im August 1948 geendet hatte, verabschiedete das südkoreanische Parlament im April 1950 zusätzlich ein Agrarreformgesetz, das die Anbaufläche pro Haushalt auf 3 ha begrenzte. Der Preis für das aufgrund dieses Gesetzes verteilte Land betrug 150 % des jährlichen Durchschnittsertrags, wiederum zahlbar in Naturalien an den Staat, allerdings innerhalb von 5 Jahren.

Infolge dieser zweistufigen Landreform sank der Anteil der Pächter an der Gesamtzahl der landwirtschaftlichen Haushalte von 70 % (1945) auf 14 % (1965), und dies, obwohl von der Agrarreform direkt nur 32 % des ehemaligen Pachtbodens betroffen waren. Von der Regierung wurden nur 330 000 ha im Verlauf der Neuaufteilung verkauft, aber die Landlords hatten zwischen 1945 und 1950 aus Furcht vor einer Landreform bereits 570 000 ha Boden an ihre ehemaligen Pächter abgestoßen, um einer Enteignung zu entgehen.


Bodenreform als Wendepunkt

Die Landreform war der entscheidende Wendepunkt in der südkoreanischen Geschichte, hier wurden die Weichen in Richtung kapitalistische Industrialisierung gestellt. Sie bedeutete eine radikale Veränderung sowohl der Sozialstruktur des Landes als auch der Grundlagen des gesamten Akkumulationsmodells. Für die Landlords bedeutete die Reform das Ende ihrer politischen und ökonomischen Herrschaft, praktisch ihre Eliminierung. Das bewahrte den Staatsapparat Südkoreas in der Folgezeit vor dem Konflikt zwischen der alten Agraroligarchie und der sich neu konstituierenden Industriebourgeoisie, der in vielen lateinamerikanischen Staaten die Interventionskapazitäten des Staates bis heute paralysiert.

Die ehemaligen Großgrundbesitzer erhielten als Enteignungsentschädigung staatliche Wertpapiere, die in Anteile an den von den Japanern hinterlassenen Industriekapazitäten (inzwischen Staatseigentum geworden) umgetauscht werden konnten. Ein Teil der Agraroligarchie konvertierte so direkt in das Lager der Industriellen. 1976 stammten 47 % aller Unternehmer aus Familien der ehemaligen Agraroligarchie. Die übrigen rekrutierten sich aus dem bereits während der Kolonialzeit entstandenen Kleinunternehmertum und koreanischen Führungskräften aus den ehemaligen japanischen Unternehmen.

Von entscheidender Bedeutung für die weitere wirtschaftliche Entwicklung Südkoreas ist, dass infolge der Landreform Investitionen im Agrarsektor und die Spekulation mit Land unrentabel wurden, der Kapitalakkumulation und der Rentenbildung im Agrarsektor administrative Grenzen gesetzt waren und aus dem bisher im Agrarsektor gehorteten Geld nun industrielles Kapital werden musste. Die weitgehende Überwindung der Pachtverhältnisse und die staatliche Besteuerung der Kleinbauern lenkte deren Abgaben nun nicht mehr in die Taschen der Oligarchen, sondern direkt in die Staatskasse. Das im Agrarbereich produzierte Kapital verwandelte sich, vermittelt über den Staat, in Industriekapital.

Ein Entwicklungsweg wie der vor allem in Lateinamerika eingeschlagene, der durch Agrarexporte der Großgrundbesitzer, Import von Luxuskonsumgütern und Stagnation der nationalen Industrieproduktion gekennzeichnet ist, blieb Südkorea durch diese Reformen versperrt.

Unmittelbares Opfer dieser Strategie war aber nicht nur die Agraroligarchie, sondern in viel tragischerer Weise die Masse der Landbevölkerung. In den 50er Jahren entstand infolge der Bodenreform ein Heer von Kleinstbauern, die nun zwar das Land besaßen, das sie bebauten, die sich jedoch zum Teil nicht unbeträchtlich verschulden mussten, um ihr neu erworbenes Land und die notwendigen Ackergeräte bezahlen zu können. Dadurch wurden Investitionen in der Landwirtschaft blockiert, so dass deren Produktivität sich zwischen 1945 und 1956 nicht wesentlich verbesserte. Die damit einhergehende Verarmung von Teilen der ländlichen Bevölkerung wurde durch steigende Steuern verstärkt und führte zu einer Abwanderungswelle in die Städte. Beschleunigt wurde dies in den 60er Jahren durch eine die Landwirtschaft extrem diskriminierende Preisfestsetzungspolitik des Staates.

Ziel dieser Politik war einerseits, durch niedrige Nahrungsmittelpreise die Reproduktionskosten der Arbeitskraft in der Industrie, sprich die Löhne, möglichst niedrig zu halten, andererseits die Landflucht anzuregen und durch die Herausbildung großer Arbeitskräftereservoirs in den Städten die Löhne noch einmal unter Druck zu setzen.


Bodenreform fördert Industrialisierung

Die ursprünglich durch den Protest der Bauern erzwungene Landreform verbesserte also keineswegs die Lebensbedingungen der Landbevölkerung, sondern verkehrte sich in ein Instrument zur Dynamisierung der Industrialisierung auf Kosten der in der Landwirtschaft Beschäftigten. Diese kapitalistische Landreform war hinsichtlich ihrer Funktion, der Transformation der Agrar- in eine Industriegesellschaft, allerdings sehr erfolgreich.

Die Industrialisierung wurde noch durch einen weiteren Zusammenhang gefördert. Das knappe Angebot an importierten Waren und das Vorhandensein von Investitionskapital führten dazu, dass Investitionen mit dem Ziel der Importsubstitution in die einfachen Konsumgüterindustrien gelenkt wurden. Die Landreform hatt eine relativ homogene Einkommensverteilung - wenn auch auf sehr niedrigem Niveau - mit sich gebracht, die eine Importsubstitution im Bereich einfacher Konsumgüter nahelegte. Die Industrialisierung in diesem Bereich traf auf gute Bedingungen, konnte sie doch an vorhandene Kapazitäten und industrielle Erfahrungen aus der Kolonialzeit anknüpfen. Die Industrialisierung konzentrierte sich auf die Textilbranche, Nahrungsmittelindustrien sowie die Zuckerveredlung und Mehlherstellung. Der sekundäre Sektor wuchs zwischen 1953 und 1963 jährlich um 12,2 %. Der Staat unterstützte diese Industrialisierung durch Steuererleichterungen, selektive Zölle und eine überbewertete Währung.

Die spezifische Klassenstruktur, charakterisiert durch das Fehlen eines an westlichen Kosummustern orientierten städtischen Bürgertums, eine als Klasse quasi nicht mehr existente Agraroligarchie, ein selbständiges wenngleich armes Kleinbauerntum sowie eine politisch und ökonomisch schwache, sich gerade konstituierende Industriebourgeoisie verhinderte eine ineffiziente, verfrühte "Fordisierung" des Akkumulationsmodells, sowohl von der Produktions- wie von der Konsumtionsseite her.


Der asiatische Weg

Einerseits gab es keine Klasse, die eine überdimensionierte Industrialisierung in der Kategorie langlebiger Konsumgüter (Autos etc.) und damit eine Kopie der Industriemodelle in den Metropolen gefordert hätte, wie dies in einigen lateinamerikanischen Ländern der Fall war - dies wäre hier an der fehlenden Binnennachfrage gescheitert.

Andererseits gab es keine gesellschaftlich relevanten Kräfte, die, wie in vielen afrikanischen Staaten, die Verknüpfung von Agrarexporten und Luxusgüterimporten für die herrschende Klasse hätten durchsetzen können.

Die Industrialisierung in Korea knüpfte an die bereits existierenden produktiven Kapazitäten und Strukturen an, die zudem dem Nachfrageprofil der Gesellschaft entsprachen, während die Importe auf Vorprodukte für die Importsubstitutionsbranchen beschränkt blieben und Einfuhren von Luxuskonsumgütern aufgrund hoher Zollmauern keine Rolle spielten.

Die Landreform spielte dabei in vierfacher Hinsicht eine Rolle: Sie machte Kapital für die notwendigen Investitionen verfügbar, sie entmachtete die entwicklungshemmende Agraroligarchie, sie schuf eine Kleinbauernschaft, die einen Bedarf an einfachen Konsum- und Gebrauchsgütern hatte und dadurch lokale Produktion anregte, und sie setzte Arbeitskräfte für die neu aufgebauten Industrien frei.


Dr. Dirk Messner ist wissenschaftlicher Geschäftsführer des Instituts für Entwicklung und Frieden an der Universität Duisburg.
messner@uni-duisburg.de

Der Text ist die Zusammenfassung eines Kapitels aus seiner Diplomarbeit: Südkorea auf dem Weg zur kapitalistischen Industrienation? Berlin FU 1988



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