E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 12, Dezember 2001, S. 347)


Editorial

Die Legitimation der Zivilgesellschaft

Reinold E. Thiel


Die Jugend müsse politisch aktiver werden, forderten kürzlich die Autoren eines Themenheftes von „Aus Politik und Zeitgeschichte“, der Beilage zum „Parlament“. Aber die Autoren haben es nur noch nicht gemerkt: Die Jugend ist politisch aktiver geworden. Die Demonstrationen in Köln, Seattle, Genua, Prag und Göteborg zeigen es, die wachsende Mitgliederzahl von „attac“ zeigt es, und dass bei den letzten Berliner Wahlen „in der ganzen Stadt die jüngste Wählerschaft und die meisten Wähler mit Abitur“ die PDS hatte, ist, wenn man dazu den Spiegel liest, ein weiteres Indiz. Der befragte Jungwähler
und ermittelte als Motiv „eine ganz prinzipielle Kritik an dieser Gesellschaft und ihren Parteien“, „ein großes Misstrauen gegenüber unserer jetzigen Gesellschaft und Politik“. Das gab es schon einmal, in der zweiten Hälfte der 60er Jahre, als die Politiker über die unpolitische Jugend, die „Ohnemichels“, lamentierten – aber als dann die jungen Leute im SDS, in der APO und in den Republikanischen Clubs aktiv wurden, war es den Politikern auch nicht recht. Was ist das, womit wir es da zu tun haben?

Bei Alexis de Tocqueville, einem der Urväter unseres modernen Demokratieverständnisses, findet sich der Hinweis, dass die Vereinigten Staaten deshalb Staaten ihrer Bürger seien, weil diese sich in „Assoziationen“ zusammenfinden, wann immer es ein Problem zu diskutieren und zu lösen gebe. Assoziations- und Versammlungsfreiheit ist seitdem eine der wichtigsten Grundlagen der Demokratie. Dass von Zeit zu Zeit gewählt wird, macht allein noch nicht die Demokratie aus – das bringen auch afrikanische oder asiatische Alleinherrscher fertig –, sondern dass auch in der Zeit zwischen den Wahlen die Bürger öffentlich über Politik räsonnieren und Forderungen an die Politiker stellen. In den politischen Wahlen sollte man nicht seine Stimme abgeben, sondern wählen – die Stimme braucht man noch, um sich auch weiterhin bemerkbar zu machen. Erst beides zusammen erweist unser System als demokratisch.

Seit etwa 15 Jahren ist in diesem Zusammenhang der Begriff der Zivilgesellschaft oder der Bürgergesellschaft üblich geworden. Der Begriff hat eine lange Geschichte, man kann ihn auf Marx oder auf Gramsci zurückführen, aber er war Wandlungen unterworfen, und wichtiger ist, zu untersuchen, was er heute bedeutet. Zivilgesellschaft ist nicht etwa alles, was nicht Staat ist. Jenseits des Staates gibt es die profitorientierte Sphäre der Wirtschaft und eine nicht-profitorientierte, eben die der Bürger-
Assoziationen, der Nichtregierungs- (und nicht Wirtschafts-)Organisationen. Jürgen Habermas hat dem Phänomen eine längere Studie gewidmet, die er 1992 veröffentlichte: „Faktizität und Geltung“.

Einer der Ausgangspunkte von Habermas’ Überlegungen ist der Begriff der Volkssouveränität. Die kann heute nicht mehr, wie im Stadtstaat Athen, in den norditalienischen Stadtrepubliken oder im Schweizer Kanton Appenzell-Innerrhoden, durch die Versammlung aller Bürger ausgeübt werden. Stattdessen werden, nach dem Staatsmodell des Liberalismus, Volksvertreter gewählt. Damit darf aber das Volk nicht aus dem politischen Prozess entlassen werden. Vielmehr gibt es in der gesamten Zeit
einer Legislaturperiode einen Kommunikationsprozess zwischen der Volksvertretung (also Parlament und Regierung) und den Bürgern, einen Fluss der diskursiven Meinungs- und Willensbildung. „Die Volkssouveränität bringt sich als kommunikativ erzeugte Macht wieder zur Geltung“, resümiert diesen Prozess Walter Reese-Schäfer. Natürlich bleibt es dabei, dass nur die politischen Gremien politisch bindende Entscheidungen treffen können, aber, so Habermas, „der Kommunikationsfluss zwischen öffentlicher Meinungsbildung, institutionalisierten Wahlentscheidungen und legislativen Beschlüssen soll gewährleisten, dass der publizistisch erzeugte Einfluss und die kommunikativ erzeugte Macht über die Gesetzgebung in administrativ verwendbare Macht umgeformt werden“.

Damit ist die oft gestellte Frage beantwortet, welche Legitimation denn die Nichtregierungsorganisationen besäßen, da ihre Sprecher doch nicht gewählt seien. Ihre Legitimation besteht aber gerade darin, dass sie zwischen den Wahlen Sprachrohr der Bürger sind. Mit ihnen verfügen die Politiker, wenn sie es denn nutzen wollen (und sie sollten es nutzen), über „ein weitgespanntes Netz von Sensoren“ (Habermas). Franz Nuscheler hat das kürzlich so formuliert: „Die NROs können Legitimation beanspruchen, wenn es ihnen gelingt, die Gesellschaft zu überzeugen, dass sie in einer pluralistischen Demokratie als Sauerteig bürgerschaftlichen Engagements gebraucht werden.“ Die Presse hat ein ähnliche Funktion, auch ihre Vertreter sind nicht gewählt. Anders jedoch steht es mit der Wirtschaft und ihren Verbänden, wenn sie auf die Politik einzuwirken versuchen: Sie vertreten keine allgemeinen Interessen, sondern die partikularen Interessen des Profits.

In Deutschland scheint die Politik eben dabei, diesen Zusammenhang (wieder) zu verstehen. Bundeskanzler Schröder hat seinen Respekt bekundet vor den „Jugendlichen, die nicht nachlassen, uns zu ermahnen, dass auch wirtschaftliche Entwicklungen in großen Dimensionen einen sozialen Sinn haben müssen.“ Damit spielt er an auf „attac“, jene Organisation, die mit dem „c“ in ihrem Namen den citoyen, den Bürger meint. Die Neuen Sozialen Bewegungen, an ihrer Spitze „attac“, wissen, dass die technische Entwicklung die Globalisierung unausweichlich gemacht hat, aber sie wollen sie so, dass dabei in erster Linie die Interessen der Menschen gewahrt bleiben, nicht die des Finanzkapitals. Nach den wiederkehrenden Finanzkrisen des letzten Jahrzehnts lässt sich nicht mehr leugnen, dass die These von Adam Smith und John Mandeville, die unsichtbare Hand des Marktes bringe den größten Nutzen für die größte Zahl, widerlegt ist; vielmehr, wie Walden Bello und seine Ko-Autoren in diesem Heft zeigen, führt das irrationale, panikartige Verhalten der Finanzmarktteilnehmer zu immer neuen Zusammenbrüchen und damit zu größtmöglichem Schaden für den Einzelnen. Deshalb ist es erforderlich, dass die Politik, die schon bereit war, der Wirtschaft Autonomie zu gewähren, die Zügel wieder ergreift, um gegen die Interessen der Wirtschaft die der Menschen zu wahren. Wenn sie das ernst meint, wird sie von der Zivilgesellschaft bei diesem Vorhaben nur Unterstützung erhalten.



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