E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 2, Februar 2000, S. 46-48)


Joseph E. Stiglitz (1943 - )
Die Informationsökonomik und die Unvollkommenheiten der Märkte

Eva Terberger-Stoy, Marcel Tyrell


Joseph E. Stiglitz, der Ende 1999 als Chefökonom der Weltbank zurücktrat, ist Mitbegründer der "New Development Economics", die das reibungslose Funktionieren von Märkten aufgrund von Informationsproblemen anzweifelt. Diese Grundausrichtung hat ihn in eine Kontroverse zum Internationalen Währungsfonds gebracht, die sich insbesondere an den Politikempfehlungen des IWF im Vorfeld und nach dem Ausbruch der Asien-Krise entzündete und im Rücktritt von Stiglitz mündete. Dennoch hat Joseph Stiglitz aufgrund seines intellektuellen Gewichtes die Politik von Weltbank und IWF nachhaltig verändert.


Am 24.11.1999 gab Joseph E. Stiglitz seinen vorzeitigen Rücktritt als Chief Economist und Senior Vice President der Weltbank zum Jahresende bekannt. Er will sich wieder ausschließlich der Forschung und Lehre widmen und kehrt auf seinen Lehrstuhl am Economics Department der Stanford University zurück.

Stiglitz' Rückzug aus der aktiven Entwicklungspolitik erfolgt nicht freiwillig. Er selbst kommentiert seinen Entschluss so: "It has become obvious to me that it would be difficult to continue to speak out as forcefully and publicly as I have, on a variety of issues, and still remain as chief economist. Rather than muzzle myself, or be muzzled, I decided to leave" (New York Times, 1.12.1999). Seit geraumer Zeit galt seine öffentliche Kritik am Washington Consensus, dem ökonomischen Glaubensbekenntnis, auf das sich die politische Linie des US Treasury genauso stützt wie die Stabilisierungs- und Reformpolitik des IWF, als Dorn im Auge der Vertreter dieser Institutionen. Für sie war Stiglitz - so die Metapher der Financial Times vom 26.11.99 - "a veritable gadfly", eine wahre Viehbremse, deren lästige Stiche aufgrund von Position und Intellekt nicht einfach ignoriert werden konnten.

Die Rückkehr in das akademische Leben lässt jedoch nicht erwarten, dass die kritische Stimme von Stiglitz verstummen wird. Im Gegenteil, von den Zwängen des politischen Alltags befreit, wird er seine Position noch deutlicher vertreten und ihr wissenschaftliches Fundament ausbauen können. Die Ideen sind dem als ungemein produktiv bekannten 56jährigen sicherlich nicht ausgegangen. Sein Einfluss auf die Entwicklungtheorie und -politik wird ohnehin bleiben, denn sein knapp dreijähriges Wirken bei der Weltbank, der er als persönlicher Berater des Präsidenten Wolfensohn verbunden bleiben wird, hat nachhaltige Spuren hinterlassen. Sie tragen den deutlichen Abdruck von Stiglitz' Forschungsarbeit , die seit drei Jahrzehnten zum modernen Wissensstand der Entwicklungsökonomie beigetragen hat.


I.

Joseph Eugene Stiglitz wurde am 9. 2.1943 als Sohn eines Versicherungsagenten und einer Lehrerin in Gary geboren, einer industriellen Kleinstadt in Indiana. Den Geburtsort hat Stiglitz mit anderen berühmten Ökonomen gemein, u. a. mit Paul Samuelson, seinem späteren akademischen Lehrer. Sein Elternhaus gab ihm die generelle Einsicht mit, "that there were social and political ills in our society that something had to be done about" (Stiglitz 1992, S. 2). An der Public School, die er 11 Jahre besuchte, entdeckte er seine Liebe nicht nur für Mathematik und Sozialwissenschaften, sondern auch für das Debattieren und Schreiben. Seine Entscheidung, Ökonom zu werden, fiel jedoch erst während seiner Zeit am Amherst College, Massachusetts, einem der führenden Liberal Arts Colleges der USA, das Stiglitz dank eines Stipendiums besuchen konnte. "I became an Economist, wanting to make a difference - how, I had only the vaguest ideas and dreams, but pictures of the impoverished in America and the destitute in the Third World certainly passed through my mind' (Stiglitz 1992, S. 6).

Nach seinem B. A. in Amherst wechselte Stiglitz 1963 zum Ph.D.-Studium an das Massachusetts Institute of Technology (MIT). Hier lernte er von großen Ökonomen wie Robert Solow und Samuelson, dessen "Collected Papers" Stiglitz im Rahmen eines Ferienjobs edierte. Die damals großen Themen am MIT, die Wachstumstheorie und die Entwicklungsökonomie, haben Stiglitz nie wieder losgelassen, genauso wenig wie seine Suche nach den "Fehlern" in der neoklassischen Gleichgewichtstheorie, ein Interesse, das er mit seinem Kommilitonen George Akerlof teilte. Für das dritte Jahr seines Ph.D.-Studiums (1965-1966) erhielt Stiglitz ein Fulbright Stipendium zum Besuch der Universität Cambridge, England. Bewusst wollte er sich mit der zur Neoklassik konträren Sicht jenseits des Atlantiks auseinandersetzen, die ihm durch Joan Robinson und Nicolas Kaldor mit ihrer jeweiligen Kritik an der neoklassischen Wachstumstheorie vermittelt wurde, aber auch durch Frank Hahns Forschung über dynamische Instabilität. In Cambridge fertigte Stiglitz seine Dissertation an, die sich u. a. mit den Gründen für ungleiche Einkommens- und Vermögensverteilung befasste, um danach für ein Jahr als Assistant Professor ans MIT zurückzukehren.

Dies war ungewöhnlich, weil das MIT in aller Regel keine eigenen Absolventen einstellt. Eine Bedingung war allerdings, dass Stiglitz sich verpflichtete, nicht in seinem Büro zu nächtigen, wofür er aus seiner Studentenzeit bekannt war. Dies war nicht die einzige Unart, die sich Stiglitz während seiner akademischen Laufbahn abgewöhnen musste. Er hatte auch die Angewohnheit, seine Zuhörer durch Vorlesungen von sechs bis acht Stunden Länge zu strapazieren, die anschließend in über 100 Seiten langen Artikeln niedergeschrieben wurden, die keine führende Zeitschrift ohne eine Zerstückelung akzeptieren wollte.

Trotz dieser Eigenarten ging seine akademische Karriere steil bergauf. Vom MIT wurde er nach Yale berufen, das Gelegenheit zur fachlichen Auseinandersetzung u. a. mit James Tobin und Tjalling Koopmans bot, und dort wurde Stiglitz im Jahr 1969, also mit 26 Jahren, Professor für Ökonomie. Eine Einladung der Rockefeller Foundation an das Institute for Development Studies in Nairobi brachte Stiglitz im selben Jahr erstmals für längere Zeit in ein Entwicklungsland, wo er den Grundstein für seine bahnbrechende Forschung über die Anreizwirkung der Pachtverträge von kleinen Farmern legte und neue Freundschaften schloss, u. a. mit Nicolas Stern. 1970 kehrte er für ein Jahr nach Cambridge zurück, traf alte Freunde wie James Mirrlees wieder und lernte Kenneth Arrow und Roy Radner kennen. Ein weiteres Forschungsjahr in England verbrachte Stiglitz 1973-1974 in Oxford, wohin er ein zweites Mal im Jahr 1976 zurückkehrte, um den Drummond Chair für Politische Ökonomie am All Souls College einzunehmen. 1979 verließ Stiglitz Yale und wechselte nach Princeton. Im selben Jahr wurde er von der American Economic Association mit dem John Bates Clark Award für bedeutende Ökonomen unter 40 Jahren ausgezeichnet. Neun Jahre später, inzwischen weltberühmt, tauschte er seinen Lehrstuhl in Princeton gegen den in Stanford ein, den er noch heute innehat.

Mit dieser akademischen Bilderbuch-Karriere nicht genug, erklomm Stiglitz auch in der wirtschaftspolitischen Beratung die höchsten Positionen. 1993 wurde er in den Council of Economic Advisors der amerikanischen Regierung berufen, 1995 von Präsident Clinton zu dessen Vorsitzenden ernannt. Trotz des Einflusses, den Stiglitz seither auf die nationale und internationale Wirtschaftspolitik in Washington ausübte, wurde ihm der politische Alltag nicht leicht gemacht. 1996 trug er die Entscheidung zur Erhöhung der Mindestlöhne mit, obwohl in seinen Lehrbüchern stand: "A higher minimum wage does not seem a particularly useful way to help the poor" (Stiglitz 1993, S. 133) - ein gefundenes Fressen für die Presse.

Dies könnte eine der politischen Erfahrungen gewesen sein, die seine Entscheidung, als Chief Economist der Weltbank zurückzutreten, beeinflusste. Seit dem Antritt dieser Position im Februar 1997 hatte er sich mit seiner Kritik an der IWF-Politik, aber auch an laufenden Weltbankprogrammen, nie zurückgehalten. Ein Maulkorb, so seine Erfahrung, ist nichts für ihn. Er will der "free spirit" sein und bleiben, als den James Wolfensohn ihn bezeichnet. Und auf diese Weise dient der Ökonom Joseph E. Stiglitz, den viele seiner Profession für einen der künftigen Nobelpreisträger halten, seinem Anliegen, "socially relevant" zu sein, am besten.


II.

"...contemporary economic theory is crisscrossed with his footprints" - so heißt es schon 1979 in der Würdigung von Stiglitz' Leistungen anlässlich der Verleihung des John Bates Clark Award. Wie kaum ein anderer lebender Ökonom hat Joseph Stiglitz auf nahezu allen Gebieten der Mikro- und Makroökonomie wesentliche Beiträge geleistet, etwa im Bereich der Finanzierungs- und Kapitalmarkttheorie, der Theorie der Besteuerung und der öffentlichen Wirtschaft, der Geldpolitik, der Konjunktur- und Wachstumstheorie und vor allem der Entwicklungsökonomie.

Trotz dieser Vielfalt gibt es in seiner Arbeit ein Leitmotiv: Märkte funktionieren nicht perfekt und friktionslos. Der Grund liegt in Problemen der ungleichen Informationsverteilung. Ein Arbeitsuchender weiß besser über seine Qualifikation Bescheid als potentielle Arbeitgeber. Ein Gläubiger kann nicht ohne weiteres beurteilen, ob sich ein Schuldner um die Rückzahlung des Kredits bemühen wird oder mit dem Geld auf Nimmerwiedersehen verschwinden will. Informationsvorsprünge können zu eigenen Gunsten ausgenutzt werden (moral hazard). Die Folgen sind gesamtwirtschaftlich unerwünschtes Verhalten (Anreizprobleme), Marktunvollkommenheiten oder gar Marktversagen.

Dieser Ansatz der sogenannten Informationsökonomik, der von Stiglitz maßgeblich geprägt wurde und inzwischen zu einer wirtschaftstheoretischen Hauptströmung avanciert ist, hat seine Wurzeln in der neoklassischen Gleichgewichtsanalyse. Doch durch leichte Variation ihrer Annahmen, durch die Einführung von Informationsproblemen, wird die (Modell-)Welt grundlegend verändert. Der Preismechanismus ist kein Garant mehr für die Markträumung. Es können sich mengenrationierende Gleichgewichte einstellen, sowohl auf dem Kreditmarkt wie auch auf Arbeits- und Produktmärkten. Hieraus ergeben sich völlig neue, und zwar erstmals mikroökonomisch fundierte Ansatzpunkte für makroökonomische Fragestellungen etwa der Konjunkturtheorie und der Geldpolitik, die Stiglitz zum Mitbegründer einer neo-keynesianischen Schule werden ließen. In einer um Informations- und Anreizprobleme bereicherten Modellwelt erhalten auch Institutionen wie unterschiedliche Vertragsformen, Banken oder Börsen einen neuen Sinn. Sie können als Antwort auf Informations- und Anreizprobleme aufgefasst werden, als Mechanismen, um Informationsprobleme abzubauen, Fehlanreize zu korrigieren und die Funktionsfähigkeit des Marktes zu stützen.

Informationsprobleme als Kern der "Economics of Information" bilden das Fundament, auf dem Stiglitz die ungeheure Breite seiner Forschung aufbauen konnte. Und sie sind der Schlüssel, mit dem Stiglitz Zugang zu den Problemen von Entwicklungsländern fand, deren Analyse er sich von Anbeginn verpflichtet fühlte. Stiglitz formuliert es so: "It was apparent that the imperfections of information... were perhaps even more important in less developed countries, and that studying LDCs through these lenses could help us understand the institutions within the less developed countries." (Stiglitz 1992, S.53/54) Das "Imperfect Information Paradigm" ist für Stiglitz die Leitidee der "New Development Economics".

Eines der ersten entwicklungsökonomischen Themen, denen sich Stiglitz in diesem Rahmen zuwandte, war die Analyse von Pachtverträgen zwischen landlosen Kleinbauern und Grundbesitzern in Kenia. Üblich sind sogenannte "sharecropping"-Verträge, bei denen der Grundbesitzer und der das Land bearbeitende Bauer jeweils in Form eines Ernteanteils entlohnt werden. Die Ernteteilung galt herkömmlich als ineffizient, da sie den Kleinbauern im Vergleich zu einer festen Entlohnung mit Ernterisiko belastet, das der Landbesitzer doch viel besser tragen könnte. Diese Analyse greift jedoch, so Stiglitz, zu kurz, denn sie vernachlässigt das Anreizproblem. Der Kleinbauer hätte bei festem Lohn kein Interesse mehr, seine Arbeitskraft optimal einzubringen. Aufwendige Kontrollmaßnahmen wären notwendig, um eine ordnungsgemäße Bearbeitung des Landes zu sichern. "Sharecropping" kann daher als Kompromiss gesehen werden zwischen einem festen Lohn für den Bauern, der aus dem Gesichtspunkt der Risikoteilung zu bevorzugen wäre, und einer fixen Pacht für das Land , die dem Bauern den gesamten Zusatzertrag aus eigener fleißiger Arbeit sichern würde, aber auch das gesamte Risiko bei Wetterproblemen. Das Problem der effizienten Risikoteilung und das Problem, zu effizientem Arbeiten zu motivieren, müssen gleichzeitig gelöst werden - eine Erkenntnis, die Stiglitz zu einem Pionier der Principal/Agent Theory machte.

In seinen Forschungen hat Stiglitz zahlreiche weitere institutionelle Arrangements im ländlichen Raum von Entwicklungsländern analysiert und die Frage ihrer Effizienz neu beleuchtet. Er untersuchte auch die Struktur des ländlichen Arbeitsmarkts sowie das Stadt-Land-Gefälle und zeigte, dass Lohndifferenzen nicht nur auf unterschiedlicher Grenzproduktivität beruhen, denn die Lohnsetzung muss auch Anreizaspekte berücksichtigen. Daher kann es dauerhaft zu Arbeitsrationierung, Arbeitslosigkeit und ungleichem Lohnniveau in Stadt und Land kommen.

Die naheliegende Schlussfolgerung, Stiglitz habe mit seinen Analysen den real existierenden institutionellen Phänomenen das Gütesiegel der - aufgrund von Informationsproblemen eingeschränkten - gesamtwirtschaftlichen Effizienz verliehen, wäre jedoch vorschnell. Im Gegenteil, Stiglitz zeigt in weiterführender Forschung, dass Institutionen entstehen und sich dauerhaft durchsetzen können, obwohl sie nicht effizient, also disfunktional sind. Darüber hinaus weist er gemeinsam mit B. Greenwald nach: "Economies in which there are incomplete markets and imperfect information are not, in general, constrained Pareto-efficient" (Greenwald/ Stiglitz 1986, S. 230). Vielmehr kann eine zentrale Instanz wie der Staat eingreifen, um die Allokation von Gütern so zu verbessern, dass alle Wirtschaftssubjekte besser gestellt werden als im Konkurrenzgleichgewicht - und zwar ohne dass der zentralen Instanz für ihren wohlfahrtssteigernden Eingriff zusätzliche Informationen zur Verfügung stehen. Diese verschiedenen Ergebnisse, die eine effiziente institutionelle Entwicklung der Wirtschaft ohne staatlichen Eingriff in Frage stellen, beruhen auf dem selben Fundament: Informations- und Anreizprobleme sind gleichzeitig auf mehreren miteinander verbundenen Märkten anzutreffen - eine durchaus realistische und für die Ökonomie seither wegweisende Annahmenkombination.

Auf diese Erkenntnisse gründet Stiglitz seine provokativen Thesen bezüglich der weitreichenden Rolle des Staates in der Politikgestaltung, mit denen er das "liberale" wirtschaftspolitische Leitbild in seinen Grundfesten erschüttert und einen unüberhörbaren Angriff auf den Washington Consensus vorgetragen hat. Der Washington Consensus, der die Politik des IWF maßgeblich prägt, erkennt die Existenz von Informationsproblemen und die Bedeutung von Institutionen zwar an, sieht jedoch weiterhin neben der makroökonomischen Stabilität vor allem in der Liberalisierung die notwendigen Vorbedingungen für die gesunde Entwicklung einer Volkswirtschaft. Er ist damit auch die treibende politische Kraft, die für die Liberalisierung des finanziellen Sektors und den Abbau der Kapitalverkehrsbeschränkungen in den meisten Entwicklungsländern sorgte.

Genau diese Maßnahmen sind es jedoch, die nach Stiglitz mitverantwortlich sind für den Ausbruch der Asienkrise, wenn nicht gar für die Probleme in vielen Transformationsländern, denn im Vorfeld der Liberalisierung wurde seiner Meinung nach versäumt, robuste Institutionen aufzubauen. Nicht mit bloßer Hilfe einer strengen Bankenaufsicht, wie der IWF sie fordert, sondern erst durch viel weitergehende Regulierung wird laut Stiglitz ein robustes Finanzsystem geschaffen. Er propagiert Maßnahmen, die an "Financial Repression" erinnern, d. h. jene staatlichen Eingriffe in den Finanzsektor, die für die Fehlentwicklung vieler Entwicklungsländer in den achtziger Jahren verantwortlich gemacht wurden. Stiglitz empfiehlt eine Beschränkung der Zinssätze auf Einlagen - eine Forderung, die dem Stabilisierungskonzept des IWF, das auf hohe Zinsen setzt, genau widerspricht. Wettbewerbsbeschränkungen in Form von Höchstzinsvorschriften, so Stiglitz, sichern Banken (bescheidene) Gewinne. Dies hält sie zu vorsichtiger Geschäftspolitik an, um zukünftige Gewinnaussichten nicht durch drohenden Konkurs zu gefährden. Wenn auch nicht "Financial Repression", so doch "Financial Restraints" sind der Entwicklung des Finanzsektors nicht hinderlich, sondern dienlich.

Die Grundlage für diese Vorschläge ist Stiglitzs Überzeugung, dass Staat und Markt in einem komplementären Verhältnis stehen. Über das notwendige Ausmaß von Staatseingriffen lässt sich sicherlich streiten, denn Stiglitz scheint in seinen Empfehlungen dem in der politischen Ökonomie thematisierten Problem des Staatsversagens (zu?) wenig Aufmerksamkeit zu widmen. Doch trotz dieses Einwandes ist Stiglitz beizupflichten: Der Washington Consensus trägt den sich gegenseitig ergänzenden Rollen von Staat und Markt nicht hinreichend Rechnung. Auf diesem Grundpfeiler seiner Kritik hat Stiglitz die Agenda für einen "Post-Washington Consensus" entworfen, der ihm wohlmöglich zum Verhängnis wurde, weil er eben (noch) keinen Konsens darstellt.


III.

Es wäre nicht nur zu früh, sondern auch nicht im Sinne seiner Forschung, wollte man Stiglitz' Einfluss auf die Entwicklungstheorie abschließend würdigen. Er hat unzweifelhaft maßgeblich dazu beigetragen, die neoklassische Gleichgewichtstheorie vollkommener Märkte als den vorherrschenden Analyserahmen aufzugeben. Doch - mit seinen Worten - "imperfect information opens up a Pandora's box of possibilities! To be sure, when we walk into these new territories, our ground may not be as firm; we may not be as confident that we are making the right assumptions; but surely that must be better than making assumptions that we know are wrong" (Stiglitz 1992, S. 60).

Dieses Wissen um die falschen Annahmen ist für ihn der Ansporn gewesen, dort zu kritisieren, wo er es für notwendig hielt, und seine eigenen Erkenntnisse aktiv in die Entwicklungspolitik einzubringen. Das Wissen um das eigene Unwissen hat ihm offene Ohren für die Kritik an eigenen Ergebnissen bewahrt und treibt ihn an, stets neue Flecken des noch weitgehend unbekannten Territoriums zu entdecken. Vielleicht ist diese intellektuelle Neugier das Wichtigste, das Stiglitz all seinen Schülern, die heute bedeutende Positionen in Wissenschaft, Wirtschaft und in Entwicklungsinstitutionen bekleiden, weitergeben konnte. In der Weltbank, so heißt es, hat er eine neue Kultur der Diskussion und des Informationsaustauschs etabliert, die auch ohne ihn weiterleben wird. Dafür hat er selbst noch im Jahr 1999 mit der Gründung des Global Development Network, eines weltumspannenden Netzes des Austauschs zwischen Menschen und Institutionen, die sich mit Problemen von Entwicklungsländern befassen, einen wichtigen Grundstein gelegt.

Den Washington Consensus hat Stiglitz ebenfalls unwiederbringlich aufgebrochen. Die öffentliche Diskussion wird nach seinem Rücktritt weitergehen. Damit wäre es Stiglitz gelungen, die beste aller akademischen Traditionen in die Washingtoner (Entwicklungs-)Politik hereinzutragen: Das Ringen um das überzeugendere Argument.


Schriften von Joseph E. Stiglitz
- 1974: Incentives and Risk Sharing in Sharecropping, in: Review of Economic Studies, Vol. 41, S. 219-255
- 1981 (with A. Weiss): Credit Rationing in Markets with Imperfect Information, in: American Economic Review, Vol. 71. S. 393-410
- 1986: The New Development Economics, in: World Development, Vol. 14, S. 257-265
- 1986 (with B. Greenwald): Externalities in Economies with Imperfect Information and Incomplete Markets, in: Quarterly Journal of Economics, Vol. 101, S. 229-264
- 1987: Keynesian, New Keynesian and Neoclassical Economics, in: Oxford Economic Papers, Vol. 39, S. 119-133
- 1988: Economics of the Public Sector, 2nd ed., New York
- 1991 (with R. Arnott): Moral Hazard and Non-Market Institutions: Dysfunctional Crowding Out or Peer Monitoring, in: American Economic Review, Vol. 81, S. 179-190.
- 1992 (autobiographisch): Reflections on Economics and on Being and Becoming an Economist (unveröffentlicht)
- 1993: Economics. New York
- 1993 (with K. Hoff, A. Braverman): The Theory of Rural Economic Organizations. Oxford
- 1994: Whither Socialism? Cambridge (MA)
- 1997: The Role of Government in the Economies of Developing Countries, in: E. Malinvaud and A.K. Sen (Hg.): Development Strategy and the Management of the Market Economy. Oxford
- 1998: More Instruments and Broader Goals: Moving Toward the Post Washington Consensus. 1998 WIDER Annual Lecture, Helsinki
- 1998: Staat und Entwicklung - Das neue Denken. Die Überwindung des Konzepts vom minimalistischen Staat, in: E+Z 1998:4, S. 101-104


Dr. Eva Terberger-Stoy ist Professorin für Betriebswirtschaftslehre (Kreditwirtschaft und Finanzierung) an der Universität Heidelberg, Marcel Tyrell ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Wilhelm-Merton-Professur für Internationales Bank- und Finanzwesen der Universität Frankfurt/M..



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