E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr.
12, Dezember 2001, S. 351)

Tehri-Damm: Exportförderung um jeden Preis?
Heffa Schücking

Kommentar
Der Antritt der rot-grünen Bundesregierung ließ Hoffnung
auf eine längst überfällige Wende in der deutschen Außenwirtschaftspolitik
aufkommen. Im Koalitionsvertrag war die Rede davon, das wichtigste Instrument
der Außenwirtschaftsförderung die Hermes-Bürgschaften
nach ökologischen, sozialen und entwicklungspolitischen
Kriterien umzugestalten. Doch Wirtschaftsminister Werner Müller
fand immer wieder Mittel und Wege, solche sachfremden Kriterien
von seinem Instrument fernzuhalten. Folgerichtig kam bei der im April
2001 verabschiedeten Umweltleitlinie für Hermes lediglich eine
Light-Linie heraus, die dem Gott der Kaufleute und Diebe
nichts anhaben kann.
Eine entscheidende Zuspitzung erfuhr die Hermes-Reformdebatte, als
die Firma Siemens eine Bürgschaft für den Export einer Schaltanlage
für den umstrittenen Tehri-Staudamm in Nordindien beantragte. Wenn
es einen weltweiten Wettbewerb für korrupte, menschenfeindliche
und umweltzerstörerische Projekte gäbe, dann wäre der
Tehri-Damm sicherlich in der Endausscheidung. Nun musste die Bundesregierung
Farbe bekennen, welchen praktischen Stellenwert sie ökologischen,
sozialen und entwicklungspolitischen Belangen in der Außenwirtschaftsförderung
einräumt.
Das fiel ihr zunächst nicht leicht: Im Interministeriellen Ausschuss
(IMA) standen das BMZ und das Auswärtige Amt dem Siemens-Antrag
ablehnend gegenüber. Gründe dafür gibt es genug: Tehri
soll der fünfthöchste Damm der Welt werden und wird inmitten
eines stark erdbebengefährdeten Gebiets gebaut. Experten sagen
voraus, das zehn Millionen Menschen sterben könnten, wenn die Staumauer
bricht. Dass gegen zehn leitende Beamte der indischen Projektgesellschaft
wegen Korruption und Pfusch am Bau ermittelt wird, steigert nicht gerade
das Vertrauen in die Sicherheit des Dammes. Aber auch ohne Beben bedeutet
Tehri eine Katastrophe für die mehr als 100 000 Menschen, die für
das Projekt vertrieben werden sollen. Obwohl sich noch rund 10 000 Einwohner
in der Stadt Tehri aufhalten, hat die indische Regierung angekündigt,
Teile der Stadt noch vor Jahresende zu fluten. Die FAZ titelte passend:
Ein Damm gegen das Volk.
In der Debatte meldete sich auch der Bundestag zu Wort. Die Koalitionssprecherinnen
des Entwicklungs- und des Menschenrechtsausschusses liefen Sturm gegen
eine Tehri-Bürgschaft. Kirchen und Nichtregierungsorganisationen
schrieben lange Briefe an das Kanzleramt. Ein langjähriger Mitstreiter
Gandhis, der 75-jährige Sunderlal Bahaguna, machte den weiten Weg
nach Berlin, um vor den katastrophalen Folgen des Projektes zu warnen.
Unterdessen machte Siemens geltend, dass durch die Bürgschaft immerhin
40 Arbeitsplätze in den neuen Bundesländern gesichert würden.
Zudem drohte das Unternehmen für den Fall einer Ablehnung mit einer
Klage gegen die Bundesregierung.
Soweit kam es aber nicht. Ende Oktober, kurz bevor er nach Indien aufbrach,
sprach Bundeskanzler Gerhard Schröder das magische Basta!,
und schon herrschte wieder Einigkeit in der Regierungsmannschaft: Dem
Siemens-Antrag wurde stattgegeben. Während in Tehri die Stromversorgung
abgestellt, Schulen, Krankenstationen und Apotheken geschlossen wurden
und die Angst vor den steigenden Fluten um sich griff, honorierte Deutschland
die drown-or-move-Devise der indischen Regierung mit einer
Bürgschaftsbewilligung. Ich bin sehr glücklich darüber,
dass Deutschland diesen Exportkredit genehmigt hat, und glaube, dass
damit wirklich kein Zweifel mehr an diesem Projekt bestehen kann,
kommentierte Indiens Energieminister Prabhu das Gastgeschenk.
Die Bundesregierung hat Farbe bekannt. Ob Schwarz-Gelb die Kohl-Regierung
bewilligte 1997 eine Tehri-Bürgschaft für ABB oder
Rot-Grün: In der Außenwirtschaft zählen nur die eigenen
Exportinteressen selbst wenn es um den wohl gefährlichsten
Damm der Welt geht. Seit dem 11. September reden Politiker aus allen
Lagern bei jeder sich bietenden Gelegenheit davon, dass die Auswüchse
einer rücksichtslosen Globalisierung gestoppt und Armutsbekämpfung
und Krisenprävention ernster genommen werden müssten. Offenbar
soll das nur für eine eng definierte Entwicklungspolitik gelten.
Diese kann jedoch nicht reparieren, was durch die Außenwirtschaftspolitik
zu Bruch geht: Die Menschenwürde und materielle Überlebensbasis
von einhunderttausend Indern sowie die Glaubwürdigkeit unserer
Werte.
Heffa Schücking ist Geschäftsführerin der Organisation
urgewald in Sassenberg.

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