E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr.
12, Dezember 2001, S. 348-349)

Wasser Schlüssel zur nachhaltigen Entwicklung
Ein Vorbericht zur Internationalen Süßwasserkonferenz in
Bonn
Manfred Konukiewitz, Hanno Spitzer, Markus Mallmann

Immer deutlicher ist in den letzten Jahren geworden, dass mit wachsender
Weltbevölkerung die ungleiche Verteilung der Süßwasservorräte
zum politischen Konfliktstoff werden kann und kein rein technisches
Problem ist, wie man früher glaubte.
Die Internationale Süßwasserkonferenz in Bonn (3. bis 7.
Dezember) diskutiert das Problem in fünf Themengruppen:
1. Wasser für die Armen,
2. Umweltschutz,
3. Landwirtschaft kontra Natur,
4. Internationale Zusammenarbeit,
5. Katastrophenvorsorge.
Mehr als 1,2 Mrd. Menschen sind ohne Zugang zu
ausreichender Wasserversorgung. Knapp 3 Mrd. Menschen verfügen
nicht über sanitäre Einrichtungen und Abwasserentsorgung.
Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind 80
% aller Krankheiten und jährlich rund 25 Millionen vorzeitiger
Todesfälle in den Entwicklungsländern auf verunreinigtes Wasser
zurückzuführen.
Wasser wird knapp; es drohen Verteilungskonflikte zwischen Staaten,
Wirtschaftssektoren und Haushalten. Der Klimawandel wird zu einer größeren
Zahl von Naturkatastrophen führen, zu Dürre und Überschwemmungen.
Im September 2000 beschloss die UN-Millenniums-Versammlung, der Anteil
der Menschen, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, solle
bis zum Jahr 2015 halbiert werden. Die Weltbank veranschlagt den Investitionsbedarf
in diesem Sektor bis zum Jahr 2010 auf rund 600 Mrd. Dollar.

Von Rio nach Johannesburg
Konkrete Lösungsansätze für die zunehmenden Wasserprobleme
soll die vom 3. bis 7. Dezember 2001 in Bonn stattfindende Internationale
Süßwasserkonferenz aufzeigen, zu der BMZ und Bundesministerium
für Umwelt (BMU) eingeladen haben, und die von der GTZ organisiert
wird (www.water-2001.de). Mehr als 1000 Teilnehmer werden zu der Konferenz
erwartet, entsandt von über 150 Regierungen, den Vereinten Nationen,
weiteren Internationalen Organisationen, Nichtregierungsorganisationen,
Wissenschaft und Medien.
Die Konferenz unter dem Titel Wasser ein Schlüssel
zu einer nachhaltigen Entwicklung soll der internationalen Gemeinschaft
Gelegenheit bieten, in Vorbereitung auf den Weltgipfel für Nachhaltige
Entwicklung (Rio + 10), der 2002 in Johannesburg stattfinden wird, die
wasserbezogenen Themen der Agenda 21 vorzubereiten. Es soll analysiert
werden, wieweit die das Wasserthema berührenden Aufgaben der Agenda
21 in den vergangenen zehn Jahren erfüllt wurden, es sollen Mängel
aufgedeckt werden, und es sollen neue Ansätze für Wasserpolitik
und Wasserwirtschaft formuliert werden. Vielen Fachleuten gilt das Thema
Wasser als einer der Schüssel zur nachhaltigen Entwicklung. Ohne
einen sinnvollen Umgang mit dieser Ressource sind alle anderen Ansätze
der Entwicklungspolitik zum Scheitern verurteilt.
Gut 70 % der Erdoberfläche sind von Wasser bedeckt. Das Gesamt-Wasservolumen
wird weltweit auf 1,4 Mrd. Kubikkilometer veranschlagt. Aber 97,4 %
davon sind Salzwasser, also für den menschlichen Gebrauch nur eingeschränkt
nutzbar. Selbst von den restlichen 2,6 Prozent ist ein großer
Teil in Gletschern, Eisbergen oder in tiefen Gesteinsschichten dauerhaft
gespeichert.
Dennoch steht rein rechnerisch für Haushalte, Bewässerungslandwirtschaft,
Stromerzeugung, industrielle Nutzung und Erhalt der Ökosysteme
mehr als genug Süßwasser zu Verfügung. Das Problem ist
die ungleiche Verteilung. Auf etwa 40 % der Landflächen im ariden
und semiariden Gürtel der Erde finden sich weniger als 2 % des
gesamten Süßwassers. Schon jetzt sind 26 Staaten in diesen
Regionen von akutem Wassermangel betroffen. Die Welternährungsorganisation
(FAO) nimmt an, dass es im Jahr 2050 mindestens 70 Staaten in dieser
Kategorie geben wird.

Wachsende Bevölkerung
Die Wassernutzung der Menschheit hat sich im zurückliegenden Jahrhundert
verzehnfacht. Seit 1950 verdoppelte sich die Erdbevölkerung, während
der Wasserbrauch sich etwa vervierfachte. Der künftig erwartete
Bevölkerungszuwachs wird sich vornehmlich in den oft wasserarmen
Entwicklungsländern ergeben. Schon heute stößt aber
die Ausdehnung der Bewässerungslandwirtschaft, durch die fast 40
% der Nahrungsmittel erzeugt werden, an ökologische Grenzen oder
auf die Konkurrenz der industriellen und städtischen Nutzung. Mit
etwa 75 % der Wasserentnahme geht derzeit ein Großteil des globalen
Wasseraufkommens in die Agrarproduktion. Es ist daher unumgänglich,
das Wasser in der Bewässerungslandwirtschaft effizienter zu nutzen.
Der Weg dahin erfordert jedoch Zeit, Wissen und Investitionen.

Integrierender Ansatz
Bei der Vorbereitung der Internationalen Süßwasserkonferenz
wurde auf eine Beteiligung aller betroffenen gesellschaftlichen Gruppen
und auf eine breite Fassung der Themenfelder Wert gelegt. Während
noch in den 80er Jahren, der Wasserdekade der UN, Wasserversorgung vorrangig
als technisches Problem begriffen wurde, sieht man das Thema jetzt in
Bonn gleichberechtigt unter gesellschaftlichen, ökologischen und
wirtschaftlichen Aspekten. Die unterschiedliche Herkunft der Tagungsteilnehmer
spiegelt dieses gewandelte Verständnis. Nicht allein die zuständigen
Wasserministerien, sondern auch die Wirtschaft , die Verbraucher und
sonstige Betroffene sollen in die Problemlösung eingebunden werden,
weshalb auch Nichtregierungsorganisationen eine wichtige Rolle spielen.
Die neue Sichtweise findet ihren Ausdruck in einem Multi-Stakeholder-Dialog,
der die unterschiedlichen Interessengruppen zusammenbringt.
Das vorbereitende Steuerungskomitee hat dies in seinem Grundlagendokument
Wasser ein Schlüssel zur Nachhaltigen Entwicklung
berücksichtigt, das den Hauptakzent auf die übergeordneten
politischen Handlungsmöglichkeiten zur Entschärfung der Wasserkrise
legt und auf fünf Hintergrundpapieren aufbaut, in denen die sich
überlappenden Hauptproblemfelder angesprochen werden.

Aktionsfelder
Letzten Endes wird die Bewältigung der Wasserproblematik vor allem
von der Gestaltung der gesellschaftlichen, politischen, sozialen und
wirtschaftlichen Rahmenbedingungen abhängen, also von ordnungspolitischen
Setzungen und den entsprechenden Organisationsformen (governance). Unverzichtbar
sind dabei eine Beteiligung der Zivilgesellschaft, eine Mitsprache der
Betroffenen und Nutzer und ein konkurrierendes Mit- und Nebeneinander
von öffentlichen und privatwirtschaftlichen Elementen bei der Wasserver-
und Abwasserentsorgung und der Bewässerung. Die folgenden fünf
Hauptproblemfelder sollen im Zentrum der Diskussion stehen:

1. Wasser für die Armen
Bis 2015 sollen nach Vorgabe der UN-Millenniumsdeklaration weitere
1,6 Mrd. Menschen einen bezahlbaren Zugang zu sauberem Wasser bekommen
und 2 Mrd. Menschen endlich mit einer Abwasserentsorgung erreicht werden.
Arme zahlen durch weite Wege oder am Wasserwagen die höchsten Preise,
profitieren aber selten von durchgeführten Investitionen. Städtische
Elendsquartiere oder ländliche Regionen werden von kommunalen und
staatlichen Infrastrukturmaßnahmen in den seltensten Fällen
erreicht.
Wie können bezahlbare Versorgungssysteme finanziert werden? Auf
welchem Weg sind die Nutzergruppen in die Entscheidungsfindung einzubinden?
Welche Organisations-, Management- und Finanzierungsstrukturen werden
den spezifischen Anforderungen gerecht?
Die Antworten werden einerseits bei Ansätzen gesucht, die von
den Menschen in den Haushalten ausgehen und deren Fähigkeit zur
Selbsthilfe stärken. Das erfordert eine Neuausrichtung der Verwaltungsstrukturen
in den einzelnen Ländern, teilweise auch ein Umdenken bei den internationalen
Gebern und NROs. Andererseits ist klar, dass eine rein öffentliche
Wasserversorgung und Abwasserentsorgung nicht ausreicht, ja in der Vergangenheit
vielfach gescheitert ist. Privatwirtschaftliche Elemente, von der Beteiligung
informeller Gruppen vor Ort über Vergabe von Teilaufgaben an Firmen
bis hin zu den unterschiedlichen Privatisierungsmodellen mit nationalen
und internationalen Unternehmen, müssen zur öffentlichen Versorgung
hinzutreten. Privatsektorbeteiligung an der Infrastruktur darf aber
keine Privatisierung der Wasserressourcen bedeuten: Zum Schutz der Wasserverbraucher
und der Umwelt muss eine effektive Fachaufsicht eingeführt werden.

2. Umweltschutz
Armut ist der größte Feind der Umwelt. Das bedeutet, dass
ein sinnvoller Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen
eine gewisse Wohlstandsentwicklung voraussetzt. Die gemachten Erfahrungen
zeigen jedoch auch, dass die Umweltbelastung mit wachsender Bevölkerung
und steigendem Entwicklungsniveau zunimmt. Während die Industriestaaten
dank hoher Investitionen die Umweltbelas-tung im Abwasserbereich senken
konnten, stehen Schwellen- und Entwicklungsländer erst am Anfang
dieser Entwicklung. Eine vorsorgende Auffassung beim Umweltschutz soll
hier Abhilfe schaffen: Abwasservermeidung ist billiger und intelligenter
als die nachträgliche Reinigung verschmutzten Wassers. Besondere
Beachtung verdient der Schutz von Feuchtgebieten, die von vielfältigem
Nutzen für die Menschen sind, von der Selbstreinigungskraft des
Wassers über den Hochwasserschutz bis zur Erhaltung der Artenvielfalt.

3. Landwirtschaft kontra Natur
Rund 40 % der weltweit produzierten Nahrungsmittel werden auf bewässerten
Flächen erzeugt. Der Agrarbereich steht damit für etwa Dreiviertel
der gesamten humanen Wasserverwendung. Für die Ernährung der
wachsenden Weltbevölkerung spielt die Ausweitung der Bewässerungslandwirtschaft
eine entscheidende Rolle. Schon jetzt gefährdet jedoch die Wasserentnahme
der Landwirtschaft, oft in direkter Konkurrenz zum Bedarf der Ballungsgebiete
und der Industrie, vielerorts den Bestand von Ökosystemen. Effizientere
Bewässerungssysteme, kleinräumige Konzepte zur Regenrückhaltung
sowie die Wiederaufforstung sollen langfristig den Konflikt entschärfen
helfen.
Ein veränderter Umgang mit der Ressource Wasser in der Landwirtschaft
steht daher im Zentrum des Hintergrundpapiers Wasser für
Ernährung und Wasser für Natur. Der Ansatz reicht von
der politischen und institutionellen Ebene bis hin zu neuen Technologien.
Wie erreicht man Kleinbauern mit diesen Ansätzen? Subventionierte
Wasserpreise führen nach neuerer Einschätzung zu einer Vergeudung
der Ressource und sind daher nicht empfehlenswert. Die Zeit drängt:
Bis 2025 wird ein um 20 % wachsender Wasserbedarf der Landwirtschaft
prognostiziert.

4. Internationale Zusammenarbeit
Indus, Nil, Ganges oder Rhein so unterschiedlich diese Flusssysteme
sind, eine Gemeinsamkeit haben sie: Mehrere Staaten müssen sich
ihren Lauf teilen. Wasserentnahme und Verschmutzungen gewinnen schnell
politische Brisanz, wenn verschiedene Länder betroffen sind. Gut
40 % der Weltbevölkerung leben im Wassereinzugsgebiet der 261 grenzüberschreitenden
Flüsse und hängen daher auch vom Verhalten der Nachbarstaaten
ab. Dieser Tatsache trägt die Konferenz mit dem Hintergrundpapier
Grenzüberschreitende Gewässer Rechnung.
Neben Konfrontation gibt es gerade in neuer Zeit dabei auch positive
Entwicklungen. So wird über das Wasser des Nils seit 1995 unter
allen Flussanliegern ein Konsens im Dialog gesucht (Nile Basin Initiative).
Die Türkei sichert Syrien die nötige Durchflussmenge zu, und
der Friedensvertrag zwischen Jordanien und Israel führt seit 1994
zu einem zumindest in Ansätzen gerechteren Ausgleich in der Wassernutzung.
Unter Berücksichtigung der gegenseitigen Interessen kann die Nutzung
solcher Gewässer partnerschaftlich vereinbart werden. Einmal etabliert,
stellen sich solche Kooperationen über nationale Grenzen oft als
erstaunlich stabil heraus. Hier ist ein großes unausgeschöpftes
Potential, damit in Zukunft nicht nur das Wasser zwischen den Ländern
fließt, sondern auch Handel, Gedankenaustausch und friedliche
Kooperation zunehmen.

5. Katastrophen
Über die möglichen Auswirkungen des vermuteten
Klimawandels wird in der Fachwelt gestritten. Schon heute sind jedoch
gerade Entwicklungs- und Schwellenländer von einem dramatischen
Anstieg der Naturkatastrophen betroffen: Die Klimavariabilität
steigt. Vor allem die Ärmsten müssen mit risikoreichen Siedlungsflächen
vorlieb nehmen und haben in der Regel keine materielle Grundlage zur
individuellen Vorsorge oder zur Verlagerung der Lebensbasis. Fluten
oder Dürren fordern Jahr für Jahr zahllose Todesopfer und
gefährden oft auch langfristig die wirtschaftliche Existenz der
Überlebenden.
Strategien der Risikoprävention beginnen bei angepasster Landnutzung
und beim Aufbau entsprechender Siedlungsstrukturen und sollten in die
Planungen einer nachhaltigen Entwicklung einfließen. Neben der
Prävention spielt für gefährdete Bevölkerungsgruppen
insbesondere die Stärkung der Kompetenzen zur Bewältigung
dieser Ereignisse eine herausragende Rolle. Die Gesellschaften müssen
lernen, mit den neuen Gefahren umzugehen und sich darauf einzustellen.

Fazit:
Es gibt genug Wasser für alle. Um es aber zum Wohle der Menschen
zu nutzen, bedarf es tiefgreifender Reformen im
Norden und im Süden. Mit dem nötigen politischen Willen sind
die Probleme zu
lösen.
Dr. Manfred Konukiewitz ist als Referatsleiter, Hanno Spitzer
als Referent im BMZ-Referat 413 (Wasser, Siedlung, Infrastruktur) verantwortlich
für die Vorbereitung der Süßwasserkonferenz Markus
Mallmann ist freier Journalist zu Agrar- und Umweltthemen.
E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit,
herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung
(DSE)
Redaktionsanschrift:
E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach, D-60268 Frankfurt
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