E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr.
12, Dezember 2001, S. 358-360)

Zwischen Strukturlosigkeit und Strategiefähigkeit
Herausforderungen für die globalisierungskritischen Bewegungen
Dieter Rucht

Seattle, Prag, Göteborg und Genua markieren Stationen nationaler
und internationaler Protestbewegungen, die von den Massenmedien ebenso
häufig wie irreführend als Anti-GlobalisierungsBewegung bezeichnet
werden. Deren öffentliche Auftritte finden vor allem anlässlich
der Gipfeltreffen internationaler Organisationen statt, die die Globalisierungskritiker
zu nutzen scheinen, um in das Scheinwerferlicht der Medien zu gelangen.
Woher kommen diese Protestgruppen? Was hält sie zusammen? Handelt
es sich um eine neue soziale Bewegung? Vor welchen Herausforderungen
stehen sie? Diesen Fragen geht Dieter Rucht in Form von acht Thesen
mit jeweils knappen Erläuterungen nach.

1. Die globalisierungskritischen Bewegungen entstanden lange vor Seattle
Die Medien, aber auch manche globalisierungskritischen Akteure, sehen
in den Ereignissen von Seattle im November/Dezember 1999 die Geburtstunde
einer Bewegung. Die beachtliche Größenordnung und Entschiedenheit
dieser Mobilisierung gegen die Tagung der Welthandelsorganisation WTO
kamen für viele Beobachter überraschend. In Unkenntnis der
Vorgeschichte, in Unkenntnis auch der Gründe für das Scheitern
einer offiziellen Beschlussfassung der Konferenz entstand so der Mythos,
eine neue und von Anfang an erfolgreiche Bewegung sei aus der Taufe
gehoben worden.
Tatsächlich lassen sich aber deren Anfänge weit zurückverfolgen.
Zu erinnern ist, um nur zwei Beispiele aus Deutschland zu erwähnen,
an die Aktionswoche gegen die Tagung von Weltbank und Internationalem
Währungsfonds im September 1988 in Berlin, die in einer Demonstration
gipfelte, an der nach unterschiedlichen Quellen zwischen 20 000 und
80 000 Menschen teilnahmen, und an die Demonstration von 20 000
30 000 Menschen anlässlich des G7-Gipfels im Mai 1985 in Bonn und
Köln. Und auch diese Mobilisierungen waren nur möglich, weil
bereits in den Jahren davor ein Netzwerk von Gruppen entstanden war,
die sich kritisch mit dem Welthandel, Armut in der Dritten Welt
und ähnlichen Problemen befasst hatten.

2. Seit Seattle hat eine Wahrnehmungsrevolution stattgefunden,
die die Bewegungen als neuartig erscheinen lässt,
obgleich wenig an ihnen neu ist
Die 1988 in Berlin vorgetragenen Argumente entsprechen weitgehend denen
der Globalisierungskritiker von heute. Auch fand sich bereits damals
ein ähnlich buntes Spektrum von Gruppen zusammen, angefangen von
kirchlichen Initiativen über Gewerkschaften und die Gruppierungen
der neuen sozialen Bewegungen bis hin zur radikalen Linken. Allerdings:
Zu den Protesten der achtziger und frühen neunziger Jahre kamen
überwiegend die Bewegten aus der Region oder dem Land des Veranstaltungsortes.
Internationalität signalisierten bestenfalls einige Gastredner
und Grußbotschaften aus dem Ausland.
Heute dagegen sind die Proteste tatsächlich transnational. Zwar
stellten in Seattle US-Gewerkschaftler das Gros der Protestierenden,
doch waren daneben ausländische Gruppen in nennenswertem Umfang
vertreten, darunter dank einer erfolgreichen Spendenkampagne
der lokalen Organisatoren auch Aktivisten aus den südlichen
Ländern des Globus, etwa Vertreter von Peoples Global Action.
Die nachfolgenden Proteste in Prag, Göteborg und Genua versammelten
Gruppen aus vielen Ländern Europas. Allerdings fehlten hier wiederum
fast ganz die Aktivisten aus den Ländern der südlichen Halbkugel.
Große Beachtung finden die globalisierungskritischen Proteste
seit Seattle allerdings nicht wegen ihres transnationalen Charakters.
Ausschlaggebend sind andere Faktoren. Zum Ersten hat sich mit dem Ende
des Kalten Krieges die geopolitische Lage grundlegend geändert.
Anstelle des vormaligen Ost-West-Konflikts hat nun der Nord-Süd-Konflikt
an Bedeutung gewonnen. Zugleich können kapitalismuskritische Positionen
unbefangener als in der Phase des Kalten Krieges vorgetragen werden.
Das Stigma der fünften Kolonne Moskaus hat ebenso ausgedient
wie der Spruch Geht doch nach drüben.
Zum Zweiten hat sich das politische Großklima im Hinblick auf
das Globalisierungsthema geändert. Ähnlich wie bei der zivilen
Nutzung der Atomenergie, die zunächst als Inbegriff des Fortschritts
gepriesen wurde, wächst nun die Einsicht, dass die unter dem Primat
des Neoliberalismus vorangetriebene Globalisierung ihre Schattenseiten
hat. Hinzu kommt die Erfahrung, dass negative Globalisierungsfolgen
nicht nur die Länder der Südhalbkugel, sondern auch große
Bevölkerungskreise im Norden treffen können. Das erklärt
auch, warum Zehntausende von US-amerikanischen Gewerkschaftlern Ende
November 1999 nach Seattle gezogen sind.
Dass die Globalisierungskritiker in den Augen vieler Medien und der
durch sie informierten Bevölkerungsgruppen nicht nur als linke
Spinner erscheinen, hat mit der breiten Zusammensetzung der Protestgruppen
zu tun. Noch wichtiger aber ist der Sachverhalt, dass ähnlich
wie bei der friedlichen Nutzung der Atomenergie die Globalisierungskritik
zunehmend fachlich untermauert wird. Dazu tragen mittlerweile zahlreiche
Experten aus den Unterorganisationen der Vereinten Nationen bei, aber
auch renommierte Ökonomen, unter ihnen Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger
der Ökonomie und ehemaliger Chefvolkswirt der Weltbank.
Zum Dritten deutet sich im Lager der etablierten Politik eine Spaltung
an. Noch überwiegen die Politiker, die unbeirrt am neoliberalen
Credo festhalten und Globalisierung zur Antwort und nicht zum Problem
erklären. Der anstehende Beitritt Chinas zur WTO bedeutet eine
Stärkung dieses Lagers.
Daneben wächst jedoch die Zahl der politischen Entscheidungsträger,
die diesen Kurs für verfehlt halten und den Globalisierungskritikern
in bestimmten Fragen etwa der Entschuldung der ärmsten Länder,
der Besteuerung spekulativer Finanztransaktionen, der Bekämpfung
von Steuerflucht, der Sicherung von sozialen und ökologischen Standards
weitgehend zustimmen.
Diese Spaltung der Eliten bahnte sich bereits in der Diskussion um
das Multinationale Abkommen über Investitionen (MAI) um 1997 an,
als beispielsweise die französische Staatsregierung aus dem vorformulierten
Konsens um die Verfassung der vereinigten Weltwirtschaft
(so der damalige WTO-Generalsekretär) ausbrach und, in Verbindung
mit dem weltweiten Druck von Basisbewegungen, das Abkommen zu Fall brachte.

3. Bedeutung und Einfluss der globalisierungskritischen Bewegungen werden seit
Seattle weit überschätzt.
Allerdings gewinnt diese Überhöhung die Kraft einer sich
selbst erfüllenden Vorhersage
Viele der jüngeren Proteste sind vom Beispiel Seattle inspiriert,
wie der Slogan Turn Prague into Seattle zeigt. Aber die
nachfolgenden Mobilisierungen fanden nicht die gleiche positive Resonanz
wie ihr Vorbild. Manche endeten in einem Desaster (so der globalisierungskritische
Protest am 1. Mai 2000 in London); andere wurden vom Auftreten gewalttätiger
Demonstranten und/oder der Polizeigewalt überschattet (Göteborg,
Prag und Genua); wiederum andere Proteste wurden bereits im Vorfeld
gestoppt (Davos 2000) oder beschränkten sich auf symbolische, vorwiegend
für die Medien gestaltete Inszenierungen wie bei den jüngsten
Klimakonferenzen in Den Haag und Bonn.
Die entscheidende Veränderung seit Seattle vollzog sich nicht
in den Protestgruppen selbst, sondern besteht darin, wie diese Gruppen
in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Mit der gesteigerten
Aufmerksamkeit verbindet sich, wie schon bei den Nichtregierungsorganisationen
im Umkreis der großen UN-Konferenzen der neunziger Jahre, eine
Überschätzung der Handlungsfähigkeit und des Einflusses
der globalisierungskritischen Bewegungen. Vorerst beschränkt sich
deren Leistung vor allem auf die öffentliche Thematisierung von
Fragen, die bislang Experten und politischen Kleingruppen vorbehalten
waren.
Allerdings geht von dem gesteigerten Medieninteresse und den hochfliegenden
Erwartungen ein beflügelnder Effekt aus. Sie revitalisieren alte
Bewegungskerne und führen den Protestgruppen frische Kräfte
zu, insbesondere jüngere, zum Teil bislang kaum politisierte Menschen.
Damit erlangt die anfängliche Überschätzung zunehmend
Realitätsgehalt. Die Bewegungen gewinnen an Gewicht, weil sie für
wichtig gehalten werden.
Jedoch ist auch der Massenzulauf nicht ohne Probleme. Der Zustrom vieler
Menschen mit zumeist geringen politischen Erfahrungen, aber hohen Erwartungen
kann einzelne Organisationen überfordern und am Ende zu Frustrationen
sowohl bei den tatendurstigen neuen Kräften als auch den Bewegungskernen
führen. Einzelne Organisationen oder ganze Bewegungen sehen sich
mit Ansprüchen überfrachtet, können ihre Erfahrungen
und Positionen nicht vermitteln, die vorhandenen Energien nicht bündeln.
Ein Beispiel dafür ist die Ostermarschbewegung, die sich 1968,
unmittelbar nach dem Höhepunkt ihrer Massenmobilisierung, auflöste.
Ein anderes ist das Neue Forum, das den Massenzulauf in der Wendephase
nicht verkraften und die neuen Kräfte nicht an sich binden konnte.

4. Vorerst handelt es sich um eine Negativkoalition bereits bestehender Bewegungen,
die sich von der Dynamik der Globalisierungskritik eine Unterstützung ihrer jeweiligen Anliegen versprechen
Bis heute ist die Rede von einer globalisierungskritischen Bewegung
im Singular durch die Wirklichkeit nicht gedeckt. Vielmehr handelt es
sich um ein Sammelsurium von teils lose verknüpften, teils völlig
unverbundenen Gruppen, Netzwerken und Einzelbewegungen, die sich vorzugsweise
anlässlich von Gipfeltreffen der etablierten Politik zusammenfinden
und insofern einen reaktiven Charakter haben. Nur wenige Gruppen, darunter
attac und Peoples Global Action, sind erst in jüngster
Zeit und als direkte Antworten auf das Globalisierungsthema entstanden
und versuchen stärker proaktiv vorzugehen.
Die Gemeinsamkeit all dieser Gruppen und Netzwerke besteht darin, jene
Entwicklungen, Institutionen und Positionen abzulehnen, die mit der
neoliberalen Globalisierung assoziiert werden. Dies geschieht unter
Berufung auf einen Wertekatalog von Solidarität, Demokratie, Menschenrechten,
ökologischer und sozialer Verträglichkeit, der durchaus als
ein Globalisierungsprogramm verstanden wird, jedoch zu unspezifisch
ist, um eine eigene Identität und Trennungslinien gegenüber
den Gegnern zu markieren.
Sobald die globalisierungskritischen Bewegungen vor der Aufgabe stehen,
Prioritäten festzulegen und zu konstruktiven Vorschlägen Position
zu beziehen, herrscht Unklarheit oder Uneinigkeit. Dieser Zustand wird
derzeit als Stärke (Vielfalt statt Einfalt) ausgegeben,
kann jedoch nicht von Dauer sein.

5. Die globalisierungskritischen Gruppen haben kein organisierendes Zentrum.
Eine derartige Rolle wird in Deutschland fälschlich attac zugedacht
Die Selbstbeschreibung der globalisierungskritischen Bewegungen als
Netzwerk ist insofern zutreffend, als in keinem Land, geschweige denn
auf internationaler Ebene, eine Art Zentralkomitee und allseits anerkannte
Programme und Zuständigkeiten existieren. Zugleich ist diese Selbstbeschreibung
unzutreffend, weil sie tragfähige Verbindungen zwischen den einzelnen
Knotenpunkten des Netzwerks suggeriert, die das Fundament für eine
Bewegung als funktionale Einheit bilden könnten. Derartig umfassende
Verbindungen bestehen nicht einmal im Hinblick auf die Mobilisierungen
zu den internationalen Gipfeltreffen, geschweige denn im Alltag der
diversen Gruppierungen. Diese existieren nach wie vor als spezifische
Fach- und Aktionsnetzwerke (für Menschenrechte, Ökologie,
Frauen etc.), ohne eine kompakte, aus sich heraus handlungsfähige
Bewegung zu bilden.
Die Anti-Globalisierungs-Bewegung (zu- mal im Singular) ist weitgehend
ein Konstrukt der Medien. Fixiert auf Eindeutigkeit, auf greifbare Personen
und Institutionen, auf Sprecher und Verantwortliche,
neigen die Medien dazu, der Vielfalt und Unüberschaubarkeit globalisierungskritischer
Strömungen eine sichtbare Gestalt zu verleihen ein Effekt,
von dem insbesondere attac profitiert hat. Weitgehend aufgrund
externer Zuschreibungen ist daher in der Bundesrepublik attac
als eine Art Zentrale der Globalisierungskritiker dargestellt worden
und hat sich, trotz erklärter Vorbehalte, zunehmend auf diese Rolle
eingelassen.
Andere Netzwerke wie beispielsweise die seit 1977 existierende Bundeskonferenz
entwicklungspolitischer Aktionsgruppen (BUKO) fügen sich weniger
den medialen Erwartungen. Obgleich ähnliche Themen aufgreifend,
blieb beispielsweise ihr 23. Bundeskongress im Oktober 2000 in Berlin
(Motto: WTO und soziale Bewegung im globalen Kapitalismus)
eine interne Angelegenheit. BUKO ist offensichtlich out, attac ist hip.
Schon der Name attac (Association pour la taxation des transactions
financières pour laide aux citoyens), dessen Ursprung
nicht einmal allen eingeschriebenen Mitgliedern geläufig sein dürfte,
klingt im Kontext der Globalisierungsdebatte wie ein Programm und wird
mit Attacke assoziiert.

6. Die Bewegungen, wollen sie sich stabilisieren und wachsen,
stehen vor Klärungsprozessen und Entscheidungen,
möglicherweise auch Zerreißproben.
Eine davon betrifft das ideologische Profil
Der Bogen von linksradikalen Antikapitalisten, moderaten Kapitalismuskritikern,
Vertretern eines Dritten Weges und unpolitischen, rein humanitär
orientierten Aktivisten erweist sich in der derzeitigen Phase des Aufschwungs
und der reaktiven Mobilisierungen in Gestalt einer Negativkoalition
als durchaus tragfähig. Aber dieser Bogen zerbricht, sobald im
Zuge von Organisations- und Strategiefragen auch politisch-ideologische
Deutungsmuster verlangt sind, die langfristig einzuschlagende Richtungen
begründen können. Die Kräfte, die eine radikale, im Grunde
revolutionäre Umgestaltung der Weltwirtschaftsordnung fordern,
werden sich zwangsläufig von jenen trennen, die diese Ordnung im
Prinzip anerkennen und lediglich bestimmte Folgeprobleme lindern wollen.
Dieser insgesamt, aber auch für eine einzelne Gruppierung wie
attac anstehende Klärungsprozess kann durch Formelkompromisse hinausgezögert,
aber letztlich nicht vermieden werden. Die teilweise bereits erkennbaren
Denk- und Lernprozesse der Regierungen (s. den Offe- nen Brief
an die Globalisierungsgegner des belgischen Ministerpräsidenten
und derzeitigen EU-Ratsvorsitzenden Guy Verhofstadt vom September 2001),
ihre teils symbolischen, in Ansätzen auch materiellen Zugeständnisse
an ihre Kritiker werden die weitgehend latenten Widersprüche in
den Protestgruppen bloßlegen.

7. Die globalisierungskritische Bewegung wird verbindlichere Organisationsstrukturen
entwickeln müssen, um handlungsfähig zu bleiben.
Hierbei ergeben sich Spannungen zwischen den Erfordernissen
interner demokratischer Kontrolle und nach außen gerichteter
Strategiefähigkeit
Die Geschichte sozialer Bewegungen zeigt, dass diese keineswegs immer
mit einer Phase organisatorischer und programmatischer Diffusität
beginnen, um allmählich festere Gestalt anzunehmen und schließlich
in verkrusteten Strukturen zu enden, wie es seit Robert Michels1
immer wieder behauptet wird. Allerdings stehen Bewegungen vor zwei Mindestanforderungen.
Zum Einen müssen sie eine kollektive Identität entwickeln,
um ihren inneren Zusammenhalt zu wahren. Bleibt der ideologische und
programmatische Nenner zu diffus, so zerfasert die Bewegung. Sie wird
richtungslos, zersplittert oder versandet. Wird andererseits dieser
Nenner zu scharf konturiert und zudem für sakrosankt erklärt,
so verkommt die Bewegung zu einer Sekte, die sich von der Außenwelt
abschottet.
Zum Zweiten müssen Bewegungen bestimmte Organisationsformen entwickeln,
um in ihren internen Prozessen und ihren nach außen gerichteten
Interventionen handlungsfähig zu bleiben. Dabei gilt es die Balance
zwischen zwei Polen zu halten: Einerseits droht das Übel, das Jo
Freeman2, eine US-amerikanische Feministin, die Tyrannei
der Strukturlosigkeit genannt hat. Informelle Hierarchien, Filz
und Willkür ersetzen explizite Zuständigkeiten und regelgebundene
Entscheidungsverfahren. Werden andererseits formale Mechanismen zu stark
betont, so droht die Vereinsmeierei, bei der Organisationspatriotismus
und Satzungsfragen das Handeln bestimmen. Im Falle von sich demokratisch
verstehenden Bewegungen kommt noch das Erfordernis hinzu, eine dominante
Willensbildung von unten nach oben zu gewährleisten und interne
Minderheiten nicht durch Formalismen oder ein Führerprinzip auszuschalten.
Die Strukturarmut von attac als ein Merkmal, das dem Aufschwung
der Gruppierung bisher eher förderlich war, wird nicht von Dauer
sein können. Ebenso wird attac sich den Fragen einer internen
demokratischen Kontrolle und der Repräsentation seiner Mitglieder
stellen müssen. Welches Gewicht soll etwa den derzeit 2000 Einzelmitgliedern
von attac zukommen angesichts des Sachverhalts, dass die Dienstleistungsgewerkschaft
ver.di mit ihren Millionen von Mitgliedern ebenfalls attac angehört?

8. Je nach Art der Anforderung kann in mancher Beziehung für
die globalisierungskritischen Gruppen Eindeutigkeit,
in anderer Hinsicht aber auch Uneindeutigkeit,
das Aushalten von Spannungen, eine angemessene Reaktion bilden
Spätestens seit Göteborg und Genua wird die Stellungnahme
zur Gewaltfrage zumindest für jene Gruppen unabweisbar, die für
ihr Handeln namentlich einstehen und um öffentliche Zustimmung
ringen. Die Antwort, bezogen auf Protesthandlungen in demokratischen
Gesellschaften, kann allein ein uneingeschränktes Bekenntnis zur
Gewaltlosigkeit sein. Dies schließt allerdings einen an strenge
Selbstbindungen geknüpften zivilen Ungehorsam nicht aus.
Andere Herausforderungen dagegen verlangen differenzierte, oftmals
kontextabhängige Antworten, deren Qualität sich gerade nicht
an einem prinzipiellen Entweder/Oder bemisst. Je nach Lage der Dinge
können Bewegungen durchaus zwischen Radikalismus und Kompromissbereitschaft
pendeln, auf quantitative oder qualitative Mobilisierung setzen, wobei
Erstere die Kraft der schieren Masse betont, während Letztere den
Beteiligten Opfer oder Risiken abverlangt, zu denen nur wenige bereit
sein werden. Auch müssen sich einzelne Bewegungsorganisationen
weder dauerhaft auf ein enges Feld spezialisieren noch sich als thematisch
allzuständig verstehen. Kooperationsangebote der etablierten Politik
sind weder prinzipiell als Kooptationsfalle abzulehnen,
noch sollte der Erfolg einer Bewegung daran gemessen werden, ob ihre
Vertreter an den Konferenztischen sitzen dürfen. Bewegungen können
sich der Frage nach konstruktiven Lösungen stellen, ohne deshalb
die gewählten Politiker aus ihrer Verantwortung zu entlassen. Die
Kunst der globalisierungskritischen Bewegungen wird in diesen Fragen
darin bestehen, prekäre Balancen zu wahren.
1) Robert Michels (1911): Zur Soziologie
des Parteiwesens in der modernen Demokratie
2) Jo Freeman (1973): The Tyranny of Structurelessness,
in: Ms, July 1973
Dr. Dieter Rucht ist Professor für Soziologie am Wissenschaftszentrum
Berlin für Sozialforschung und Sprecher der dortigen Arbeitsgruppe
Politische Öffentlichkeit und Mobilisierung. Er lehrte
und forschte zuvor in München, Berlin, Paris, Cambridge (MA), Ann
Arbor (MI) und Canterbury (England). Seine Arbeitsschwerpunkte: sozialer
Wandel, politische Partizipation, soziale Bewegungen und Protest.
Teile dieser Ausführungen wurden bei der Tagung Internationale
Aktionsnetzwerke Chancen für eine neue Protestkultur?
im September 2001 in Bergneustadt vorgetragen, andere auf dem Berliner
attac-Kongress Eine andere Welt ist möglich im Oktober
2001.

E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit,
herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE)
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