E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 11, November 2002, S. 308)


Am Beginn intensiver Landwirtschaft standen in Preußen die Agrarreformen

Jürgen Schmidt


Ein Bewährungsfeld für die 1807 geplanten Reformen bot sich in der Landwirtschaft und der ländlichen Gesellschaft an. Die überwiegende Mehrheit der Bauern, vor allem im ostelbischen Preußen, musste Frondienste für den Gutsherrn leisten. Die spannfähigen Bauern mussten mit Zugvieh und Ackergerät unentgeltlich auf den Feldern des Gutsherren arbeiten. Die nicht-spannfähigen Bauern wurden gegen Verköstigung für verschiedene Handarbeiten herangezogen. Ihrer rechtlichen Stellung nach waren diese Bauern sogenannte Lassiten (Lassbauern). Haus, Hof und Inventar gehörten dem Gutsherrn, der den Bauern das Nutzungsrecht überlassen hatte. Ohne Erlaubnis der Herrschaft durfte die Bauernstelle nicht verlassen werden. Die Kinder mussten Gesindedienste leisten.

Neben diesen gesellschaftlichen und rechtlichen Hemmnissen bestand auch in der Agrarstruktur ein dringender Reformbedarf. Die Feld- und Wiesenflur glich einem unentwirrbaren Flickenteppich aus Feldern von Bauern, Kleinbauern und Gutsherren sowie von den Dorfbewohnern gemeinsam genutzten Flächen (Allmende). Die Dreifelderwirtschaft führte dazu, dass ein Drittel der Nutzflächen ungenützt brachlag. Der Flurzwang verhinderte jeden individuellen Anbau.

Wie eine Befreiung, ein Donnerknall erschien da das Oktoberedikt von 1807. Es läutete rechtlich das Ende des Mittelalters auf dem Lande ein. Es ermöglichte die freie Berufswahl. Grund und Boden konnten nun von allen, die es sich leisten konnten, erworben werden. Sensationell schließlich: Das Oktoberedikt hob die Gutsuntertätigkeit auf. Vom Martinitag 1810 an sollte es in Preußen nur noch "freie Leute" geben.

Allerdings wurde in den Ausführungsbestimmungen das revolutionäre Potential Schritt für Schritt entschärft. Je mehr sich die politische Lage stabilisierte, umso zaghafter wurden die Reformen. Nach dem Regulierungsedikt vom 14. September 1811 sollten alle Lassbauern gegen Entschädigungszahlungen oder Landabtretungen an den Gutsherrn zu Volleigentümern ihrer Höfe werden. Doch die Gutsbesitzer konnten Einfluss auf den preußischen König nehmen, der eine Revision anordnete. Nun wurden nur noch jene Bauernstellen zu den Regulierungen zugelassen, die Spannvieh hielten. Begleitet wurden die Erlasse durch die sogenannte Landeskulturgesetzgebung. Sie leitete die Aufteilung der seit Jahrhunderten von der Dorfgemeinschaft gemeinsam bewirtschafteten Flächen in die Wege und forcierte die effektivere Ausnutzung der landwirtschaftlichen Flächen.

Ein Landgeistlicher beschrieb um 1840 die Auswirkungen der Agrarreform auf ein nicht genanntes Dorf: "Aus dürftigen Wirthen sind schon nach einem kurzen Zeitraum ziemlich wohlhabende geworden. Einzelne, der Trägheit und dem Laster ergebene Bauern, welche die sich ihnen darbietenden Mittel zur Verbesserung ihrer Güter nicht benutzen wollten, gingen zwar mit raschen Schritten ihrem Untergang entgegen; die übrigen dagegen, welche, nachdem die Fesseln gelöst waren, die erlangte Freiheit mit umsichtiger Betriebsamkeit ausbeuteten, sind in eine viel bessere Lage gekommen. Nicht nur reichen die verbesserten Weiden, der ausgedehntere Klee- und Erdtoffelbau dem Vieh kräftigere Nahrung dar, sondern auch die sorgfältig bestellten, zum Theil abgemergelten Felder gewähren reiche Ernten, so daß schon mehrere Besitzer zum Ausbau haben schreiten müssen. Die Wohnhäuser sind jetzt mit wenigen Ausnahmen nicht nur nach außen freundlich, sondern auch der Eingang in die Häuser schreckt nicht mehr zurück, ladet vielmehr ein."

Geschildert wird hier ein idealtypischer Prozess. Verlust und Niedergang werden aus moralischen Kategorien abgeleitet, nicht aus möglichen Problemen der Landwirte. Dennoch weisen die Bemerkungen über den vermehrten Anbau von Klee und Kartoffeln sowie die Schilderung der sich wandelnden Einstellung der Bauern, die für den sich ausbildenden freien Markt produzierten, den Pfarrer als sachkundigen Beobachter aus.
Auszug aus: Der Absturz in die Freiheit endet im Kartoffelfeld, in: FAZ 27. 10. 2001



E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit,
herausgegeben von InWEnt - Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH

Redaktionsanschrift:
E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach, D-60268 Frankfurt
 
 

Inhaltsverzeichnis Inhaltsverzeichnis Home Homepage Seitenanfang Seitenanfang


Copyright © 2002, InWEnt, letzte Änderung 28.10.2002