E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 2, Februar 2001,
S. 36-39)

Ester Boserup (1910 - 1999)
Die ökonomische Rolle der Frauen sichtbar machen
Marianne Braig

Nicht viele Publikationen wurden in Fachkreisen derart geschlechtsspezifisch unterschiedlich rezipiert wie das vor dreißig Jahren erschienene Buch von Ester Boserup "Women's Role in Economic Development". Es war die erste bedeutende Veröffentlichung, die sich vergleichend mit der ökonomischen Rolle der Frauen in Afrika, Asien und Lateinamerika beschäftigte. Mit ihr wurde die dänische Ökonomin, Agrar- und Bevölkerungswissenschaftlerin zur Begründerin einer Gender-orientierten Entwicklungsforschung.

I.
Die am 18. Mai 1910 in Kopenhagen geborene Ester Boserup begann ihr Ökonomiestudium in einer nicht nur für die Wirtschaftswissenschaften spannenden Zeit - im Herbst 1929, als durch den Zusammenbruch der New Yorker Börse die Weltwirtschaftskrise allenthalben sichtbar wurde. Sie begeisterte sich für kritische Wirtschaftstheorien, interessierte sich aber auch für Fragen der Agrarpolitik und blickte über die eigene Disziplin hinaus. Als sie die Universität von Kopenhagen 1935 verließ, war der Schock der Weltwirtschaftskrise noch nicht überwunden.
"Against this background, the prevailing theories of equilibrium and marginal utility seemed irrelevant and - like many of my fellow students - I looked for alternatives" (1999:9). Zunächst suchte sie solche Alternativen bei Marx, fand dann aber nach dem Erscheinen von Keynes' General Theory im Jahr 1936 dort wichtige Ansatzpunkte. In einem ihrer ersten Aufsätze verglich sie Keynes' Theorie über den Hang zum Verbrauch mit der Marxschen Unterkonsumtionstheorie (1936). Sie gehörte zu einer nicht unbedeutenden Gruppe von nordwesteuropäischen Keynesianern, die nach dem Zweiten Weltkrieg am Aufbau und der programmatischen Entwicklung verschiedener UN-Institutionen beteiligt waren. Politisch engagierte sie sich in einer kleinen Gruppe pazifistischer, sozialistischer Intellektueller in Dänemark, die sich der französischen Clarté-Bewegung verbunden fühlten (einer pazifistischen und kapitalismuskritischen Bewegung, die sich um die Zeitschrift Clarté des französischen Autors Henri Barbusse sammelte).
Nach dem Studium erwarb sie ihre ersten Berufserfahrungen mit wirtschaftspolitischen Problemen als Planungsleiterin einer Institution, die nach dem Kollaps der dänischen Exportpreise 1932 mit der Einführung von Importkontrollen befasst war. Ihr erster internationaler Arbeitgeber wurde 1947 die UN Economic Commission for Europe (ECE) in Genf. Dort führte sie zahlreiche Untersuchungen über die europäische Landwirtschaft durch und begann ihre lebenslange Kooperation mit der UN Food and Agriculture Organisation (FAO). Als sie 1957 nach Indien ging, um bis 1960 mit Gunnar Myrdal an seinen Studien über die süd- und südostasiatischen Ökonomien zu arbeiten, lernte sie während ihrer Reisen und empirischen Forschungen sowie durch die Diskussionen mit indischen Ökonomen eine andere Landwirtschaft kennen, als sie ihr bis dahin vertraut war. Vor diesem Hintergrund begann sie sich kritisch mit der herrschenden Theorie auseinanderzusetzen. Diese hielt - an Ricardo anknüpfend - dogmatisch an der Konstruktion einer stagnierenden Grenzproduktivität in der Landwirtschaft und einer agrarischen Überschussbevölkerung in Entwicklungsländern fest.
In ihren späteren Arbeiten in Afrika, wo sie zwischen 1964 und 1972 für verschiedene UN-Organisationen (u. a. UNIDO, FAO, ILO) als Beraterin tätig war, befasste sie sich mit Themen wie Industrialisierung, Migration, Familienstrukturen und Frauenarbeit. Vor dem Hintergrund ihrer konkreten empirischen Erfahrungen stellte sie in ihren theoretischen Überlegungen immer stärker die Wechselbeziehungen zwischen einem fortdauernden Bevölkerungswachstum, Veränderungen von Umwelt und Agrartechnologien, Eigentumsrechten und Sozialsystemen heraus. Mit unterschiedlichen gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten vertraut, suchte die Volkswirtin die allzu engen Grenzen ihrer Disziplin zu überwinden und ihre entwicklungstheoretischen Arbeiten verstärkt zu fokussieren auf "the interplay of economic and non-economic factors in the process of social change, viewing human societies as dynamic relationships between natural, economic, cultural and political structures, instead of trying to explain them within the framework of one or a few disciplines" (1999:7).
Von 1972 bis 1980 war sie Mitglied des damals von Jan Tinbergen geleiteten UN Committee of Development Planning. Während dieser Zeit prägte sie, mit ihren Interventionen für eine mit dem Status der Frauen verbundene Familienplanung und ihrer deutlichen Absage sowohl an neo-malthusianische Positionen als auch an die des Vatikans, die erste Bevölkerungskonferenz 1974 in Bukarest. Obwohl sich ihr 1970 erschienenes Buch zur ökonomischen Rolle der Frau nicht explizit mit Fruchtbarkeit und Bevölkerungsentwicklung befasste, stieß ihre These, dass die Bildung und der Status von Frauen auf die Familiengröße Einfluss habe, in Bukarest auf Interesse.
Nachdem Auszüge daraus 1971 in der Vierteljahreszeitschrift von USAID veröffentlicht worden waren, bildete diese Arbeit Boserups die Grundlage für das erste interregionale Expertentreffen innerhalb der UN, das sich 1972 mit der "Integration von Frauen in Entwicklung" befasste und die erste Weltfrauenkonferenz in Mexiko 1975 vorbereitete. Sie selbst lernte in diesem Zusammenhang Lateinamerika kennen; so folgte sie 1974-1975 einer Einladung des Colegio de México und nahm an der Weltfrauenkonferenz teil.
In den nächsten zwei Jahrzehnten blieb sie als Wissenschaftlerin, internationale Expertin und Gutachterin aktiv. Ihr Werk umfasst neben einigen Monographien (1965, 1970, 1981) zahlreiche Vorträge,
Interventionen und Gutachten. T. Paul Schutz hat daraus etliche 1990 zusammengestellt und herausgegeben. Sie selbst konnte noch kurz vor ihrem Tod am 24. September 1999 ein kleines Buch über ihren beruflichen Werdegang und ihre thematischen Schwerpunkte schreiben.

II.
In Opposition zum Mainstream
Es waren die für die vorherrschenden ökonomischen Entwicklungsheorien unerwarteten, nicht ohne weiteres erklärbaren Phänomene, die Ester Boserup anregten, über die Grenzen ihres Fachs hinauszugehen, Antworten bei anderen Disziplinen zu suchen und schließlich auch nach der Rolle der Frauen in der ökonomischen Entwicklung zu fragen. Dabei war es ihr wichtig, Entwicklung als einen langfristigen Prozess von Wechselbeziehungen zu denken.
Ihr Verständnis der longue durée von Entwicklung war von Anfang an verbunden mit profunden Kenntnissen der europäischen Geschichte allgemein und der Agrargeschichte im Besonderen. Die Entwicklungsexpertin galt als eine vehemente Verfechterin vergleichender Analysen, die insbesondere auch historische Entwicklungsprozesse in europäischen Ländern und aktuelle Entwicklungsverläufe einbezogen. Sie erteilte allen ökonomischen Modellen, die nur kurzfristige Prozesse abzubilden in der Lage sind, eine klare Absage. Gegen diese vertrat sie einen Denkansatz, den sie "informal model-building" nannte, und mit dem sie langfristige Strukturveränderungen zwischen Bevölkerung, Umwelt, Technologie, Beschäftigung, Familie und Kultur erfassen wollte. Dabei griff sie auf Fragen zurück, die in der Anthropologie und Sozialgeschichte bereits ausführlich untersucht wurden, wie etwa die Überlebenssicherung in nicht-monetären Produktionsformen. Boserups Leistung war es, Erkenntnisse aus anderen Disziplinen für ökonomische Analysen fruchtbar zu machen. Im Rahmen eines langfristigen Modells strukturellen Wandels und einer interdisziplinären Herangehensweise suchte sie die für das Verständnis von Entwicklungsprozessen wichtige Überwindung der Fixierung auf monetäre Transaktionen und die Ausgrenzung aller nicht direkt marktmäßigen Faktoren als exogene zu überwinden. Mit diesem von ihr schon früh vertretenen Denkansatz hat sie das Verständnis von ökonomischer Entwicklung ihrer Zeit herausgefordert und insbesondere in Fragen der Agrarentwicklung, des Bevölkerungswachstums und der Bedeutung des Status der Frauen zu einem Überdenken etablierter Positionen beigetragen.
Boserups erstes wichtiges Buch The Conditions of Agricultural Growth (1965) stellte eine deutliche Absage an die vorherrschende neo-malthusianische Position dar. Diese ging davon aus, dass die
Belastungsfähigkeit der Erde nahezu erschöpft sei und das ansteigende Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern zu einer Hungerkatastrophe führen müsse. Dagegen argumentierte sie, dass selbst wenn die landwirtschaftliche Produktivität mit dem Bevölkerungswachstum sinke, dies nicht zwingend zu einem Rückgang der Nahrungsmittelversorgung pro Kopf führen müsse, da einem solchen durch den Einsatz zusätzlicher, unbezahlter familiärer - insbesondere auch weiblicher - Arbeitskräfte in der
landwirtschaftlichen und nicht-landwirtschaftlichen Produktion vorgebeugt werden könne. In gewisser Weise suchte Boserup, Malthus vom Kopf auf die Füße zu stellen. Sie zeigte, wie Bevölkerungswachstum in vielen Fällen für technische Neuerungen verantwortlich ist und wie veränderte Formen der Landnutzung die Arbeitsproduktivität steigern können - dadurch, dass intensivere Landnutzungsmöglichkeiten, wie mehrere Ernten im Jahr durch Bewässerung, gesucht würden bzw. mehr Land bebaut würde.
Mit einer solchen Position gehörte Ester Boserup zu den harten Kritikern der Subventionierung der Agrarpreise in den westlichen Industrienationen. Besorgt, bisweilen polemisch, fragte sie, wer denn überhaupt Interesse an einer Modernisierung der Landwirtschaft in der Dritten Welt habe (Boserup 1968). Sie wies immer wieder darauf hin, dass in vielen Entwicklungsregionen das Problem weniger ein Mangel an Land als vielmehr der fehlende Zugang sowohl zu den Märkten im eigenen Land als auch im Norden sei. Sie machte deutlich, dass die neo-malthusianische Position eine massive Unterstützung der westlichen subventionierten Agrarexporte darstelle, die zur Zerstörung der lokalen Märkte für die Agrarproduktion in Entwicklungsländern führten, während andere Ursachen für Hungerkatastrophen (wie niedrige Einkommen, Krankheit, ethnische und militärische Konflikte) vernachlässigt würden.
"The aggressive US export policy received strong support from Neo-Malthusians, who expected soaring food prices and world hunger as result of the demographic transition because they ignored the spontaneous increase of agriculture intensity and improvements of land under population pressure. Moreover, they underestimated that part of the malnutrition in developing countries that is caused by low money wages or other incomes, debilitating illness, insufficient stocks of food to make up for poor harvests, ethnic and military conflicts, thus taking all malnutrition as a proof of land shortage" (1999:30).
In den fünfziger und sechziger Jahren, als in ökonomischen Entwicklungstheorien der Modernisierung der Landwirtschaft im Vergleich zur Industrialisierung wenig Priorität eingeräumt wurde, diskutierten Ökonomen, wie Entwicklungsinvestitionen in urbanen Zentren verbessert werden könnten, um das Versprechen einzulösen, produktive Beschäftigung für die überzähligen und angeblich unterbeschäftigten ländlichen Massen zu schaffen. Dagegen betonte Boserup die Notwendigkeit von Investitionen nicht allein in die Agrarproduktion selbst, sondern in ländliche Infrastruktur und Transportsysteme. Entgegen der neoklassischen Theorie, die ihrer Meinung nach keinen Platz für derartige Überlegungen hatte, plädierte sie schon früh für eine integrale ländliche Entwicklung. Sie wandte sich gegen eine Modernisierung auf Kosten der bäuerlichen Produzenten, die mit niedrigen Erzeugerpreisen und hohen Steuern an der Verbesserung der Produktionsbedingungen gehindert würden. Erst allmählich erkannten internationale Entwicklungsagenturen die Ineffizienz und die gegenteiligen Wirkungen, die durch die Verzerrung der Preisstrukturen und andere Benachteiligungen der landwirtschaftlichen Produzenten bei gleichzeitiger Subventionierung von Lebensmitteln für Verbraucher verursacht wurden.
Im Unterschied zu den in den achtziger und neunziger Jahren durch neoliberale Positionen populär gewordenen Forderungen nach Abschaffung aller regulierenden politischen Instrumente zielten Boserups Interventionen auf die Finanzierung von international kontrollierten Vorratslagern für Notfälle, konnte sich damit jedoch nicht durchsetzen.
Auch in ihrem zweiten Arbeitsfeld grenzte sie sich mit ihren Publikationen zum Thema Bevölkerungswachstum (vgl. 1972, 1981) von den konventionellen Positionen der Neo-Malthusianer ab. In zahlreichen Interventionen auf internationalen Kongressen wandte sie sich gegen die Vereinfachungen des gängigen demographischen Modells und mathematisierender Formeln und betonte die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Fruchtbarkeit, Familienstrukturen, Status der Frauen, Kultur und wirtschaftlicher Entwicklung sowohl in ländlichen als auch in städtischen Gebieten. Sie wandte sich dagegen, die hohe Geburtenrate in armen Entwicklungsländern in erster Linie dem Mangel an modernen Antikonzeptiva zuzuschreiben, und fragte statt dessen nach den Bedingungen und Gründen, die arme Menschen veranlassen, sich für mehr Kinder zu entscheiden, statt andere Zukunftsinvestitionen zu tätigen.
Über einen engen Zirkel internationaler Entwicklungsexperten hinaus bekannt wurde Ester Boserup vor allem durch ihr Buch Women's Role in Economic Development, das 1970 auf Englisch erschien, bald in verschiedene Sprachen übersetzt und inzwischen mehrfach neu aufgelegt wurde. 1982 erschien der Text auch in einem kleinen Verlag auf Deutsch. Er wurde nicht nur von der in den siebziger Jahren rasch wachsenden Zahl entwicklungspolitisch engagierter Studierender, viele von ihnen Frauen, interessiert aufgenommen, sondern trug wesentlich zur Entstehung einer Frauenpolitik in den internationalen Organisationen bei. Positiv für die Rezeption war sicherlich der Zeitpunkt, erschien das Buch doch in einem sowohl für Frauenfragen als auch für Entwicklungsfragen wichtigen Augenblick. 1969, am Ende der ersten Entwicklungsdekade, hatte der von der Weltbank in Auftrag gegebene Bericht der Kommission für Internationale Entwicklung unter Leitung des ehemaligen kanadischen Außenministers Lester Pearson die damaligen Entwicklungsstrategien einer kritischen Prüfung unterzogen - allerdings unberührt von jeglichem Nachdenken über das Verhältnis von Entwicklung und der Lage der Frauen. Ende der sechziger und zu Beginn der siebziger Jahre war vielerorts eine neue Frauenbewegung entstanden, die in den folgenden Jahrzehnten versuchte, auch auf die internationalen Institutionen Einfluss zu nehmen. Erstarkende Frauenbewegung und kritische Nachfragen an Entwicklungspolitik bildeten den Kontext, in dem nach der "unsichtbaren Frau" im Entwicklungsprozess gefragt wurde und Boserups Buch einen Neubeginn markierte.

Gegen Biologismus -
ein früher Gender-Ansatz
Innerhalb der internationalen Organisationen, die sich mit Entwicklungskonzepten befassten, stellte Boserup für eine Ökonomin ihrer Zeit ungewöhnliche Fragen nach den Wechselbeziehungen zwischen Familienstrukturen, geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und Ökonomie oder - anders formuliert - nach der Einbettung von Entwicklungsprozessen in Geschlechterordnungen. In der Aufarbeitung des damaligen Forschungsstandes und in ihren eigenen Untersuchungen wies sie nach, dass eine derartige Perspektive sowohl für das theoretische Verständnis von Modernisierungsprozessen als auch für die entwicklungspolitische Praxis relevant sei. Mit ihrem Ansatz brachte sie das, was heute als Geschlechterperspektive bezeichnet wird, in die entwicklungstheoretische und -politische Debatte ein.
In ihrem Ansatz wandte sie sich entschieden gegen die Betrachtung von Arbeitsteilung, ob in agrarischen oder städtischen, in unterentwickelten oder entwickelten Verhältnissen, als ein natürliches Phänomen, "in dem Sinne, dass sie sich auf offensichtliche und ursprüngliche Weise zwangsläufig aus den Unterschieden der Geschlechter ergibt" (1982:12). Aufgrund ihrer Vertrautheit mit unterschiedlichen kulturellen Kontexten wusste sie, dass Menschen überall ihre eigene Produktionsweise als natürliche begreifen, auch wenn sie im nächsten Dorf ganz anders strukturiert ist. "Während jedoch die Mitglieder irgendeiner Gemeinschaft glauben, dass [die Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen] sich seit Generationen wenig oder gar nicht verändert hat, können andere Gemeinschaften die Arbeitslast auf vollkommen andere Weise auf die Geschlechter verteilen und ebenfalls der Ansicht sein, genauso natürlich zu handeln" (ebd.).
Auf der Basis ethnologischer und historischer Untersuchungen sowie ihrer Beobachtungen von entwicklungspolitischen Interventionen kritisierte sie europäische Kolonialverwaltungen, Missionare, Siedler und technische Berater als blind gegenüber den Unterschieden in der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern und Generationen. Ja, sie konnte zeigen, dass diese vielerorts verantwortlich waren für die Verschlechterung des Status der Frauen, verdrängten sie diese doch aus landwirtschaftlichen und handwerklichen Bereichen, die in ihren Augen Domänen der Männer zu sein hatten. "Die Europäer zeigen wenig Sympathie für das weibliche System der Landbestellung, das sie in vielen ihrer Kolonien vorfanden, sowie in den unabhängigen Ländern, in denen sie sich ansiedelten. Für sie als Europäer war der Ackerbau natürlicherweise Männerangelegenheit, und sie hatten den festen Glauben, dass die Männer viel bessere Bauern abgeben würden als die Frauen, wenn sie nur ihre gewohnheitsmäßige Faulheit überwinden könnten" (ebd. 49).
Sie war eine der ersten, die die technischen Berater der EZ - lange Zeit ungehört - ermahnte, moderne landwirtschaftlichen Techniken nicht nur an Männer, sondern auch an Frauen zu vermitteln.
Ihre Unterscheidung männlicher und weiblicher Systeme der Landbestellung half sowohl biologistische Zuschreibungen als auch koloniale und entwicklungspolitische Konstruktionen zu hinterfragen und soziale und materielle Bedingungen für die Konstituierung sozialer und ethnischer Hierarchien und Geschlechterordnungen sichtbar zu machen. Zwei Muster kristallisierten sich in der Landwirtschaft für sie heraus. "In den meisten afrikanischen und einigen südostasiatischen Ländern (Thailand, Kambodscha) beteiligt sich ein hoher Prozentsatz von Frauen an der Landarbeit, und es gibt sehr wenig Lohnarbeit in der Landwirtschaft; im Gegensatz dazu beteiligen sich in vielen arabischen und lateinamerikanischen Ländern wenig Frauen, während Lohnarbeiter einen hohen Anteil der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte stellen" (ebd. 24). Mögen einige der regionalen Zuschreibungen heute aufgrund detaillierterer Daten differenzierter betrachtet werden, so bleibt doch unbestritten, dass unterschiedliche Techniken (Wanderfeldbau, Pfluganbau), der Grad sozialer Segmentierung (Existenz landloser Arbeitskräfte, Kasten, ethnisch begründete Ausgrenzungen), aber auch die Einführung von exportorientierten Marktfrüchten (Cash crops) die Bedingungen für die Herausbildung und Veränderung geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung prägen.
Die "Polarisierung der Geschlechterrollen" machte Boserup auch außerhalb der Landwirtschaft deutlich, wie etwa im traditionellen Handel, der in einigen Gesellschaften, wie bei den westafrikanischen Yoruba, in den Händen von Frauen liegen kann. Diese Polarisierung sah sie auch durch Modernisierung der Erwerbsbeziehungen und durch Urbanisierung keineswegs aufgehoben, sondern immer wieder hergestellt.
Wohl wissend, dass sie sich eines kontroversen Themas bemächtigte, setzte sie darauf, über solide, empirisch fundierte Studien und auf Basis offizieller Statistiken die ökonomische Rolle der Frau deutlich zu machen. Was sie vorfand, waren jedoch meist nur in ihrer Aussagekraft lokal begrenzte Fallstudien und kaum nationale oder regionale Daten. Als Pionierin erstellte sie die erste systematische, international vergleichende Untersuchung zu diesem Thema und gab zugleich wichtige Anregungen für die Entwicklung sozialer Indikatoren, wie sie sehr viel später vom UN Development Program (UNDP) für den Human Development Report weiter entwickelt wurden. Noch vor der ersten Weltfrauenkonferenz, die einen gravierenden Mangel an geschlechtsspezifischen Daten feststellen musste, suchte Boserup die statistischen Grundlagen zu verbessern und nicht erfasste, aber für das Überleben wesentliche Arbeitsbereiche sichtbar und messbar zu machen. Dabei machte sie nicht nur durch die kritische Aufarbeitung und Auswertung bestehender Daten sowie durch eigene Erhebungen die Mängel der Statistiken deutlich. Auf Basis der von ihr bearbeiteten Daten und durch die Einbeziehung nicht-monetärer Produktionsbereiche wurde es auch möglich, die wirtschaftlichen Leistungen der "unsichtbaren Frau" sichtbar zu machen - und zwar sowohl in der afrikanischen Subsistenzlandwirtschaft wie in nicht-landwirtschaftlichen Tätigkeiten, welche sie "bazaar and service sector" nannte. Dieser wurde damals in der herrschenden Vorstellung noch nicht als Produktionssektor, sondern als Ausdruck von Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung und Unterentwicklung verstanden. Es war Ester Boserup, die - noch bevor die International Labour Organisation (ILO) den informellen Sektor thematisierte - zeigen konnte, dass hier lebensnotwendige Güter und Dienstleistungen mit Hilfe vorindustrieller Techniken für den Bedarf der unteren Einkommensschichten produziert werden. Sie machte damit auch deutlich, wie groß die Masse der arbeitenden Armen war.
In ihrer Hoffnung, über Modernisierung eine Gleichheit zwischen den Geschlechtern erreichen zu können, blieb sie nüchtern. Sie sah durchaus, dass gleiche Bildungschancen sich nicht unmittelbar in
eine Angleichung der Arbeitsmarkt- und
Berufsmöglichkeiten von Frauen und Männern übersetzen ließen. Ihr war bewusst, dass Lohn- und Gehaltsunterschiede nicht nur Produktivitätsdifferenzen widerspiegeln, sondern Differenzen im Status, die insbesondere durch Geschlecht und Ethnie bestimmt sind sowie durch die Möglichkeiten, sich zu organisieren, um verbesserte Arbeitsbedingungen und Einkommen zu erstreiten. Zugleich machte sie sich keine Illusionen, dass Klasse und Stand bzw. die Zugehörigkeit zur richtigen Familie Frauen gerade in Entwicklungsländern in hohe Positionen bringen können, ohne dass dies die Situation der Frauen verbessern würde. Ihre Fragen an den Status der Frau gingen weiter und umfassten durchaus die hierarchische Beziehung der Geschlechter - auch wenn damals der Begriff Gender in diesem Zusammenhang noch unbekannt war.

III.
Vielfältige Denkanstöße
Aus heutiger Zeit bleibt wichtig, dass Boserup nicht nur die nach kulturellen Kontexten unterschiedliche Erwerbsbeteiligung von Frauen in Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistungsbereichen thematisierte, sondern auch die Nichtberücksichtigung vielfältiger Arbeiten von Frauen in der Landwirtschaft und in anderen familiären Produktionsbereichen. Weibliche Arbeitskräfte, die einen wichtigen ökonomischen Beitrag leisten, verschwinden leicht - weil unbezahlt - aus der Erwerbsstatistik, gelten sie doch lediglich als Hausfrauen bzw. als nicht erwerbstätig. Auf Basis der damals äußerst begrenzten Datenbasis, deren Mängel Ester Boserup herausarbeitete, gelang es ihr, regionale geschlechtsspezifische Unterschiede in Migration, Arbeitsteilung und Familienstrukturen deutlich zu machen. Damit regte sie eine ganze Generation von Wissenschaftlerinnen an, sich mit Frauenarbeiten und geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung in unterschiedlichen Weltregionen zu befassen, und trug dazu bei, dass internationale Organisationen Forschungsmittel bereitstellten.
In den letzten Jahren belegen die Beiträge feministischer Ökonominnen über die Bedeutung der Geschlechterverhältnisse für die Entwicklungstheorie und die Kritik am männlichen Bias neoklassischer und strukturalistischer Ansätze die Aktualität ihrer Fragen und Konzepte.
Dafür, dass ihre Arbeit nicht wirklich zur Bildung einer Denkschule in diesem Bereich geführt hat, können verschiedene Gründe benannt werden. Einer ist sicherlich, dass sie zwar einige Monographien hinterlassen hat, die Mehrzahl ihrer Arbeiten jedoch als Vorträge, Konferenz-Interventionen, Gutachten und Aufsätze nicht leicht zugänglich sind. Doch andere Ursachen wiegen schwerer. In der Behandlung vieler Fragen war sie ihrer Zeit voraus. Den Entwicklungsökonomen war die Frau aus Dänemark zu interdisziplinär und zu ketzerisch. Späteren linken und feministischen Positionen in der Entwicklungsforschung war die Ökonomin zu sehr der Modernisierungstheorie verhaftet. Und ihre institutionalistischen Ansätze wurden weder von Mainstream-Ökonomen noch von Feministinnen gewürdigt.
Schließlich hatte Boserups politisch sicherlich wirksamstes Buch über die ökonomische Rolle der Frau frauenpolitisch durchaus widersprüchliche Konsequenzen. Das UN-Frauensekretariat begründete damit die Veränderung des Fokus seiner Arbeit, die bis dahin wesentlich auf die Herstellung gleicher Rechte abgezielt hatte. Von diesem Thema wandte das Sekretariat sich in den siebziger Jahren ab und suchte über damals populärere Themen, wie die Integration der Frau in die wirtschaftliche Entwicklung und die Familienplanung, Gehör in der internationalen Politik zu finden. Diese Strategie wurde jedoch in den neunziger Jahren kritisiert; hatte sie doch gerade aus den armen Frauen Bittstellerinnen gemacht und zur Funktionalisierung von Frauenarbeit in der Entwicklungspolitik beigetragen. Die internationale Frauenpolitik machte in den neunziger Jahren - insbesondere auf der Wiener Menschenrechtskonferenz im Jahr 1993 - deutlich, dass Frauenrechte Menschenrechte sind.
Die Rückbesinnung auf Recht steht jedoch in keiner Weise im Gegensatz zu Boserups Denken und Handeln. Sie wandte sich gegen beliebte Vorstellungen von Harmonie und Kooperation der Geschlechter in traditionellen Gesellschaften und gegen die Polemik vieler ihrer Kollegen, die in Frauenrechten lediglich Forderungen nach Vorrechten und mechanisches Gleichheitsdenken erkennen wollten. Auch wenn wir heute mehr konkretes Wissen über allgemeine und spezielle Zusammenhänge haben und über elaboriertere Begrifflichkeiten und Theoreme verfügen, ist es doch lohnend, die Arbeiten von Boserup vor dem Hintergrund alter und neuer Probleme wieder zu lesen. Dies gilt besonders deshalb, weil es ihr im Kern darum ging, die theoretische Orientierung am gesellschaftlichen Institutionalismus zu verbinden mit Erkenntnissen der Frauen- und Geschlechterforschung. Dieses Anliegen, für sie immer auch ein politisches, besitzt nach wie vor Aktualität.
Gewürdigt wird derzeit ihre Person und ihr Werk in einer Gedenkvorlesung, die von UNDP veranstaltet wird (vgl. UNDP 2000).
Schriften von Ester Boserup
(1936): Nogle centrale økonomiske spørgsmål i lys af den marxistiske teori (Einige zentrale ökonomische Fragen im Licht der marxistischen Theorie), in: Nationaløkonomisk tidskrift, Vol. 75, 421-435
(1965): The Conditions of Agricultural Growth. The Economics of Agrarian Change under Population Pressure. London, Allen & Unwin
(1968): Surpluses in the Third World - Who Wants Them? in: Ceres, FAO Review, Vol. 1, Nr. 5, 19-22
(1970): Women's Role in Economic Development. London, Allen & Unwin (dt. 1982: Die ökonomische Rolle der Frau in Afrika, Asien, Lateinamerika. Stuttgart, es.co.edition cordeliers)
(mit Ignacy Sachs, 1971): Foreign Aid to Newly Independent Countries. Paris, European Coordination Centre for Research and Documentation in Social Sciences and Mouton & Co.
(1972): Population Change and Economic Development in Africa. Leiden, Africa-Studiencentrum
(1981): Population and Technological Change. Chicago, Blackwell
(1990): Economic and Demographic Relationships in Development. Essays Selected and Introduced by T. Paul Schultz. Baltimore/London, Johns Hopkins University Press
(1999): My Professional Life and Publications 1929-1998. Copenhagen, Museum Tusculanum Press, University of Copenhagen
Über Ester Boserup
UNDP (2000): Ester Boserup Memorial Lecture:
Women, Family and Human Development.
http://www.undp.org.in/REPORT/esther.htm
Dr. Marianne Braig ist Hochschuldozentin an der Universität Frankfurt (Main) am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, Institut für vergleichende Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen.
mariannebraig@hotmail.com

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