E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 11, November 1998, S. 279)
Theorien, Theorien ...Reinold E. Thiel
Dies ist das achte und letzte Heft einer Serie, die vor drei Jahren, im Oktober 1995, begann, und in der neue Ansätze zur Entwicklungstheorie vorgestellt wurden. 27 Artikel sind erschienen, 32 Autoren waren daran beteiligt. Die Serie hätte noch länger fortgeführt werden können, Theorie hat wieder Konjunktur, im Gegensatz zu dem, was ich vor drei Jahren schrieb. Während die Aufsätze in E+Z gedruckt wurden, griffen zugleich andere Zeitschriften das Thema auf, und eine Reihe von Büchern erschien, in denen die selben oder andere Autoren ihren Beitrag zur Theoriediskussion lieferten. Auch die Beiträge dieser Serie werden in Kürze gesammelt als Buch erscheinen.
Hat die Serie dazu beigetragen, das Bild zu klären, hat sie verdeutlicht, welches die relevanten neuen Ansätze in der Theoriediskussion sind? Ich fürchte, sie hat eher gezeigt, wie unübersichtlich und widersprüchlich die Debatte ist. Stefan Helming und Dirk Steinwand, die im Grundsatzreferat der GTZ arbeiten, beklagen in diesem Heft, daß es für die Praktiker, die Rat bei der Wissenschaft suchen, schwer oder unmöglich sei, die "richtige" Theorie ausfindig zu machen. Theorien "widersprechen sich … häufig gerade in den Punkten, die für die entwicklungspolitische Praxis wichtig sind". Als Handlungsorientierung, so fahren sie fort, diene in der Praxis der Entwicklungszusammenarbeit daher vor allem "die Orientierung an Erfolgsmodellen". Das Zauberwort sei "best practices". Trotzdem können sie im weiteren Verlauf ihrer Argumentation nicht umhin, sich auf theoretische Ansätze zu beziehen, auch auf solche aus dieser Serie. Sie brauchen Theorie. Und natürlich treffen sie dabei ihre eigene Auswahl, nach dem Maßstab ihrer eigenen, praktischen Erfahrung.
Daß wir Entwicklungstheorien auch weiterhin brauchen, ist das eindringliche Plädoyer von Franz Nuscheler, der in seinem Aufsatz versucht, ein Resümee der Serie zu ziehen. Er geht mit Ulrich Menzel ins Gericht, der erklärt hatte, die von der Theorie nicht vorhergesagten Entwicklungserfolge einiger Länder und das ebenfalls nicht vorhergesagte Scheitern der Staatlichkeit in anderen müßten Anlaß sein, die entwicklungstheoretische Debatte einstweilen auszusetzen. Allerdings hatte Menzel gleich anschließend hinzugefügt, eine "analytische Durchdringung … dessen, was in der neuen Terra incognita eigentlich passiert," sei erforderlich - jedoch nicht als Handreichung für die politische Praxis, sondern nur "in akademischer Absicht". Diese Unterscheidung ist schwer nachzuvollziehen. Theorie, vor allem politische Theorie, hat immer eine Rückwirkung auf die Praxis. Aber wie reagiert Theorie auf nicht vorhergesagte neue Entwicklungen? Wir wissen, seit Karl Popper uns das erklärt hat, daß Theorien durch Falsifizierung weiterentwickelt werden. Das ist der normale Prozeß wissenschaftlicher Erkenntnis: Eine Theorie wird formuliert, dann treten Phänomene auf, die von dieser Theorie nicht erklärt werden, woraufhin die Theorie revidiert werden muß. Der Satz, daß alle Schwäne weiß sind, gilt so lange, bis der erste schwarze Schwan entdeckt wird. Das ist in den Naturwissenschaften in der Regel ein geradliniger Prozeß, in den Humanwissenschaften oft ein retardierender oder sogar rückläufiger. Bestimmte Einsichten werden vergessen, überholte, schon falsifizierte Theorien werden wiederbelebt und müssen erneut widerlegt werden. Wir erleben das eben jetzt mit den Theorien zum Funktionieren des Marktes: Der weltwirtschaftliche Zusammenbruch von 1929 hatte zu der keynesianischen Einsicht geführt, daß der Markt der Regulierung bedarf, aber 40 Jahre später postulierte die Schule von Chicago erneut die selbstregulierenden Kräfte des Marktes. Das wurde nun durch eine neue Weltwirtschaftskrise zum zweiten Mal falsifiziert. Selbst ein in der Wolle gefärbter Neoliberaler wie Bundesbankpräsident Tietmeyer spricht heute wieder vom "Herdeninstinkt" der Marktteilnehmer und hält stärkere Regulierung für nötig (die er verschämt "Transparenz" nennt).
Theorie also ist notwendig, wenn man gesellschaftliche Vorgänge verstehen will; und wenn Politik nicht zu Willkürhandeln verkommen will, braucht sie einen theoretischen Unterbau für ihr Eingreifen in gesellschaftliche Vorgänge. Was uns zur Zeit am meisten fehlt, sind gerade theoretische Ansätze zur Erklärung der Zusammenbruchsprozesse. Um diese hat sich die Theorie bisher kaum gekümmert, auch wenn, wie Nuscheler zeigt, das schon vor dreißig Jahren von Samuel Huntington gefordert wurde. Die damals erschienenen Studien über "crises of development" sind heute weitgehend vergessen. Das bedeutet, daß der entwicklungstheoretische Diskurs nicht, wie Menzel meint, ausgesetzt werden darf, bis in den gescheiterten Staaten die "Wiederherstellung staatlicher Ordnung" bewerkstelligt ist; vielmehr muß er gerade dafür die Handlungsorientierung liefern.
Aber was bedeutet Theorie für die Praxis der Entwicklungszusammenarbeit? Eberhard Reusse stellt fest, daß die Hilfe vor allem deshalb gescheitert sei, weil sie immer als Hilfe von außen kam, mit fertigen Rezepten. Er nennt das "das interventionistische Paradigma". Helming und Steinwand geben darauf die Antwort, daß nicht die Analyse der Probleme am Anfang von Zusammenarbeit stehen müsse, sondern das Ausfindigmachen solcher binnengesellschaftlicher Kräfte, die von sich aus auf Veränderung drängen. Wenn so der Ausgangspunkt neu verortet wird, dann ist die Methode der Projektplanung, nach der die deutsche Technische Zusammenarbeit in den letzten 15 Jahren gearbeitet hat, dann ist ZOPP so nicht mehr anwendbar und bedarf einer grundsätzlichen Neuorientierung. Das ist eine Einsicht, die aus der Praxis gewonnen wurde, und der Beginn einer neuen theoretischen Grundlegung für die Arbeit vor Ort.
Aber daneben gibt es immer auch die globalen Faktoren, deren Einfluß seit Beginn der 90er Jahre wieder deutlicher geworden ist: Ihnen ist mit diesem Ansatz, der sich auf die lokale Arbeit beschränkt, nicht beizukommen. Die neue Weltwirtschaftskrise hat zu der Einsicht geführt, daß die weltwirtschaftliche Stabilität um so mehr in Gefahr geriet, je mehr die Märkte (vor allem die Finanzmärkte) dereguliert wurden. Re-regulierung, aber auf globaler Ebene, ist das Gebot der Stunde. Das Stichwort dafür ist "global governance", das Instrument sind die globalen Regime. Sie werden von Cord Jakobeit in seinem Artikel in diesem Heft beschrieben. E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE) Redaktionsanschrift: E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach 100 801, D-60008 Frankfurt/M.
Copyright © 1998, DSE, letzte Änderung 03.11.1998 | |||||||||||