E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 1, Januar 1999, S. 8-10)
Entwicklungspolitik als Friedenspolitik
Interview mit Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul
Frau Wieczorek-Zeul, was wird neu sein an der neuen Entwicklungspolitik,
und welche Schwerpunkte wollen Sie in Ihrer Arbeit setzen?
Wieczorek-Zeul: Es geht mir erstens darum, daß wir stärker
als bisher die Rahmenbedingungen, unter denen Entwicklung stattfindet,
beeinflussen. Entwicklungspolitik ist globale Strukturpolitik, die sich
am Leitbild der nachhaltigen Entwicklung orientiert und damit soziale und
ökologische Kriterien umfaßt. Armutsbekämpfung und die
Bekämpfung von Massenarbeitslosigkeit müssen im Mittelpunkt unserer
Arbeit stehen. Alleine können wir nicht alles leisten, daher müssen
wir mit den internationalen Organisationen zusammenarbeiten, die ähnliche
Ansätze wie wir vertreten. Wir werden stärker als bisher unsere
Rolle in den internationalen Organisationen und in den multilateralen Finanzinstitutionen
wahrnehmen und somit einen größeren Einfluß entsprechend
unseren Möglichkeiten ausüben.
Zweitens geht es um Krisenprävention. Es ist meine Überzeugung,
daß es sinnvoller, menschlicher und auch wirtschaftlich günstiger
ist, für Vorbeugung und damit für Entwicklungspolitik mehr Geld
zur Verfügung zu stellen, als im Konfliktfall für militärische
Einsätze und anschließend für Schadensbeseitigung erheblich
stärker zur Kasse gebeten zu werden. Tatsächlich haben ja nach
dem 2. Weltkrieg fast alle Kriege in Ländern des Südens stattgefunden,
und diese Kriege haben Entwicklungsfortschritte dort wieder zunichte gemacht.
Es ist also wichtig, daß wir uns im Rahmen des Möglichen für
die Verhinderung von Krisen und Konflikten einsetzen statt anschließend
teure und unproduktive Schadensbeseitigung zu betreiben. Es gibt bereits
verschiedene Ansätze im BMZ zur Krisenprävention. Diese wollen
wir ausbauen und stärker in bestehende und zukünftige Entwicklungsvorhaben
einbeziehen.
Mit der Krisenprävention hängt unmittelbar ein dritter Schwerpunkt
zusammen: Entwicklungspolitik ist Friedenspolitik. Das ist meine Orientierung.
Dabei kann ein wichtiger Baustein der im Koalitionsvertrag vereinbarte
zivile Friedensdienst sein. Fachkräfte eines zivilen Friedensdienstes
könnten beispielsweise Aufgaben in der Konfliktmediation übernehmen,
Kriegsopfer betreuen oder Aufgaben von Ombudspersonen auf lokaler Ebene
übernehmen. Die Erfahrungen der Entwicklungshelferinnen und Entwicklungshelfer,
ihrer Entsendeorganisationen sowie vieler in diesem Bereich bereits tätiger
Institutionen werden wir bei der Förderung eines solchen Dienstes
berücksichtigen.
Was nützt aber Krisenprävention in der Entwicklungszusammenarbeit,
wenn gleich- zeitig ein Großteil der finanziellen Ressourcen dieser
Länder für Rüstung ausgegeben wird? Hierdurch sind kriegerische
Auseinandersetzungen geradezu vorprogrammiert. Kohärenz unserer Politik
bedeutet also auch, daß wir zu einer restriktiven Exportpolitik für
Kriegswaffen kommen müssen. Das ist notwendig. Auch werden viele Konflikte
in Afrika derzeit durch sogenannte Kleinwaffen aus osteuropäischen
Ländern in Gang gehalten. Darüber müssen wir mit diesen
Ländern, die teilweise Aufnahmekandidaten für die EU sind, reden.
Hier muß ein Riegel vorgeschoben werden.
Sie haben zu Anfang von Armutsbekämpfung und Arbeitslosigkeit
gesprochen. Nun haben sich viele Beobachter gewundert, daß das Wort
Armutsbekämpfung im Koalitionspapier gar nicht vorkommt.
Wieczorek-Zeul: Armutsbekämpfung wird auch weiterhin im
Mittelpunkt unseres entwicklungspolitischen Konzeptes stehen. Wenn wir
in unseren Partnerländern dazu beitragen wollen, daß Demokratie
und Achtung der Menschenrechte schrittweise verwirklicht werden, dann gehört
selbstverständlich auch die Bekämpfung der Armut und damit die
Achtung der sozialen Menschenrechte dazu.
Krisenprävention als Aufgabe der Entwicklungspolitik steht ja
schon lange auf der Agenda, aber man hat nie so recht gewußt, wie
man das eigentlich macht ...
Wieczorek-Zeul: Wir werden z. B. die Prüfungskriterien für
Projekte so erweitern, daß wir frühzeitig Konfliktpotentiale
erkennen und daraus Schlußfolgerungen für die Ausgestaltung
der Vorhaben ziehen können. Auch im Rahmen unserer Länderkonzepte,
die uns vor allem als Managementinstrumente dienen, müssen mögliche
Konflikte in den zu vereinbarenden Schwerpunkten der Zusammenarbeit berücksichtigt
werden. Es geht also um eine neue Sensibilität für Konfliktsituationen
auf den verschiedenen Ebenen unserer Entwicklungszusammenarbeit. Dies werde
ich auch in den Gesprächen mit unseren Durchführungsorganisationen
deutlich machen.
Es hat ja immer die Überlegung gegeben, daß man für
die Verhinderung von Krisen deswegen kein Geld ausgibt, weil erst die ausgebrochene
Krise die Rechtfertigung dafür liefern würde.
Wieczorek-Zeul: Richtig, aber das ist ja eines der Grundprobleme
in der Politik. Ein Erfolg besteht manchmal darin, daß etwas nicht
eintritt. Es muß erkannt werden, daß rechtzeitige Maßnahmen
zur Verhütung eines Konfliktes weniger Geld kosten als die Schäden,
die durch den Konflikt angerichtet werden. Diese Argumentation kann man
nach meiner Überzeugung mit einer genauso starken emotionalen Wirkung
darstellen wie die bekannten Bilder der Folgen von Konflikten und Katastrophen.
Sie haben davon gesprochen, daß das Verhältnis zwischen
bilateraler und multilateraler Entwicklungszusammenarbeit verändert
werden soll. Unter der alten Leitung des Hauses war es ja so, daß
es eine Präferenz für bilaterale Entwicklungszusammenarbeit gab.
Wieczorek-Zeul: Es gibt zur Zeit keine Überlegung, das Verhältnis
von bilateraler und multilateraler Entwicklungszusammenarbeit grundsätzlich
in Frage zu stellen. Aber die Zurückhaltung in der multilateralen
Entwicklungszusammenarbeit werden wir aufgeben, und es gilt das Prinzip,
daß wir unsere Kräfte bündeln müssen. Dazu gehört
auch, daß Finanzmittel, die wir in multilaterale Organisationen einbringen
oder die wir für gemeinsame europäische Programme ausgeben, sinnvoll
und effizient investiert werden. Im übrigen können Fragen, die
viele angehen, beispielsweise solche, die auf dem Sozialgipfel diskutiert
wurden, auch nur von vielen zusammen gelöst werden. Das gilt auch
für die europäische Entwicklungspolitik. Man muß sich vor
Augen halten, daß die EU-Mitgliedsstaaten und die EU selbst rund
60 % aller öffentlicher Entwicklungszusammenarbeit finanzieren. Daraus
könnte viel mehr gemacht werden, wenn man die Kräfte bündelt.
Schaut man sich die Auswirkungen der Globalisierung an, so ist einleuchtend,
daß wir hier einen internationalen Ansatz auch in unserer Arbeit
verfolgen müssen. Dort, wo wir an internationalen Institutionen beteiligt
sind, seien es die UN-Organisationen, die Weltbank oder der Internationale
Währungsfonds, müssen wir unseren Einfluß entsprechend
unserer internationalen Bedeutung geltend machen. Es gibt eine Reihe von
Personen in diesen Institutionen, die ähnliche Ziele verfolgen wie
wir und die darauf warten, daß wir gemeinsam die Politik im Sinne
einer nachhaltigen Entwicklung gestalten.
Mein Eintreten für eine aktivere Rolle im internationalen Geschäft
bedeutet also keinesfalls, daß ich die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit
nicht wertschätze.
Entwicklungspolitik muß die Strukturen, die Rahmenbedingungen
für Entwicklung verändern. Verstehe ich das richtig, daß
Sie dabei künftig gute Verbündete in zwei anderen Ministerien
haben werden, nämlich im Außen- und im Finanzministerium?
Wieczorek-Zeul: Ja, ist sehe Parallelen zwischen dem Versuch
des Finanzministers, eine neue internationale Finanzarchitektur aufzubauen,
und dem der Entwicklungspolitik, einen sozialen und ökologischen Ordnungsrahmen
in der Welt zu schaffen. Beides ist der Versuch, globale Strukturpolitik
zu betreiben. Die Globalisierung hat in vielerlei Hinsicht die Nationalstaaten
in ihren Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt. Deshalb muß
ein globaler Ordnungsrahmen geschaffen und aktiv gestaltet werden - von
verantwortungsvollen Politikern und Politikerinnen. Die Entwicklung den
Währungsspekulanten zu überlassen, hieße, jeden Gestaltungswillen
aufzugeben.
Welche Prioritäten sehen Sie in der Europäischen Entwicklungspolitik?
Wieczorek-Zeul: Die Bundesrepublik wird ab 1. Januar 1999 die
Ratspräsidentschaft in der EU innehaben, und das BMZ wird gemäß
dem Koalitionsvertrag die Federführung für den Lomé-Nachfolgeprozeß
in der Bundesregierung übernehmen. Sicherlich werden wir die Lomé-Verhandlungen
während der deutschen Ratspräsidentschaft nicht schon abschließen
können, aber wir werden sie in der "heißen Phase" hoffentlich
ein großes Stück voran bringen. Für die Entwicklungsländer
ist es wichtig, daß wir von Region zu Region kooperieren. Viele dieser
Länder sind im Vergleich zu den großen Ländern des Nordens
zu schwach, und entsprechend ist ihre Verhandlungsmacht gering.
Allerdings sind auch die wirtschaftlichen Ausgangspositionen der verschiedenen
AKP-Länder sehr unterschiedlich. Einige sind in der Lage, sich im
Weltmarkt zu behaupten, aber es gibt auch sehr arme Länder, bei denen
es eine schiere Fiktion wäre, zu glauben, sie könnten sich allen
WTO-Regeln unterwerfen. Es muß sichergestellt werden, daß die
ärmeren AKP-Ländern über einen längeren Zeitraum hinweg
gegebenenfalls auch einseitige Handelspräferenzen nutzen können.
Das ist ja ein Punkt, der bei der WTO immer im Mittelpunkt der Diskussion
gestanden hat.
Wieczorek-Zeul: Wir werden selbstverständlich die WTO-Regeln
berücksichtigen müssen, aber Ausnahmeregelungen vor allem für
ärmste Länder müssen gesucht werden, denn es soll ja ein
Abkommen sein, das die Chancen der Entwicklungsländer verbessert.
Während der EU-Ratspräsidentschaft möchte ich aber auch
die Frage ansprechen, wie die knappen Finanzmittel effektiv genutzt werden
können. Es sind Gutachten in Auftrag gegeben worden über die
Wirksamkeit der EU-Entwicklungspolitik. Deren Ergebnisse werden wir auswerten,
Verbesserungsvorschläge erarbeiten und sie zügig umsetzen. Es
liegt im Interesse der Entwicklungsländer, aber auch in unserem Interesse,
daß die Gelder der Bürger und Bürgerinnen in sinnvolle
Vorhaben fließen und effizient verwendet werden.
Meine britische Kollegin Clare Short hat kürzlich darauf hingewiesen,
daß in den letzten Jahren die ärmsten Länder immer weniger
von der europäischen Entwicklungszusammenarbeit profitiert haben.
Dieser Trend muß mit dem Ziel gestoppt werden, daß gerade den
ärmsten Ländern künftig mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird
und entsprechend auch mehr Finanzmittel zur Verfügung gestellt werden.
Die Verbesserung der Koordinierung von Vorhaben der EU-Mitgliedsstaaten
mit denen der Kommission ist schließlich von ganz erheblicher Bedeutung.
Es macht keinen Sinn, wenn ähnliche Projekte von verschiedenen Gebern
im gleichen Land im gleichen Sektor konkurrierend durchgeführt werden.
Es gibt bereits einige Länder, in denen eine gute Koordinierung vor
Ort stattfindet.
Wir werden also die Erfahrungen aus diesen Länder auswerten, sie
im EU-Entwicklungsministerrat besprechen und auf eine zügige und sinnvolle
Koordinierung drängen.
Ich könnte mir auch vorstellen, daß die EU verstärkt
Entwicklungsprojekte fördert, die grenzüberschreitende, also
regionale Bedeutung haben.
Sie sprechen von den ärmsten Ländern, die stärker
berücksichtigt werden müssen. Aber muß es nicht neben der
Armut noch ein anderes Kriterium geben, nämlich die Frage, ob die
Regierung eines Landes eine entwicklungsorientierte Politik betreibt? Also
die Frage von Good Governance?
Wieczorek-Zeul: Das ist wichtig. Jedes Land muß einzeln
in allen Aspekten analysiert und bewertet werden. Mit Diktaturen, die die
Menschenrechte mit Füßen treten, wird es auch in Zukunft keine
Zusammenarbeit geben. Aber auch bei Ländern wie Indien und Pakistan,
die offensichtlich genug Finanzen haben, um Atomwaffen zu testen und sich
dabei über alle internationalen Abmachungen hinwegsetzen, sind wir
nicht bereit, über günstige Entwicklungskredite zu verhandeln.
Laufende Projekte, die den Menschen unmittelbar zugute kommen, müssen
aber im Interesse dieser Menschen weitergeführt werden, sonst würden
sie ja doppelt bestraft. In den extremen Fällen bietet sich dann nur
noch eine Unterstützung von dort tätigen Nichtregierungsorganisationen
an.
Welche Politik werden Sie im Hinblick auf die Verschuldungsproblematik
verfolgen?
Wieczorek-Zeul: Im aktuellen Fall von Mittelamerika ist es zunächst
wichtig, daß es ein Schuldenmoratorium gibt, also die Schuldendienstzahlungen
für die nächsten Jahre eingestellt werden. Ich setze mich aber
auch dafür ein, daß nicht nur ein nationaler, sondern auch ein
internationaler Schuldenerlaß für die mittelamerikanischen Länder,
insbesondere für Honduras und Nicaragua, verwirklicht wird. Das war
im übrigen auch Konsens auf dem EU-Entwicklungsministerrat in Brüssel.
Im Hinblick auf den G-7-Gipfel im nächsten Jahr in Köln wollen
wir eine Initiative der Bundesregierung anregen, wonach eine weitgehende
Schuldenerlaßregelung vor allem für die ärmsten und hochverschuldeten
Entwicklungsländer getroffen werden soll. Wir wollen die sogenannte
HIPC-Initiative der Weltbank, die Initiative zugunsten der highly indebted
poor countries, nicht nur unterstützen, sondern auch eine Reihe
von Veränderungsvorschlägen zusätzlich einbringen. Ich könnte
mir vorstellen, daß die Fristen der HIPC-Initiative verkürzt
werden, innerhalb derer ein wirklicher Schuldenerlaß verwirklicht
wird. Auch bei der Frage, wieviel Prozent der Schulden erlassen werden
sollen, könnte man großzügiger sein. Diese Vorschläge
werden wir mit anderen Ministerien, insbesondere mit dem Finanzminister,
abstimmen
Sehen Sie Möglichkeiten, dabei auch die privaten Gläubiger
einzubeziehen?
Wieczorek-Zeul: Es wäre sicherlich sehr sinnvoll, wenn nicht
nur die Schulden der öffentlichen Hand erlassen würden. Die Erlaßjahr-2000-Initiative
richtet sich ja auch nicht nur an die öffentliche Hand, sondern fordert
ein wirklich breites Engagement auch von den privaten Gläubigern.
Ich möchte aber nicht nur von Streichung der Schulden reden, sondern
darauf hinweisen, daß mit dem Schuldenerlaß auch eine Veränderung
der Politik einhergehen muß. Es macht also keinen Sinn, eine Politik
fortzuführen, die ja gerade zu einer Überschuldung geführt
hat. Wir unterstützen daher Reformpolitiken, die sich am Interesse
der Menschen in den betroffenen Ländern orientieren. Das bedeutet
auch, daß die Strukturanpassungsprogramme von IWF und Weltbank stärker
als bisher soziale und auch ökologische Aspekte berücksichtigen
müssen.
Eine letzte Frage: Sie haben eben davon gesprochen, daß ein
Bericht vorliegen wird zur Evaluierung der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit.
Nun hat es ja in der Vergangenheit immer wieder solche Studien und Querschnittsevaluierungen
gegeben, z. B. Anfang 1998 eine Studie über Länderkonzepte, die
dann dem Ministerium vorlagen, aber niemandem sonst zugänglich waren.
Aus dem Bundestag kam immer wieder die Forderung, solche Papiere wenigsten
den Parlamentariern vorzulegen, aber viele in der entwicklungspolitischen
Community denken, diese Studien sollten noch weiter öffentlich gemacht
werden. Was wird dazu die Politik des Ministeriums künftig sein?
Wieczorek-Zeul: Diese Aufträge werden ja aus öffentlichen
Mitteln finanziert, so daß es grundsätzlich im Sinne des Erfinders
ist, daß sie breiter diskutiert werden. Auch wenn die Diskussionen
kontrovers sind, kann dies die Arbeit im Ministerium befruchten, und das
kann uns nur helfen.
Das Gespräch führte Reinold E. Thiel
E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit,
herausgegeben von der Deutschen Stiftung für
internationale Entwicklung (DSE)
Redaktionsanschrift:
E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach 100 801,
D-60008 Frankfurt/M.
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