E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr.
12, Dezember 2001, S. 364-366)

wenn dein starker Arm es will !
Die Gewerkschaften mobilisieren gegen die negativen Folgen der Globalisierung
Uwe Kerkow

Lange Zeit haben die Gewerkschaften der Industrieländer ihre
internationalen Aktivitäten darauf beschränkt, die Gewerkschaften
in den Entwicklungsländern punktuell zu unterstützen, vor
allem durch Fortbildungsmaßnahmen.
In den letzten Jahren jedoch haben auch die Arbeitnehmer-Organsationen
die Globalisierung der Wirtschaft als kritisches Thema entdeckt. Die
französischen Gewerkschaften arbeiten eng mit ATTAC zusammen, die
amerikanischen haben die Demonstrationen in Seattle mitorganisiert.
In Deutschland stellen VERD.DI, die IG Metall und der DGB Forderungen
nach einer sozialverträglichen Globalisierung.
Dass die Globalisierung der Weltwirtschaft in den letzten Jahren mehr
und mehr ein Thema der Medien geworden ist, ist vor allem ihren Kritikern
zu verdanken, denen es gelungen ist, eine nicht mehr zu überhörende
Gegenöffentlichkeit zu mobilisieren. Dabei waren zunächst
vor allem solche zivilgesellschaftlichen Organisationen aktiv, die sich
schon länger mit Problemen der Armut in der Dritten Welt, des Umweltschutzes
und des Friedens befasst hatten. Eine neue und unerwartete Entwicklung
ist, dass nun auch die Gewerkschaften, die sich über Jahrzehnte
hinweg auf Arbeitnehmer/Arbeitgeber-Beziehungen beschränkten, das
Thema wahrnehmen und dadurch zu erkennen geben, dass sie erneut
wie schon in ihrer Gründerzeit an der Verantwortung für
die soziale und demokratische Gestaltung unserer Gesellschaft insgesamt
teilhaben wollen.

Die Gewerkschaften in Frankreich,
den USA und Deutschland
Als erste waren es die französischen Gewerkschaften, die das Thema
entdeckten. Sie waren immer schon politischer gewesen als ihre Schwesterorganisationen
in anderen Ländern, und als 1997 auf Anregung von Ignacio Ramonet
von Le Monde Diplomatique das Bündnis ATTAC gegründet
wurde, das die Einführung einer Devisentransaktions-Steuer zugunsten
der Bürger ausdrücklich auf seine Fahnen schrieb, waren
die Gewerkschaften von Anfang an dabei ebenso wie übrigens
die in Frankreich sehr aktiven, in Deutschland überhaupt nicht
existierenden Arbeitslosenverbände und die Verbände der Kleinbauern.
Die größte Überraschung ist jedoch, dass die US-amerikanischen
Gewerkschaften die Politik als ihr Betätigungsfeld wiederentdeckten.
Der Dachverband AFL/CIO hat nicht nur maßgeblich an der Organisation
der Proteste gegen die Millenniumsrunde der WTO in Seattle
mitgewirkt, die Mehrheit der Demonstranten waren auch Gewerkschafter.
Ebenso wird der Protest gegen eine gesamtamerikanische Freihandelszone,
der medienwirksam erstmals in Quebec vorgetragen wurde, vom AFL/CIO
maßgeblich mitgetragen.
In Deutschland haben der DGB und einige Einzelgewerkschaften erst in
jüngerer Zeit begonnen, sich öffentlich mit den Problemen
einer internationalen Wirtschaftsordnung auseinanderzusetzen, in der
dem Primat der Selbstorganisation der Märkte nichts mehr entgegengesetzt
wird. In den letzten zehn Jahren waren die Gewerkschaften vor allem
von den Aufgaben absorbiert, vor die auch sie von der Wiedervereinigung
gestellt wurden. Im internationalen Bereich sahen sie zwar ein Tätigkeitsfeld,
aber eher in Form der Unterstützung gewerkschaftlicher Arbeit in
Entwicklungsländern als in der Auseinandersetzung mit den globalen
wirtschaftlichen Strukturen. Das scheint sich nun zu ändern.

Internationale Zusammenarbeit
Die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften anderer Länder findet
vor allem im Trade Union Advisory Committee (TUAC) der OECD statt,
dessen Sitz sich in Paris befindet. Dort beraten 55 nationale Gewerkschaftsverbände
aus 29 Mitgliedsstaaten der OECD diese Organisation und die G7/G8. Nach
eigenen Angaben vertritt das TUAC rund 70 Millionen gewerkschaftlich
organisierte Arbeitnehmer. Die Wende in der politischen Orientierung
des TUAC lässt sich vielleicht mit dem Jahr 1995 identifizieren,
als die Organisation auf Initiative des kanadischen Gewerkschaftsverbandes
James Tobin zu einem Seminar über seine Ideen einlud, woran auch
Vertreter des DGB teilnahmen. Dies ist einer der Ausgangspunkte dafür,
dass der DGB heute, zusammen mit Gewerkschaftsverbänden anderer
Länder, die Einführung der Tobin-Steuer fordert möglichst
kombiniert mit einem Regime fester Wechselkurse, das zumindest US-Dollar,
Euro und Yen einschließen soll.
Forderungen dieser Art schreiben die nationalen Gewerkschaftsverbände
auch in bilateralen Erklärungen fest: So wurde eine gemeinsame
Erklärung des DGB mit JTUC-Rengo, dem japanischen Gewerkschaftsverband,
Zur Koordinierung der internationalen Finanzpolitik im Februar
2000 für den G8-Gipfel in Okinawa verabschiedet, und Anfang 2001
eine ähnliche Erklärung mit dem amerikanischen Verband AFL/CIO.
In diesen Papieren geht es um die Demokratisierung des globalen Handels-
und Investitionssystems, die Erweiterung der Netze sozialer Sicherheit,
die Vollbeschäftigung und die Förderung humaner Arbeitsstandards
in multinationalen Unternehmen.
Darüber hinaus gibt es, um die schädlichen Wirkungen der
internationalen Kapitalströme zu mindern und so die Weltwirtschaft
zu stabilisieren, nach Meinung des DGB eine Reihe weiterer Instrumente,
die auch von einzelnen Staaten angewendet werden können, wodurch
die mühevolle Suche nach internationalen Kompromissen teilweise
entbehrlich wird. Andreas Botsch, Leiter der Abteilung Struktur- und
Umweltpolitik beim Bundesvorstand des DGB, weist auf die guten Erfahrungen
hin, die Malaysia nach der Asienkrise mit kurzfristigen Kapitalverkehrskontrollen
gemacht hat. Erreichen ließe sich das Ziel eines stärker
kontrollierten Kapitalflusses aber auch durch festgelegte Mindestlaufzeiten
für Portfoliodepots oder die Erhöhung der Mindestreservesätze
durch einzelne Zentralbanken. Eher schädliche Wirkungen habe es
dagegen, wenn ein Staat seine Währung an den Dollar anbinde, wie
die Beispiele Thailand und Argentinien zeigen.
Vorrang hat nach Auffassung der Gewerkschaften vor allem eine Reform
des Internationalen Währungsfonds und eine Neuorientierung seiner
Politik. Dies soll durch stärkere demokratische Kontrolle und durch
bessere Rechenschaftslegung erreicht werden. Auch solle der IWF künftig
zur Armutsbekämpfung verpflichtet werden, seine Programme sollten
nicht auf Spar- und Deregulierungsmaßnahmen und Privatisierungen
beschränkt bleiben. Künftig wollen die Gewerkschaften stärker
in die einschlägigen Diskussionsprozesse eingreifen und fordern
dazu verbesserte Mitwirkungsrechte in den zuständigen Gremien.

Aktivitäten in Deutschland
Innerhalb Deutschlands liegt dem DBG vor allem an der Zusammenarbeit
mit der Enquete-Kommission des Bundestages zur Globalisierung. Hier
speisen Fachleute der Gewerkschaften ihre Vorstellungen regelmäßig
ein, damit auch die Arbeitnehmerseite in der Kommission zu Wort kommt.
Zudem trifft sich einmal im Monat ein aus Vertretern der Einzelgewerkschaften
zusammengesetzter Arbeitskreis internationale Wirtschaftspolitik.
Derzeit wird hier der Leitantrag Solidarität und Gerechtigkeit
in einer globalisierten Welt vorbereitet, der im Mai nächsten
Jahres auf dem Bundeskongress des DGB verabschiedet werden soll.
Damit soll eine Diskussion auf breiter Basis angestoßen werden.
Denn die Zielsetzung des DGB bei der Bearbeitung dieses Themas ist eine
doppelte: Einerseits sollen Arbeitnehmerinteressen im weiteren Sinne
vertreten werden. Die Zahl der Globalisierungsverlierer dürfe nicht
überhand nehmen, und es müsse ein Ausgleich in den einzelnen
Ländern, aber auch zwischen den Ländern gefunden werden,
wie Botsch es diplomatisch formuliert. Zum anderen will es der DGB jedoch
nicht hinnehmen, dass die Politiker, deren Entscheidungen die Globalisierung
ausgelöst haben, auf ihre eingeschränkten Wirkungsmöglichkeiten
verweisen und die Hände in den Schoß legen. So hat der DGB
Anfang Oktober die Bundesregierung aufgefordert, die geplante Neuregelung
des Finanzmarkt-Förderungsgesetzes vorzuziehen, um die Maßnahmen
gegen Geldwäsche durchgreifend und andauernd zu regeln.
Mit den betreffenden Finanzmitteln würden nicht nur Terrorakte,
sondern auch Prostitution, Drogen- und Waffenhandel finanziert. DGB-Vorstandsmitglied
Heinz Putzhammer verlangte außerdem, verstärkten politischen
Druck auf jene Off-Shore-Finanzzentren auszuüben, die sich geweigert
haben, gemeinsam mit der OECD gegen Geldwäsche vorzugehen.

Öffentlicher Dienst
Eine lange Tradition hat die Arbeit zum Thema Globalisierung bei den
Gewerkschaften für die öffentlichen Dienste. Hans Engelberts,
Generalsekretär der Internationale der Öffentlichen Dienste
(Public Services International, PSI), führt das auf die
besondere Situation der öffentlichen Bediensteten zurück:
Als Anfang der 80er Jahre die Schuldenkrise Wirkung zeigte und die ersten
Strukturanpassungsprogramme verabschiedet wurden, hätten die öffentlichen
Bediensteten in den Entwicklungsländern deren Auswirkungen sofort
und in ganzer Härte zu spüren bekommen. Deshalb betreibt PSI
bereits seit 1982 Lobbyarbeit zu diesen Fragen und fördert seit
damals auch Weiterbildungsmaßnahmen für die Kollegen in den
Entwicklungsländern. Dafür arbeitet PSI mit zahlreichen Organsationen
der Entwicklungspolitik zusammen, darunter Weltkirchenrat, Eurodad,
Oxfam und UNICEF, aber auch mit WEED und der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Das ist der Grund, weshalb die ÖTV (und jetzt VER.DI) sich intensiver
mit der Globalisierung und den internationalen Finanzmärkten befasst
als der DGB oder andere Einzelgewerkschaften. Auf dem letzten ÖTV-Kongress
im November 2000 haben die Delegierten die ATTAC-Erklärung Für
eine Demokratische Kontrolle der Internationalen Finanzmärkte
unterstützt. Damit reichen die Forderungen der ÖTV auch weiter
als die des DGB. Sie umschließen das Verbot von spekulativen Derivaten
und Hedge Funds, die Schließung der Steuerparadiese
und ausdrücklich auch eine Schuldenstreichung für die Entwicklungsländer.
Birgit Ladwig, Leiterin des Referates Wirtschafts- und Finanzpolitik
im bisherigen Grundsatzbüro der ÖTV in Stuttgart, lobt die
Beziehungen zwischen den alten Gewerkschaften und der neuen,
global orientierten sozialen Bewegung. Im Frühjahr habe man sich
mit Vertretern von ATTAC getroffen und arbeite jetzt punktuell zusammen.
IG Metall, VER.DI, ATTAC, WEED, Brot für die Welt, Misereor und
weitere entwicklungspolitische NRO hielten dann im September eine gemeinsame
Pressekonferenz ab, in der sie einen Offenen Brief an Bundeskanzler
Schröder vorstellten,worin die Tobin-Steuer noch einmal nachdrücklich
gefordert wurde. Wie wichtig den Gewerkschaften ihr Engagement in der
Sache mittlerweile ist, zeigte sich unter anderem daran, dass Frank
Bsirske, Vorsitzender von VER.DI, und Jürgen Peters, 2. Vorsitzender
der IG Metall, an der Pressekonferenz teilnahmen.
Auf dem ATTAC-Kongress, der vom 19. bis 21. Oktober in Berlin stattfand,
waren ebenfalls viele Gewerkschaftler vertreten. Horst Schmitthenner,
Vorstandsmitglied des DGB, sprach ein Grußwort zu der Versammlung
und nahm auch am Abschlusspodium teil.
Vorläufiger Höhepunkt der gewerkschaftlichen Aktivitäten
gegen eine undemokratische und unsoziale Globalisierung wird sicherlich
der Globale Aktionstag gegen die WTO werden, an dem sich auch VER.DI
beteiligt. Schon in Genua hatten sich Gewerkschaftsvertreter aus aller
Welt getroffen und beschlossen, anlässlich der nächsten Ministerkonferenz
in Qatar am 9. und 10. November in Betrieben in aller Welt Aktionen
zu organisieren. So soll darauf hingewiesen werden, dass die Gewerkschaften
nicht länger gewillt sind, die negativen Folgen der Globalisierung
für die abhängig Beschäftigten in aller Welt hinzunehmen,
wie Bill Jordan, der Generalsekretär des Internationalen Bundes
Freier Gewerkschaften (IBFG), es in einer Presseerklärung formulierte.
Wenn der Aufruf befolgt wird, könnten die Aktionen Wirkung zeigen:
Der IBFG repräsentiert nach eigenen Angaben immerhin über
156 Millionen Arbeitnehmer in 148 Ländern und Regionen.
Uwe Kerkow ist freier Journalist in Bonn.

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