E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 12, Dezember 2001, S. 371)
Terrorismus ein Problem auch der MuslimeVon Ziauddin Sardar Ziauddin Sardar, Verfasser mehrerer Bücher über den Islam (Introducing Islam; The Future of Muslim Civilization; Barbaric Others A Manifesto on Western Racism), in Pakistan geboren und tätig als Politikwissenschaftler an der Universität Middlesex, ist der Auffassung, dass nach dem 11. September auch die Muslime sich Rechenschaft geben müssen über die Rolle, die Terrorismus in ihrer Kultur spielt. Der Artikel, geschrieben für den Observer, wurde in den Zeitungen mehrerer islamischer Länder nachgedruckt. Überall auf der Welt verdrängen Muslime einen Teil der Realität. Von Ägypten bis Malaysia ist ihre Aversion erkennbar, Terrorismus auch als Muslim-Problem zu erkennen und Verantwortung da- für zu übernehmen. Beim Treffen der Organisation der Islamischen Konferenz in Quatar Mitte Oktober verurteilten die Teilnehmer zwar die Anschläge vom 11. September, lehnten aber jede Verantwortung dafür ab. Statt das Problem mutig anzupacken, ließen sie sich neuerlich in eine globale Koalition hineindrängen. Der Terrorismus ist aus einer Reihe triftiger Gründe ein Problem auch der Muslime. Die meisten Terroranschläge ereignen sich innerhalb der muslimischen Welt. In Pakistan ist terroristische Gewalt endemisch. Fanatisierte Gruppen wie die Sepa-e-Shaba (Krieger des Gefährten des Propheten) ziehen marodierend durchs Land und verbreiten Angst und Schrecken. In Ägypten haben Aktivisten der Gruppe Islamischer Dschihad Touristen getötet, und Angehörige der extremistischen Terrororganisation al-Gamaa al-Islamia machen den einfachen Muslimen im Lande das Leben zur Hölle. Saudi-Arabien, Indonesien, die Philippinen, Algerien, Bangladesch, Libanon, Iran es gibt kaum ein muslimisches Land, das von der Geißel des Terrorismus verschont wird.
Der Horror des Terrorismus ist Muslimen bestens vertraut Der größte Teil der Opfer des Terrorismus sind ebenfalls Muslime, trotz der Anschläge vom 11. September. Dies wird vor allem deutlich, wenn man bedenkt, dass Gewalt und Brutalisierung bei den nicht enden wollenden Unabhängigkeitskämpfen in Gebieten wie Palästina, Kaschmir und Tschetschenien die Regel geworden sind. Terror und Gegenterror bilden einen Teufelskreis, dem unzählige Muslime zum Opfer gefallen sind. Der Terrorismus, der Horror, der ihn begleitet, und seine Folgen sind also den Muslimen vertrauter als den Menschen irgendwo sonst auf der Welt. Dennoch, obwohl sie von den Ereignissen des 11. September schockiert waren und ihr Mitgefühl den Opfern gilt, weigern sich die Muslime hartnäckig, den Terrorismus als ihr eigenes Problem wahrzunehmen. Sie haben die Schuld allen nur möglichen anderen gegeben, nur nicht sich selbst. Es ist immer der Westen oder der CIA, es sind die Inder oder die Zionisten, die gerade eine neue Verschwörung ausbrüten. Mit dieser Verdrängungsmentalität sind die Muslime für die Auseinandersetzung mit den Problemen des endemischen Terrorismus schlecht gerüstet. Willkürliche Gewalt, Terror von Regierungen gegen die eigene Bevölkerung, durch Oppositionsgruppen und zwischen rivalisierenden Fraktionen sind heute so untrennbar verbunden mit dem politischen Diskurs in den gescheiterten Gemeinwesen, dass sie als Normalität betrachtet werden. Die von den USA angeführte Allianz gegen die Taliban dient liberalen Muslimen heute als ideales Surrogat für die Selbsterforschung und die kritische innere Auseinandersetzung, die zur Bewältigung ihrer hausgemachten Probleme eigentlich erforderlich wären. Die jetzt gebildete Koalition gegen den Terrorismus in Afghanistan birgt für die Muslime noch eine weitere Gefahr: Angesichts des willkürlichen Vorgehens der Koalition werden die ersten, gegen die sich die Feindseligkeit der noch zögernden muslimischen Staaten richtet, die wenigen noch vernehmbaren Stimmen der Vernunft sein. Anwar Ibrahim, der frühere stellvertretende Ministerpräsident von Malaysia und eine der wenigen einsichtigen Stimmen in dieser Region, hat vorausgesagt, dass die Sache der Demokratie in den muslimischen Staaten um Jahrzehnte zurückgeworfen werden wird, da die herrschenden Autokraten ihre Beteiligung am globalen Kampf gegen den Terror dazu nutzen werden, ihrerseits ihre Kritiker und Dissidenten zu terrorisieren. Anwar weiß, wovon er spricht. Er schrieb seinen Artikel in der Gefängniszelle, wo er eine 15jährige Freiheitsstrafe verbüßt. Dies sei nicht die Zeit, meint er, über die amerikanische Außenpolitik zu räsonieren. Es sei aber an der Zeit, die Frage zu stellen, wie die muslimische Welt im 21. Jahrhundert einen Bin Laden hervorbringen konnte. Die Antwort birgt zwei Komponenten, und auf die erste spielt Anwar an: Nirgendwo in der gesamten muslimischen Welt ist es möglich, eine kritische Meinung zu äußern. Autokratische, theokratische, despotische Regime erlauben keinerlei politische Freiheit, das Denken ist verboten, und brutale Unterdrückung ist die Norm. Gewalt ist der einzige Weg, abweichende Meinungen zu äußern. Als junger Mann gründete Anwar eine dynamische islamische Bewegung. Auch ich habe mich in jungen Jahren für verschiedene islamische Organisationen engagiert. Dort, im grenzenlosen Internationalismus der weltweiten Muslim-Gemeinschaft, begegneten wir uns zum ersten Mal. Und genau dort, in diesen Organisationen, müssen wir den zweiten Grund für die in den Muslim-Gesellschaften herrschende Gewalt suchen. In den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verkörperten die islamischen Organisationen Jamaat-e-Islami in Pakistan, die MuslimBruderschaft in Ägypten für die im Elend dahinvegetierenden Massen Hoffnung, die Sprache der Gerechtigkeit und das Ideal des Selbstvertrauens. Zahllose islamische Organisationen und Initiativen entstanden in dieser Zeit, und unser Kampf richtete sich gegen Autokratie und Despotismus in den Muslim-Gesellschaften. Aber diese Organisationen wurden ein Spiegelbild dessen, was sie bekämpft hatten. Die Führerschaft ging von den Intellektuellen über auf halbgebildete Demagogen. Was die islamischen Bewegungen geschaffen haben, ist ein militanter Fanatismus, ein Fundamentalismus, der ebenso autokratisch, engstirnig und repressiv ist wie die etablierte Ordnung, die sie umstürzen wollten. Statt Diskussion und ein Überdenken der heutigen Bedeutung des Islam zuzulassen, erheben sie ihre fundamentalistischen Ideen in den Rang einer Sache, für die es zu sterben gilt, für die man aus blindem Hass tötet und vernichtet.
Für Islamisten ist der Islam eine Ethik der Absonderung Das Versagen der islamischen Bewegungen liegt in ihrem Unvermögen, für die Modernität eine eigene islamische Ausprägung zu finden. Statt sich mit der Unzahl von Problemen zu befassen, die den Muslimen das Leben zur Hölle machen, verordnen sie ihnen blindes Festhalten an engstirniger Frömmigkeit und sklavische Unterwerfung unter despotische Verdummung. Statt sich der Außenwelt zu öffnen, haben sie den Islam in eine Ethik der Absonderung verwandelt, der getrennten Unterentwicklung und der Verneinung der übrigen Welt. Der Kampf gegen die Gewalt in der muslimischen Welt ist weit mehr als ein Kampf gegen mordende Fanatiker oder despotische Führer. Es ist auch ein Kampf gegen die islamischen Organisationen, deren vereinfachende und bösartige Rhetorik oft in der Rechtfertigung der Fanatiker gipfelt und alles Andere in der absolutistischen, nichts hinterfragenden Manier aller totalitären Sichtweisen verteufelt. Die Antworten auf die Probleme der Muslim-Gesellschaften sind nicht schwer zu finden aber schwer ins Werk zu setzen. Politische Freiheiten, offene Diskussionen, die Emanzipierung der Gesellschaft zu einem zivilen, pluralistischen und humanen Gemeinwesen dies sind offensichtliche Lösungen. Aber sie werden durch die islamischen Organisationen blockiert. Wir brauchen durchdachte Kreativität und kritisches Bewusstsein, dafür hat Anwar immer wieder plädiert. Am häufigsten riet er jedoch zu Demut der Demut, die eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten zu erkennen. © Ziauddin Sardar E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE) Redaktionsanschrift: E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach, D-60268 Frankfurt
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