E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 2, Februar 2001, S. 31)
Die Vielfalt der Entwicklungstheorie
Reinhold E. Thiel
Sechsundzwanzig Beiträge sind bisher in der Serie "Wer ist Wer" erschienen, und nun der erste über eine Frau: Ester Boserup, porträtiert von Marianne Braig. Ist E+Z eine Zeitschrift, in der der Beitrag der Frauen zur Entwicklung nicht ernst genommen wird? Das ist sie nicht, aber tatsächlich war der Beitrag von Frauen zur Theorie der Entwicklung lange Zeit minimal. Zwar hat in der marxistischen Diskussion Rosa Luxemburg eine Rolle gespielt, vor allem (in Die Akkumulation des Kapitals, 1913) mit ihren Überlegungen zur Auflösung der Naturalwirtschaft und zur Unterwerfung der vorkolonialen Gesellschaft, aber danach scheint, fast 60 Jahre später, die Dänin Ester Boserup die erste zu sein, die sich hier wieder einmischt. 1910 geboren, gehörte die kritische Ökonomin zu einer Gruppe von Keynesianern, die nach dem Zweiten Weltkrieg am Aufbau und der programmatischen Entwicklung verschiedener UN-Organisationen beteiligt waren. Bald konzentrierte sie ihr Interesse auf die ländliche Entwicklung, vor allem in Afrika, und entdeckte hier, angeregt durch den deutschen Ethnologen Hermann Baumann (The Division of Work according to Sex in African Hoe Culture, 1928), die wichtige Rolle der Frauen in der Agrarproduktion. (Schon Baumann spricht von "the fight for the recognition of the outstanding position of women in ... soil cultivation".)
1970 veröffentlicht Ester Boserup ihr standardsetzendes Buch Women's Role in Economic Development, worin sie die Frage "nach den Wechselbeziehungen zwischen Familienstrukturen, geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und Ökonomie" stellt
und konstatiert, dass die "Analyse der Einbettung von Entwicklungsprozessen in Geschlechterordnungen ... sowohl für das theoretische Verständnis von Modernisierungprozessen als auch für die entwicklungspolitische Praxis relevant seien" (Braig). Sie kritisiert Kolonialverwaltungen und Missionare wie die technischen Berater der neuen TZ dafür, dass sie die Landwirtschaft immer nur als Domäne der Männer betrachtet und dadurch die Lage der Frauen strukturell verschlechtert hätten. Mit ihrer Kritik wurde Ester Boserup zur Begründerin einer Frauenpolitik in den internationalen Organisationen und hatte wesentlichen Einfluss auf die erste Weltbevölkerungskonferenz (1974 in Bukarest).
In ihrer Nachfolge und parallel zum Erstarken der Frauenbewegung in den Ländern des Nordens wie des Südens trat
eine Anzahl weiterer Frauen auf, die die Bedeutung der Gender-Verhältnisse im Entwicklungsprozess empirisch und theoretisch untersuchten, unter ihnen Maxine Molyneux und Caroline Moser. Ihnen, wie auch der Kamerunerin Axelle Kabou, werden weitere Beiträge in dieser Serie gewidmet sein.
Ein Jahr nach Boserup, 1911, wurde Gabriel A. Almond geboren, auch er ein Pionier: einer der ersten, die Entwicklungsländer wie China, Tansania oder Mexiko in die vergleichende politische Analyse einbezogen (Comparative Politics Today, 1974). Almond gilt als einer der einflussreichsten politischen Wissenschaftler in den USA und weltweit und gehört, mit anderen Kollegen aus dem "Committee on Comparative Politics", zu den Begründern der modernen Komparatistik. Zugleich bestand er darauf, dass eine moderne, global einsetzbare Politikwissenschaft "mit einem auf Verhalten und Prozesse ausgerichteten Kategoriengeflecht zu arbeiten" habe (Mols), wofür sie ihren Theoriebedarf auch durch Anleihen aus den Nachbarwissenschaften decken solle, je nach Problemstellung bei Soziologie, Ökonomik, Kybernetik, Ethnologie oder Meinungsforschung. Allerdings bedeutete für Almond der Vergleich unterschiedlicher politischer Kulturen immer zugleich das Messen der einen an der anderen: So wurde ihm "das politische Profil der Vereinigten Staaten zum Abziehbild von politischer Modernität auch für die ,neuen Staaten" (Mols). Diese hätten, wenn sie sich entwickeln wollten, dem Muster der westlichen Industriestaaten zu folgen, mit den Leitbildern der Säkularisierung und Rationalisierung: dem "Modell der Moderne". Damit wurde Almond zu einem der Protagonisten der Modernisierungstheorie, die in den 60er Jahren in der Auseinandersetzung mit der Dependenztheorie die Diskussion prägte.
Eine ganze Genereration jünger als Boserup und Almond ist der 1938 geborene Elmar Altvater, der seit 1971 am Berliner
Otto-Suhr-Institut (OSI) Politische Ökonomie lehrt. Nach Anfängen, in denen er, geschult an den Klassikern des Marxismus, Analysen zum internationalen Finanzkapital, zu währungspolitischen und staatsinterventionistischen Fragen, zur Regulation von Märkten und Gesellschaften vorlegt, entdeckt er, in Anlehnung an Nicholas Georgescu-Roegen, die Bedeutung ökologischer Fragen für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung. Die Ursachen für die Grenzen des Wachstums findet er im Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, im Entropiesatz (zuerst in seinem Buch Sachzwang Weltmarkt von 1987): Je mehr Energie verbraucht wird, umso mehr wächst die Entropie, und da die Erde ein endliches System ist, sind die Beschränkungen für die Ausdehnung der Menschheit offensichtlich. Der für naturwissenschaftliche Laien schwer verständliche Begriff der Entropie hat ihm manche Gegnerschaft in den Sozialwissenschaften eingetragen, liefert aber letztlich wohl die stichhaltigste theoretische Begründung für die Thesen der Ökologie. Altvater integriert den Begriff in die sozialwissenschaftliche Theoriebildung und nutzt ihn für eine neue Begründung marxistischer Einsichten über die Verheerungen, die die kapitalistische Gesellschaft anrichtet.
Schließlich eine neue Stimme in der entwicklungstheoretischen Diskussion, die von Michael E. Porter, geboren 1947, der an der Harvard University eine Professur für Business Administration innehat. Seit einem Jahrzehnt spielt der Begriff Cluster in der ökonomischen Entwicklungsdiskussion eine zunehmend beachtete Rolle; er geht zurück auf Porters Buch The Comparative Advantage of Nations (1990), worin er Volkswirtschaften untersucht, die nicht zu den ärmsten gehören, sondern sich in der "dritten Sequenz" von Entwicklung befinden: Bei ihnen spielen Innovationen eine entscheidende Rolle, also Wettbewerbsvorteile, die nicht wie natürliche Ressourcen ererbt, sondern selbstgeschaffen sind. Dabei hilft Spezialisierung und Cluster-Bildung, d. h. der Aufbau einer in sich gestaffelten industriellen Produktion in einem oder wenigen Bereichen, der einen stetigen Erfahrungsaustausch ermöglicht. Ähnliches hatte schon 30 Jahre vorher Albert O. Hirschman mit seinem Konzept des "unbalanced growth" vorgeschlagen, von dem sich jetzt zeigt, dass er über die Jahrzehnte seine Bedeutung nicht verloren hat. E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE) Redaktionsanschrift: E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach, D-60268 Frankfurt
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