E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 11, November 1999,
S. 316-319)

Raúl Prebisch (1901-1986)
Das Zentrum-Peripherie-Modell der internationalen Wirtschaftsbeziehungen
Dieter Nohlen

Raúl Prebisch ist ohne Zweifel der wirtschaftswissenschaftlich und entwicklungspolitisch einflussreichste Dritte-Welt-Ökonom. Mit seinem Namen ist die Theorie der säkularen Verschlechterung der terms of trade verbunden. Er entwickelte mit dem Zentrum-Peripherie-Modell der internationalen Wirtschaftsbeziehungen die Grundlage einer Wirtschaftstheorie des Südens, die großen Einfluss auf die Politik gewann. Einfluss übte er zugleich als Direktor der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (CEPAL) und als erster Direktor der UNCTAD aus. Das verdeutlichen seine Politikempfehlungen: Importsubstituierende Industrialisierung, regionale Wirtschaftsintegration, Neue Weltwirtschaftsordnung - Kernkonzepte der Entwicklungsstrategie der ersten Entwicklungsdekaden.

I.
Raúl Federico Prebisch wurde 1901 in Tucuman (Argentinien) geboren. Sein Vater war Deutscher, seine Mutter Argentinierin aus der oberen Mittelschicht. Er studierte Betriebswissenschaften an der Universität von Buenos Aires (1918-1922), stand der Unabhängigen Sozialistischen Partei nahe, sah aber seine politischen Möglichkeiten durch seine väterliche Herkunft begrenzt. Hineingeboren in eine aufstrebende junge Nation mit einem Wohlstandslevel, das damals dem europäischer Länder ähnlich war, wurde er zunächst als wissenschaftlicher Berater in Handels- und Finanzfragen tätig, übernahm 1927 die Abteilung für Wirtschaftliche Studien des Banco de la Nación,ehe er nach dem Militärputsch von 1930 im Alter von 29 Jahren mit der Idee, den argentinischen Staat modernisieren zu können, Staatssekretär im Finanzministerium wurde. Nach abrupter Entlassung 1932 verbrachte Prebisch ein Jahr in Genf und London u. a. als Teilnehmer an der Europäischen Währungskonferenz. Er handelte auch den umstrittenen Roca-Runciman-Vertrag mit Großbritannien aus, der nach der Weltwirtschaftskrise das traditionelle Austauschmodell (Agrarprodukte gegen Industriewaren) wiederbelebte.
In Europa wurde er sich jedoch der Bedeutung des internationalen Handels, der Verwundbarkeit Argentiniens, der Begrenztheit bilaterer Lösungen und - im Studium von J. M. Keynes - der entscheidenden Rolle des Staates im Entwicklungsprozess bewusst, so dass er einen großen Teil seiner autodidaktischen neoklassischen Überzeugungen aufgab. Nach seiner Rückkehr setzte er die Gründung der Argentinischen Zentralbank durch, deren Leitung er 1935 übernahm, bis ihn 1943 die putschenden Generäle absetzten.
Hatte Prebisch, Bürger des kosmopolitischen Buenos Aires, Argentinien bislang als eine eigene Welt in Lateinamerika verstanden, begann er nun, die regionale Wirklichkeit wahrzunehmen und sich ihr in Theorie und Praxis zu stellen, wozu ihm eine Beratertätigkeit bei der mexikanischen Zentralbank verhalf (1948-1950).
1949 verfasste er für das zweite Jahrestreffen der UN-Kommission für die wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas in Havanna jenen wegweisenden Bericht, in welchem er die Elemente eines wirtschaftstheoretischen Paradigmas des Südens entwickelte. 1950 avancierte Prebisch zum Direktor der CEPAL, eine Tätigkeit, die er bis 1962 ausübte und in der er die lateinamerikanische Politik der importsubstituierenden Industrialisierung, des Staatsinterventionismus und der regionalen Wirtschaftsintegration nachhaltig beeinflusste. Nach Gründung der
UNCTAD wurde er 1965 deren erster Generalsekretär. Unter seiner Ägide entwickelte sich die Südposition in den UN, die Gruppe der 77 und die Forderung
nach einer Neuen Weltwirtschaftsordnung. Er schied jedoch 1969 wegen der Interessendivergenzen der Entwicklungsländer untereinander enttäuscht aus diesem Amt.
Danach wurde er zum Generaldirektor des auf seine Initiative gegründeten
Lateinamerikanischen Instituts für wirtschaftliche und soziale Planung (ILPES) berufen, das lateinamerikanische Planer ausbildet und Regierungen berät. Bis zu seinem Tode 1986 ist er weiterhin in einer Vielzahl internationaler Organisationen beratend tätig geblieben. Zu seinen wichtigsten Schriften zählen die Berichte, die er im Auftrag bzw. in Repräsentation der CEPAL und der UNCTAD schrieb.

II.
Prebisch selbst hat fünf Phasen in der Entwicklung seines entwicklungspolitischen Denkens unterschieden. Wir können uns hier auf zwei beschränken: Die Phase seiner Tätigkeit für die CEPAL und die UNCTAD sowie die Phase nach diesen großen Engagements, die im Kontext von Dependenztheorie und autoritären Regimen in Lateinamerika mit einer gewissen Erneuerung seines Denkens verbunden war.
Prebisch betrat mit einem Paukenschlag die Bühne der internationalen Wirtschaftspolitik, indem er der Annahme eines allseitigen Nutzens eines freien Welthandels im Namen einer internationalen Organisation widersprach. Im CEPAL-Bericht von 1949 führte er das Konzept eines industrialisierten, hegemonialen Zentrums und einer agrarischen, abhängigen Peripherie als Modell zum Verständnis der internationalen Arbeitsteilung ein. In dieser asymmetrischen Beziehung komme es zu einem ständigen ungleichen Austausch, der strukturelle Arbeitslosigkeit, strukturelle Ungleichgewichte des Außensektors und eine säkulare Verschlechterung der terms of trade zur Folge habe. Diese letzte Behauptung eines langfristigen relativen Preisverfalls der aus den Entwicklungsländern exportierten Primärgüter im Vergleich mit den aus den Industrieländern ausgeführten Industrieerzeugnissen wurde zum Kern der Prebisch/Singer-These bzw. der strukturalistischen Theorie der peripheren Wirtschaft, die weltwirtschaftlich strukturell benachteiligt sei. In der populären Version wird die These (die Hans W. Singer zeitgleich mit Prebisch aufstellte) so erläutert, dass die Entwicklungsländer für den Import einer konstanten Menge von Industriegütern eine ständig steigende Menge von Primärgütern zu exportieren haben.

Säkulare Verschlechterung
der terms of trade
Prebisch begründete seine These hauptsächlich mit zwei Faktoren: der unterschiedlichen Preiselastizität von Primärgütern und Industrieprodukten sowie der Ungleichheit im Prozess der Diffusion des technischen Fortschritts:
1. Die Preiselastizität der Nachfrage in den Entwicklungsländern nach Industriewaren liege unter jener der Nachfrage in den Industrieländern nach Primärgütern (d. h. bei steigenden Preisen sinke die Nachfrage der Industrieländer nach Primärgütern stärker als die Nachfrage der Entwicklungsländer nach Industriegütern).
2. Die Annahme von Konkurrenzpreisen gelte allenfalls für die Primärgüter (so dass die Entwicklungsländer ihre Produktivitätsfortschritte in Form sinkender Preise an die Verbraucher in den Industrieländern weitergäben), nicht aber für die Industriewaren der Industrieländer (deren Produktivitätsfortschritte von den ebenso rasch steigenden Löhnen aufgefangen würden), so dass die Entwicklungsländer für ihre Importwaren monopolistisch überhöhte Preise zu zahlen hätten. Die Industrieländer monopolisierten folglich für sich die Früchte des technischen Fortschritts.
3. Die Nachfrage nach Rohstoffen steige langsamer als die nach Industrieprodukten.
4. Der technische Fortschritt habe seinen Ursprung in den Ökonomien des Zentrums und dehne sich nur langsam und bruchstückhaft auf die Peripherie aus. Für die Industrieländer bilden technischer Fortschritt, höhere Arbeitsqualifikation und wachsender Lebensstandard einen engen Zusammenhang. In den Entwicklungsländern nehme nur der Exportsektor den technischen Fortschritt auf, setze Arbeitskräfte frei, die in der strukturell heterogenen Ökonomie nicht von anderen Sektoren aufgenommen werden könnten. Die Folge sei wachsende Arbeitslosigkeit.
5. Diese strukturellen Gegebenheiten im Handel zwischen Zentrum und Peripherie sowie in der Diffusion des technischen Fortschritts verdichteten sich zu einem ständigen Realeinkommenstransfer aus den Entwicklungsländern in die Industrieländer, der ursächlich Unterentwicklung bewirke.

Entwicklungsstrategische
Folgerungen
Aus den theoretischen Einsichten hat Prebisch unmittelbare entwicklungsstrategische Konsequenzen gezogen.
1. Da die Weltmarkintegration der Entwicklungsländer unter den asymmetrischen Zentrum-Peripherie-Bedingungen Ausbeutung bedeute, empfahl er den Entwicklungsökonomien strategischen Protektionismus.
2. Da Industrialisierung zur Verringerung des (die Unterentwicklung verfestigenden) Industriegüterimports einerseits und zur Aneignung technischen Know-hows andererseits führe, propagierte er eine Politik der importsubstituierenden Industrialisierung.
3. Da die einheimischen Märkte für den Aufbau einer auch exportfähigen Industrieproduktion und damit zum Abbau der asymetrischen Handelsbeziehungen zu klein erschienen, legte er den Regierungen in Lateinamerika die regionale Wirtschaftsintegration nahe.
4. Da die Kräfte des einheimischen freien Marktes nicht ausreichten, verschrieb er dem Staat, den er als relativ autonom gegenüber den gesellschaftlichen Kräften begriff, eine aktive Rolle im Entwicklungsprozess.

Kritik der Prebisch-These
Die These von Prebisch löste eine jahrzehntelange, mitunter lebhafte Debatte in Wissenschaft und Politik aus, ohne dass bis heute ein Ende abzusehen ist. Denn nach wie vor herrscht keine Einigkeit darüber, ob die Entwicklungsländer tatsächlich in der Weltwirtschaft benachteiligt sind. Einige Untersuchungen haben die These widerlegt, andere haben sie bestätigt, und Zusammenfassungen der Debatte gelangen ebenfalls zu unterschiedlichen Ergebnissen.
Offensichtlich ist, dass die Ergebnisse nach den verwendeten Konzepten der terms of trade (commodity terms of trade; income terms of trade: double factoral terms of trade)und nach der Länge der betrachteten Zeiträume variieren. Bei den commodity terms of tradehat es über einen langen Zeitraum betrachtet keine säkulare Verschlechterung zuungunsten der Primärgüterexporteure gegeben. In kürzeren Perioden können tatsächlich negative Einschnitte für die Entwicklungsländer erfolgen. In der Außenwirtschafts- und Entwicklungspolitik werden allerdings solche Vorkommnisse mit Entscheidungsproblemen der wirtschaftlichen Akteure erklärt, die über keine ausreichenden Informationen verfügten bzw. aus raschen Veränderungen voreilige Schlüsse hinsichtlich der Kurz- oder Langfristigkeit der neuen Tendenzen zögen. Kurzum: In der Wirtschaftstheorie überwiegt die Skepsis gegenüber der Prebisch-These.
Davon ungetrübt hält sich in der allgemeinen entwicklungspolitischen Diskussion die Überzeugung, dass die Entwicklungsländer auf dem Weltmarkt benachteiligt sind. Mit dieser Diskrepanz konnte Prebisch leben, denn er pflegte ein ausgesprochen instrumentelles Theorieverständnis. Soweit bekannt, hat er sich mit den empirisch-statistischen Widerlegungen seiner These nicht weiter befasst.
Hingegen hat ihn sein Bestreben, die Dynamik der Weltwirtschaft zu erkennen, ihren zyklischen Prozess und die Folgen für die Entwicklungsländer zu analysieren, zeitlebens nicht mehr ruhen lassen, wobei eine besondere Bedingung seiner theoretischen Arbeiten war, dass Prebisch in der politischen Praxis stand bzw. nach dem Ausscheiden aus allen Ämtern diese Praxis reflektierte. Davon beeinflusst waren auch die drei wesentlichen Prämissen, von denen er sich insbesondere in seiner letzten Schrift über den Peripheren Kapitalismus leiten ließ:
1. in methodologischer Hinsicht die Bedeutung soziologischer Faktoren; ohne die Sozialstruktur zu kennen, ohne vor allem die strukturelle Heterogenität der Entwicklungsgesellschaften zur Kenntnis zu nehmen, könne der Markt in seiner realen Funktionsweise nicht verstanden werden;
2. in soziopolitischer Hinsicht die tatsächlichen Machtstrukturen, die Machtunterschiede zwischen sozialen Klassen und die Bedeutung, die diesen Konfigurationen im Prozess der politischen Entscheidungsfindung zukomme;
3. in politisch-praxeologischer Hinsicht der Vorrang, den Interessen vor den Theorien besäßen, so dass sich Theorien nicht wegen ihrer Qualität, sondern aufgrund von Interessen derjenigen durchsetzten, die hinter ihnen stehen bzw. sich ihrer bedienen.

Theorie des peripheren Kapitalismus
In Prebischs Theorie des peripheren Kapitalismus spielt der externe Faktor, die strukturelle Abhängigkeit (eine Konzession an die Dependencia-Theorie!) entsprechend seiner Anlayse des Zentrum-Peripherie-Modells eine wichtige Rolle. Prebisch betont jedoch die internen Faktoren, die den peripheren Kapitalismus bedingen, den er als ausschließend-marginalisierend und gewalttätig-konfliktiv charakterisiert. Er erfasst damit insbesondere dessen soziale und politische Merkmale und vermeidet als Ökonom einen ökonomischen Reduktionismus. Die für seine Theorie des peripheren Kapitalismus zentrale Akkumulationsproblematik ist eine Folge der ökonomisch, sozial und politisch bedingten strukturellen Heterogenität, die sich äußert:
1. in einer ungenügenden Kapitalakkumulation;
2. in zu geringer Verwendung der erzielten Überschüsse für produktive Zwecke;
3. in sehr ungleicher Verteilung;
4. in der Aufrechterhaltung des hohen Konsumniveaus einer Minderheit, das die soziale Verwendung der Überschüsse ausschließt und zugleich Arbeitslosigkeit und die Marginalisierung großer Teile der Bevölkerung hervorruft.
Die Frage der Erwirtschaftung, Aneignung und Verausgabung des Überschusses sah Prebisch letztlich von den politischen Machtverhältnissen abhängig, über die in der Vergangenheit kontinuierlich Versuche der Transformation der ökonomischen und sozialen Strukturen, der Umverteilung, der Steigerung sozialer Investitionen etc. abgeblockt worden seien. Diese Kritik richtete sich gegen die restaurativ-autoritären Regime der 1970er Jahre. Die Lösung der für den peripheren Kapitalismus typischen Akkumulations- und Distributionsprobleme sah Prebisch daher gebunden an eine Transformation der internen Machtverhältnisse.
Reformerische Ansätze innerhalb der Peripherieländer schloss Prebisch zwar nicht aus, aber die anzustrebende Aufhebung der peripheren Struktur des Kapitalismus, bei der dem Staat in wirtschaftlicher, verteilungspolitischer und moralischer Hinsicht eine herausragende Rolle zugedacht war, ging eigentlich von bereits gewandelten Machtverhältnissen aus. Für deren Veränderung hatte Prebisch kein Konzept, weshalb Kritiker ihn des Utopismus ziehen. Weder Liberalismus noch Sozialismus war seine Maxime.

Biographie und Theorie
Eine Kritik des entwicklungstheoretischen Denkens von Raúl Prebisch muss berücksichtigen, dass seine vita activa aus einer Trias von Aktivitäten besteht:
aus theoretischer Reflexion, Bildung von Institutionen und direkter Politikgestaltung. Es ist eine einzigartige Verknüpfung, die in der Entwicklungstheorie ihresgleichen kaum findet. Freilich wurden seine theoretischen Einsichten ständigem Wandel unterworfen durch die Praxisorientierung und die dadurch bedingte Anpassung an Zeiten und Kontexte, zumal wenn er Politikempfehlungen zu formulieren hatte.
Obwohl Prebisch ein eigenständiges Entwicklungsprogramm für die Dritte Welt entwarf, war er kein Dogmatiker. Er hat sich expressis verbis gegen Dogmatiker gewandt. Indem er seine eigenen Erfahrungen (und seine politischen Frustrationen) reflektierte, erneuerte er ständig sein entwicklungstheoretisches Denken. Er lebte förmlich die Spannung zwischen Theorie und Praxis - daher die Suche nach vermittelnden Positionen. In den großen theoretischen Kontroversen vermied er die Dichotomie des Entweder-oder, er bevorzugte die Ambivalenz des Sowohl-als-auch, wobei sich im Zeitverlauf die Akzente aus strategischen Gründen und solchen der empirischen Erfahrung veränderten.
Überblickt man sein Denken von den argentinischen Anfängen bis zu den Analysen des peripheren Kapitalismus, so kann man durchaus von einer theoretischen Odysee sprechen. Prebisch entwickelte sich vom Neo-Klassiker zum Keynesianisten und vom Bi- zum Multilateristen.
Nachdem er mit der Theorie der säkularen Verschlechterung der terms of trade weltweit Anerkennung und Widerspruch erfahren hatte, verschob er in seiner Theorie des internationalen Handels den Akzent von der (externen) Handelslücke zur (internen) Sparlücke, von der Ungleichheit der Handelsbeziehungen zur Ungleichheit der internen Wirtschaftsakteure. Seiner Bejahung und Forderung staatlicher Protektionismuspolitik stellte er die empirische Erfahrung gegenüber, dass der Protektionismus internen privilegierten Wirtschaftsgruppen diene, die sich damit dem internationalen Wettbewerb entzögen. Schließlich betonte er statt der externen Verursachung der Unterentwicklung die nationale Eigenverantwortung der Entwicklungsländer. Statt der Transformation der Weltwirtschaft und der internationalen Machtverhältnisse wurde ihm die Transformation der Strukturen und Verhaltensmuster in den Entwicklungsländern vorrangig.
Man hat Prebisch und sein Denken als komplex bezeichnet. Damit wird zu umschreiben versucht, dass sich die Ad-hoc-Erneuerungen nicht immer stimmig in sein Gedankengebäude einfügten. Ambivalenz gebiert selten stringente Theorie. Als in der politischen Anfeindung stehender Wirtschaftsfachmann ist Prebisch um Polemik nie verlegen gewesen. Im Alter kam Enttäuschung über das nicht Erreichte hinzu. Schließlich war sein Heimatland Argentinien während seiner Lebenszeit vom Status eines relativ wohlhabenden Landes auf den eines Entwicklungslandes bzw. eines ewigen Schwellenlandes herabgesunken. Auf die Frage, weshalb Japan den Anschluss an die Industrieländer geschafft habe, konnte er antworten, dass Japan von Japanern bevölkert sei.
Gleichzeitig bewahrte er sich den Optimismus, auf eine vom Staat ausgehende wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Transformation in Lateinamerika zu hoffen. Prebisch blieb der Modernisierungstheorie verhaftet - ein Modernisierer mit einem heterodoxen Entwicklungsprogramm.

III.
Der Einfluss von Prebisch auf die Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik des Südens und insbesondere Lateinamerikas kann kaum überschätzt werden. Er war der große, auf die res gerendaeorientierte Wirtschaftstheoretiker Lateinamerikas. Seine Ideen bilden den Grundhaushalt dessen, was unter der strukturalistischen Schule der Wirtschaftstheorie verstanden wird. Sie sind die Kernelemente des "Cepalismo",jener von der CEPAL vertretenen Wirtschaftslehre, die sich über ganz Lateinamerika ausbreitete. Wer die Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas in den Jahrzehnten nach dem II. Weltkrieg verfolgt, wird unschwer erkennen, dass die theoretischen Vorgaben und die Politikempfehlungen von Prebisch in der Praxis aufgegriffen wurden. Importsubstituierende Industrialisierung, hochgradige Rolle des Staates im Entwicklungsprozess, regionale Integration - die von Prebisch gesetzten Akzente bildeten jenseits aller seinerzeitigen scharfen ideologischen Gegensätze zwischen rechts und links den Grundbestand gemeinsamer politischen Überzeugungen in Wissenschaft und Politik. Im Rahmen der Vereinten Nationen hat die von Prebisch betriebene Neue Weltwirtschaftsordnung nachhaltig die Entwicklungsdebatte der 1960er und 1970er Jahre bestimmt.
Gewiss, Prebisch war zunehmend enttäuscht, dass seinen Politikempfehlungen nur teilweise, nicht mit der nötigen Konsequenz, gefolgt wurde, worauf er die unzureichenden Ergebnisse zurückführte. Aber ebenso gewiss ist, dass etliche seiner Begriffe samt den Einsichten, die sie transportieren, in das entwicklungspolitische Sprachgut eingegangen sind. Welcher Autor erinnert heute noch daran, dass das Zentrum-Peripherie-Modell von Prebisch stammt? Manche der heute gängigen Entwicklungsvorstellungen gehen auf Prebisch zurück, werden aber häufig anderen Theorierichtungen zugeschrieben. Die Dependenztheorie, die sich gegenüber der politischen Praxis des desarrollismo(der Wachstumsstrategie innerhalb des kapitalistischen Grundmodells und auf der Basis der Prebisch-Empfehlungen) abgrenzte, hat sich etlicher Argumente der Prebisch-Theorie bedient, sie zugespitzt, häufig auf die Weise, dass sie sie mit Ansätzen aus der marxistischen Theorie verknüpft hat, und in der entwicklungspolitischen Diskussion die Originalität für sich in Anspruch zu nehmen gewusst. Es ist nicht von ungefähr, dass kaum eine Schrift von Prebisch in deutscher Sprache vorliegt. Im Kontext der 1968er Jahre hat man sich in Deutschland nicht für das reformistische Original, sondern mehr für die radikale Variante interessiert. Die Prebisch-Rezeptionslücke zwischen Lateinamerika und Deutschland ist groß.

IV.
Das Vermächtnis von Don Raúl wird in Lateinamerika liebevoll gepflegt. Dabei wird nicht nur daran erinnert, dass er über Jahrzehnte das dortige entwicklungspolitische Denken und Handeln geprägt hat. Nach dem Niedergang der großen Entwicklungsparadigmen und im Zusammenhang neuerer Entwicklungsstrategien wird danach gefragt, welche Begründungen und welche Kritik bei Prebisch gefunden werden kann. Das Verfahren ist nicht ganz unproblematisch, denn Prebisch argumentierte kontextbezogen und lernte stets aus der Erfahrung hinzu. Es ging ihm auch weniger um den Begründungszusammenhang von Theorie und darum, grundsätzlich Recht zu behalten, als vielmehr darum, in Richtung auf konsensfähige Entwicklungsziele politischen Einfluss zu nehmen - also um den Verwertungszusammenhang von Theorie. Lehren aus seinen Schriften würden sich gewiss nicht mit den Ansichten decken, die er zur Gegenwart geäußert hätte.
Dennoch wird man seinen grundlegenden Konzepten, den terms of trade und dem Zentrum-Peripherie-Modell, bescheinigen können, dass sie nach wie vor heuristisch fruchtbar sind. Des weiteren wird man einige Entwicklungen der 1990er Jahre als Renaissance der Prebisch-Empfehlungen begreifen können. Dies ist u. a. mit dem Wiederaufleben von Integrationsprozessen (Mercosur, NAFTA) der Fall, deren Notwendigkeit er zeitlebens das Wort geredet hat. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass Prebisch kein grundsätzlicher Gegner der Weltmarktintegration der Entwicklungsländer war, sondern den Protektionsmus als strategisch und zeitlich begrenztes Instrument einsetzen wollte, und dass er regionale Integration nur als Zwischenstufe begriff, bis die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Südens in der Produktion industrieller Güter erreicht worden wäre. Er geißelte die tatsächliche gegensätzliche Funktion des Protektionsmus im peripheren Kapitalismus.
In umfassenderer entwicklungsstrategischer Hinsicht war Prebisch ein Gegner sowohl des Sozialismus wie des Liberalismus. Er plädierte im Prinzip für ein ausgewogenes Verhältnis von Markt und Staat, wobei er dem Staat im peripheren Kapitalismus jenseits der Kernfunktionen besondere Aufgaben zuwies, nicht um den Kapitalismus, sondern um seine periphere Struktur zu überwinden. Prebisch hatte ein soziales Gewissen. Nach der radikalen neoliberalen Wende zugunsten des Marktes sowie den daraus resultierenden sozialen Verwerfungen kann das entwicklungspolitische Denken von Prebisch als eine Ressource dienen, um in der Suche nach sozialer Gerechtigkeit in Lateinamerika das Gleichgewicht zwischen Markt und Staat wieder herzustellen.
Schriften von Raúl Prebisch:
R.P. (1949): Economic Survey of Latin America, in: ECLA (Economic Comission for Latin America). New York, UN
- (1950): The Economic Development of Latin America and its Principal Problems. New York, UN
- (1961): Economic Development, Planning and International Cooperation. Santiago de Chile, ECLA
- (1964): Towards a New Trade Policy for Development. Report by the Secretary General of the UNCTAD. New York, UN
- (1968): Für eine bessere Zukunft der Entwicklungsländer. Ausgewählte ökonomische Studien. Berlin (Ost)
- (1971): Change and Development: Latin America's Great Task. New York, Praeger
- (1981): Capitalismo periférico: crisis y transformación. Mexico, Fondo de Cultura Económica
- (1984): Five Stages in my Thinking on Development, in: G.M. Meier/ D. Seers (Hg.): Pioneers in Development. New York, Oxford University Press, S. 173-191
Schriften zu Raúl Prebisch:
CEPAL (1987): Raúl Prebisch. Un aporte al estudio de su pensamiento. Santiago, Naciones Unidas (enthält eine komplette Bibliographie seiner Schriften)
Adolfo Gurrieri (Hg., 1982): La obra de Prebisch en la CEPAL. Mexico, Fondo de Cultura Económica
Joseph Hodara (1998): Las confesiones de Don Raúl. El capitalismo periférico, in: Desarrollo Económico, 38 (150), S. 643-653
Enrique V. Iglesias (Hg., 1993): El legado de Raúl Prebisch. Washington (DC), Banco Interamericano de Desarrollo
José Manuel Salazar (1993): El resurgimiento de la integración y el legado de Prebisch, in: Revista de la CEPAL, 50, S. 21-40
Prof. Dr. Dieter Nohlen lehrt Politische Wissenschaft an der Universität Heidelberg. Er ist Herausgeber des Lexikons Dritte Welt (Rowohlt-Taschenbuch-Verlag), des siebenbändigen Lexikons der Politik (Beck-Verlag) und (zusammen mit Franz Nuscheler) des achtbändigen Handbuchs der Dritten Welt (Dietz-Verlag).

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