E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr.
12, Dezember 2001, S. 352-355)

Globalisierung mit menschlichem Antlitz
Zivilgesellschaftliche Bewegung für eine demokratische Kontrolle
der Finanzmärkte
Peter Wahl
Seit etwa drei Jahren gibt es eine ständig wachsende zivilgesellschaftliche
Bewegung für eine demokratische Kontrolle der globalen Finanzmärkte.
Sie begann mit der Gründung der französischen Organisation
ATTAC, die inzwischen Ableger in 30 Ländern hat, darunter auch
Deutschland.
Peter Wahl beschreibt die neue soziale Bewegung und ihre
Vernetzung mit NROs, kirchlichen Organisationen und Gewerkschaften.
Er stellt auch die Zielsetzung der Bewegung dar, die keineswegs so unklar
ist, wie ihre rechten Kritiker behaupten.
Eine neue, erstmals wirklich internationale Protestgeneration
heizt Politikern und Konzernchefs ein, und zwar zu Recht
so charakterisierte der Spiegel1 die Demonstrationen gegen die G7-Konferenz
in Genua im vergangenen Juli.
Wer sich schon etwas länger mit der Globalisierung und ihren Folgen
befasst hat, konnte davon nicht überrascht sein. Spätestens
als Ende 1999 die spektakulären Bilder von den Protestaktionen
gegen die WTO-Ministertagung in Seattle um den Globus gingen, wurde
augenfällig, dass die Globalisierung inzwischen auch ihre eigene
Kritik und Opposition globalisiert hatte. Seither ist die Kette von
Protesten gegen Symbole der Globalisierung wie IWF- und Weltbank-Tagungen,
G7-Gipfel oder das Weltwirtschaftsforum nicht mehr abgerissen. Vorläufiger
Höhepunkt der Protestwelle war der Gipfel in Genua, zu dem sich
200 000 Kritiker der neoliberal dominierten Globalisierung versammelten.
In diesem Prozess bestätigt sich die keineswegs neue
Erkenntnis, dass große gesellschaftliche Umbrüche und Probleme
früher oder später ihre Gegenbewegungen hervorbringen. Und
dass die Globalisierung als Umbruch von historischen Dimensionen zu
neuen und großen Problemen führt soziale Polarisierung
und Ausgrenzung, Verschärfung der Umweltzerstörung, Erosion
der Demokratie , wird immer weniger bestritten. Schon in Seattle
hatte der damalige US-Präsident Clinton2 die Legitimität der
Proteste in Seattle anerkennen müssen: Wenn sie [die WTO]
nicht will, dass es bis zum Ende aller Zeiten bei jeder Handelskonferenz
Proteste gibt, muss sie den Prozess öffnen, damit sich die Stimmen
der Arbeit, der Umwelt und der Entwicklungsländer Gehör verschaffen
können und die Entscheidungen transparent, die Akten offen und
die Konsequenzen klar sind. In die gleiche Kerbe schlug der Handelskommissar
der EU, Pascal Lamy3: Tatsache ist, dass diese Versammlungen ein
legitimes Recht zum Protest besitzen, und wir müssen ihnen zuhören.

Reform der Finanzmärkte
neues Thema für die Zivilgesellschaft
Während bestimmte Einzelaspekte der Globalisierung wie Welthandel
oder die Verschuldung der Entwicklungsländer schon seit geraumer
Zeit von NROs und anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren bearbeitet
werden, war die Rolle der internationalen Finanzmärkte lange ohne
größere Aufmerksamkeit geblieben. Dabei stehen die entfesselten
Finanzmärkte im Zentrum des Globalisierungsprozesses. Ihre entwicklungspolitische
Bedeutung geht inzwischen weit über die Gläubiger-Schuldner-Beziehung
hinaus. Die Schwankungen der Märkte sind für die verwundbaren
Volkswirtschaften des Südens ein hohes Instabilitätsrisiko,
und im Fall von Krisen sind die Auswirkungen besonders verheerend. Aber
die Finanzmärkte beeinflussen in wachsendem Maße auch die
Finanz-, Wirtschafts- und Sozialpolitik der Industrieländer und
drohen, so etwas wie die fünfte Gewalt im Staat4 zu
werden.
Seit dem Finanzcrash der Emerging Markets in Südostasien 1997/98
befassen sich immer mehr zivilgesellschaftliche Akteure mit der Reform
des internationalen Finanzsystems. Aber auch im finanzpolitischen Mainstream
hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass die Stabilitätsrisiken
der Finanzmärkte durch politische Regulierung kontrolliert werden
müssen.
So plädierte z. B. der Chef der Weltbank5 dafür, dass
die internationale Finanzarchitektur die gegenseitige Abhängigkeit
zwischen dem Makroökonomischen und Finanziellen einerseits und
den strukturellen und sozialen menschlichen Problemen andererseits widerspiegeln
muss. Eine internationale Kommission, das Forum für
Finanzmarktstabilität, wurde eingerichtet, die entsprechende
Vorschläge erarbeiten soll. Auch von der Bundesregierung wird nicht
mehr bestritten, dass Reformbedarf besteht. So werden nicht mehr nur
einseitig die Chancen der Globalisierung beschworen, sondern es wird
auch auf Risiken und soziale Kosten wie die Finanzmarktkrisen
der neunziger Jahre deutlich gemacht haben verwiesen6. Auch die
Enquête-Kommission des Bundestages zur Globalisierung plädiert
für eine grundlegende Reform des internationalen Finanzsystems7.
Allerdings ist der regierungsoffizielle Reformeifer mit wachsendem
Abstand von der Krise erlahmt, und die neue internationale Finanzarchitektur,
von der zeitweise die Rede war, erschöpft sich inzwischen in unzureichenden
Schönheitsreparaturen am alten Gemäuer.
Hier setzt die Bedeutung von gesellschaftlichem Reformdruck ein. Angesichts
zahlreicher struktureller Blockaden auf Regierungsebene, auf die die
Etablierung globaler Regulierung stößt das Scheitern
des Kyoto-Protokolls bietet erst jüngst wieder eine bittere Lektion
dafür , laufen Veränderungsversuche im internationalen
System immer wieder Gefahr, im Sande zu verlaufen. Reformdruck aus der
Gesellschaft kann sich heute jedoch nicht mehr nur in nationalem Rahmen
artikulieren. Er muss sich so wie die Probleme, auf die er reagiert
transnational organisieren und agieren, auch wenn nach wie vor
seine Verwurzelung auf lokaler und nationalstaatlicher Ebene von konstitutiver
Bedeutung ist.

Die internationale ATTAC-Bewegung
Unter den zivilgesellschaftlichen Projekten, die sich für eine
politische Regulierung der Finanzmärkte einsetzen, ist zweifellos
das interessanteste und erfolgreichste die internationale ATTAC-Bewegung.
Ihr Ausgangspunkt ist Frankreich. Durch eine Initiative der Zeitschrift
Le Monde Diplomatique kam es im Juni 1998 zur Gründung dieser Organisation
(Association pour la taxation de transactions financières à
laide aux citoyens = Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen
im Interesse der Bürger), deren Mitgliedschaft in Frankreich inzwischen
über 30 000 individuelle Mitglieder, 80 Kommunen, zahlreiche NROs,
Gewerkschaften, Zeitungen und Zeitschriften umfasst (E+Z 1998:9,246,
1999:3,83). Zahlreiche Intellektuelle wie Pierre Bourdieu und Susan
George unterstützen ATTAC.
In der französischen Nationalversammlung und im Europäischen
Parlament haben sich ATTAC-Gruppen aus Abgeordneten und Parlamentsmitarbeitern
gegründet.
Inzwischen haben sich in mehr als 30 Ländern darunter Belgien,
Brasilien, Finnland, Luxemburg, Mexiko, Philippinen, Schweden, Schweiz,
Senegal, Südkorea, Tunesien nationale ATTAC-Strukturen etabliert.
In Schweden schlossen sich in den ersten fünf Monaten nach Gründung
der Organisation über 12 000 Menschen ATTAC an, darunter sehr viele
junge Leute.

ATTAC Deutschland
Auch in Deutschland gibt es eine entsprechende Organisation. Im Januar
2000 wurde auf Initiative der katholischen Friedensorganisation Pax
Christi, der ökumenischen Initiative KAIROS und der Nichtregierungsorganisation
WEED in Frankfurt am Main ATTAC Deutschland Netzwerk zur demokratischen
Kontrolle der Finanzmärkte gegründet (E+Z 2000:3,84). Neben
zahlreichen Einzelpersonen aus dem akademischen Milieu unterzeichneten
Bundestagsabgeordnete von SPD, Grünen und PDS, prominente Gewerkschafter,
der ehemalige Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine, Künstler wie
Konstantin Wecker, Vertreter zahlreicher NROs und Verbände das
Gründungsdokument. Auch die zweitgrößte Gewerkschaft
des Landes (VER.DI) und die größte Umweltorganisation (BUND)
sind mit dabei8. Da eines der grundlegenden Merkmale von ATTAC die Basis-
und Bewegungs-Orientierung ist, wird eine breite Verankerung angestrebt.
Inzwischen bestehen in mehr als 30 Städten
lokale ATTAC-Initiativen.

Die Organisationsphilosophie
von ATTAC
Eckpfeiler der Organisationsphilosophie von ATTAC sind:
- Pluralismus. ATTAC hat keine verbindliche theoretische, weltanschauliche,
religiöse oder ideologische Basis. Mehr noch, ATTAC braucht eine
solche Basis nicht, und der Versuch, dem Projekt eine solche aufzudrängen,
würde rasch zu seinem Ende führen. Es ist für ATTAC
gleichgültig, ob sich jemand aus christlicher Nächstenliebe,
als Humanist, Verfechter der Menschenrechte oder Marxist an dem Projekt
beteiligt. Dies heißt allerdings nicht Beliebigkeit. Es gibt
einen Grundkonsens, wonach das neoliberale Konzept von Globalisierung
anhand der Kriterien Demokratie, soziale Gerechtigkeit und ökologische
Vertretbarkeit abgelehnt wird. In diesem Korridor haben unterschiedliche
Positionen ihren Platz, von jenen, die sich für einen einzelnen
Aspekt der ATTAC-Forderungen (z. B. Entschuldung der Entwicklungsländer
oder Einführung der Tobin Tax) engagieren, über jene, die
für eine demokratische Regulierung und Zivilisierung der Globalisierung
und einen radikalen Reformismus eintreten, bis hin zu jenen, die der
Auffassung sind, dass der Kapitalismus als System insgesamt in Frage
zu stellen sei. Die Respektierung dieses Pluralismus ist unabdingbare
Geschäftsgrundlage von ATTAC ebenso wie der solidarische Meinungsstreit.
- Basis- und Bewegungsorientierung. Das bedeutet, dass das Engagement
der Bürgerinnen und Bürger vor Ort Grundlage der Aktivitäten
ist; waren in den 90er Jahren vor allem professionelle NROs die Träger
kritischer und oppositioneller Positionen gegenüber der neoliberalen
Globalisierung, so zeichnet sich seit Seattle ab, dass NROs in den
Hintergrund treten und die soziale Bewegung zur bestimmenden Kraft
der Globalisierungskritik wird. Zwar arbeiten auch zahlreiche NROs
bei ATTAC mit, das Fundament der Organisation bildet jedoch die lokale,
bewegungsorientierte Basis.
- Offene, dezentrale, partizipative und flexible Organisationsstrukturen
mit größtmöglicher Autonomie für lokale Initiative,
sowie diskursive, konsensorientierte und transparente Entscheidungsprozesse.
- Pluralität von Instrumenten und Aktionsformen von Publikationen
über Workshops, Konferenzen, Politikbeeinflussung im offiziellen
politischen System bis zu phantasievollen Performances, Demonstrationen
und Aktionen des zivilen Ungehorsams bedient sich ATTAC je nach Umständen
dieser Instrumente, ohne eines zu verabsolutieren. Mit anderen Worten:
Es geht darum, eine produktive Dialektik aus konfliktiven und kooperativen
Aktionsformen freizusetzen. Gewaltanwendung lehnt ATTAC allerdings
ausdrücklich ab.
- Kooperations- und Bündnisorientierung. ATTAC erhebt keinen
Alleinvertretungsanspruch, sondern strebt ein breites gesellschaftliches
Bündnis als Gegenmacht zu den Kräften der globalen Märkte
und deren politischen Organen an. ATTAC will andere Organisationen
nicht verdrängen oder ersetzen, sondern bemüht sich um ein
komplementäres Verhältnis zu ihnen. ATTAC ist zu Zusammenarbeit
bereit, wobei die Skala von punktueller Kooperation bis zu strategischen
Bündnissen reichen kann. Ein wichtiger Partner sind die Gewerkschaften.
Gegenüber politischen Parteien wahrt ATTAC seine Eigenständigkeit.
Zivilgesellschaftliche Akteure aus den Entwicklungsländern sind
besonders wichtige Partner. So kooperiert man z. B. mit der Landlosenbewegung
aus Brasilien (MST), mit Bauernbewegungen, mit Netzwerken indigener
Völker sowie mit Organisationen und Netzwerken der nicht mehr
ganz so neuen Neuen Sozialen Bewegungen, wie etwa der
Umwelt- und Frauenbewegung aus allen Kontinenten.
ATTAC unterscheidet sich damit deutlich von den konventionellen Organisa-
tionsstrukturen von Parteien, Verbänden und NROs. Gleichzeitig
jedoch kann durch die Mitarbeit von Gewerkschaften, Verbänden und
NROs auf deren Ressourcen zumindest partiell zurückgegriffen
werden. Wollte man diesen Organisationstypus auf einen Nenner bringen,
so wären folgende drei Aspekt konstitutiv:
- ATTAC ist ein Ort, wo politische Lern- und Erfahrungsprozesse ermöglicht
werden,
- in dem unterschiedliche Strömungen emanzipatorischer Politik
miteinander diskutieren und
- zu gemeinsamer Handlungs- und Aktionsfähigkeit auf gemeinsam
definierten Politikfeldern zusammenfinden.
Auf internationaler Ebene arbeitet die ATTAC-Bewegung netzwerkförmig
zusammen. Die Kommunikation verläuft im wesentlichen über
das Internet. Die- se Globalisierungstechnologie par excel-lence hat
sich dabei als hervorragendes Instrument zur Organisierung und Mobilisierung
auch für eine Globalisierung von unten, auch zur Nutzung von alternativer
Expertise erwiesen. ATTAC Frankreich z. B. verfügt über einen
wissenschaftlichen Beirat, in dem zahlreiche Kapazitäten unterschiedlicher
Fachrichtungen mit- und zuarbeiten. Aber auch in anderen Ländern
vernetzt sich ATTAC mit der kritischen Wissenschaft. Hinzu kommen etwa
im Halbjahresabstand Strategietreffen, meist am Rande von internationalen
Regierungsereignissen.

Die programmatische Orientierung
ATTAC versteht sich keineswegs als Gegner der Globalisierung, wie Teile
der Medien und manche Politiker behaupten. Ausgangspunkt der Programmatik
von ATTAC ist eine Kritik an den bisherigen Ergebnissen des Globalisierungsprozesses9:
Das Versprechen, die Globalisierung bringe Wohlstand für alle, hat sich nicht erfüllt.
Im Gegenteil: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer.
Allerdings richtet sich die Kritik nicht grundsätzlich gegen die
Internationalisierung von ökonomischen, politischen und kulturellen
Beziehungen. Vielmehr wird eine Globalisierung, die sich nur an mächtigen
Wirtschaftsinteressen orientiert, quasi neoliberal deformiert ist, abgelehnt.
Dem setzt ATTAC eine eigene Vorstellung von Globalisierung entgegen:
die Globalisierung von Solidarität, Gerechtigkeit, Menschenrechten
und Demokratie. Dieser neue Internationalismus erschöpft sich allerdings
nicht in wohlfeilen Solidaritätsadressen oder Spendensammlungen
für die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen andernorts, sondern
zielt auf die Schaffung von sozial gerechten, ökologisch tragfähigen
und demokratischen Strukturen im internationalen System sowie innerhalb
der Gesellschaften, und dies sowohl im Norden wie im Süden.
Mit anderen Worten: Es geht um die Gestaltung der Globalisierung nach
einer anderen Rationalität als der gegenwärtigen, die die
Gewinnmaximierung des internationalen Finanzkapitals in den Mittelpunkt
stellt. Stattdessen sollte die Globalisierung einer Rationalität
der Emanzipation folgen. Ausdrücklich wird dabei betont, dass es
nicht um ein Zurück zum vermeintlich idyllischen Zustand vergangener
Jahrzehnte geht. Damit wendet sich ATTAC auch gegen eine fatalistische
Wahrnehmung der Globalisierung: Die Behauptung, Globalisierung
in ihrer jetzt herrschenden, neoliberalen Form sei ein alternativloser
Sachzwang, ist reine Ideologie. Daher heißt einer der Hauptslogans
von ATTAC: Eine andere Welt ist möglich!
Dass die Suche nach Alternativen ernst zu nehmen ist, zeigte sich im
Januar beim großen Alternativgipfel der Kritiker der neoliberalen
Globalisierung in Porto Ale- gre (Brasilien). Neben der brasilianischen
Partei der Arbeit (PT), der Landlosenbewegung MST und brasilianischen
NROs gehörte ATTAC zu den Hauptträgern der Konferenz. Unter
dem Motto Eine andere Welt ist möglich diskutierten
fast eine Woche lang mehr als 10 000 Menschen aus der ganzen Welt über
alternative Entwicklungswege. Die Bandbreite der Debatten reichte von
ausgreifenden Visionen bis zu operativen Vorschlägen für den
tagespolitischen Einstieg in Reformen.
Was speziell die Finanzmärkte angeht, sind die wichtigsten Elemente
der Reformvorschläge von ATTAC Deutschland:
- die Einführung einer Devisentransaktionssteuer (Tobin Tax),
- die Neutralisierung von Offshore-Bankenzentren und Steuerparadiesen,
- das Verbot von spekulativen Derivaten und hedge funds,
- Schuldenstreichung für die Entwicklungsländer,
- strengere Banken- und Börsenaufsicht und deren Ausdehnung
auf die sogenannten institutionellen Anleger,
- Reform der internationalen Finanzinstitutionen IWF, Weltbank, Regionalbanken
etc.,
- Stabilisierung der Wechselkurse zwischen den drei Hauptwährungen
Dollar, Euro und Yen.
Außerdem wendet sich ATTAC gegen die Privatisierung öffentlicher
Dienstleis-tungen wie Gesundheit und Bildung sowie gegen die private
Rentenfinanzierung auf den Kapitalmärkten. Bei letzterem spielen
vorwiegend entwicklungspolitische Argumente eine Rolle. Durch die Kapitalmarkt-Absicherung
von Renten erhöht sich die Kapitalmasse und die Zahl der Transaktionen
auf den Märkten, was zu verstärkten Schwankungen führt.
Andererseits neigen Rentenfonds mit Rücksicht auf die Sicherheitsbedürfnisse
ihrer Shareholders, der (zukünftigen) Rentner, dazu, bei ersten
Anzeichen einer Baisse ihre Anlagen zurückzuziehen. Dadurch werden
sie oft zum Auslöser von Herdenverhalten, das in hohem Maße
die Dynamik der Finanzmärkte bestimmt. Bei der Mexiko-Krise 1994
waren es die US-Rentenfonds, die als erste das Land verließen
und so die Lawine erst richtig lostraten.
Mit diesem breiten Themenspektrum ist ATTAC längst über seine
Anfänge hinausgewachsen, in denen sie als klassische Einpunktbewegung
die Durchsetzung einer Devisenumsatzsteuer (Tobin Tax) forderte. Es
geht heute um die umfassende Regulierung der internationalen Finanzmärkte,
die soziale und ökologische Gestaltung der Welthandelsordnung,
die Kontrolle der Global Players, die Lösung der Schuldenkrise
des Südens und die Demokratisierung der internationalen Institutionen.
Entscheidend ist dabei, dass anders als es typischerweise NROs
tun die unterschiedlichen Dimensionen der ökonomischen Globalisierung
in eine Gesamtsicht integriert werden, dass ein systemischer Blick auf
Globalisierung entsteht. Dementsprechend tritt ATTAC auch für eine
umfassende Rückgewinnung politischer Steuerungsfähigkeit gegenüber
einer verselbstständigten ökonomischen Globalisierung ein.
Dabei spielen freilich Einzelforderungen und Zwischenschritte wie die
Tobin- Steuer eine wichtige Rolle als politische Zuspitzung. Damit wurden
auch beträchtliche Erfolge erzielt. Während die Tobin-Steuer
vor Genua von den Regierungen noch als völlig realitätsferne
Idee abgetan worden war, sind inzwischen sowohl von der EU als auch
vom BMZ Machbarkeitsstudien in Auftrag gegeben worden. Entwicklungsministerin
Heidemarie Wieczorek-Zeul hat sich inzwischen öffentlich für
die Tobin Tax ausgesprochen.

Neue Rolle von Gewerkschaften?
Wenn ATTAC und andere Gruppen Ausdruck einer neuen, sich formierenden
gesellschaftlichen Bewegung sind, dann stellt sich natürlich die
Frage, wie diese Bewegung ihr Verhältnis zu den alten
sozialen Bewegungen, vor allem der in den Gewerkschaften institutionalisierten
Arbeiterbewegung, definiert und umgekehrt. Auch hier werden einige
neue und interessante Tendenzen sichtbar. So bestand eine der wichtigsten
Erfolgsbedingungen der Proteste von Seattle darin, dass der Dachverband
der US-Gewerkschaften AFL/CIO Teil der Allianz der WTO-Kritiker war.
Es war für viele Beobachter eine Überraschung, dass die US-Gewerkschaft
mit einer Demonstration von 50 000 Teilnehmern sogar das weitaus größte
Kontingent an den Protestaktionen stellte. Noch mehr überraschte,
dass sich die politische Botschaft der Demonstration keineswegs auf
American Jobs beschränkte, sondern die ganze Bandbreite
sozialpolitischer Probleme, die durch die Globalisierung aufgeworfen
werden, thematisierte, ebenso wie Fragen der multiethnischen Gesellschaft
und der Geschlechterdemokratie. Hinzu kam grundlegende Kritik an der
Freihandels- und Privatisierungsideologie und anderen Dogmen des Markt-Paradigmas
sowie am Demokratiedefizit der Globalisierung.
Da die US-Medien anders als die internationale Berichterstattung,
die sich auf die spektakulären Straßenschlachten beschränkte
ausführlich über die Gewerkschaftsaktion berichteten,
war dies ein entscheidendes Moment dafür, dass Seattle nicht als
die Aktion einer kleinen radikalen Minderheit abgetan werden konnte.
Hintergrund dieser interessanten Entwicklung ist ein tiefgreifender
Modernisierungsprozess bei den US-Gewerkschaften, der in der ersten
Hälfte der 90er Jahre einsetzte. Angesichts des Drucks, der sich
aus den gesellschaftlichen Umbrüchen auf das traditionelle Selbstverständnis
von Gewerkschaft ergibt, und unter dem Eindruck drastischen Mitgliederschwunds
und zurückgehenden politischen Einflusses hat der AFL/CIO unter
der neuen Führung von John Sweeny eine Öffnung zu sozialen
Bewegungen und NROs und zu neuen Themen vollzogen. Offenbar trägt
die neue Linie bereits insofern Früchte, als der gewerkschaftliche
Organisationsgrad in den USA wieder im Anstieg ist.
Ein für unser Thema relevanter Ausdruck dieser neuen Entwicklung
ist auch die gemeinsame Erklärung von DGB und AFL/C10 zu Globalisierungsfragen10.
Zur Finanzmarktproblematik heißt es darin: Zur Stabilisierung
des internationalen Finanzsystems brauche es kühne Schritte, sagten
Sweeny und Schulte. So fordern die Gewerkschaften stabile Wechselkurse
zwischen den Währungen Euro, Dollar und Yen, kurzfristige Kapitalverkehrskontrollen
und die Besteuerung von Devisengeschäften. Gefordert wird
auch die formelle Einbeziehung der Gewerkschaften in die Diskussion
um eine neue internationale Finanzarchitektur.
Die deutschen Gewerkschaften sehen sich, mit etwas Zeitverzögerung,
ähnlichen Problemen wie ihre US-Kollegen ausgesetzt. In einem Papier
von Klaus Lang, der rechten Hand des IG-Metall- Chefs Zwickel,
zur Zukunftsdebatte der IG Metall wird für eine programmatische
Erneuerung und Öffnung der Gewerkschaften plädiert11. Der
Druck dazu ist groß, stellt Lang doch fest: Die Gewerkschaften
befinden sich gegenwärtig in der schwierigsten Umbau- und Umbruchphase
seit 1945. Die Zielsetzung dieser neuen Orientierung, politisch-gesellschaftliche
Alternativen zum kurzsichtigen Profit- und schrankenlosen Konkurrenzdenken
im globalen Kapitalismus durchsetzbar zu machen, kommt den Vorstellungen
von ATTAC sehr nahe. Die Pressekonferenz von ATTAC und einigen NROs
zusammen mit dem VER.DI-Vorsitzenden und der IG Metall zur Tobin Tax
im September, die Teilnahme von Rednern beider Gewerkschaften am ATTAC-Kongress
in Berlin und die Mitarbeit der DGB-Jugend im Koordinierungskreis von
ATTAC zeigen, dass im Verhältnis zwischen alten und
neuen sozialen Bewegungen auch in Deutschland Veränderungen sich
anbahnen.

Nach dem 11. September
Die Terroranschläge in den USA haben nicht dazu geführt,
dass die globalisierungskritische Bewegung und ATTAC an Bedeutung verloren
hätten. Vom Bundespräsidenten über die Entwicklungsminis-terin
bis zu den Kirchen sehen alle sehr genau, dass neben ungelösten
politischen Problemen wie dem Palästinakonflikt vor allem Probleme
wie Ausgrenzung, soziale Polarisierung, Armut den Nährboden darstellen,
aus dem Terroristen ihre Legitimation ziehen und eine Massenbasis gewinnen
können. Die Globalisierung und dazu gehören nicht nur
ihre ökonomischen, sondern auch ihre politischen und kulturellen
Dimensionen produziert eine riesige Zahl von Verlierern und nur
wenige Gewinner. Daher muss ein soziales, ökologisches und demokratisches
Umsteuern bei der Globalisierung integraler Bestandteil einer wirksamen
Strategie gegen den Terror sein. Mit militärischen Mitteln ist
dem Terrorismus langfristig nicht beizukommen. Die Themen von ATTAC
haben durch die neue Qualität von Terrorismus eine zusätzliche
Bedeutung gewonnen. Einzelforderungen von ATTAC, wie die Schließung
von Offshore-Zentren und Steuerparadiesen, die als Geldwaschanlagen
für den Terrorismus fungieren, haben plötzlich eine ganz neue
Brisanz gewonnen.
In diesem Lichte ist es nicht überraschend, dass ATTAC auch nach
dem 11. September Zulauf erhält und in der Öffentlichkeit
weiterhin als wichtiger Akteur wahrgenommen wird. Der Kongress, den
ATTAC Deutschland vom 19. bis 21. Oktober mit großem Erfolg in
Berlin durchführte, war ein deutlicher Beleg dafür. Mit etwa
3 000 Teilnehmern, fünfmal so viel wie ursprünglich geplant
darunter die Hälfte junge Menschen, die sich zum ersten
Mal politisch engagierten , ist hier ein Potential vorhanden,
das wohl auch in Zukunft noch von sich reden machen wird.
1) Spiegel Nr. 30/2001
2) Interview im Seattle Post-Intelligencer,
1. 12. 1999
3) Pascal Lamy, European Commissioner for
Trade: Plenary Speech to WTO Ministerial Conference in Seattle, 30 November
1999; http://europa.eu.int/ rapid/start/cgi/guesten.ksh?p_action.gettxt=gt&
doc=SPEECH/99/196|0|AGED&lg=EN
4) In Anlehnung an die klassische Gewaltenteilung
der parlamentarischen Demokratie sprach der Chef der Deutschen Bank
davon und er hielt das für eine positive Entwicklung ,
dass neben den Medien als vierte Gewalt nun auch die Finanzmärkte
als fünfte Gewalt die Politik der Nationalstaaten disziplinieren.
Rolf E. Breuer: Die fünfte Gewalt, in: Die Zeit, Nr. 18/2000, 18.
5. 2000
5) James D. Wolfensohn (2000): The Comprehensive
Development Framework: A Structure for Holistic Sustainable Development.
Washington, www.worldbank.org/president/cdf.htm
6) Bundesministerium der Finanzen: Stärkung
der internationalen Finanzarchitektur. Überlegungen zur Reform
des IWF und der Finanzmärkte. Berlin, 1. 3. 2001
7) Zwischenbericht Enquête-Kommission
des Bundestages Globalisierung der Weltwirtschaft, Arbeitsgruppe
1: Finanzmärkte. Berlin 2001
8) Details s. www.attac-netzwerk.de
9) Alle Zitate in diesem Abschnitt aus der
Selbstdarstellung von ATTAC Deutschland:
www.attac-netzwerk.de
10) Pressemitteilung des DGB vom 30. 01.
2001
(PM 025): AFL/CIO und DGB für stärkere Kontrolle internationaler
Finanzmärkte
11) Frankfurter Rundschau, 29. 1. 2001
Peter Wahl ist Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands
der Nichtregierungsorganisation Weltwirtschaft, Ökologie und Entwicklung
(WEED) und einer der Sprecher von ATTAC Deutschland.
peter.wahl@weedbonn.org

E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit,
herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung
(DSE)
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