E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 02, Februar 1999,
S. 32-33)

Ziviler Friedensdienst
Eine neue Aufgabe für den DED
Jürgen Wilhelm

In der Koalitionsvereinbarung der Parteien für die neue Bundesregierung
ist die Rede vom "Aufbau einer Infrastruktur zur Krisenprävention
und zivilen Konfliktbearbeitung" und in diesem Zusammenhang auch von
einem "zivilen Friedensdienst". Ministerin Wieczorek-Zeul hat
deutlich gemacht, daß sie hier ein wichtiges Aufgabenfeld für
das BMZ sieht, dessen Politik sie vor allem als Friedenspolitik definiert.
Diskussionen über einen Zivilen Friedensdienst sind seit Jahren im
staatlichen wie im nichtstaatlichen Raum geführt worden. DED-Geschäftsführer
Jürgen Wilhelm meldet hier den Anspruch des DED an, einen solchen Dienst
zu organisieren.
"Entwicklungspolitik ist Friedenspolitik" - diese von Willy
Brandt geprägte Formel soll das Leitbild der Entwicklungspolitik in
der neuen Legislaturperiode sein. In prominenter Weise ist dies an verschiedenen
Stellen im rot-grünen Koalitionsvertrag formuliert worden, und die
neue BMZ-Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul hat sich mehrfach in dieser
Richtung geäußert. Auch wenn dies keinen radikalen Schwenk oder
Paradigmenwechsel in der Ausrichtung der deutschen EZ bedeutet, soll doch
die friedenspolitische Aufgabe der deutschen EZ durch die Einrichtung eines
"Zivilen Friedensdienstes" (ZFD) stärker als bisher betont
werden.
Der Erfolg von EZ ist immer dort besonders gefährdet, wo innergesellschaftliche
Konflikte gewaltsam ausgetragen werden. Traditionell sind hier sowohl staatliche
als auch nichtstaatliche EZ-Organisationen in der Nothilfe, der humanitären
und der Flüchtlingshilfe tätig. Die dafür weltweit zur Verfügung
gestellten Mittel sind seit 1980 von 2% auf ca. 10% der öffentlichen
Entwicklungshilfeleistungen angestiegen. Naturkatastrophen und gewaltsam
ausgetragene Konflikte absorbieren damit in einem erschreckend hohen Ausmaß
Mittel, die dann für die Armutsbekämpfung sowie die Förderung
nachhaltiger und strukturell wirksamer Entwicklung nicht mehr zur Verfügung
stehen.

Alternativen zum Militäreinsatz
Angesichts der gewaltsamen, militärisch ausgetragenen Konflikte
im ehemaligen Jugoslawien und in Ruanda, denen Hunderttausende Menschen
zum Opfer fielen, ist in Deutschland die - insbesondere in kirchlichen Gruppen
- bereits langjährig geführte Diskussion über die Einrichtung
eines sogenannten "Zivilen Friedensdienstes" erheblich intensiviert
worden. Grundlegend dafür war die Überzeugung, daß militärische
Interventionen (z. B. Einsätze der NATO "out of area") keine
friedensfördernde Konfliktlösung darstellen, sondern vielmehr
die Zahl der Opfer erhöhen. Innerhalb der SPD wurde z. B. als Alternative
zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr die Einrichtung eines "Friedenskorps"
diskutiert. Alle Vorschläge gehen von der gemeinsamen Überzeugung
aus, daß es in erster Linie darum gehen muß, präventiv
wirksame, alternative zivile Hilfs- und Interventionsinstrumente zu entwickeln1.
Zum Thema "Konfliktprävention - Ziviler Friedensdienst"
hat der Ausschuß für wirtschaftliche Zusammenarbeit (AwZ) des
Deutschen Bundestages auf Initiative einer parteiübergreifenden Arbeitsgruppe
im November 1997 eine öffentliche Anhörung durchgeführt.
Als sachverständige Institution war daran auch der Deutsche Entwicklungsdienst
(DED) beteiligt. Im Anschluß an die Anhörung wurde von SPD-Bundestagsabgeordneten
ein Beschlußantrag zur Einrichtung eines Zivilen Friedensdienstes
und zur Durchführung eines Pilotprojekts in Bosnien-Herzegowina formuliert,
der jedoch von der Mehrheit des damaligen Ausschusses abgelehnt wurde. Diese
Ablehnung erfolgte, obwohl ein grundsätzlicher parteiübergreifender
Konsens über die Bedeutung des Themas vorhanden war. Ein Teilbereich
des Vorhabens, die Durchführung eines Ausbildungskurses "Zivile
Konfliktbearbeitung", wurde dann schließlich von der rot-grünen
Landesregierung von Nordrhein-Westfalen im Rahmen eines befristeten Modellprojekts
gefördert.
Die neue BMZ-Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul hat nun gleich zu Beginn
ihrer Amtszeit das Thema "Ziviler Friedensdienst" (ZFD) mit großem
Engagement wiederaufgegriffen. In all ihren öffentlichen Äußerungen
wird der ZFD prominent erwähnt. Dabei hat sie stets betont, daß
aus der Sicht der staatlichen EZ dem DED zur Realisierung eines ZFD eine
wichtige Rolle zukommt. Der DED als größter deutscher Personalentsendedienst
ist bereit, diese Herausforderung in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft
der Dienste (AGdD) sowie den auf diesem Gebiet bereits tätigen NROs
zu übernehmen.
Die Überlegungen innerhalb des DED zu diesem Engagement bewegen
sich in folgendem Rahmen: Erstens sieht der DED für seine Betätigung
eine regionale Begrenzung auf die Gruppe der Entwicklungsländer, für
die sein Mandat gilt, und zweitens wird der DED die neue Aufgabe des Zivilen
Friedensdienstes professionell wahrnehmen und die zu entsendenden Helfer
entsprechend darauf vorbereiten. Dabei ist zu prüfen, inwieweit das
Entwicklungshelfergesetz entsprechend novelliert werden müßte.
Mit diesem Selbstverständnis als entwicklungsbezogener Friedensfachdienst
knüpft der DED an seine langjährige Erfahrung als Personalentsendedienst
an. Deutlich werden soll aber auch, daß der DED dem Subsidiaritätsprinzip
folgend in keiner Weise in Konkurrenz zu bestehenden Friedens- und sozialen
Lerndiensten treten will. Im Gegenteil: Der DED wird bestrebt sein, mit
anderen Akteuren, etwa den Friedens- und Konfliktforschungsinstituten sowie
den auf dem Gebiet der Konfliktbearbeitung ausgewiesenen Ausbildungseinrichtungen
eng zusammen zu arbeiten.

Aufgaben eines
entwicklungsbezogenen ZFD
Bei der Bestimmung des Aufgabenfeldes eines ZFD sind konzeptionelle,
institutionelle und regionale Aspekte zu beachten. Konzeptionell ist zunächst
Vorsicht geboten, damit ZFD weder zur Allerweltsvokabel der Entwicklungszusammenarbeit
mutiert noch die an ihn gestellten Erwartungen zu hoch geschraubt werden.
Zur Zeit verbinden sich mit dem Begriff ZFD noch durchaus unterschiedliche
Zielsetzungen und Konzeptionen, die nicht klar gegeneinander abgrenzbar
sind. Ein Indiz dafür sind Begriffe wie "zivile" oder "konstruktive
Konfliktbearbeitung", die im Kontext eines ZFD gebraucht werden.
Institutionell zeigen sich Unterschiede in erster Linie zwischen den
etablierten EZ-Institutionen und den Friedensforschungseinrichtungen und
Friedensinitiativen, die sich u. a. in der "Aktionsgemeinschaft Dienst
für den Frieden" (AGDF) und der "Plattform Zivile Konfliktbearbeitung"
zusammengeschlossen haben.
Schließlich wird es notwendig sein, sich auf eine regionale Abgrenzung
zu einigen, die dem Handlungsfeld des BMZ entspricht. Auch bei einer solchen
Abgrenzung bedarf es jedoch einer klaren Abstimmung mit der Außen-
und Sicherheitspolitik. Denn im Auswärtigen Amt werden von Staatsminister
Ludger Volmer zur Zeit Überlegungen angestellt, nach dem Vorbild Kanadas
oder einiger skandinavischer Staaten nichtmilitärische "stand-by
forces" für den Einsatz im Rahmen eines UN- oder OSZE-Mandats
einzurichten.

Das Mandat des ZFD
Die Gleichsetzung "Entwicklungspolitik ist Friedenspolitik"
ist zwar auf der politischen Meta-Ebene stimmig, jedoch ist es notwendig,
die Aufgaben eines ZFD deutlich von den Maßnahmen der herkömmlichen
EZ abzugrenzen und ein klares Mandat zu definieren, um den eigenen Charakter
des ZFD zu begründen. Das Maßnahmenbündel der Armutsbekämpfung,
die Förderung von Demokratie und Menschenrechten sowie die Stärkung
der Zivilgesellschaft sind wichtige Ziele der EZ. Akteure sind auf diesem
Gebiet in erster Linie die politischen Stiftungen, die kirchlichen Hilfswerke
und die NROs. Aus der Perspektive eines ZFD handelt es sich dabei um flankierende
und komplementäre Maßnahmen, die als genuine EZ-Programme notwendige
Voraussetzungen für das Handlungsfeld des ZFD schaffen. Zu den spezifischen
Aufgaben eines ZFD gehören jedoch eigenständige, weitergehende
Maßnahmen, die auch neue Qualifikationsanforderungen an die eingesetzten
Personen stellen.
Das mögliche Aufgabenspektrum eines ZFD bewegt sich grundsätzlich
innerhalb der drei Phasen Konfliktprävention, Konfliktintervention
und Konfliktnachsorge. In der Charta der "Plattform Zivile Konfliktbearbeitung"
werden fünf Bereiche unterschieden:
1. Krisen- und Gewaltprävention;
2. Deeskalationsbemühungen;
3. Aufbau- und Versöhnungsarbeit;
4. Stärkung der Konfliktfähigkeit benachteiligter Gruppen;
5. die Verbreitung von demokratischer Streitkultur und die Entwicklung
einer interkulturellen Handlungskompetenz bei Konflikten zwischen Gruppen.
Erfahrungen der deutschen EZ gibt es in der Nothilfearbeit (z. B. bei
Demobilisierungsmaßnahmen nach Bürgerkriegen) und auf einigen
Gebieten der Konfliktprävention. In der Augustausgabe von E+Z (1998:8)
hat Michael Bohnet in seinen "Überlegungen zur Zukunft der Entwicklungspolitik"
zwei Ansatzpunkte der Krisenprävention benannt: "den Abbau von
Konfliktursachen" und "die Förderung gesellschaftlicher Mechanismen
zur gewaltfreien Konfliktlösung". Hier befinden sich wesentliche
Schnittmengen der Entwicklungszusammenarbeit mit einem Zivilen Friedensdienst.

Institutionelle und fachliche
Voraussetzungen
Aus der langjährigen Erfahrung der deutschen EZ und insbesondere
des DED lassen sich einige Bedingungen für eine wirksame Umsetzung
eines ZFD benennen: Von einem ZFD entsandte "Friedensfachkräfte"
können grundsätzlich nur bereits bestehende, von Partnerorganisationen
initiierte und durchgeführte Maßnahmen und Prozesse unterstützen.
Die Kooperation mit Partnern, insbesondere auf der lokalen Ebene, bildet
damit die conditio sine qua non einer Tätigkeit des ZFD. Ein
weiterer entscheidender Faktor, der die Handlungsfähigkeit wesentlich
bestimmt, ist die institutionelle Präsenz im Lande. Dies belegen nicht
nur die guten Erfahrungen des DED mit seinen Gastlandbüros, sondern
es zeigen auch die bisherigen Aktivitäten im Rahmen von Friedenseinsätzen,
daß die guten Dienste und die persönlichen Kontakte eines Büros
"vor Ort" äußerst hilfreich sind. Zudem garantiert
ein Rahmenabkommen mit der jeweiligen Regierung des Gastlandes die Handlungsmöglichkeiten
des DED. Nicht vernachlässigt werden darf auch die persönliche
Sicherheit der entsandten Friedenshelfer, die am besten durch ein professionell
geführtes Gastlandbüro - natürlich in enger Abstimmung mit
der deutschen Botschaft - garantiert werden kann.

Ein neues Gebiet: Konfliktbearbeitung
Ein neues Arbeitsfeld stellt dagegen die akute Konfliktbearbeitung dar.
Hier hat der DED bereits Neuland betreten durch die Entsendung von drei
Entwicklungshelfern in den Nordsudan. In einem gemeinsam von UNDP und der
Deutschen Welthungerhilfe geförderten Projekt unterstützen diese
in sogenannten Friedensinseln, über deren Einrichtung sich die Konfliktparteien
verständigt haben, Konfliktbearbeitungsprozesse auf lokaler Ebene.
Derartige innovative Projekte können richtungweisend für die Ausgestaltung
eines künftigen ZFD sein. Wesentlich sind hier zwei Merkmale: zum einen
das Handlungsfeld der lokalen Ebene und zum anderen die enge Kooperation
mit anderen Akteuren. Zusätzlich zu den eigenen wird der DED die bei
einigen Friedensforschungseinrichtungen bereits angesammelte Expertise nutzen
und eng mit diesen zusammenarbeiten. Dies betrifft insbesondere die Entwicklung
situationsgerechter Ausbildungscurricula.

Auswahl und Vorbereitung
Der DED verfügt über eine fast 35jährige Erfahrung bei
der Auswahl von Entwicklungshelfern sowie eine qualifizierte personelle
Infrastruktur für die umfassende Vorbereitung auf die Tätigkeit
in Entwicklungsländern. Darauf kann der DED aufbauen, um ein auf die
Bedürfnisse eines Zivilen Friedensdienstes ausgerichtetes Qualifikations-
profil zu entwickeln. Neben den in der EZ bekannten Verfahren und Methoden
muß das Ausbildungscurriculum erheblich auf neue Themenfelder ausgeweitet
werden. Hier liegen bereits Erfahrungen vor, z. B. im Pilotvorhaben in Nordrhein-Westfalen.
Als weiteres Element muß sicherlich ein verstärktes kontinuierliche
Monitoring eingeführt werden, das noch um den Aspekt der Supervison
ergänzt werden muß, um den im Rahmen des ZFD tätigen Personen
persönliche Unterstützung zu garantieren. Bereits seit einigen
Jahren ist das Thema "Umgang mit Gewalt" Bestandteil der DED-Vorbereitung.

Ein neues
friedenspolitisches Profil der EZ
Die Maßnahmen eines ZFD dürfen jedoch nicht isoliert erfolgen,
sondern müssen auch mit einer veränderten Länderkonzeption
des BMZ für die betreffenden Länder verbunden werden, die sich
auf das neue friedenspolitische Profil der EZ ausrichtet. Dazu gehören
dann auch stärkere Bemühungen, gesellschaftliche Konfliktpotentiale
in Entwicklungsländern zu identifizieren und zu analysieren2 und kontinuierlich
zu beobachten. Schließlich kann eine deutsche EZ mit einem deutlichen
friedenspolitischen Profil, wie es von der neuen BMZ-Leitung stets betont
wird, nur dann wirksam tätig werden, wenn es gelingt, ein höheres
Maß der Koordinierung der deutschen EZ-Institutionen einschließlich
der politischen Stiftungen, der kirchlichen Hilfswerke und der NROs in dem
jeweiligen Entwicklungsland herzustellen.
Insgesamt kann deshalb festgestellt werden, daß die Ergänzung
der klassischen Projekt- und Programmpolitik der Bundesregierung um den
Sektor "Ziviler Friedensdienst" eine sinnvolle Bereicherung der
Entwicklungspolitik darstellt. Für professionelle Organisationen im
Gastland, aber auch, um eine möglichst hohe Akzeptanz des neuen Politikfeldes
im Gastland zu erreichen, bedarf es bei der Umsetzung vor allem der bewährten
Personaldienste der EZ.
1) Vgl. u. a. Thomas Wissing: Mögliche Beiträge
der EZ zur Krisenprävention. Berlin, DIE, 8/1995 / GTZ: Technische
Zusammenarbeit im Kontext von Krisen, Konflikten und Katastrophen, EON-Arbeitspapier
Nr. 3, Krisenprävention und Konfliktbearbeitung. Eschborn August 1998
/ Damaris Köhler: Katastrophenhilfe als Aufgabe für den Deutschen
Entwicklungsdienst. Berlin 1996 / Arbeitsgemeinschaft der Dienste (AGdD):
Dem Frieden verpflichtet. Köln, AGEH 1997
2) Vgl. dazu die im Auftrag des BMZ erarbeitete Studie von Angelika Spelten:
Krisenanalyse in der Entwicklungszusammenarbeit. Bonn 1998
Dr. Jürgen Wilhelm ist Geschäftsführer des Deutschen
Entwicklungsdienstes (DED); der Autor dankt Herrn Dr. Volker Kasch (DED)
für wertvolle Hinweise.

E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit,
herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE)
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