E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 12, Dezember 1999, S. 3)
Neue Therapie für Afrika?
Reinold E. Thiel
Das September-Heft von E+Z war dem Schwerpunktthema
Afrika gewidmet. Das Heft hat Diskussionen ausgelöst. Gewichtige Kritik kam von Robert Kappel, Professor für Wirtschaft und Politik Afrikas in Leipzig. Da wo die Beiträge des Heftes Optimismus zeigten, sagt Kappel, stellten sie keine konkreten Politikentwürfe vor, da wo sie Kritik übten, seien sie nicht genügend differenziert. Und der pessimistischste der Beiträge, der das Vorherrschen einer dissipativen Ökonomie in Afrika beschrieb (einer Ökonomie also, in der die Ressourcen versickern), dieser Beitrag von Ulrich Schiefer biete keine Antwort auf die sich aufdrängende Frage, wie dem kritisierten Zustand denn abzuhelfen sei. Einen ähnlichen Vorwurf formuliert auch Joachim Oelßner (s. Leserbriefe, S. 352).
Nun kann man zur Verteidigung der Autoren des September-Heftes ins Feld führen, dass nicht jeder, der etwas tadelt, auch das Rezept für die bessere Lösung mitliefern muss. Von Alfred Kerr, dem großen Berliner Kritiker der 20er Jahre, stammt das Bonmot, er könne auch keine Eier legen, wohl aber feststellen, ob ein Ei faul sei. Dennoch gilt für die Politik etwas anderes als fürs Theater. Man macht keine theoretischen Entwürfe für Theaterstücke, sehr wohl aber kann man theoretische Politikentwürfe machen. Und die Politiker, die meinen, ohne wissenschaftliche Beratung auszukommen, die keinen Entwurf, keine Strategie haben, können nur reagieren statt zu agieren und machen keine gute Politik. Der Wissenschaftler Kappel hat konkrete Vorstellungen: davon, wie eine Politik aussehen müsste, die zur wirtschaftlichen Entwicklung der afrikanischen Länder den Weg ebnet. Seine Vorstellungen könnten einen Beitrag dazu liefern, dass Entwicklungspolitik zielorientierter und damit wirksamer wird; er stellt sie in diesem Heft vor. In einem weiteren Beitrag erläutert Hans W. Meier-Ewert für den Afrika-Verein, welche Erwartungen die Unternehmen der deutschen Wirtschaft an die Politik richten, wenn sie bewogen werden sollen, in Afrika zu investieren. Andreas Mehler schließlich beschreibt, dass für unseren Nachbarn Frankreich die Interessen der Wirtschaft immer noch das wichtigste Movens in der Afrikapolitik sind - verdeutlicht aber auch, dass dies den Interessen der afrikanischen Partner nicht in jedem Falle förderlich ist.
Damit Wirtschaft sich entwickeln kann, müssen die Rahmenbedingungen stimmen, so hört man allerorten. Dieser Satz ist so allgemein, dass er gar nicht falsch sein kann. Aber er suggeriert Passivität: Der Staat ordnet die Rahmenbedingungen, die Wirtschaft tut alles Übrige. Eine aktive Beziehung zwischen beiden gibt es nicht. Ist das realistisch? Die Rahmenbedingungen, das wäre für die Wirtschaft, wie man bei Meier-Ewert nachlesen kann, vor allem Folgendes: die Abwesenheit von Bürgerkrieg, eine stabile Rechtsordnung in einem privaten Wirtschaftssystem, das Vorhandensein gut ausgebildeter Arbeitskräfte. Aber reicht das? Kappel vertritt die Meinung, dass darüber hinaus noch andere Instrumente einer aktiven Wirtschaftsförderungspolitik eingesetzt werden müssen, wenn es zu Entwicklung kommen soll. Bei der Humankapitalbildung (also Investitionen in Gesundheit und Bildung) stimmt er mit Meier-Ewert überein. Bei seinem nächsten Punkt, der Cluster-Bildung, also der räumlichen Konzentration von Industrie-Ansiedlung, ist schon mehr als passives Abwarten gefordert: Kappel spricht von Beratungs- und Wirtschaftsförderungs-Institutionen. Aktivitäten des Staates sind auch gefragt, wenn Exporteinnahmen (zunächst aus Rohstoffen) zur Förderung neuer Industriezweige und insbesondere von Klein- und Mittelbetrieben eingesetzt werden sollen. Und wenn Kappel von einer "aktiven Politik zur Förderung des Unternehmertums" spricht und davon, dass Unternehmen Unterstützung brauchen, um "auch in nicht-agrarischen und nicht-rohstofforientierten Sektoren exportfähige Produkte herzustellen", dann muss man sich dabei wohl eher eine aktive Industriepolitik nach dem Muster des japanischen MITI und der übrigen ostasiatischen Planungsbehörden als das neoliberalistische Modell der Herstellung von Rahmenbedingungen vorstellen.
Es ist ein handfestes Konzept, das Kappel hier vorträgt, und sicher könnte die deutsche Afrikapolitik daraus manche Anregung entnehmen. Aber die entscheidende Frage, so meine ich, wird von Kappel nicht gestellt: Wenn dies die Politik ist, die Entwicklung in Afrika bewirken könnte - warum wird sie dann von den afrikanischen Regierungen nicht gemacht? Diese Frage liegt vor allen makro- und mikroökonomischen Rezepturen, und ihr hat Ulrich Schiefer sich anzunähern versucht, ohne allerdings eine Patentantwort darauf geben zu können.
Nur die Untersuchung außerwirtschaftlicher Zusammenhänge kann Aufklärung darüber bringen, warum es in einem Land zu wirtschaftlicher Entwicklung kommt, in einem anderen nicht. Solche Zusammenhänge können sehr kompliziert sein. Robert Putnam hat gezeigt, dass die im 12. Jahrhundert in Italien angelegten Strukturen (autoritärer Zentralstaat im Süden, kommunale Autonomie im Norden) in historischer Konsequenz zu dem heutigen Gegensatz von Stagnation in Süditalien und Aktivität in Norditalien geführt haben (Making Democracy Work, 1993). Es sind also kulturelle und historische Faktoren, die hier eine Rolle spielen, es sind die Institutionen, die Wertsysteme einer Gesellschaft, die ihre ökonomische Performance bestimmen. Dies ist etwas, das die meisten Ökonomen übersehen, aber es gibt auch unter ihnen seit einiger Zeit eine intensivere Befassung mit diesem Thema, unter dem Rubrum der "Neuen Institutionen-Ökonomik". Kappel, der sonst einen ausgezeichneten Überblick über die wichtigen neueren Strömungen der Wirtschaftswissenschaft hat, müsste dies seinem System wohl noch hinzufügen, um zu wirklich schlüssigen Ergebnissen zu kommen. Mamadou Dia, von dem ein kurzer Text im September-Heft abgedruckt war, geht mit diesem Ansatz an afrikanische Probleme heran; ich würde seiner Arbeit mehr Beachtung wünschen. So ergänzen sich die beiden Afrika-Hefte, das vom September, das mehr die gesellschaftlichen Zusammenhänge untersuchte, und das jetzt vorliegende, das mehr den ökonomischen Instrumenten gewidmet ist. Aber damit kann und sollte die Diskussion nicht beendet sein. Weitere Reaktionen sind erwünscht. E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE) Redaktionsanschrift: E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach, D-60268 Frankfurt
| |
| Inhaltsverzeichnis | Seitenanfang |