E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 1, Januar 1999, S. 2)


Editorial

Aktivieren, was in den Köpfen ist

Reinold E. Thiel


Vor der Wahl gab es die Befürchtung, das BMZ könnte in einer neuen Regierung dem Bestreben zum Opfer fallen, die Zahl der Ministerien zu verringern. Nun steht es stärker da als zuvor, und Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul macht sich daran, neue Schwerpunkte zu setzen: Entwicklungspolitik als Friedenspolitik. Die Stichworte heißen Krisenprävention, Friedensdienst, Beschränkung der Rüstungsexporte, Mitgliedschaft im Bundessicherheitsrat. Im Koalitionsvertrag ist Entwicklungspolitik das einzige Ressort, für das ein Ansteigen des Budgets festgeschrieben wurde - "ein starkes Signal", sagt Staatssekretärin Uschi Eid und verspricht, ökologische und Fragen der Zukunftssicherung in den internationalen Organisationen stärker zur Geltung zu bringen. Beide zusammen, Wieczorek-Zeul und Eid, stehen für einen konzeptionellen Neubeginn.

Intensiver als vier Jahre zuvor hatte es vor dieser Wahl eine öffentliche Debatte über die künftige Richtung der Entwicklungspolitik gegeben, in den Nichtregierungsorganisationen, in einer Gruppe unabhängiger Experten, die den Politikern ein Memorandum vorlegte ("Memorandumsgruppe"), in den Parteien, und natürlich auch im Ministerium und den staatlichen "Vorfeldorganisationen". In dieser Debatte fand das ganze Unbehagen seinen Ausdruck, das sich aus der geringen Wirksamkeit von mehr als vierzig Jahren Entwicklungspolitik nährte - und aus dem Reformstau im Ministerium.

Es blieb nicht bei Diskussionen. Im Ministerium wurde ein "Sollkonzept für die Strukturreform des BMZ" geschrieben, bei der SPD sowohl wie bei den Grünen wurden Grundsatz- und Reformpapiere erarbeitet, Beschlüsse gefaßt. Die SPD verabschiedete auf ihrem Parteitag in Hannover am 2.-4. Dezember 1997 den vom Parteivorstand eingebrachten Antrag A 19 zum Thema "Globalisierung und nachhaltige Entwicklung", Bündnis 90/Die Grünen brachten am 16. Juni 1998 im Bundestag einen Antrag (Drucksache 13/10965) zur "Reform der Entwicklungszusammenarbeit" ein. Auch in den anderen Parteien gab es Diskussionen und wurden Papiere verabschiedet.

Grundsätzliche Unterschiede gab es bei den Forderungen aus unterschiedlichen politischen Richtungen kaum, seit langem waren sich die Entwicklungspolitiker aller Fraktionen einig, in welche Richtung Reformen gehen müßten: Nachhaltige Entwicklung soll gefördert werden, Armutsbekämpfung, Friedens- und Zukunftssicherung müssen im Mittelpunkt der Agenda stehen, globale Strukturpolitik muß an die Stelle von Projektorientierung treten, Entwicklungspolitik darf nicht durch andere Politiken konterkariert werden (Kohärenz, Querschnittpolitik), innerhalb der Bundesregierung müssen die entwicklungspolitischen Kompetenzen im BMZ gebündelt werden, die organisatorischen Strukturen müssen den neudefinierten Aufgaben angepaßt werden, die Zivilgesellschaft muß eine größere Rolle spielen.

Vieles davon, wenn auch nicht alles, fand in der Koalitionsvereinbarung seinen Niederschlag. Die Schlüsselsätze lauten: "Deutsche Außenpolitik ist Friedenspolitik ... Die neue Bundesregierung begreift die internationale Zusammenarbeit als Politik der globalen Zukunftssicherung" (s. E+Z 1998:12, 326). Damit ist der Weg geöffnet für eine Umgestaltung der Entwicklungspolitik als Strukturpolitik. Allerdings wurden ihr dafür nur teilweise die Instrumente zur Verfügung gestellt. Das BMZ hat jetzt die Federführung für den Lomé-Vertrag, also für die EU-Entwicklungspolitik gegenüber den AKP-Ländern, nicht aber gegenüber anderen Ländergruppen (Mittelmeerraum, Lateinamerika, Asien). Das BMZ hat (nicht ohne Fingerhakeln) die Zuständigkeit für die Weltbank behalten, aber die für die regionalen Entwicklungsbanken nicht bekommen, auch nicht für das UN-Entwicklungsprogramm oder für Entschuldung. Das BMZ ist jetzt federführend für den Weltsozialgipfel und Habitat, aber weiterhin nicht für den Ernährungs-, den Bevölkerungs- und den Frauengipfel. Allerdings wird darüber weiter gesprochen, die Ministerin sagt, dies sei die "erste Stufe" der Kompetenzausweitung, und will mehr.

Zudem sind jetzt in mancherlei Hinsicht die Bedingungen besser, unter denen das BMZ sich in die internationale Debatte über strukturelle Reformen einmischen kann. Heidemarie Wieczorek-Zeul formuliert das so: "... ich sehe Parallelen zwischen dem Versuch des Finanzministers, eine neue internationale Finanzarchitektur aufzubauen, und dem der Entwicklungspolitik, einen sozialen und ökologischen Ordnungsrahmen in der Welt zu schaffen" (S. 9 dieses Heftes). In der neuen Regierung gibt es Verbündete, die es in der alten nicht gab, dort war der Finanzminister immer der Gegner. Weltordnungspolitik, global governance, hat eine neue Chance.
Im September 1996 hat Wilhelm Hankel in E+Z für ein "monetäres Völkerrecht" plädiert: "Nicht die Globalisierung ist das Problem, sondern ihre Unverfaßtheit." Heute sagt Finanzstaatssekretär Heiner Flaßbeck (FAZ vom 14. 12.): "Wir müssen Lösungen finden für das Verhältnis der Entwicklungs- und Transformationsländer zu den Industrieländern ... [In den EL] haben wir Krisen, die ganz eng mit dem Wechselkursregime zusammenhängen ... Das können [die Industrieländer] nicht aus der Reform der Weltfinanzarchitektur ausblenden." Die alte Politik, die europäisch gedacht hat (das ist ihr Verdienst), die aber in globalen Veränderungen nur Bedrohung gesehen hat, wird abgelöst durch eine neue Politik, die in der Globalisierung eine Herausforderung zu politischer Gestaltung sieht.

Wenn das BMZ dabei ein Mitspieler sein will (wie es sollte), dann muß es sich dafür die Ressourcen und die personellen Voraussetzungen schaffen. Wichtig wäre, neben der Abteilung 2, die für Projekte zuständig ist, eine neue Abteilung zu schaffen, die die Verantwortung für Strukturpolitik hätte. Wichtig wäre eine Konzeptgruppe, in der nicht nur Mitarbeiter des Ministeriums aktiv wären, sondern auch solche aus der Zivilgesellschaft, den Hochschulen - und aus der Dritten Welt (das ist im Ministerium schon angedacht). Wichtig wäre, für die Problemfelder der Entwicklungszusammenarbeit neue Ansätze zu finden. Armutsbekämpfung, beispielsweise, muß aus der Projektecke heraus, muß strukturell werden. Das könnte bedeuten, daß Kapitalversorgung und Investitionsförderung grundsätzlich gekoppelt werden müssen an arbeitsintensive Produktion. Viele neue Ansätze sind denkbar, sind bereits gedacht, finden sich in Schubladen und Köpfen. Jetzt ist es Zeit, sie zu aktivieren.



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