E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 11, November 1999,
S. 314-315)

Radio Bamakan
Basis-Rundfunk in Mali
Michel Mbida

Die Demokratisierungswelle, die Anfang der 90er Jahre viele afrikanische Länder erfasste, führte auch zu einer Liberalisierung der Medien. In vielen Ländern entstanden lokale Sender, in denen Bürgerrechtsbewegungen und Journalisten zusammenarbeiten, um die Bevölkerung mit unzensierten Informationen zu versorgen. Diese Stationen arbeiten mit einfachsten technischen Mitteln und bescheidenen Budgets, haben aber dennoch Schwierigkeiten, sich zu finanzieren, da sie die Aufnahme von Werbesendungen ablehnen. Michel Mbida berichtet von Radio Bamakan, einem Bürgerradio in Mali, das im Kampf für die Demokratisierung des Landes entstand.
Während die Industrieländer ihr Kommunikationspotential für das 21. Jahrhundert aufrüsten, üben sich die Entwicklungsländer noch in den klassischen Massenmedien. Auch wenn die modernen Medien wie Kabel- und Satellitenfernsehen die afrikanische Gesellschaft zunehmend durchdringen und das Internet in den staatlichen und wissenschaftlichen Organen langsam Eingang findet, ist gleichzeitig in den meisten afrikanischen Ländern noch nicht einmal der Zustand erreicht, dass das Hörfunksystem vollständig ausgebaut ist. Die politischen Forderungen der Demokratiebewegungen, die seit Anfang der 90er Jahre aktiv wurden, umfassen daher auch die Liberalisierung des audiovisuellen Sektors, dessen Monopol seit der Unabhängigkeit von den Regierungen gehalten wurde.
In zahlreichen Ländern entstanden Hörfunk-Initiativen, die ohne Sendelizenz am Rande der Legalität existieren, ihre Legitimität jedoch daraus ableiten, dass sie sich auf die Grundrechte der Informations- und Pressefreiheit berufen - in der Überzeugung, eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft übernehmen zu müssen.

Bürgerrundfunk in Mali
In Bamako, der Hauptstadt der Republik Mali, entstand als erster freier Sender des Landes Radio Bamakan(Stimme des Kaimans) in einer Phase des politischen Umbruchs, gekennzeichnet durch Streiks, Unruhen und militärische Interventionen, die schließlich im März 1991 zum Sturz der Diktatur von Moussa Traoré führten. Im August 1991 gab es die ersten Probesendungen. Der Sender stellte sich die Aufgabe, allen politischen Parteien einen gerechten Zugang zu den Medien zu garantieren und die Berichterstattung der staatlichen Sender zu differenzieren. Drei Tage nach Sendebeginn musste die Station, aufgrund von Repressalien der Übergangsregierung, den Sendebetrieb wieder einstellen. Auf Druck der Bevölkerung und der Presse musste die Regierung jedoch ihre repressive Haltung aufgeben und das Monopol über die Medienlandschaft aufheben. Seit September 1991 sendet Radio Bamakan ein regelmäßiges Programm.
Die Gründung von Radio Bamakan geht zurück auf die Initiative einiger Mitarbeiter der italienischen Entwicklungszusammenarbeit, die in Mali tätig waren. Die italienische NRO Terra Nova unterstützte das Projekt und finanzierte die technische Aussttatung des Senders und die Ausbildung der Techniker unter der Voraussetzung, dass dieser von einem gemeinnützigen Verein geführt wird. Eine reformpolitisch engagierte Gruppe, die den Verein Association Radio Libre de Bamako (Verein Freies Radio Bamako) gründete, übernahm die Durchführung des Projekts. Die Investitionskosten beliefen sich auf rund 24.000 DM, und der Sender erreicht über Ultrakurzwelle die Bevölkerung im Umkreis von 35 Kilometern. Terra Novaunterstützt den Sender weiterhin in der Produktion einzelner Programme, jedoch nicht mehr in Form einer kontinuierlichen Förderung.

Politische Aufklärung als Ziel
Radio Bamakan ist ein unabhängiger Basisrundfunk ohne kommerzielle Interessen und versteht sich als Instrument im Dienste der jungen Demokratie und der Bevölkerung. Politische Aufklärung ist das wichtigste Ziel, erklärte der Programmdirektor Mohamadou Cisse 1993 in einem Interview; "... es gibt viele Aspekte der Demokratie, die der Bevölkerung unbekannt sind. Wir müssen den Leuten erklären, dass Demokratie nicht Anarchie bedeutet, dass in einer Demokratie die Menschen Rechte, aber auch Pflichten haben." Politische Debatten, die sich mit der soziopolitischen oder ökonomischen Lage des Landes auseinandersetzen, werden live übertragen. Magazine behandeln Umweltfragen sowie Themen der Erziehung und der Gesundheit. Fragen der Sexualität, die traditionellen Tabus unterworfen waren, werden zunehmend thematisiert. Auch Frauenmagazine sind ein fester Bestandteil der Programme. Kulturelle Sendungen befassen sich mit Geschichte, Traditionen, Legenden und Erzählungen des Landes.
Die Verwendung der einheimischen Sprache ist ein wichtiger Bestandteil der Programmpolitik in diesem Land mit hoher Analphabetenquote. Radio Bamakan sendet in Bamanan/Bambara (60 % der Sendezeit) und in Französisch (40 %). Der Sendeumfang ist zwischen 1992 und 1998 von 84 Stunden auf 100 Stunden wöchentlich gestiegen.

Prekäre Finanzierung
Der Sender verfügt jährlich über ein Budget von rund 10 Millionen Francs CFA (29.400 DM), das gerade hinreicht, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Bei monatlichen Ausgaben von 900.000 Francs CFA (2.650 DM) sah man sich jedoch gezwungen, zusätzliche Fonds "durch Kreativität" zu mobilisieren. Rund 25 % der Einnahmen stammen aus den in allen afrikanischen Rundfunksendern üblichen privaten Kleinanzeigen und Bekanntmachungen, die etwa 500 Francs (1,50 DM) pro Durchsage einbringen, 30 % aus der Koproduktion von Sendungen mit NROs, 25 % aus PR-Arbeit für öffentliche Ereignisse, 15 % aus Werbeeinnahmen und der Rest aus Subventionen und Beiträgen von Sympathisanten, die sich in Radio-Clubs organisiert haben.
Die Station befindet sich in der Innenstadt auf dem Markt von M'dine, einem sehr belebten Stadtteil Bamakos, im Mittelpunkt des städtischen Lebens und der Zielgruppe. Mit 8 festen Angestellten und 22 freien Mitarbeitern berichtet Radio Bamakan aus dem Alltag seiner Hörer. Diese können sich mit den Inhalten der Sendungen identifizieren und fühlen sich angesprochen. Das erklärt den Erfolg und die Popularität des ersten freien Basisradios in Mali.
Auch Vereine, Verbände und Bürgerinitiativen nehmen die Dienste des Senders als Motivations- und Aufklärungsinstrument in Anspruch. Heute zählt Mali fast 70 Privatsender; ein Dutzend davon befinden sich in Bamako. Radio Bamakan hat sich trotz der Konkurrenz kommerzieller Sender, die sich mit Werbeeinnahmen finanzieren, durchsetzen können.
Natürlich werden in Mali auch internationale Sender wie Radio France International (RFI) oder die britische BBC gehört. Aber deren Präsenz kann Radio Bamakan nichts anhaben, da seine Hörer zum großen Teil keine europäischen Sprachen verstehen und sich vor allem für das Geschehen in ihrer eigener Umgebung interessieren. "Wir benutzen eine Sprache, die die Mehrheit verstehen kann", sagt der Programmdirektor, "die meisten Leute sprechen kein Französisch. Außerdem sind ausländische Sender Instrumente des Kulturimperialismus. Rundfunkprogramme stellen eine neue Form der ausländischen Intervention in Afrika dar." Dazu will Radio Bamakan eine Alternative bieten.

Bürgerengagement
oder Kommerzialisierung
Das Personal von Radio Bamakan ebenso wie der meisten anderen Basis-Rundfunkstationen besteht hauptsächlich aus freien und ehrenamtlichen Mitarbeitern, die ihr Handwerk on the job gelernt haben, Journalisten und Sympathisanten der Demokratiebewegung von 1991. Mit ihrem Engagement und ihrer Fantasie haben sie diese Radios bis heute auf Sendung gehalten. Dies kann jedoch keine dauerhafte Lösung für die Sicherstellung der Pluralität in der Rundfunklandschaft sein. Die Sender konkurrieren untereinander um die Hörer, mit prekärer Finanzierung - ein schwieriges Unternehmen, da kommerzielles Sponsoring, Werbung oder die Übernahme von Anteilen an den Sendern durch Dritte nicht in Frage kommen, weil sie die Neutralität gefährden würden. Die Einnahmen, die aus Privatanzeigen, Bekanntmachungen von Vereinen und NROs und aus Beiträgen von Sympathisanten stammen, reichen nicht immer aus, um die Betriebskosten zu decken.
Im Zuge der Liberalisierung des Mediensektors sind weitere kommerzielle und Basisradios in den Städten und in der Provinz entstanden, darunter Radio Kledu, ein kommerzieller Sender in Bamako, und Basisradios in Ségou (Radio Foko), in Koutiala (Radio Kayira) sowie religiöse Sender wie Radio Islamique in Sikasso. Alle Privatradios senden auf UKW. Kommerzielle Sender finanzieren sich hauptsächlich mit Werbeeinnahmen, aber einige wie Radio Badenya in Sikasso oder Radio Fré quence 3 in Bamako bieten trotzdem Programme von sozialem Interesse in einheimischen Sprachen.
Mit zunehmender Popularität und Konkurrenz wächst der Druck in Richtung auf mehr Professionalität und längere Sendezeiten. Die Koproduktion von Sendungen mit NROs und die Spenden von internationalen Organisationen oder Privatpersonen bleiben für viele Sender die einzigen Finanzierungsmöglichkeiten. Internationale Solidarität ist gefragt, um die errungene Vielfalt der Medienlandschaft in Afrika zu sichern. Partnerschaften müssen geschlossen werden, um die Nord-Süd-Kooperation auf lokaler Ebene zu fördern. Die technischen Einrichtungen mit schwacher Sendeleistung, die einst als Pioniere galten, sind heute überholungsbedürftig.
Durch eine Finanzierung der fachlichen Weiterbildung des Personals könnte eine Verbesserung der redaktionellen Qualität erreicht werden. Die Lobbyarbeit unter Mitwirkung von Stiftungen, Gewerkschaften, Kirchen und Initiativen muss verstärkt werden. Nur so kann erreicht werden, dass Freie Radios ihrem Ruf als Wächter der Demokratie auch weiterhin gerecht werden und nicht in die Zweitklassigkeit zurückfallen.
Michel Mbida, Diplomsoziologe, ist Medienfachmann und promoviert an der Universität Frankfurt/M. zum Thema "Afrika und die globale Kommunikationsordnung".

E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit,
herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE)
Redaktionsanschrift:
E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach, D-60268 Frankfurt
|