E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr.
12, Dezember 2001, S. 377)

Durch das Gespräch die Schwachen stärker machen
Die informellen Politikdialoge der DSE nutzen vor allem den armen Ländern
zum Beispiel in der Handelspolitik
Gudrun Kochendörfer-Lucius

Politikgestaltung lebt vom Dialog und von der Debatte. Dies gilt
vor allem für die Gestaltung Globaler Strukturpolitik, die einen
offenen, kultur- und interessenübergreifenden Wissens- und Erfahrungsaustausch
erfordert nach den Anschlägen am 11. September mehr denn
je. Um solche informellen internationalen Politikdialoge auf Leitungsebene
zu ermöglichen, wurde 1978 in Berlin das Entwicklungspolitische
Forum der DSE eingerichtet. Seither haben fast 7000 Gesprächspartner
an den Veranstaltungen des Forums teilgenommen hochrangige internationale
Führungspersönlichkeiten und Entscheidungsträger sowie
NRO-Vertreter und Wissenschaftler. Ziel ist es, ihnen eine Plattform
dafür zu bieten, den weltweiten Fundus an Wissen und Erfahrungen
zur Lösung globaler Probleme nutzbar zu machen und Handlungsoptionen
für die Entwicklungspolitik zu entwerfen.
Entwicklungsländer sind heute wichtige Akteure im globalen
Handelssystem und bei der Gestaltung multilateraler Handelsabkommen.
Sie sind nicht länger auf Brosamen vom Tisch der Reichen angewiesen.
Mike Moore, der Generaldirektor der Welthandelsorganisation (WTO), formulierte
dies anlässlich des Politikdialogs des DSE-Forums zum Thema Priorities
for Multilateral Trade Negotiations im April 2001 in Berlin, an
dem Handelsminister aus Entwicklungsländern, Vertreter der Bundesregierung,
der Europäischen Union und der WTO teilnahmen. Moore weiter: Weil
von den Entwicklungsländern Konzessionen erwartet werden, haben
sie auch das Recht, Forderungen zu stellen. Und sie können Themen
auf die internationale Verhandlungsagenda bringen.
Das multilaterale Handelssystem hat sich seit der Uruguay-Runde, die
1994 beendet wurde, drastisch verändert. Bis dahin hatten Entwicklungsländer
kaum die Chance, an den Verhandlungen zu partizipieren. Die meisten
waren keine Mitglieder des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT).
Und jene Entwicklungsländer, die Mitglieder waren, hatten kaum
die Möglichkeit, aktiv ihre Interessen zu vertreten. Das ist heute
anders. In der Marrakesch-Erklärung vom 1994 wird anerkannt, dass
die Entwicklungsländer aufgrund struktureller Defizite im internationalen
Handel benachteiligt sind. Die Erklärung verpflichtet die WTO zu
besonderen Anstrengungen, um Entwicklungsländern einen fairen Anteil
am Welthandel zu eröffnen. Viele Entwicklungsländer haben
sich seit der WTO-Gründung 1995 darum bemüht, Mitglied der
Organisation zu werden. Heute sind vier von fünf der insgesamt
142 WTO-Mitglieder Entwicklungsländer. Welchen Einfluss hat diese
Überzahl auf Entscheidungsstrukturen und Verhandlungsergebnisse?
Was sind die inhaltlichen Prioritäten der armen Länder? Werden
sie von den major players zur Kenntnis genommen?

Plattform für den informellen Austausch
auf hoher politischer Ebene
Es ist die Aufgabe des Entwicklungspolitischen Forums der DSE, Führungskräften
aus Industrie- und Entwicklungsländern eine Plattform für
den informellen Austausch über drängende entwicklungspolitische
Fragen wie diese zu bieten. Der Politikdialog im April diente dazu,
die Verhandlungsagenda für die WTO-Ministerrunde im November in
Doha, Qatar, zu ordnen und die unterschiedlichen Interessen informell
zu beleuchten. Eine solche informelle Debatte wichtiger Wortführer
und Entscheidungsträger abseits vom Dampfkessel Genf, dem Sitz
der WTO, ist ein unschätzbarer Beitrag zum agenda building process
im Rahmen der WTO. Das DSE-Forum bot den Teilnehmern die Möglichkeit,
sich ein Bild davon zu machen, welche Themen auf die Agenda in Doha
kommen und wie mögliche Vorschläge für Beschlüsse
aussehen könnten. In Berlin forderten die Entwicklungsländer
von den Industrieländern einmal mehr, endlich die Abkommen der
Uruguay-Runde umzusetzen und die Agrarmärkte zu öffnen statt
Handelspräferenzen anzubieten. Gleichzeitig war das DSE-Forum der
ideale Ort, sich informell über die neuen WTO-Themen
wie geistiges Eigentum, Investitionen, Wettbewerb und Umwelt auszutauschen.
Von besonderem Interesse war die Frage, wie innerhalb der WTO die Möglichkeiten
für Entwicklungsländer verbessert werden können, sich
über diese Themen zu informieren und beraten zu lassen. Die Debatte
über das WTO-Abkommen zu Fragen des geistigen Eigentums (TRIPS)
zeigte Wege auf, wie Bündnisse zwischen Entwicklungs- und Industrieländern
geschmiedet werden können mit dem Ziel, die Kapazitäten der
armen Länder in den Verhandlungen über die neuen Themen zu
stärken. Wichtig war auch der informelle Austausch darüber,
wie die Rolle des unabhängigen Rechtsberatungszentrums für
Entwicklungsländer bei der WTO-Streitschlichtung definiert werden
könnte.
Die praktische politische Bedeutung der internationalen Politikdialoge
des DSE-Forums wird beispielsweise daran deutlich, dass die Ergebnisse
der WTO-Veranstaltung einflossen in ein Ministergespräch der OECD
zu handelspolititischen Fragen, das unmittelbar danach in Paris stattfand
und zu dem auch eine Reihe der Teilnehmer des DSE-Dialogs eingeladen
war neben Mike Moore und Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul
15 Handelsminister aus aller Welt. Die OECD begrüßte ausdrücklich
die inhaltliche Vorbereitung, die der Berliner Dialog für das Ministergespräch
geleistet hatte.
Die Ergebnisse des DSE-Dialogs wurden überdies vom Koordinator
des Sekretariats für die UN-Konferenz über Entwicklungsfinanzierung
(Finance for Development, FfD), Oscar De Rojas, angefordert und allen
Delegierten des FfD-Prozesses in New York zur Verfügung gestellt,
da sie einen guten Eindruck davon geben, welche Positionen zum Thema
Handel und Entwicklungsländer in der WTO auf hoher politischer
Ebene vertreten werden. WTO-Chef Mike Moore hat dem DSE-Forum die weitere
Zusammenarbeit angeboten.

Die DSE-Dialoge
stärken die Position der Entwicklungsländer
Indem die Dialogveranstaltungen des Entwicklungspolitischen Forums
mit Organisationen wie IWF, Weltbank, Vereinte Nationen oder OECD den
Austausch zwischen Industrie- und Entwicklungsländern fördern,
stärken sie die Verhandlungsposition der Letzteren auf der internationalen
Bühne. Mike Moore sagte zum Abschluss des Dialogs über die
Rolle der armen Länder in der WTO: Die großen Spieler
wissen, dass sie nicht länger alles unter sich ausmachen und vom
Rest der Welt erwarten können, ihnen zu folgen. Und die Entwicklungsländer
wissen, dass keine neue Handelsrunde abgeschlossen werden kann, ohne
dass ihre Bedürfnisse berücksichtigt worden sind.
Weitere Informationen:
DSE, Entwicklungspolitisches Forum, Hallerstr. 3, 10587 Berlin, Tel:
030/43996-341, Fax: -250,
E-Mail:ef@dse.de,
Internet: www.dse.de/ef/ef.htm

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herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung
(DSE)
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E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach, D-60268 Frankfurt
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