E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 12, Dezember 2001, S. 367-370)


Die Krisen sind systembedingt
Zurück zu einer Strategie binnenmarktorientierter Entwicklung

Walden Bello, Kamal Malhotra,
Nicola Bullard, Marco Mezzera


Dass die Bewegung gegen die neoliberale Globalisierung keine eigenen Konzepte habe, wird ihr von ihren rechten Kritikern immer wieder vorgeworfen. Das kann aber nur der so sehen, der eine parteiähnliche, zentral gesteuerte, programmorientierte Organisation erwartet. Tatsächlich handelt es sich um ein Netzwerk, das Beiträge aus unterschiedlichen Richtungen sammelt. Sehr wichtig ist dabei die Verbindung mit Organisationen aus dem Süden, die ihre eigenen Gesichtspunkte in die Diskussion einbringen. Zu diesen gehört „Focus on the Global South“ mit Sitz in Bangkok. Von Mitarbeitern dieser Organisation kommt der folgende programmatische Beitrag, der die Finanzkrisen der letzten Jahre analysiert und Schlussfolgerungen daraus ableitet.



Finanzkapital ohne Grenzen

Für einen Betrachter des globalen Wirtschaftssystems besteht der grundsätzliche Unterschied zwischen den 60er und den 90er Jahren darin, dass es heute das Finanzkapital ist, das als „Motor“ die Weltwirtschaft antreibt. Die Bretton-Woods-Ära, also die Zeit zwischen 1945 und der Mitte der 70er Jahre, war gekennzeichnet durch einen vom Staat moderierten Modus vivendi zwischen Arbeit und Kapital, beschränkte Kapitalflüsse, eine Wirtschaft, die ihre Investitionen aus einbehaltenen Gewinnen fianzierte, strenge Regeln für den Finanzsektor, Feinsteuerung der Wirtschaft durch monetäre und fiskalische Mechanismen und feste Devisenkurse. Kapitalkontrollen waren bis weit in die 70er Jahre üblich, die Statuten des Weltwährungsfonds (IMF) ließen sie ausdrücklich zu.

Mehrere Faktoren führten zur Liberalisierung der Kapitalflüsse. Der erste waren die riesigen Dollarbeträge, die ins Ausland gelangten durch die Transaktionen, mit denen die USA den Vietnam-Krieg finanzierten. Diese Dollars bildeten den Grundstock des Londoner Eurodollar-Marktes, den die großen Geschäftsbanken und andere Finanzinstitutionen nutzten, um ihre nationalen und internationalen Aktivitäten auszuweiten, und der sie aus ihrer Abhängigkeit vom Privatkundengeschäft befreite1. Der zweite Faktor war die massive Ausweitung des Eurodollar-Marktes durch das Recycling der Überschüsse aus den Öleinnahmen im Gefolge der OPEC-Ölpreiserhöhungen der 70er Jahre. Bis 1981 brachten es die OPEC-Länder auf einen verfügbaren Überschuss von 475 Mrd. $, von denen sie 400 Mrd. in die Industrieländer verbracht hatten1. Diese enorme Geldmenge suchte profitable Investitionsmöglichkeiten, und die großen Banken forderten eine Liberalisierung der Finanzmärkte, um einen großen Teil davon über die Grenzen hinweg ausleihen zu können. Da im industriellen Norden während dieser Dekade die Anlagemöglichkeiten wenig attraktiv waren, ging ein Großteil des Geldes in die Dritte Welt.

Ein dritter Faktor war das Aufkommen der neoliberalen Marktfreiheits-Ideologie, die durch die zunehmenden Schwierigkeiten des keynesianischen Systems („Stagflation“ u. ä.) in Fahrt kam. Liberalisierung des Handels und der Finanzmärkte waren die Zwillingsforderungen im internationalen Programm des Neoliberalismus, und durch Margaret Thatchers Beseitigung der Devisenkontrollen in Großbritannien gewannen sie an Durchschlagskraft. Mit den Bankzentren London und Wall Street an der Spitze setzte die Dreieinigkeit von Deregulierung, Globalisierung und technischer Revolution eine Transformation der Finanzmärkte durch, die die Financial Times als „global bang“ charakterisierte. In der Technologie der Finanzdienstleistungen fand eine elektronische Revolution fand, und die Regierungen sahen sich gezwungen, die Regeln neu zu schreiben, denen das Finanzwesen seit der Depression von 1930 unterworfen war. In den meisten Ländern sind heute die Abgrenzungen zwischen Banken, Spargenossenschaften, Versicherungsgesellschaften und Investitionshäusern gefallen, alle können sich in allen Sparten betätigen, und auch die Demarkationslinien, die die internationalen Eurodollar-Märkte von nationalen Finanzmärkten trennten, sind verschwunden.


Der Finanzkapitalismus

Die Liberalisierungswelle der 80er Jahre hatte einige wichtige Veränderungen im Gefolge. Erstens schränkten die Geschäftsbanken, die sich in den 70er und 80er Jahren in der Dritten Welt überexponiert hatten, das internationale Kreditgeschäft wieder ein, und andere Akteure wurden die wichtigeren Vermittler für grenzüberschreitende Kapitalflüsse. Das waren vor allem Investitionshäuser (wie Goldman Sachs und Merrill Lynch), offene Investitionsfonds, Pensionsfonds und „Hedge Funds“.

Eine zweite Veränderung stand damit im Zusammenhang: Die Rolle der Banken und des herkömmlichen Kreditgeschäfts in der Kapitalbeschaffung ging zurück, an ihre Stelle traten „absicherungsfähige“ Geschäfte, d. h. die Kapitalbeschaffung durch den Verkauf von Aktien und Obligationen. Während 1976-80 auf dem internationalen Kapitalmarkt noch 59,4 Mrd. $ über Kredite und nur 36,2 Mrd. über den Verkauf von „Sicherheiten“ beschafft wurden, war das Verhältnis 1993 umgekehrt, mit 521,7 Mrd. durch Sicherheiten und nur 136,7 Mrd. durch Kredite2.

Drittens gab es eine Explosion in Arbitragegeschäften (die aus minimalen Unterschieden in Devisen- oder Zinsraten einen Gewinn ziehen) und Derivatengeschäften (bei denen die Risiken eines Wirtschaftsguts gehandelt werden, aber nicht das Gut selbst) – „esoterische Instrumente, die schwierig zu verstehen, zu überwachen und zu beherrschen sind“2.

Viertens war es immer weniger möglich, all diese Geschäfte zu überwachen, weil zunehmend „over the counter“ gehandelt wurde, d. h. nicht an der Börse, sondern direkt zwischen den Partnern per Telefon oder Computer. Hinzu kam, dass viele dieser Transaktionen (z. B. Termingeschäfte) „bilanzunwirksam“ waren, so dass es immer schwieriger wurde, die finanziellen Verpflichtungen eines Akteurs einzuschätzen.


Volatilität als Motor der Globalisierung

Die Globalisierung der Finanzmärkte hatte zur Folge, dass ihre Dynamik zunehmend als Antriebskraft des globalen kapitalistischen Systems wirkte und die Realwirtschaft an Bedeutung verlor. Die Verschiebung des Verhältnisses zwischen Finanzsektor und Handel wird deutlich an der Tatsache, dass Mitte der 90er Jahre die Transaktionen auf dem Devisenmarkt sich auf mehr als 1,2 Billionen Dollar pro Tag beliefen; diese Summe entspricht dem Umfang des Handels mit Waren und Dienstleistungen für ein ganzes Vierteljahr.

Schon 1991 hat die UNCTAD vor einer „Vorherrschaft der Finanzen über die Industrie“ gewarnt. Ein Aspekt dieser Entwicklung war, dass Wirtschaftsunternehmen immer stärker durch die Finanzakteure gezwungen wurden, kurzfristige Gewinne und steigende Dividenden anzustreben, statt auf langfristiges Wachstum durch Investitionen in Forschung und Entwicklung zu setzen. Eine bedeutsame Folge dieses Trends war das Phänomen des „leveraged buyout“ (LBO), dessen Pionier Michael Milken von Drexel Burnham Lambert war. Bei einem LBO wird eine Firma mit „unterbewerteten Aktien“ zum Objekt einer „feindlichen Übernahme“; anschließend wird die Geschäftsführung entlassen, das Unternehmen wird in Einzelbestandteile zerlegt und diese werden mit hohem Profit verkauft oder auf schnellen Gewinn umstrukturiert.

Zwar ist das LBO-Phänomen nicht von langer Lebensdauer gewesen, aber Tatsache bleibt, dass die Wirtschaft zunehmend unter der Herrschaft von Fonds steht, deren Manager nichts von der jeweiligen Branche verstehen, nichts von der Bedeutung von Forschung und Entwicklung oder von Personalmanagement, und deren einziges Ziel darin besteht, hohe Dividenden zu erwirtschaften.

Ein anderer Aspekt der verzerrten Beziehung zwischen Finanzkapital und Realwirtschaft, der vielleicht noch beunruhigender ist, sind die sinkenden Wachstumsraten in vielen Sektoren der realen Weltwirtschaft. Dies hat seine Ursachen in Überkapazität oder Unterkonsumtion. Ein Beispiel ist die 40prozentige Überkapazität im warenproduzierenden Sektor in China, ein anderes die 30prozentige Überkapazität in der weltweiten Automobilindustrie, die bereits zu einer Reihe von Firmenzusammenschlüssen geführt hat. In Japan ist das Phänomen besonders deutlich, die Lücke zwischen Kapazität und tatsächlicher Produktion beträgt im Durchschnitt 7 %. Und es wird allgemein erwartet, dass diese Lücke weltweit zunehmen wird.

Die abnehmenden Gewinne in den Schlüsselindustrien haben wiederum dazu geführt, dass Kapital aus der Realwirtschaft in den Finanzsektor umgeleitet wird, um dort noch mehr Gewinne herauszupressen. Das Ergebnis ist ein System der globalen Arbitrage, in dem das Kapital immer dahin verlagert wird, wo gerade die höchsten Gewinne winken. Und dies wird durch ein fast völliges Fehlen von Regulierungssystemen begünstigt, weil die Deregulierung auf nationaler Ebene nicht, wie es nötig gewesen wäre, zu einer Reregulierung auf internationaler Ebene geführt hat. Die internationalen Finanztransaktionen spielen sich ab in einem Feld, das der Anarchie sehr nahe kommt.

Der Grund für das Fehlen jeglichen Regelsystems ist, dass das Finanzkapital heute über eine beträchtliche politische Durchschlagskraft verfügt. Versuche, auch nur ein Minimum an Regulierung (etwa die Tobin-Steuer) einzuführen, stießen regelmäßig auf eine starke Lobby in den Regierungen der großen Industrieländer, vor allem in Washington, obwohl namhafte Ökonomen, wie etwa Jagdish Bhagwati3, darauf hinweisen, dass Marktliberalisierung nur für Gütermärkte, nicht hingegen für Finanzmärkte sinnvoll ist. Aber der Wall Street/Schatzamt-Komplex, wie er neuerdings genannt wird, hat sich bisher als stärker erwiesen.


Das Finanzkapital und der Süden

Die Integration des Südens in die globalen Finanzmärkte begann natürlich im 19. Jahrhundert, hat aber erst jetzt nennenswerte Dimensionen angenommen. Nach dem 2. Weltkrieg gelangte Kapital vor allem in Form von Direktinvestitionen und über Weltbank, IMF und Regionalbanken in den Süden. Der Markt spielte eine gewichtige Rolle erst seit dem
massiven Recycling der OPEC-Dollars nach den Ölpreiserhöhungen der 70er Jahre.

Am Beispiel von Lateinamerika läßt sich das deutlich machen. Aus offiziel- len Quellen kamen 59,8 % der durchschnittlichen jährlichen Kapitalzuflüsse in den Jahren 1961-65; 1976-78 waren es noch 12,1 %. Auch ausländische Direkt-investitionen gingen zurück, von 33,7 % auf 15,9 %. Dagegen stieg der Anteil der Finanzierung durch Banken steil an: von 7,2 % in den frühen 60er auf 64,6 % in den späten 70er Jahren. Empfänger des Geldes waren vor allem die Regierungen.

Die Kapitalflüsse in den Süden hatten ihren Antrieb in erster Linie im Angebot, nicht in der Nachfrage. Das OPEC-Geld suchte nach Anlagemöglichkeiten, die Banker aus dem Norden standen Schlange bei den Finanzministern des Südens, und Citybank-Chef Walter Wriston hatte die Parole ausgegeben: „Staaten können nicht bankrott gehen.“ Das Ergebnis war die Überschuldung der lateinamerikanischen Staaten und die berühmte „verlorene Dekade“.

Die nun folgenden Strukturellen Anpassungsprogramme von Weltbank und IMF erlegten den Regierungen eine Politik der Sparsamkeit auf, um für die Zukunft exzessives Schuldenmachen zu vermeiden, schufen aber zugleich das Fundament für die nächste Überschuldungswelle. Devisenkontrollen wurden aufgehoben und die Kapitalmärkte liberalisiert, um die Privatwirtschaft aus der Zwangsjacke der Staatsregulierung zu befreien. Verfügbares Kapital sammelte sich im Norden weiter in großer Menge an, aber in den USA schränkte Zentralbank-Chef Paul Volcker mit seiner Hochzinspolitik die Anlagemöglichkeiten drastisch ein – was sich auch auf die übrigen G7-Staaten auswirkte. Der desolate Zustand der Realwirtschaft in der Dritten Welt wurde nicht als kritische Barriere für Kapitalzuflüsse wahrgenommen. Nachdem jahrelang Kapital aus diesen Ländern abgeflossen war, begann nun erneut ein beträchtlicher Netto-Kapitalzufluss aus dem Norden. Die Länder, die eben noch tief in den Schulden gesteckt hatten, wurden plötzlich zu „big emerging markets“ erklärt.


Das Beispiel Mexiko

Mexiko stand dabei an der Spitze mit 4,5 Mrd. $ in 1990, die sich bis 1993 auf 32 Mrd. steigerten. Innerhalb von vier Jahren flossen netto 91 Mrd. $ ins Land. Die Regierung lockte Geld an, indem sie die Zinssätze auf einem höheren Stand als in den USA hielt und indem sie den Peso an den Dollar band. Aber gleichzeitig sanken die Zuwachsraten des Inlandsprodukts von 4,5 % 1990 auf 0,4 % 1993, und die Hälfte der Bevölkerung lebte unterhalb der Armutsschwelle – eine Folge der SAP-Maßnahmen aus den 80er Jahren.

Das Ergebnis der massiven Kapital-Zuflüsse war, dass der Peso eine reale Aufwertung erlebte, wodurch die Exporte des Landes an Wettbewerbsfähigkeit verloren, während zugleich eine Konsumwelle die Importe steigerte. Beides zusammen führte zu einer rapiden Verschlechterung der Zahlungsbilanz, woraufhin 1994 die ausländischen Anleger begannen, ihr Kapital wieder abzuziehen. Zum zweiten Mal in 13 Jahren geriet Mexiko in eine Finanzkrise. Die Lehre: Kapitalzuflüsse, die als Symbol wirtschaftlichen Erfolgs betrachtet werden, führen in Wirklichkeit zu Zahlungsbilanzdefiziten und werden damit zur Ursache für einen wirtschaftlichen Abschwung.


Südost-Asien: Volatilität
führt zum Niedergang eines Entwicklungsmodells

Im Fall von Südostasien folgte der Zufluss von Portfolio-Investitionen und kurzfristigen Privatbankkrediten in den frühen 90er Jahren einer früheren Welle von ausländischen Direktinvestitionen (FDI) Mitte der 80er Jahre. Damals hatte der plötzliche Kapitalzufluss die Region vor der Rezession der mitt-80er Jahre bewahrt, und auch vor den Auswirkungen des Rückzugs der Geschäftsbanken aus der Dritten Welt, der der Schuldenkrise der frühen 80er Jahre folgte. Ein beträchtlicher Teil der Zuflüsse kam aus Japan als direkte Folge des Plaza Accord von 1985, der eine drastische Aufwertung des Yen gegenüber dem Dollar vorsah und so Japans Industrie zwang, einen wesentlichen Teil ihrer arbeitsintensiven Fertigungen in südostasiatische Länder zu verlagern.

Zwischen 1985 und 1990 wurden japanische Investitionen im Umfang von 15 Mrd. $ in der Region getätigt, einer der größten und schnellsten Kapitalflüsse in die Entwicklungsländer überhaupt. Die Investitionen hatten weitere Milliarden an japanischer Entwicklungshilfe und Bankkrediten im Gefolge, und zusätzliche Investitionen kamen aus den Ländern der ersten Generation der neuindustrialisierten Länder, aus Hongkong, Taiwan und Südkorea.

Es war dieser Wohlstand, der nach dem Kollaps von Mexiko 1995 dazu führte, dass Portfolio-Investitionen und Bankkredite in großem Umfang in Richtung Ost-asien kanalisiert wurden. Hier trafen sich die Interessen der spekulativen Investoren, die ein besseres Geschäftsklima als in den Niedrig-Rendite-Ländern des Nordens oder den Hoch-Risiko-Ländern Lateinamerikas suchten, mit der Suche der asiatischen Technokraten nach alternativen Finanzquellen, nachdem in den frühen 90er Jahren die japanischen Finanzströme dünner geworden waren.

Beraten durch den IMF, folgte Thailand dem Vorbild Mexikos und formulierte eine dreigliedrige Strategie: Liberalisierung der Finanzmärkte, Aufrechterhaltung eines höheren Zinsniveaus als in den Industrieländern, Bindung der Währung an den Dollar, um ausländische Investoren gegen Währungsrisiken abzusichern. Das Ergebnis war: Die hohe Zinsdifferenz führte zu einem Zustrom von Kapital, das bei den Banken in den Industrieländern billiger ausgeliehen worden war, die thailändische Wirtschaft wuchs rapide, die Inflation stieg, das Zahlungsbilanzdefizit blähte sich auf.

Zunächst schien das System zu funktionieren. In den drei Jahren bis zur Krise von 1997 flossen 24 Mrd. $ an Portfolio-Investitionen nach Thailand, dazu kamen etwa 50 Mrd. $ an Krediten. Das ermutigte die Finanzministerien anderer Länder zu der gleichen Strategie, mit ähnlichen Ergebnissen: Die privaten Netto-Kapitalströme nach Indonesien, Malaysia, Philippinen, Thailand und Korea wuchsen von 37,9 Mrd. $ in 1994 auf 97,1 Mrd. in 1996.

Rückblickend sind jedoch die eingebauten Fehler deutlich zu erkennen, es sind die gleichen wie vorher in Mexiko: Die Anbindung an den Dollar sollte den Investoren Sicherheit bieten, eine niedrige Bewertung des Baht die Ausfuhren konkurrenzfähig halten. Als jedoch der Dollar 1995/96 aufgewertet wurde, stieg der Baht mit, und die thailändischen Exporte verloren ihre Konkurrenzfähigkeit. Das war tödlich für eine Wirtschaft, die auf immerwährende Exportsteigerungen gesetzt hatte.

Das zweite Problem war, dass das zufließende Geld hochspekulativ war und schnelle und hohe Renditen suchte. Es floss daher nicht in die produzierende Wirtschaft oder die Landwirtschaft, die eine zu niedrige Rendite boten, sondern in den Aktienmarkt, Konsumentenkredite und Immobilien. Auf dem Höhepunkt des Booms waren Grundstücke in Bangkok teurer als in den städtischen Zentren Kaliforniens. Schon 1996 zeigten sich die Krisensymptome: Immobilienmarkt und Exporte stagnierten, das Zahlungsbilanzdefizit stieg. Die ausländischen Finanziers erkannten, dass (nach dem gleichen Mechanismus wie vorher in Mexiko) die Rückzahlung der Schulden immer stärker gefährdet war.

1997 war es an der Zeit, auszusteigen, und da die Finanzmärkte liberalisiert waren, gab es keinerlei Instrumente, um dies zu verhindern oder zu verzögern. Viele große Banken und institutionelle Investoren begannen, ihr Geld zurückzuziehen, aber was aus einem nervösen Rückzug eine wilde Flucht machte, war die spekulative Aktivität der Hedge Funds und anderer Arbitrageure, die in Erwartung der absehbaren Abwertung jeden verfügbaren Baht in Dollars tauschten. Der schlimmste Tag war der 10. Mai 1997, als an einem einzigen Tag 10 Mrd. $ eingetauscht wurden4. Die thailändische Zentralbank, die Ende 1966 über Devisenreserven von 38,7 Mrd. $ verfügt hatte, konnte dem Ansturm nach kurzer Zeit nichts mehr entgegenhalten, am 2. Juli 1997 wertete sie ab, und der Baht verlor innerhalb weniger Monate 50 % seines Wertes. Genau das gleiche passierte innerhalb kürzester Zeit in den anderen Ländern der Region.

Bei einem solchen Verlauf tragen nicht nur Spekulanten, sondern auch die Reaktionen gutwilliger Mitspieler zur Beschleunigung des Zusammenbruchs bei. Jeffrey Winters5 hat die Situation beschrieben, in der sich ein Fondsmanager dann befindet: Er erfährt, dass Thailand in ernsthaften Schwierigkeiten ist, und muss sich fragen, ob auch seine eigenen Investitionen in Malaysia gefährdet sind. In diesem Moment beginnt das psychologische Fluchtsyndrom. Er denkt, dass in Malaysia keine Gefahr besteht, aber er ist sich nicht sicher. Er fragt sich, wie andere Manager reagieren werden, und muss es für wahrscheinlich halten, dass viele ihre Gelder zurückziehen werden. Dann wird aber der letzte die höchsten Verluste haben. Also entschließt er sich, auch seine Gelder abzuziehen, und zwar so rasch wie möglich.

Winters kommt hier zu entgegengesetzten Schlussfolgerungen wie Adam Smith, der überzeugt war, dass die unsichtbare Hand des Marktes den größten Nutzen für die größte Zahl mit sich bringen wird. Tatsächlich ist jedoch die unausweichliche Panikreaktion des Einzelnen, der Schaden von sich selbst und seinen Klienten abwenden will, destruktiv für das ganze System, das zusammenbricht und damit zu größtem Schaden für die größte Zahl führt.


Drei Denkschulen der globalen Finanzreform

Die immer wiederkehrenden finanziellen Krisen haben dazu geführt, dass in den letzten Jahren zahlreiche Vorschläge für eine Reform des globalen Finanzsystems gemacht worden sind. Diese Vorschläge kann man in drei große Gruppen einteilen.


1. Der Fehler ist nicht im Bau, nur in der Verkabelung

Das ist die Auffassung der USA und vieler G7-Länder, mit der beachtlichen Ausnahme von Japan. Die Grundidee ist, dass das gegenwärtige System gesund ist, nur in Einzelheiten verbessert werden muss. Es muss mehr Transparenz geschaffen werden, ein strengeres Konkursrecht, um „moral hazard“ auszuschließen, die Finanzmarktaufsicht muss strenger werden (entsprechend den „Basler Prinzipien“), und noch mehr Fremdkapital muss hereingebracht werden, um das lokale Finanzsystem zu „stabilisieren“. Den Finanziers soll es überlassen bleiben, ob sie freiwillig die Basler Prinzipien beachten, und nur in Ausnahmefällen, wenn das gan- ze Finanzsystem zusammenzubrechen droht, sollte der Staat ihre Beteiligung an einer Rettungsaktion erzwingen (wie 1998, als die amerikanische Zentralbank ein Konsortium zur Rettung des bankrotten LTCM-Fonds zusammenbrachte). Schließlich sollte der IMF mit größerer Macht und größeren Mitteln ausgestattet werden, um im Notfall ein Land vor einer spekulativen Attacke retten zu können, aber nur, wenn dieses sich vorher den Spielregeln des IMF unterworfen hat.

Darüber hinaus ging nur ein Vorschlag von Deutschland und Frankreich, den Japan mit einigem Zögern unterstützte, die Kursfluktuationen zwischen Dollar, Euro und Yen durch „Zielzonen“ einzuschränken, aber das war vor dem Rücktritt von Oskar Lafontaine; und nur Japan schlug vor, auch die Hedge Funds einer Aufsicht zu unterstellen.

Es ist offensichtlich, dass diese Vorschläge kein anderes Ziel haben, als die Finanzsysteme der Entwicklungsländer denen der Industrieländer anzupassen und, unter dem Mantel einer Reform des Weltfinanzsystems, den Einfluss des Finanzkapitals der Industrieländer auf die Volkswirtschaften der Entwicklungsländer zu verstärken.


2. Zurück zum System von Bretton Woods

Die zweite Denkschule möchte eine straffere Kontrolle der globalen Finanzströme einrichten, in Form der Tobin-Steuer oder eines Systems mit ähnlichem Effekt, um destabilisierende Wellen von Kapital-Zu- und -Abfluss zu verhindern. Als Beispiele werden genannt das chilenische System, das von Portfolio-Investoren die Hinterlegung einer Sicherheit bei der Zentralbank verlangte, oder das malaysische System einer Kontrolle für Geldabflüsse. Vertreter dieser Schule haben auch ein System regionaler Kontrollen vorgeschlagen, wofür Japan das Konzept eines Asiatischen Währungs-Fonds ins Gespräch gebracht hat. Es kam nicht überraschend, dass der Vorschlag von den USA abgelehnt wurde.

Für Weltbank und IMF wollen die Anhänger dieser Schule eine Reform, die die Institutionen einer ausgeprägteren Rechenschaftspflicht gegenüber ihren Mitgliedern unterwirft und ihnen weniger Möglichkeiten einräumt, diese auf doktrinäre Weise zu bestimmten Haushaltspolitiken und zur Marktliberalisierung zu verpflichten. Es wird auch die Schaffung einer „World Financial Authority“ (WFA) erörtert. Nach diesen Vorschlägen würde also ein System globaler regulierender
Institutionen erhalten bleiben, das aber auf die unterschiedlichen Bedingungen Rücksicht zu nehmen hätte, die in unterschiedlichen Ländern und Entwicklungsstadien vorherrschen.

Es kann nicht überraschen, dass diese „global-keynesianische“ Perspektive auf den Beifall von Politikern und Ökonomen in Entwicklungsländern gestoßen ist, aber auch im UN-System, einem Zufluchtsort für Keynesianer, die der neoliberalen Revolution in der Weltbank und an bestimmten Unversitäten entkommen wollen.


3. Es ist das Entwicklungsmodell, Dummkopf!

Die Anhänger dieser dritten Schule betrachten Weltbank und IMF als jurassische Institutionen, die zu festgefahren sind, um noch reformierbar zu sein, vor allem aufgrund des hegemonialen Einflusses der USA. Die Schule zweifelt aber auch an der Möglichkeit, globale Kapitalkontrollen einzuführen. Nationale Kontrollen werden für erfolgversprechender gehalten, und es wird auf die Strategien verwiesen, die es China und Indien ermöglicht haben, Finanzkrisen zu vermeiden. Mit den „Global-Keynesianern“ ist man sich einig, dass ein Asiatischer Währungsfonds wünschenswert und machbar wäre.

Der wesentliche Unterschied besteht jedoch darin, dass diese Schule eine grundsätzlichere Kritik am Globalisierungsprozess übt. Nicht in der Volatilität des Kapitals wird die Hauptursache der Krisen gesehen, sondern darin, dass der Exportsektor und ausländisches Kapital überhaupt als die wichtigsten Antriebskräfte der wirtschaftlichen Entwicklung postuliert werden. Mexiko und Thailand, die diesem Paradigma außenorientierter Entwicklung am weitestgehenden gefolgt sind, wurden logischerweise zu den Epizentren der finanziellen Erdbeben.

Die Lösung muss stattdessen gesucht werden in einem stärker auf die Binnenmärkte orientierten Wachstumsmuster, das einhergeht mit einer Verlangsamung der Globalisierung. Während der Suche nach einem solchen Modell muss verhindert werden, dass durch neue hegemoniale Maßnahmen der Finanzsektor der Entwicklungsländer völlig gleichgeschaltet wird, und es müssen Maßnahmen der Finanz- und Handelskontrolle und der regionalen Kooperation getroffen werden, die in der Zwischenzeit weitere Krisen verhindern.


Deglobalisierung der Binnen-Ökonomie

Für das, was hier vorgeschlagen wird, gibt es bisher keinen umfassenden Entwurf. Es sollen aber einige Ansätze vorgestellt werden, die in Ostasien diskutiert werden und dort zunehmend Beifall finden.

1. Obwohl ausländische Investitionen der richtigen Art wichtig sind, muss Wachstum überwiegend aus inländischen Ersparnissen und Investitionen finanziert werden. Das erfordert ein progressives Steuersystem. In der Vergangenheit haben die Geldeliten Asiens dafür gesorgt, dass sie möglichst gering besteuert wurden und ihre Gewinne ins Ausland transferieren konnten, und haben so die Notwendigkeit erst herbeigeführt, Investitionen durch Fremdkapital zu finanzieren.

2. Obwohl Exportmärkte wichtig sind, unterliegen sie zu großen Schwankungen, um als verlässlicher Wachstumsmotor zu dienen. Entwicklung muss in erster Linie auf dem Binnenmarkt als Wachstumsmotor basieren. Dies ist eine der wichtigsten Lehren aus der Krise. Der Versuch, „sich aus der Krise herauszuexportieren“, führt nur zu einem Abwertungswettlauf und damit zum Export der Krise in andere Länder.

3. Wenn der Binnenmarkt zum Motor der Entwicklung werden soll, erfordert das eine Strategie, die sowohl Wachstums- wie Verteilungsziele hat. Es muss (mit keynesianischen Mitteln) einheimische Nachfrage geschaffen werden, d. h. es müssen mehr Menschen an den Ergebnissen des Wachstums beteiligt werden, u. a. auch durch eine Landreform. Diese unvollendete Agenda sozialer Gerechtigkeit ist in Asien in den Jahren des „Wirtschaftswunders“ in Vergessenheit geraten.

4. Binnenmarktorientierte Entwicklung muss ergänzt werden durch Regionalisierung, unter einer Vision regionaler Import-Substitution und geschützter Markt-Integration.

5. Eine wichtige Lektion der Krise ist auch, dass Wirtschaftsentwicklung unter dem Primat ökologischer Nachhaltigkeit stehen muss. Die vergangenen BoomJahre haben uns eine Umwelt hinterlassen, die bereits irreversibel geschädigt ist.

Diese und ähnliche Ideen werden in Asien heute aktiv diskutiert. Bisher ist noch unklar, wie sie in ein zusammenhängendes System eingefügt werden können. Klar ist jedoch, dass dies nicht ein System sein wird, bei dem Effizienz- und Renditegesichtspunkte im Vordergrund stehen, sondern eines, das seine Priorität auf ethischer Grundlage in Solidarität und menschlicher Sicherheit innerhalb der Gemeinschaft sehen wird. Noch wichtiger ist, dass es nicht in keynesianischer Manier von oben verordnet, sondern in sozialen und politischen Kämpfen von unten geschaffen werden wird.


1) Karin Lissakers (1991): Bankers, Borrowers, and the Establishment. New York, Basic Books

2) Paul Hirst, Grahame Thompson (1996): Globalisation in Question. Cambridge, Polity Press

3) Jagdish Bhagwati (1998): The Capital Myth – the Difference between Trade in Widgets and Dollars, in: Foreign Affairs, vol. 77, no. 3, May

4) Thanong Khantong (1998): The Currency War is the Information War. Talk at a Seminar in Subic, Philippines, 29-31 October

5) Jeffrey Winters (1998): The Financial Crisis in Southeast Asia. Talk at the Conference on the Asian Crisis, Freemantle, Australia, August


Prof. Walden Bello lehrt Soziologie und Verwaltungswissenschaft an der Universität der Philippinen in Manila und ist Co-Direktor von „Focus on the Global South“ in Bangkok (Thailand). Die übrigen Autoren sind ebenfalls Mitarbeiter dieser Organisation. ist

Der Text ist eine kürzere Fassung des Aufsatzes „Notes on the Ascendancy and Regulation of Speculative Capital“, erschienen 2000 in dem Sammelband „Global Finance. New Thinking on Regulating Speculative Capital Markets“, Dhaka (University Press), London (Zed Books), Bangkok (Focus on the Global South). Dort finden sich auch umfangreiche Nachweise. Wir danken den Autoren für die Nachdruckrechte.



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