E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr.
12, Dezember 2001, S. 361-364)

Eine andere Welt ist möglich
Erster deutscher ATTAC-Kongress mit 3000 Teilnehmern
Annette Hornung

ATTAC, vor kurzem noch eine kleine, leicht zu übersehende Gruppe
von Krtikern der neoliberalen Globalisierung, ist plötzlich in
den Medien. An der Gründungsversammlung in Frankfurt, im Januar
2000, hatten etwa 150 Personen teilgenommen, jetzt, beim ersten bundesweiten
Kongress, kamen mehr als 3000. Die Organisation, die die globalen Finanzstrukturen
und die damit einhergehende westliche Dominanz kritisiert, gewinnt an
Bedeutung durch die neue Debatte über den Terrorismus, die dessen
Ursachen in der weltweiten Ungleichheit zwischen Arm und Reich ausmacht.
Annette Hornung berichtet über den Kongress.
ATTAC das klingt wie Attacke und soll es wohl auch. Es ist das
Acronym der Association pour la taxation des transactions financières
pour laide au citoyen (Vereinigung für die Besteuerung
von Finanztransaktionen zum Nutzen der Bürger) in Frankreich
gegründet und inzwischen auch in Deutschland von wachsender Bedeutung.
In Berlin fand vom 19. bis 21. Oktober der erste bundesweite Kongress
statt. 600 bis 700 Teilnehmer wurden erwartet, mehr als 3000 kamen,
nicht nur aus Deutschland, sondern aus vielen Ländern der Welt.
Das Motto für drei Tage: Eine andere Welt ist möglich.
Der Kongress ist ein unübersehbares Zeichen, dass die globalisierungskritische
Bewegung in Deutschland zu einer wichtigen politischen Kraft geworden
ist; daran hat auch der 11. September nichts geändert, sagte
Philipp Hersel, einer der Koordinatoren des Kongresses. Der Kongress
hat bewiesen, dass es zu scheinbar abstrakten Themen wie der neoliberalen
Globalisierung eine Massenbewegung geben kann, meinte Susan George,
die Vizepräsidentin von ATTAC Frankreich.
Der Widerstand gegen die neoliberale Globalisierung ist nicht
verstummt. Heute wissen wir, dass alle, die sich Krieg und Terrorismus
widersetzen wollen, Verarmung und Demütigung durch die weltweiten
wirtschaftlichen und militärischen Herrschaftsverhältnisse
nicht verschweigen können. Eine Anti-Kriegs-Bewegung muss schon
im Ansatz globalisierungskritisch sein. Unsere Bewegung gegen die neoliberale
Globalisierung ist daher auch eine Anti-Kriegs-Bewegung, erklärten
Freya Pausewang und Sven Giegold, Mitbegründer von ATTAC Deutschland.

Kritik an den Finanzmärkten
als zentrales Thema
Kristallisationspunkt der Bewegung ist Kritik an der weltweiten Finanzpolitik.
Attac setzt sich ein für die Regulierung der internationalen Finanzmärkte,
die Einführung einer Steuer auf internationale Finanztransaktionen
(Tobin Tax), die stärkere Besteuerung von Kapital, die Unterbindung
von Steuerflucht und die Schließung der Steueroasen. Umverteilung
zwischen Arm und Reich ist das zentrale Thema auf der Agenda. Davon
fühlen sich Menschen aus Friedens-, Frauen- und Umweltbewegung,
den Gewerkschaften, den Kirchen und den Dritte-Welt-Gruppen angesprochen.
Vorher stritten sie einzeln für ihre jeweiligen begrenzten Interessen
und waren nicht sehr erfolgreich. Seit Seattle, Prag, Nizza, Davos und
Genua sind sie verbündet immer wenn Weltbank, Internationaler
Währungsfonds, Welthandelskonferenz oder ähnliche Organisationen
tagen, gehen Zehntausende auf die Straße.
Der Kongress zeigte, dass ATTAC auch als Dach für all die Enttäuschten
verstanden wird, die ihre Interessen in keiner Partei, in keiner Organisation
richtig vertreten sehen. Dazu gehören in Deutschlands Osten zweifellos
auch viele Mitglieder und Sympathisanten der PDS, nicht zuletzt jene
Linken, die bis 1989 die Interessen der Entwicklungsländer im proletarischen
Internationalismus, angeführt durch die Sowjetunion, in guten Händen
glaubten. Bei ATTAC gibt es kein Programm, das genaue Ziele vorschreibt.
Niemand muss sich doktrinär festlegen. Die Bewegung zeichnet sich
aus durch Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit. Der tolerante
Umgang miteinander kann zum Erfolg führen, hofft Juliane
Meinhold von ATTAC Berlin.

Die Leitfiguren der früheren Protestbewegungen
Die jungen Organisatoren des Kongresses hatten sich für die drei
Plenumsveranstaltungen Leitfiguren, Ikonen aus früheren Protestbewegungen,
nach Berlin geholt, die sich aus früheren Zeiten gut kennen. Die
Jungen hörten vor allem zu.
Horst-Eberhard Richter, Psychoanalytiker, Sozialpsychologe und
Gründer des Sigmund-Freud-Instituts in Gießen, Veteran der
Friedensbewegung, sprach zum Auftakt. Nur in einer ebenbürtigen,
gleichberechtigten und gerechten Welt können die Probleme gelöst
werden, die auch den Nährboden für terroristische Aktivitäten
bilden, erklärte er. Der Westen habe bis zum 11. September
ein fatales Desinteresse an den Problemen in der Dritten Welt gezeigt.
Er müsste endlich einsehen, dass auf dieser Erde alle aufeinander
angewiesen sind und dass wir nur in Anerkennung dieser Verbundenheit
jemals eine Kultur des Friedens erreichen könnten.
Eine Chance sieht Richter nur, wenn die Industriestaaten ihren Herrschafts-
und Bestimmungsanspruch aufgeben und dazu bereit sind, den Dialog mit
den Menschen in den ärmeren Ländern der Welt zu suchen. Er
verglich diese neue Denkweise mit einem schmerzhaften Selbstheilungsprozess,
der die Mobilisierung vieler Abwehrkräfte erfordere. Es gebe nur
ein probates Mittel für dieses Umdenken: Solidarität mit den
Schwächeren, Benachteiligten in der Welt und ein kritisches Engagement
könnten ein friedliches Zusammenleben für alle möglich
machen.
Den Widerstand gegen die ungleiche Aufteilung von Grund und Boden,
natürlichen und wirtschaftlichen Ressourcen, forderte João
Batista de Oliveira, Vorsitzender der brasilianischen Landlosenbewegung
MST im Bundesstaat São Paulo, der das Podium unter tosendem Beifall
mit erhobener Faust betrat. Die Landlosenbewegung wäre in Brasilien
längst niedergeschlagen worden, erklärte er, wenn sie nicht
die Aufmerksamkeit der weltweiten Öffentlichkeit erhielte. Es gebe
ein Recht auf natürliche Ressourcen wie Wasser und Boden für
alle, sie seien ein Erbe der Menschheit, nicht das weniger Großgrundbesitzer
und anderer Privatiers. Die Realität sehe in Lateinamerika jedoch
anders aus. In Brasilien etwa gehörten 46 Prozent des Bodens einem
Prozent der ländlichen Bevölkerung, während 4,5 Millionen
Menschen kein Land besäßen, sagte Oliveira.
Das Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich, Nord und Süd beschrieb
auch Jean Ziegler, altgedienter Rebell gegen das Schweizer Finanzkartell,
Soziologie-Professor an der Universität Genf und der Sorbonne in
Paris, Publizist, bekennender Buddhist und UN-Sonderberichterstatter
für das Recht auf Nahrung. Er sprach von der Struktur der Weltfinanzmärkte.
In den letzten zehn Jahren, seit Beendigung des Kalten Kriegs habe der
kapitalistische Produktionsprozess drei Paradigmenwechsel erlebt: die
ungeheure Monopolisierung des Welthandels, die kommunikationstechnische
Revolution durch das Internet, das großen Unternehmen eine weitestgehende
Dezentralisierung ermögliche, und schließlich die Zunahme
hochriskanter Börsenspekulationen, die inzwischen 87 Prozent des
Börsenhandels ausmachen. Die Börsenwelt übe auf ihn eine
ungeheure Faszination aus, meinte Ziegler ironisch: Totale Irrationalität
kann hier mit höchster Rationalität koexistieren. Dadurch
werde eine unglaubliche Vitalität, aber auch eine erschreckende
Ungleichheit erzeugt.
Für den Soziologen ist die derzeitige Weltfinanzarchitektur charakterisiert
durch eine negative Dynamik mit katastrophalen Auswirkungen. 52 Millionen
Menschen sterben jährlich an Hunger und Krankheiten, an den Folgen
der Unterentwicklung, 54 Millionen Tote waren die Bilanz des sechs Jahre
dauernden 2. Weltkriegs. Der 3. Weltkrieg hat für die Menschen
in der Dritten Welt schon längst begonnen; trotzdem besteht eine
eisige Normalität zwischen den Menschen, schloss Ziegler
aus diesen Zahlen. Westliche Demokratien sähen ihrer Zerstörung
entgegen, wenn sie das Gladiatorenmodell des Sozialdarwinismus
weiter aufrecht erhielten. Eine Chance, dem entgegenzutreten, sieht
Ziegler in der Bildung einer neuen planetarischen Zivilgesellschaft,
in der sich soziale Bewegungen, NROs und Gewerkschaften gemeinsam der
neoliberalen Globalisierung entgegenstellen.

Herausforderungen und Defizite
Barbara Unmüßig, Vorsitzende von WEED (Weltwirtschaft,
Ökologie und Entwicklung), analysierte den Erfolg und die Attraktivität
von ATTAC, aber auch Herausforderungen und Defizite. Unter dem Dach
von ATTAC diskutiere die heimatlos gewordene Linke, enttäuschte
Anhänger der rot-grünen Wende, die verdrossen wahrnähmen,
dass die Globalisierungsdebatte auf der politischen Ebene nicht gestaltet
werde, sondern in die Enquête-Kommission Globalisierung abgedrängt
worden sei. Die größte Stärke von ATTAC, die Unverwechselbarkeit
des Profils, sah Unmüßig in der Internationalität. Zwar
sei Internationalismus keine Erfindung unserer Tage, aber es gebe mit
der Globalisierung neue Möglichkeiten internationaler Zusammenarbeit
und Solidarität, vor allem durch das Internet. Ein wichtiges Kennzeichen
sei ferner, dass ATTAC keine verbindliche theoretische, weltanschauliche,
religiöse oder ideologische Festlegung anstrebe. Wer bei
ATTAC mitmacht, kann christliche oder andere religiöse Motive haben,
Atheist, Humanist, Marxist sein oder anderen Philosophien anhängen.
Allerdings sollte ATTAC sich nicht jedem beliebigen Thema zuwenden,
denn ein thematischer Supermarkt ende schnell in der Wirkungslosigkeit.
Es gehe um die Konzentration auf die ökonomischen Dimensionen der
Globalisierung, auf die Finanzmärkte, das Welthandelssystem und
Aktivitäten transnationaler Unternehmen. Unmüßig betonte
die große Bedeutung einer starken gesellschaftlichen Bewegung,
die eine demokratische Regulierung der Globalisierung anstrebt. Wichtige
zukünftige Aufgabe sei es, noch sehr viel mehr Leute dezentral
in vielen Regionalgruppen zu mobilisieren.
Die Vorsitzende von WEED stellte auch klar, dass ATTAC eine Strategie
ablehne, die auf Militanz setze und die Konfrontation mit der Polizei
suche. Regierung, Parlament und Parteien könnten zu Veränderungen
bewegt werden, wenn der Druck aus der Gesellschaft stark genug sei.
Welches Gewicht dabei Gerechtigkeit, Demokratie und Umwelt haben, hänge
davon ab, wie viel emanzipatorische Gegenmacht mobilisiert werden kann.
Eine Gefahr sah sie darin, dass in dem Maße, wie Erfolg und Einfluss
von ATTAC zunehmen, Versuche der Vereinnahmung, Instrumentalisierung
und Trittbrettfahren zunehmen würden. Angebote zu Gesprächen
mit Ministerien und Parteivorständen häuften sich schon jetzt.
Notwendig sei jedoch ein kritischer Dialog, der zum Terrain der politischen
Auseinandersetzung werden könne. ATTAC Frankreich habe dafür
den Begriff dialogue confrontatif geprägt. Langer
Atem und viel Geduld seien nötig, um neue wirtschaftliche Rahmenbedingungen
zu schaffen. Denn von einer fundamentalen Umkehr sei die Gesellschaft
weit entfernt.
Bernard Cassen, der Chefredakteur von Le Monde Diplomatique,
Gründungsmitglied und seit 1998 Präsident von ATTAC, begrüßte
es, dass auch in Deutschland immer mehr Anhänger zu verzeichnen
seien. Das sei für ATTAC von großer Bedeutung. Er begrüßte
ATTAC Deutschland in der großen Familie, denn eine
gute europäische Strategie könne sich nur mit deutscher Unterstützung
entwickeln. Der friedliche Kongress in Berlin sei eine Antwort an alle
jene Gegner von ATTAC, die die Globalisierungskritiker kriminalisieren
wollen. In Genua hätten Hunderttausende Menschen demonstriert.
Alle Anstrengungen, den Zustrom der Anhänger aus vielen gesellschaftlichen
Richtungen durch den Vorwurf abzuschneiden, die Bewegung sei gewalttätig,
seien gescheitert. In vierzig Ländern gebe es bereits nationale
ATTAC-Gruppen.
Nach dem 11. September seien Beschuldigungen gegen die globalisierungskritische
Bewegung zum Teil so weit gegangen, Kritiker der US-amerikanischen Politik
mit Terroristen gleichzusetzen. Ihm sei in ATTAC aber noch kein Taliban-Mitglied
begegnet. Mit jedem Tag der Militärschläge in Afghanistan
steige die Bedeutung von ATTAC. Sogar der amerikanische Präsident
George W. Bush habe ATTAC entdeckt, konstatierte Cassen spöttisch:
Die Abschaffung von Steueroasen, die Erschwernis von Geldwäsche
und die stärkere Kontrolle weltweiter Finanztransaktionen sind
heute Mittel im Kampf gegen den Terrorismus.
Auch dem Vorwurf, ATTAC sei demokratiefeindlich, widersprach der Franzose.
Die Bürgerbewegung respektiere Wahlergebnisse, aber die Gewählten
machten, sobald sie an der Macht seien, oft genau das Gegenteil von
dem, was sie vorher versprochen hätten. Es sei eine Verpflichtung
von ATTAC, dafür zu sorgen, dass die Stimmen der Wähler gehört
werden.
Ähnlich wie Unmüßig unterstrich der ATTAC-Präsident,
dass die Sachkompetenz der Mitglieder aufgebaut werden müsse. Wir
müssen verstehen, um handeln zu können, meinte Cassen.
In Frankreich organisiere ATTAC jährlich Sommeruniversitäten
zur Weiterbildung von Multiplikatoren und von Aktivisten, etwa in Bezug
auf Themen wie den Umbau der internationalen Finanzarchitektur. Eine
zweite gleichwertige Priorität liege bei Protestaktionen auf der
Straße, vom Straßentheater bis zu symbolischen Aktionen
vor wichtigen Institutionen. Man müsse sich darauf besinnen, dass
das Demonstrationsrecht durch die Verfassungen gerantiert sei.

ATTAC wohin?
Im Workshop ATTAC wohin? einem unter 80 weiteren
war die Mehrheit der Teilnehmer der Meinung, dass es ein festes
Programm für ATTAC Deutschland nicht geben sollte, ebenso wenig
wie die Gründung einer neuen Partei. Auch Daniel Cohn-Bendit, 68er
Urgestein, Europa-Abgeordneter der französischen Grünen und
Mitglied von ATTAC Frankreich (gegen den es Pfiffe gab, weil die deutschen
Grünen den Afghanistan-Krieg der USA unterstützen), riet von
einer Parteigründung ab. Wenn ihr euch selbst vernichten
wollt, dann geht den Weg der Grünen, meinte er polemisch.
Sven Giegold aus dem Koordinierungskreis von ATTAC Deutschland erklärte:
Wir wollen der Versuchung nicht erliegen, ein Programm zu formulieren;
das würde die Breite des Bündnisses zerstören.
Eine fragwürdige Position nahm Bettina Gaus ein, Redakteurin der
Tageszeitung, die den Teilnehmern riet: Je weniger eure
Ziele festgelegt sind, desto weniger müsst ihr euch ständig
an Ergebnissen messen lassen.
Das erregte denn doch Widerspruch: Man könne nicht immer nur dagegen
sein, das reiche nicht, um die Bewegung auf Dauer zusammenzuhalten.
Damit könne ATTAC nicht realitätstauglich und politikfähig
werden. Ein Zuhörer wollte daraufhin sofort ein 20-seitiges Programm
zur Diskussion stellen, das er geschrieben hatte. Andererseits forderte
eine Aktivistin den Ausschluss von Cohn-Bendit, weil er eine rassistische
und kriegstreibende Partei vertrete. Aber hier bewährte sich
dann die häufig zitierte Stärke von ATTAC, die große
Heterogenität: Trotz heftigster Kritik sollen nach Mehrheitsmeinung
auch die Grünen dazugehören, denn nur gemeinsam sind
wir stark, wie ein Teilnehmer meinte.
Dass man ein Programm nicht brauche, hatte Jean Ziegler schon in der
Auftaktveranstaltung des Kongresses festgestellt, als habe er diese
Diskussion vorausgeahnt auch beim Sturm auf die Bastille habe
niemand gewusst, wie die erste Verfassung der Französischen Republik
aussehen werde. Der Weg sei das Ziel. Wichtig sei, dass die Anhänger
von ATTAC wüssten, was sie nicht wollen.
In den Protest gegen Globalisierung stimmte auch Oskar Lafontaine
ein, ehemals Bundesfinanzminister und Vorsitzender der deutschen Sozialdemokraten.
Ich bin gekommen, weil ich die Ziele von ATTAC unterstütze,
sagte Lafontaine bei der Podiumsdiskussion Ohnmacht des Nationalstaats
Mythos oder Kernproblem der Globalisierung.
Mancher Zuhörer misstraute ihm und fragt sich, ob Lafontaine als
Trittbrettfahrer bei ATTAC zu neuem Ruhm gelangen möchte. Rufe
aus dem Publikum wie Maulheld ließ er gelassen an
sich abprallen. Auch als die Moderatorin, selbst aus der Frauenbewegung,
der Vertreterin der kirchlichen NRO Südwind, Ingeborg Wick, als
erster das Wort erteilte, nahm es der ehemalige Politstar gelassen hin.
Dann analysierte er das Versagen der nationalen Wirtschafts- und Gesamtpolitik.
Steuerflucht, durch die Politik ermöglicht, untergrabe die Demokratie.
Wenn die Industrie weniger Steuern zahle, fehle das Geld für öffentliche
Aufgaben und die Bevölkerung müsse zwangsläufig mehr
Steuern zahlen. Er plädierte für die Austrocknung der Steueroasen
und die Abschaffung des Bankgeheimnisses, das nur zur Steuerhinterziehung
diene. Insgesamt forderte er eine stärkere Rolle für den Staat.
Wolf-Dieter Narr, Professor für Politikwissenschaft in
Berlin, widersprach ihm. Es sei naiv, zu glauben, die Staaten seien
an sich schon in Ordnung, nur die Menschen müssten sich ändern.
Der Nationalstaat könne keine Lösung sein. Schon bei seiner
Entstehung Ende des 19. Jahrhunderts sei er eine unauflösliche
Ehe mit dem Kapitalismus eingegangen. Damit die Gesellschaft sich
ändert, ist mehr Demokratie und Selbstorganisierung der Menschen
nötig, sagte Narr.
Ingeborg Wick von der NRO Südwind betonte die geschlechtsspezifischen
Folgen der Globalisierung: In der Dritten Welt gebe es zwar einen Zuwachs
an Arbeitsplätzen auch für Frauen, da die Industrieländer
ihre Produktion auslagern; einen arbeits- und sozialrechtlichen Schutz
gebe es in vielen Staaten aber nicht. Zwei Drittel aller Armen weltweit
seien Frauen. Gender Budgeting, eine Berücksichtigung
der Gleichstellung in den Haushaltsplanungen, gebe es weltweit in nur
20 Ländern. Das könne ein Beitrag auf staatlicher Ebene sein.

Hoffnung auf Veränderung
Wir sind nicht mehr in der Defensive, sondern haben die Offensive
ergriffen und verändern die Debatten, fasste Susan George
schließlich zusammen. Die Vizepräsidentin von ATTAC Frankreich,
gebürtige Amerikanerin, Direktorin des Transnationalen Instituts
in Amsterdam, sprach das Schlusswort des Kongresses. Zu den großen
Problemen von heute zählte sie Armut, fehlenden Umweltschutz, Schwächen
der Demokratie, verfehlte Wirtschaftsstrukturen, die zu Massenarbeitslosigkeit
führten. Das alles kulminiere in der Verunsicherung, die die gesamte
westlichen Welt nach den Terroranschlag am 11. September ergriffen habe.
ATTAC repräsentiere für viele Menschen die Hoffnung auf Veränderung.
Möglichkeiten dazu ergäben sich durch Allianzen und Koalitionen
auf nationaler und internationaler Ebene. Susan George ermutigte die
Teilnehmer, für die Ziele einer besseren Zukunft durchzuhalten.
Die Politik brauche einen langen Atem, man dürfe nicht mit Enttäuschung
reagieren, wenn man keine schnellen Erfolge sehe.
Annette Hornung arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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