E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 12, Dezember 1999, S. 345-347)


Julius Nyerere (1922-1999)
Ideale eines dörflichen Sozialismus

Frank Bliss, Florian Schlichting


Der erste Präsident des unabhängigen Tansania, Julius Kambarage Nyerere, genoss bis zu seinem Tod in seinem eigenen Land wie auch in Afrika und Teilen der westlichen Welt als "Elder Statesman" hohes Ansehen. Selten hatte in Afrika ein nationaler Führer eine so große Chance wie er, seine Ideen mit nationaler wie internationaler Unterstützung umzusetzen - und doch ist er gescheitert. Anstelle von "Freiheit und Entwicklung" oder "Freiheit und Sozialismus" (so die Titel seiner Aufsatzsammlungen) herrscht in Tansania heute bittere Armut, und das entwicklungspolitische Selbstbewusstsein erreicht trotz der hohen Ideale der Vergangenheit heute allenfalls Mittelmaß.



I.

Kaum ein Beteiligter am internationalen Entwicklungsdiskurs dürfte tiefgreifendere "Basiserfahrung" haben als Julius Nyerere. Geboren im April 1922 als eines von 26 Kindern des noch von den Deutschen eingesetzten Zanaki-Chiefs Nyerere Burito, beginnt Julius Kambarage ("Regengeist") Nyerere seine Karriere zunächst als Viehhüterjunge: "I was a completely tribal boy." 1935 wird er mit 12 Jahren auf die katholische Missionsschule in Musoma geschickt, jedoch erst 1943 getauft, als sicher ist, dass er nicht wie sein Vater Chief werden und eventuell mehrere Frauen haben wird.

Die ökonomischen Verhältnisse der Familie erlauben später den Besuch des Gymnasiums in Tabora und schließlich des Makerere College (in Uganda), wo Nyerere Geschichte und Wirtschaftswissenschaften studiert. Nach dem Abschluss 1945 unterrichtet er einige Jahre als Lehrer an der Missionsschule von Tabora, setzt 1949 in Edinburgh/Schottland sein Studium fort und erwirbt 1952 in beiden Fächern den Magistertitel.

Nach seiner Rückkehr arbeitet Nyerere zunächst wieder als Lehrer, in Pugu unweit Dar es Salaam. Das Hauptinteresse des inzwischen 30jährigen ist zu diesem Zeitpunkt jedoch weniger der Schulunterricht als vielmehr die Politik, und dabei ganz besonders das Streben nach einer Überwindung der "tribalen" Grenzen zwischen den mehr als 130 Ethnien des damaligen Tanganyika und die Schaffung eines nationalen Bewusstseins. Angeblich "demonstrativ" heiratet er ein Mädchen aus einer anderen Ethnie (mit dem er allerdings schon lange befreundet war).

1952 tritt Nyerere der Tanganyika African Association (TAA) bei, einem 1929 gegründeten "Social Club" für farbige Beamte in britischem Dienst, dessen Präsident er bereits im folgenden Jahre wird. Nur ein Jahr später ist die TAA von Nyerere vollständig umgewandelt und zu einer politischen Partei umfunktioniert, der Tanganyika African National Union (TANU).

An der Spitze der Partei kann Nyerere seine Ideen im nationalen wie internationalen Rahmen (u. a. vor der UNO) erstmals einem breiten Publikum verkünden, wobei die nationale Unabhängigkeit mehr und mehr in den Vordergrund rückt. 1960 lassen die Briten eine beschränkte Selbstregierung zu, die das Land in die Unabhängigkeit führen soll. Die TANU erringt bei allgemeinen Wahlen den Sieg, und Nyerere wird erster Chefminister, nach der formellen Unabhängigkeit 1961 erster Ministerpräsident. 1962 tritt eine neue Verfassung in Kraft, Tanganyika wird Republik innerhalb des Commonwealth und Nyerere erster Präsident und zugleich Regierungschef. Nach einem Staatsstreich auf Sansibar und Truppenmeutereien in Tanganyika, die nur mit der demütigenden Hilfe britischer Truppen beendet werden können, entsteht die Union von Sansibar und Tanganyika unter dem Namen Tansania.

Im Februar 1967 verkündet Nyerere die Arusha Declaration, mit der das Experiment "Socialism and Freedom" beginnt. 18 Jahre später, nach Konfrontationen mit der Weltbank und einer verheerenden wirtschaftlichen Entwicklung in Tansania, zieht sich Nyerere 1985 freiwillig vom Präsidentenamt zurück. Sein Nachfolger Mwinyi leitet sofort die Abkehr vom "Afrikanischen Sozialismus" ein. Das Ansehen von Nyerere bleibt in Tansania und im Ausland bestehen. Bereits Mitglied der Nord-Süd-Kommission unter Willy Brandt, legt er 1990 mit dem "Nyerere-Bericht" der Süd-Kommission ein weiteres Grundsatzpapier zur internationalen Entwicklungsdebatte vor, das vielleicht ein letztes Mal die Forderung nach einer Neuen Weltwirtschaftsordnung aufgreift.

Am 14. Oktober 1999 ist Julius Nyerere in einer Londoner Klinik gestorben.


II.
Visionen für Tansania und Afrika

Nyerere hat niemals ein Buch geschrieben, in dem er seine Vision von einer unabhängigen Gesellschaft umfassend ausformuliert und begründet. Als aktiver Politiker verfasste er vielmehr eine Vielzahl von Reden und Artikeln für ganz unterschiedliche Zielgruppen, aus denen seine Entwicklungsphilosophie in ihrer Brillanz, aber auch allen ihren Widersprüchlichkeiten abgeleitet werden kann. Als Kernwerk lassen sich die "Arusha Declaration" vom Februar 1967 und die Veröffentlichungen "Education for Self-Reliance" (1967) und "Socialism and Rural Development" (1967) anführen. Zahlreiche Reden und Artikel sind ferner zusammengefasst in drei Sammelbänden unter den programmatischen Titeln "Freedom and Unity" (1966), "Freedom and Socialism" (1968) und "Freedom and Development" (1973). Als so etwas wie ein "grünes Buch Tansanias" kann der 1968 erschienene kleine Sammelband "Ujamaa - Essays on Socialism" gelten, der zugleich auf Swahili erschien.

Nyereres Entwicklungsgedanken gründen sich auf das "Vertrauen auf die eigene Kraft", das unter dem Begriff der Self-Reliance zu einem Schlagwort der internationalen Entwicklungsdiskussion bis weit in die achtziger Jahre wurde. Wichtiger Bestandteil dieses Gedankens ist die Versorgung der Bevölkerung mit dem, was sie zur Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse benötigt, aus dem eigenen Land. Dies impliziert eine Konzentration auf die ländliche Entwicklung statt des Aufbaus von Schwerindustrien, für die es in Tansania kaum Grundlagen gab. Basisgesundheitsdienst oder Versorgung mit Trinkwasser auch auf dem Lande sind konkrete Inhalte dieses Konzeptes, die mehr oder weniger erfolgreich umgesetzt wurden. Dass Self-Reliance mit einer gewissen Abkoppelung von den internationalen Wirtschaftsstrukturen verbunden sein muss, zumindest solange diese nicht fair sind und auf dem Gleichheitsprinzip beruhen, wird in mehreren Reden des Präsidenten thematisiert, aber als Strategie nicht konsequent verfolgt.

Self-Reliance im Sinne von Nyerere ist wesentlich eine Frage der Erziehung (Education for Self-Reliance), wie Nyerere immer wieder betont: Die Schule muss auf die Bedürfnisse der Schüler und der Gesellschaft abzielen und traditionelles mit modernem Wissen verknüpfen. Statt durch Bildung nur eine abstrakte Freiheit anzustreben, bemüht sich Nyerere um Lehrinhalte, die auf die konkreten Bedürfnisse Tansanias abzielen. Bildung soll nicht primär auf Schreibtischarbeit vorbereiten, sondern den Kindern vermitteln, wie sie ihren Familien gute Nahrung verschaffen oder Werkzeuge herstellen und benutzen können (Nyerere 1977). Die Schulen selbst sollen unabhängig sein, durch eigene Farmen versorgt werden und den Schülern ein hohes Maß an Mitbestimmung gewähren.

Während der Begriff der Self-Reliance international weite Verbreitung fand, blieb die Diskussion um "Ujamaa" auf Tansania beschränkt. Dieser Begriff bedeutet den "Zusammenhalt", wie er sich im afrikanischen Familienverband ausdrückt, und wurde bei Nyerere zeitweise zum Synonym für seinen politischen Ansatz schlechthin. In der Einleitung zum Sammelband "Freedom and Unity" erklärt er Ujamaa so: "... die Anteile der Mitglieder einer Familieneinheit können niemals sehr ungleich werden; alle Gebräuche arbeiten darauf hin, sie stets zur Gleichheit zu bringen. Und es würde sicher eine größere soziale Schande bedeuten, wenn ein Mitglied der Familie, selbst ein älteres, z. B. persönlichen Besitz in Form von Handelswaren, Kleidung oder was auch immer anhäuft, wenn anderen Mitgliedern ihre Grundrechte (-bedürfnisse) vorenthalten werden" (1966).

Aus einem derart unterstellten "Ursozialismus" in den traditionellen afrikanischen Gesellschaften entwickelt Nyerere den Ujamaa-Sozialismus auf nationaler Ebene. Jeder soll nach seinen Fähigkeiten arbeiten, Alte, Kranke, Kinder und in Not Geratene sollen unterstützt werden, gegenseitiger Respekt, ein Minimum an Würde werden eingefordert, und auch die Stellung der (wie Nyerere zugibt) in der Praxis entgegen afrikanischer Tradition unterdrückten Frau soll verbessert werden ("Socialism and Rural Development", 1968b). Zu diesem Zweck wurde die Bildung von Ujamaa-Dörfern vorgesehen, "Kooperativen", in die die Bevölkerung aus ihren isolierten und schlecht zu versorgenden Weilern umgesiedelt werden sollte, um nach ursozialistischen Werten zusammenzuleben.

Dabei betont Nyerere, es gebe keinen vorgeschriebenen Weg für Ujamaa. Jedes Dorf müsse seinen Weg selbst festlegen, und zwar mit der gesamten Gruppe. Keineswegs dürfe der Übergang durch Zwang oder gar Gewalt erfolgen ("Progress in the Rural Areas", 1968b).

Die Idee der Dezentralisierung wird von Nyerere für Tansania früher als in anderen afrikanischen Staaten vorgetragen (1972). Allerdings wird in den Überlegungen noch keine Finanzautonomie der unteren Verwaltungseinheiten gefordert. In einigen Beiträgen kommt der Vorrang des (allerdings stets in die Gesellschaft eingebundenen) Individuums vor Staat und nationalen Symbolen zum Ausdruck. Sozialismus und auch die Einheit des Staates Tansania seien um der Menschen willen an- zustreben und kein Selbstzweck.

Schließlich will Nyerere weiße Fachleute im Land halten. Tansania könne nicht auf Menschen, die für das Wohl des Landes arbeiten, verzichten, nur weil sie weiß seien ("Socialism is not Racialism", 1968a).

Die TANU als Einheitspartei soll, nach den Vorstellungen von Nyerere, nicht den autoritären Charakter haben wie in anderen Ländern des "realen Sozialismus". Besser als im Mehrparteiensystem Großbritanniens, wo die Parteien Partikularinteressen vertreten, bilde die TANU einen Rahmen für wirkliche demokratische Prozesse, indem z. B. Kandidaten für politische Wahlämter von der Bevölkerung selbst ausgesucht, bestätigt und auch wieder abgelöst würden. Auch zu anderen existentiellen Fragen der tansanischen Entwicklung liegen von Nyerere Konzepte vor, die allerdings mit den großen Entwürfen von Self-Reliance und Ujamaa vielfach ihr Scheitern gemeinsam haben.


III.
Nyerere und die
tansanische Wirklichkeit

"Tansania ist mehr als die meisten Länder durch die Visionen eines Mannes geprägt worden, durch Julius Nyerere, den ersten Präsidenten des Landes. Dort wie im Ausland wird er verehrt und respektiert aufgrund seines Verstandes, seiner Integrität und seiner Hingabe für sein Volk. Er war untypisch unter den afrikanischen Führern, und der persönliche Respekt ihm gegenüber blieb auch nach seinem Ausscheiden aus dem Amt bestehen. Jedoch hat Tanzania seit der Unabhängigkeit nur geringen wirtschaftlichen Fortschritt gemacht, viele von Nyereres politischen Ideen scheiterten, und das Land ist weiterhin trotz der erheblichen Entwicklungshilfe unsäglich arm. Es drängt sich (die Überlegung) auf, dass es niemals ein löblicheres soziales Experiment gab und nie einen unglücklicheren Fehlschlag" (Spalding 1996).

Im Mittelpunkt der meisten kritischen Analysen des tansanischen Entwicklungsweges steht der Werdegang der Ujamaa-Dörfer, der sich konkreter als die abstrakte Self-Reliance-Strategie an sich verfolgen und bewerten lässt. Entgegen der Konzeption Nyereres war die Umsiedlung der Bauern insgesamt keineswegs freiwillig. Die Idee kooperativer Produktion wurde schnell vergessen, und anstelle der erwarteten Produktionssteigerung kam es zum Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion mit der Folge zurückgehender Exporterlöse und von Ernährungsengpässen für die Bevölkerung.

Nach Munnik (1986) lässt sich bis 1970 noch von einer freiwilligen Umsiedlung sprechen. Zwischen 1970 und 1973 wurde ein "frontal approach" verfolgt, d. h. unter massivem Einsatz des Parteiapparates und freiwilliger Helfer (z. B. Pfadfinder) wurde versucht, die Bevölkerung zu überreden, in die neuen Großdörfer zu ziehen. Dabei wurden ihnen größtenteils leere Versprechungen hinsichtlich einer guten Infrastruktur in den Ujamaa-Dörfern, der Ausstattung mit modernem landwirtschaftlichem Gerät oder gar finanzieller Förderung gemacht.

1973 lebten weniger als zwei von etwa 14 Millionen Menschen im ländlichem Raum in den Ujamaa-Dörfern. Danach wurden die Umsiedlungen mit (teilweise militärischer) Gewalt durchgesetzt, so dass ein Jahr später bereits neun Millionen und bei Abschluss der Operation 1977 etwa 13 Millionen Menschen (rund 85% der Landbevölkerung) in den zentralen Dörfern lebten. Von kooperativer Produktionsweise war allerdings keine Rede mehr. Primäres Ziel war die vereinfachte Versorgung mit Infrastruktureinrichtungen und - wahrscheinlich für den Staatsapparat vorrangig - eine neue soziale und politische Organisationsform.

Mit der Abkehr vom "sozialistischen" Kurs 1986 war die Ujamaa-Idee endgültig gestorben, und die Bauern konnten auch offiziell auf ihre alten Ländereien zurückkehren, nachdem sich viele schon zuvor heimlich aus den unproduktiven und nicht einmal grundlegend versorgten Großdörfern entfernt hatten. Die private Landnutzung wurde wieder legalisiert, die staatlichen Vermarktungsstellen verloren ihre Monopolstellung, und die (zwischenzeitig zu staatlichen Steuerungsorganen gewordenen) Genossenschaften durften wieder die Interessen ihrer Mitglieder vertreten.

Abgesehen von der niemals konsequent durchgeführten Ausstattung der Ujamaa-Dörfer mit der versprochenen Infrastruktur war die Ujamaa-Idee auch vom Grundsatz her zum Scheitern verurteilt. Mit einiger Mühe lässt sich Nyereres verklärtes Bild von der afrikanischen Familiensolidarität und der Gleichheit im Familienverband noch auf einige grundsätzliche soziale Realitäten beziehen. Diese Werte galten aber nicht über den Familienverband hinaus. Dass sich die 2000 Menschen in einem durchschnittlichen Ujamaa-Dorf, die sich aus Dutzenden von Großfamilien rekrutierten, anders verhalten würden als Arbeiter im rumänischen oder sowjetrussischen Kollektiv, war eine eher naive Fehleinschätzung.

Nyerere selbst machte zu Anfang der achtziger Jahre vor allem äußere Entwicklungen für die nicht mehr zu verleugnende Wirtschaftskrise des Landes verantwortlich, etwa Ölpreissteigerungen nach dem Nahostkrieg 1973, den Krieg mit Uganda 1978/79, die Veränderungen der Terms of Trade, extremes Klima usw. Ebenso wichtig für die Fehlentwicklung ist indes die von Nyerere zumindest tolerierte Politik des tansanischen Staates im Inneren. Eine verfehlte Agrarpolitik ließ den Bauern keinerlei Produktionsanreize, hinzu kam eine aufgeblähte und in Teilen korrupte, dabei unterbezahlte und völlig unproduktive Bürokratie sowie eine politische Führung, die anstelle grundlegender Reformen bei jeder eintreffenden Negativmeldung in hektischen Aktionismus verfiel, ohne die Probleme - etwa die fehlgeleitete Ujamaa-Bewegung - strukturell anzugehen.

Die zunehmende Abhängigkeit von ausländischen Geldgebern ist ein weiterer Punkt, an dem die politische Rhetorik und die Wirklichkeit besonders weit auseinander klafften. Im diametralen Gegensatz zur Idee der Self-Reliance stieg nämlich die Tansania gewährte Entwicklungshilfe in den 70er Jahren von ca. 50 Mio. US$ 1970 über 200 Mio. 1974 und 380 Mio. 1975 bis auf 680 Mio. 1980. Zwar zielte das Konzept der Self-Reliance nicht auf Autarkie, aber doch auf Unabhängigkeit von der politischen Umwelt, insbesondere von Europa und den Vereinigten Staaten. Viele am Ende unproduktive Investitionen gingen jedoch gerade auf die internationale "Hilfe" zurück, die nicht auf kontinuierliche Reformmaßnahmen, sondern vor allem auf Sachinvestitionen ausgerichtet war. Diese kamen jedoch zu schnell, waren mit anderen Bereichen wenig abgestimmt, verursachten hohe Folgekosten und eine starke Überschuldung des Landes und führten schließlich gar zu einer Steigerung der von Nyerere so bekämpften Abhängigkeit.

Nicht unterschlagen werden darf andererseits die beträchtliche Verbesserung des Bildungssystems unter Nyerere. Zwischen den Jahren 1960 und 1979 stieg die Einschulungsrate an Primarschulen von 25% auf in vergleichbaren Ländern unerreichte 94%, und die Alphabetisierungsrate unter Erwachsenen nahm von 10% 1960 auf 79% in 1979 zu. Das Gesundheitssystem wurde ebenfalls erheblich verbessert. Unter Nyerere herrschte in Tansania politische Stabilität, die eine geregelte Nachfolge (für die Ämter des Staatspräsidenten 1985 und des Parteichefs 1990) und zuletzt einen ruhigen Übergang in ein pluralistisches Mehrparteiensystem erleichterte. Tansania unter Nyerere kannte keine tiefgreifenden sozio-ökonomischen Klassenunterschiede, und sein Programm zur sozialen Gleichheit fand breite Akzeptanz.


IV.
Was bleibt von Nyereres Ideen?

Nyerere war nicht in erster Linie Entwicklungstheoretiker, sondern Staatspräsident und damit Politiker. Dennoch hat er eine eigenständige afrikanische Diskussion über Entwicklungswege angestoßen, die für den Kontinent eine vergleichbare Bedeutung hat wie der Dependencia-Diskurs in Lateinamerika. Stärker als die Dependencia-Theorien, die größtenteils Modernisierungsprozesse nicht in Frage stellten, ja diese nicht einmal kritisch reflektierten, kann Nyerere für sich in Anspruch nehmen, eine Alternative zu den seinerzeit vorherrschenden Modernisierungstheorien entworfen zu haben, die auf einem anderen, einem afrikanischen Wertsystem beruhte.

Svendsen weist auf die guten Beziehungen zwischen Nyerere und dem seinerzeitigen Weltbankpräsidenten Robert McNamara hin (1995). Zusammenhänge zwischen dem "tansanischen Modell", wie es von Nyerere vertreten wurde, und dem damals neuen Paradigma der Weltbank von ländlicher Entwicklung und Grundbedürfnisbefriedigung (1973) sind daher möglicherweise nicht nur zufällig. In jedem Fall hat Nyerere die Diskussion in entwicklungspolitischen Nichtregierungskreisen erheblich beeinflusst, nicht nur innerhalb kirchlicher Institutionen, die Tansania und der Self-Reliance lange Jahre erhebliches Interesse entgegengebracht haben. Als wünschenswertes Entwicklungsziel bzw. als Zwischenziel von Entwicklung ist Self-Reliance bis heute nicht nur in alternativen Kreisen ein weiterhin verwendeter Begriff.

Zu den größten Verdiensten Nyereres gehören sicherlich sein demokratischer Abgang, der für andere afrikanische Regime ein Vorbild darstellt, und das Selbstbewusstsein, das durch sein Auftreten und die Inhalte seiner zahlreichen Beiträge in die afrikanische entwicklungspolitische Diskussion eingebracht wurde. Indes leidet Tansania heute unter einem schon unter Nyerere mit Hilfe der Entwicklungszusammenarbeit angehäuften Schuldenberg, unter Sozialkürzungen und Verarmung infolge der später verordneten Strukturanpassungsmaßnahmen, einer zunehmenden sozialen Ungleichheit und einem Rückgang der Einschulungsraten. Letzten Endes ist für die Menschen in Tansania - trotz oder wegen des Mwalimu - auch nicht mehr erreicht worden als in stärker vom Neokolonialismus geprägten Staaten wie Niger, Mali oder Côte d’Ivoire.


Schriften von Julius K. Nyerere:

  1. 1966: Freedom and Unity. A Selection from Writings and Speeches 1952-65. Dar es Salaam
  2. 1968a: Freedom and Socialism. A Selection from Writings and Speeches 1965-1967. Dar es Salaam
  3. 1968b: Ujamaa. Essays on Socialism. Dar es Salaam
  4. 1973: Freedom and Development. A Selection from Writings and Speeches 1968-1973. Dar es Salaam (dt. in Auszügen 1975: Freiheit und Entwicklung. Stuttgart, Dienste in Übersee)
  5. 1977: Bildung und Befreiung. Texte zum Kirchlichen Entwicklungsdienst 14. Frankfurt

Schriften über Julius K. Nyerere:

Victor Munnik (1986): Julius Nyerere - That Rare Phenomenon, a Sincere Politician with Integrity", in: Africa Insight 16(2), 83-85
Knud Erik Svendsen (1995): Development Strategy and Crisis Management, in: Colin Legum/Geoffrey Mmari (Hg.): Mwalimu - The Influence of Nyerere. London

Weiterführende Schriften:

Rolf Hofmeier (1993): Tanzania, in: Dieter Nohlen/ Franz Nuscheler (Hg.): Handbuch der Dritten Welt 5, Ostafrika und Südafrika. Bonn, S. 178-200
Goran Hyden (1980): Beyond Ujamaa in Tanzania. Underdevelopment and an Uncaptured Peasantry. London
Nancy Spalding (1996): The Tanzanian Peasant and Ujamaa: a Study in Contradictions, in: Third World Quarterly 17(1), S.89-108


Frank Bliss ist Professor für Ethnologie an der Universität Hamburg und unabhängiger entwicklungspolitischer Gutachter; diverse Publikationen zur Entwicklungspolitik, über den Islam und Ägypten. Florian Schlichting studiert in Hamburg Ethnologie und Volkswirtschaft. Seine Interessengebiete sind Entwicklungsethnologie und transnationale Migration.



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Copyright © 1999, DSE, letzte Änderung 07.12.1999