E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 1, Januar 1999, S. 11-13)
Ein starkes Signal
Interview mit Staatssekretärin Dr. Uschi Eid
Frau Eid, wie wird die neue Entwicklungspolitik aussehen, und wo
sehen Sie selbst die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?
Eid: Die wichtigsten Neuerungen sind im Koalitionsvertrag festgelegt.
Danach ist klar, daß die neue Regierung der Entwicklungszusammenarbeit
und diesem Ressort eindeutig eine größere Bedeutung als bisher
zumißt. Diese gewachsene Bedeutung möchte ich an drei Punkten
erläutern.
Der erste ist die Tatsache, daß das BMZ nun Mitglied des Bundessicherheitsrates
ist. Dies spiegelt symbolisch den neuen und erweiterten Sicherheitsbegriff
der Bundesregierung wider. Im Bundessicherheitsrat wird neben Fragen der
Sicherheit auch über Rüstungsexporte gesprochen. Für eine
Entwicklungspolitik, die als Friedenspolitik verstanden werden will, ist
es sehr wichtig, daß Waffenexporte in Entwicklungsländer restriktiver
gehandhabt werden. Wenn wir einerseits mit unseren Partnerregierungen über
Kriterien der guten Regierungsführung sprechen und dabei auch Fragen
zu deren Militärausgaben nicht aussparen, so müssen wir uns andererseits
auf deutscher Seite für weniger Waffenexporte in diese Länder
einsetzen. Diese restriktive Position werden wir im Bundessicherheitsrat
vertreten.
Der zweite für uns als Ressort wichtige Punkt ist die Bündelung
entwicklungspolitischer Aufgaben im BMZ. Es ist bereits beschlossen, daß
wir die Federführung zu den Lomé-Nachfolgeverhandlungen erhalten.
Ferner hat das BMZ die Zuständigkeit für die Beratung und für
die technische Kooperation mit den Transformationsländern erhalten.
Außerdem werden wir den Nachfolgeprozeß des Weltsozialgipfels
federführend begleiten und die Kopenhagen-plus-fünf-Konferenz
vorbereiten. Für diese zusätzlichen Aufgaben ist es vor allem
wichtig, daß wir Stellen aus den bisher zuständigen Ministerien
erhalten.
Für Lomé ist es nicht mehr als eine Stelle ...
Eid: Natürlich könnten wir mehr Stellen gebrauchen.
Das Haus hat ja in den letzten Jahren Federn lassen müssen, und wie
auch in anderen Ministerien sind zahlreiche Stellen gestrichen worden.
Wir brauchen also für die neuen Aufgaben auch zusätzliche Stellen,
denn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im BMZ sind jetzt schon sehr
belastet, und wenn sie nicht so hochmotiviert und engagiert wären,
wäre manches gar nicht mehr machbar. Wir kämpfen also um mehr
Stellen, aber auch unbedingt um mehr Finanzen. Der Koalitionsvertrag legt
fest, daß der Abwärtstrend in der Mittelausstattung des BMZ
umgekehrt werden soll. Zusätzlich sollen nun zunächst einmal
die Verpflichtungsermächtigungen in maßvollen Schritten erhöht
werden.
Das BMZ ist das einzige Ministerium, für das so etwas im Koalitionsvertrag
steht.
Eid: Ja, das ist natürlich ein starkes Signal, und dafür haben
wir alle gekämpft. Es zeigt, daß es die Bundesregierung ernst
mit dem Bedeutungszuwachs der Entwicklungspolitik meint. Ich möchte
jetzt aber zu der Frage kommen, was wir anders als die frühere Bundesregierung
machen werden. Bisher haben unsere Vorgänger in der Entschuldungsfrage
eher den Bremser gespielt. Wir wollen statt dessen eine Initiatorrolle
übernehmen. Der Bundeskanzler hat ja bereits in seiner Regierungserklärung
angekündigt, daß es eine Entschuldungs- initiative im Rahmen
des G-7-Gipfels in Köln geben wird. Das BMZ bereitet dazu gerade Vorschläge
vor.
Gibt es weitere Anzeichen für eine Trendwende?
Eid: Ja, das zweite ist, daß wir den Bereich der Konfliktprävention
und in diesem Zusammenhang besonders den zivilen Friedensdienst auf- und
ausbauen werden. Die frühere Leitung des Hauses hat den zivilen Friedensdienst
vehement abgelehnt. Wir hingegen wollen den zivilen Friedensdienst und
werden ihn nach Kräften unterstützen.
Im Moment laufen die ersten Vorbereitungen hierzu. Wir wollen sowohl
mit den Abgeordneten als auch mit NROs und anderen Einrichtungen, die bereits
in diesem Bereich tätig sind, sprechen. Das BMZ wird danach die verschiedenen
Alternativen abwägen und ein entsprechendes Konzept entwickeln und
umsetzen.
In der Koalitionsvereinbarung steht das im Abschnitt Europa. Heißt
das, daß das BMZ diesen Friedensdienst über die OSZE hinaus,
von der dort die Rede ist, auch für Konflikte in Entwicklungsländern
in Anspruch nehmen will
Eid: Ich denke, die Menschen, die für eine solche Aufgabe
ausgebildet werden, können in verschiedenen Konfliktregionen eingesetzt
werden. Die UNO z. B. setzt ja auch ihre Menschenrechtsbeobachter in verschiedenen
Ländern ein. Der zivile Friedensdienst ist ein Baustein des Konzepts
der Krisenprävention unseres Hauses. Das Konzept setzt auf verschiedenen
Ebenen an. Zum einen kann ich mir vorstellen, daß wir solche Institutionen
unterstützen, die sich bereits vor Ort in anderen Kontinenten etabliert
haben und dort regional tätig sind. Zum Beispiel existiert der sogenannte
Kairo-Mechanismus, der in Addis Abeba von der Organisation für Afrikanische
Einheit ins Leben gerufen wurde. Dieser wichtige Mechanismus ist bisher
allerdings nur bedingt funktionsfähig, weil es den afrikanischen Staaten
an finanziellen Mitteln, aber auch an personellen Kapazitäten fehlt.
Hier könnten wir durch Entsendung von Fachleuten eine wichtige Rolle
bei der Friedenssicherung im regionalen Kontext spielen.
Ähnliches gilt für die IGAD. Das ist ein Zusammenschluß ostafrikanischer
Länder, der sich ursprünglich die Wüstenbekämpfung
zum Ziel gesetzt hat. In den letzten Jahren hat die IGAD sich darüber
hinaus stark um eine friedliche Lösung im Sudan-Konflikt bemüht.
Solche Prozesse und Mechanismen müssen wir in Zukunft stärker
unterstützen, wenn wir die Krisenprävention ernst nehmen wollen.
Etwas Ähnliches würde dann ja sicher auch für den kürzlich
begründeten westafrikanischen Sicherheitsrat gelten?
Eid: Genau. Solche regionalen Initiativen müssen fit gemacht
werden. Dies ist die eine Seite unseres Handlungsspektrums. Auf der anderen
Seite stehen konkrete Projekte innerhalb der bilateralen Zusammenarbeit.
Programme und Vorhaben der bilateralen Zusammenarbeit könnten viel
stärker als bisher Elemente der Krisenprävention enthalten. Fachkräfte,
die nach draußen gehen, müssen auf eventuelle Konfliktsituationen
vorbereitet werden.
Es reicht also nicht aus, daß diese Fachkräfte über
technisches Wissen verfügen, sondern sie müssen auch solche Fähigkeiten
haben, die es ihnen ermöglichen, in Konfliktfällen vermittelnd
tätig zu werden. Das geht über die normale soziale Kompetenz
hinaus. Sie müssen in der Lage sein, mögliche Konflikte zu antizipieren
und darauf zu reagieren. In einem Land wie Ruanda, wo die Bereitschaft
zur Versöhnung nach dem Völkermord zunächst einmal nicht
da war, wo aber das Land nur zu Ruhe kommen kann, wenn die verschiedenen
Ethnien auch auf unterster Ebene miteinander friedlich umgehen lernen,
müssen unsere Vorhaben zwingend Versöhnungsansätze umfassen.
Damit verbunden ist auch die Notwendigkeit, daß sich unser Berichtswesen
transparenter und offensiver mit solchen Problemfragen auseinandersetzt.
Konflikte dürfen nicht mehr verschwiegen werden. Im Gegenteil: Sie
müssen Bestandteil jeglicher Berichterstattung sein, damit man sie
rechtzeitig erkennt und entsprechende Maßnahmen einleiten kann.
Dazu brauchen wir dann aber einen völlig anderen Typ von Fachkräften?
Eid: Ja, der klassische technische Experte ist in solchen Fällen
vielfach überfordert. Der nächste Punkt ist, daß wir alle
begreifen müssen, daß Entwicklungspolitik unserer globalen Zukunftssicherung
insgesamt dient. Diesen neuen und auch hohen Anforderungen müssen
wir uns alle stellen. Wir können die globalen Herausforderungen nicht
ignorieren, sondern wir müssen sie gestalten.
Herausforderung für den Norden und den Süden ...
Eid: Genau. Armutsbekämpfung im Süden, Konfliktprävention
im Süden, das sind ja letztendlich auch die Dinge, die unsere gemeinsame
Zukunft auf dieser Erde sichern.
Aber tatsächlich kommt der Begriff Armutsbekämpfung ja
nicht vor im Text der Koalitionsvereinbarung. Ist das vergessen worden?
Eid: Nein. Die Entwicklungszusammenarbeit dient ja per se dazu,
die Entwicklungschancen von Menschen, die in Armut leben, zu vergrößern.
Wir müssen daher unseren Anteil für die Armutsbekämpfung
erhöhen und gerade die ärmsten Länder verstärkt unterstützen.
Ich fühle mich dem 20:20-Ziel von Kopenhagen verpflichtet. Es reicht
aber nicht aus, daß wir 20% unserer Mittel für die Grundbedürfnisbefriedigung
einsetzen und dies auch von unseren Partnern fordern, wenn nicht auch die
Strukturanpassungsprogramme der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds
stärker ökologische und soziale Aspekte berücksichtigen.
Auch Strukturanpassungsmaßnahmen müssen kohärent sein mit
dem, was z. B. auf UN-Konferenzen zur Armutsbekämpfung beschlossen
wurde. Also werden wir uns in den internationalen Organisationen dafür
einsetzen, daß die Beschlüsse der Weltkonferenzen und die konkreten
Programme der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds kohärent
sind. Das gehört dazu, wenn wir eine aktivere Rolle spielen wollen.
Für mich ist ein weiterer Punkt sehr wichtig: Ich verstehe Entwicklungspolitik
auch als Innenpolitik. Leider ist die Legitimation für staatliche
Entwicklungspolitik in der Öffentlichkeit in den letzten Jahren gesunken.
Wir wollen durch überzeugende Arbeit, aber auch durch eine bessere
Informationspolitik, in der Öffentlichkeit eine höhere Akzeptanz
der Entwicklungspolitik erreichen.
Wir müssen deutlich machen, daß die globalen Fragen uns alle
auch hier in Deutschland betreffen. 1992 wurde mit der Unterstützung
des damaligen Bundeskanzlers Kohl beschlossen, daß die deutsche Gesellschaft
sich mit dem Rio-Nachfolgeprozeß zu beschäftigen habe, in Form
der Lokalen Agenda 21. Wir als Bundesregierung haben ein großes Interesse
daran, daß dieser Lokale-Agenda-Prozeß eine neue Dynamik erhält.
Auch macht es sehr viel Sinn, wenn ein neuer Nord-Süd-Dialog in
Gang kommen könnte. Wir müssen Intellektuelle, Wissenschaftler,
Kulturschaffende und Medienleute aus dem Süden mit Partnern in Deutschland
zusammenbringen. Hier könnte Bonn als Nord-Süd-Zentrum eine zentrale
Rolle spielen. Dabei müßten aber alle gesellschaftlichen Kreise,
z. B. die Kirchen oder die Gewerkschaften, einbezogen werden, denn dieser
Dialog soll ein gesamtgesellschaftlicher Austausch- und Lernprozeß
sein.
Das ist ein Vorhaben, das nicht wenig Geld kosten wird.
Eid: Wir haben im Koalitionsvertrag gesagt, daß wir die
entwicklungspolitische Inlandsarbeit stärken wollen. Dieser internationale
Dialog, der ein Teil der neuen Inlandsarbeit sein könnte, soll gerade
in die Gesellschaft hineinstrahlen und seine Wirkung dort entfalten. Wir
werden dazu unseren Beitrag leisten und die Mittel für Öffentlichkeitsarbeit
und entwicklungspolitische Bildungsarbeit erhöhen
Wie sehen Sie künftig das Verhältnis von bilateraler und
multilateraler Zusammenarbeit?
Eid: Bisher war es die eindeutige Politik des BMZ, die bilaterale
Zusammenarbeit im Verhältnis zur multilateralen Zusammenarbeit zu
stärken. Dies ist nicht unser Prinzip. Im Gegenteil: Wir wollen die
multilaterale Entwicklungszusammenarbeit aktiver gestalten. Die Vernachlässigung
der multilateralen Ebene kann so nicht weitergehen. Dabei will ich nicht
verhehlen, daß wir auf dieser Ebene auch einen starken Reformbedarf
sehen, insbesondere in der Europäischen Entwicklungspolitik.
Wenn wir uns etwa Fragen der internationalen Ökologiepolitik ansehen,
so führt kein Weg daran vorbei, deren Zielsetzung in den internationalen
Institutionen stärker als bisher zur Geltung zu bringen. Inhaltlich
sind die sogennannten vier Ws sehr wichtig. Sie stehen für Wasser,
Wald, Wüste und Welternährung. Die Wüstenkonvention ist
derzeit die einzige internationale Konvention im Rio-Nachfolgeprozeß,
bei der das BMZ die Federführung hat. Ich werde in der nächsten
Woche an der Wüstenkonferenz in Dakar im Senegal teilnehmen und die
Gelegenheit nutzen, klarzumachen, daß sich die neue Bundesregierung
den internationalen Ökologiefragen, insbesondere der Wüstenfrage,
stellt. Bisher hat sich die Arbeit im BMZ auf die Erhaltung des Tropenwaldes
konzentriert. Dies wird auch weiterhin eine wichtige Aufgabe bleiben, und
ich beabsichtige, meine erste Reise unter dieses Thema zu stellen. Aber
das Vordringen der Wüste ist ein ähnlich dringendes Problem.
Sie haben von einer Reihe von Akzentverlagerungen gesprochen. Die
werden ja auch zur Folge haben, daß es zu Umschichtungen bei den
Geldausgaben des Ministeriums kommen muß. Und ferner, daß die
Organisationsstruktur des Ministeriums verändert werden muß,
die ja im Grunde immer noch an der Durchführung von Projekten orientiert
ist, nicht an strukturpolitischen Aufgaben. Was werden die organisatorischen
Konsequenzen sein?
Eid: Es hat im BMZ eine hausinterne Strukturreformgruppe gegeben,
die sich von dem traditionellen Projektdenken gelöst hat und sich
von Leitbildern wie globale Zukunftssicherung und nachhaltige Entwicklung
leiten ließ. Die Vorschläge dieser Gruppe werden von der neuen
Leitung intensiv diskutiert werden. Ich bin sicher, daß auf dieser
Grundlage Veränderungen vorgenommen werden, aber wie das im einzelnen
aussehen wird, läßt sich derzeit noch nicht genau sagen. Sicher
muß es Änderungen geben, damit wir unseren Anspruch im Bereich der
globale Strukturpolitik verwirklichen können. Aber: Wir müssen
auch darauf achten, daß das Haus arbeitsfähig bleibt, und deshalb
müssen wir die Änderungen sorgfältig vorbereiten.
Das Gespräch führte Reinold E. Thiel
Dakar: Konferenz zur Bekämpfung der Wüstenbildung
Anläßlich der Wüstenkonferenz in Dakar hat die Staatssekretärin
im BMZ, Uschi Eid, darauf hingewiesen, daß sowohl die Industrieländer
als auch die von der Wüstenbildung betroffenen Länder des Südens
ihre jeweiligen Rechte und Pflichten ernst nehmen und sich vereint um deren
Erfüllung bemühen müßten. "Die Beschlüsse der
Konferenz zeigen", so erklärte Eid, "daß sich die internationale
Staatengemeinschaft verpflichtet fühlt, gemeinsam nach Lösungen
zu suchen, um den Prozeß der fortschreitenden Wüstenbildung
umzukehren."
An der 2. Vertragsstaatenkonferenz der UN-Konvention zur Bekämpfung
der Wüstenbildung, die vom 30. November bis 11. Dezember in Dakar
(Senegal) stattfand, nahmen Delegierte aus 132 Ländern und etwa 500
nichtstaatlichen Gruppen teil. Die Konferenzteilnehmer sprachen sich dafür
aus, beim Kampf gegen das Vordringen der Wüste vor allem auf das in
den betroffenen Ländern vorhandene traditionelle Wissen zurückzugreifen.
Eine Expertengruppe soll nun Vorschläge erarbeiten, wie dieses Wissen
mit modernen Methoden der Desertifikationsbekämpfung verknüpft
werden kann. Beobachter kritisierten jedoch, daß weder ein Programm
zur Umsetzung der Konvention noch ein Aktionsplan verabschiedet wurde.
Eine enge Zusammenarbeit mit den Konventionen zum Schutz des Klimas und
der Artenvielfalt wurde ins Auge gefaßt.
Von besonderem Interesse für Deutschland ist die Entscheidung der
Konferenz über die Annahme des am 18. August in Bonn unterzeichneten
Sitzabkommens für das Ständige Sekretariat der Konvention. Das
Sekretariat soll nun Anfang 1999 von Genf nach Bonn umziehen.
E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit,
herausgegeben von der Deutschen Stiftung für
internationale Entwicklung (DSE)
Redaktionsanschrift:
E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach 100 801,
D-60008 Frankfurt/M.
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