E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 02, Februar 1999,
S. 36-38)

Eine "nichtliberale" Demokratie
Rußlands zögernder Weg in die politische Moderne
Mária Huber

In Rußland ist nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems keine
Demokratie entstanden, sondern ein autokratisches System, in welchem die
Rechtssicherheit der Bürger nicht gewährleistet ist - mit einem
gewählten Herrscher, der gegen das gewählte Parlament regiert.
Mária Huber nennt das eine "illiberal democracy", sieht
aber als Alternative auf absehbare Zeit nur den völligen Zerfall der
staatlichen Zentralmacht. "Die neue Machtelite", so sagt Grigorij
Jawlinskij, "ist weder demokratisch noch kommunistisch - sie ist lediglich
unersättlich habgierig."
Rußlands wiederkehrende Finanz- und Verfassungskrisen, der moribunde
Präsident und seine bankrotte Regierung widerlegen das optimistische
Bild, das sich der Westen jahrelang von der Zukunft der früheren Großmacht
zurechtlegte. Mit dem nahenden Ende der Jelzin-Ära nehmen die besorgten
Fragen zu: Ist die russische Demokratie stabil? Oder droht die Rückkehr
zur Diktatur?
Die Antwort auf diese Frage erwartet die westliche Öffentlichkeit
nur bedingt von den Parlamentswahlen, die für Dezember 1999 vorgesehen
sind, beziehungsweise von der Präsidentenwahl, die spätestens
Mitte 2000 stattfinden soll. Unberechenbare Ereignisse und Entscheidungen
können diesen Zeitplan nicht nur ändern, sondern völlig obsolet
werden lassen.
Symptomatisch für die politische Lage war die Stimmung nach der
Ermordung von Galina Starowojtowa im November 1998. Die Duma-Abgeordnete,
die oft vor extremistischen Bewegungen warnte, erhielt mehrere Morddrohungen,
bevor sie in St. Petersburg von den Schüssen tödlich getroffen
wurde. Sie stand im Ruf, die konsequenteste Verteidigerin der Demokratie
und der Menschenrechte zu sein. Folglich fürchteten nach ihrer Beseitigung
nicht nur ihre Mitstreiter, sondern auch Premier Jewgenij Primakow den "Weg
zum Faschismus", zumindest aber eine "Notstandssituation"
im Lande.
Das "Abgleiten in den Faschismus" könne weder eine starke
Hand noch eine Medien-Kampagne verhindern, wenn nicht in kürzester
Zeit die "Lumpenisierung" der Bevölkerung und die Kriminalisierung
der Politiker zum Stillstand gebracht würden, prophezeite Wjatscheslaw
Kostikow. Der frühere Sprecher des Präsidenten riskierte sogar
gegenüber den Radikaldemokraten - die wegen der Duldung antisemitischer
Ausfälle die Kommunistische Partei verbieten wollten - die These: Die
zentristischen Kräfte, die sich gerade formieren, könnten nur
in Zusammenarbeit mit dem gemäßigten Flügel der KP einen
faschistischen Putsch verhindern.
Dieses "positive Szenario" bestätigt die Voraussage von
Alexander Rahr im GUS-Barometer der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige
Politik, wonach der nächste russische Präsident kein überzeugter
Reformer, geschweige denn ein Demokrat sein werde. Das Gefahrenpotential,
worauf sich jedoch Bonn kaum so pragmatisch einstellen kann wie auf einen
Staatschef, der mit antiwestlichen Tönen auf Stimmenfang ging, besteht
allerdings nach James Billington, dem früheren Direktor des Woodrow
Wilson Center in Washington, darin, daß Massenproteste in Rußland
einen Politiker wie den serbischen Präsidenten Slobo- dan Milosevic
an die Macht bringen könnten - nur mit dem Unterschied, daß er
über Massenvernichtungswaffen verfügen würde.
Hinter diesen realen Befürchtungen für Rußland im 21.
Jahrhundert steht die Prognose von zwei unterschiedlichen Tendenzen in der
Entwicklung:
Die erste ist die "Tendenz zum Zerfall der staatlichen Zentralmacht"
(A. Rahr), bedingt durch den drohenden Staatsbankrott und den Autoritätsverlust
des Präsidenten. Der renommierte russische Publizist Boris Kagarlitzkij
sieht dabei nicht einmal eine Chance, durch adäquate Strategien das
Staatswesen Rußland zu erhalten.
Die zweite Entwicklungslinie in Rußland führt - ähnlich
wie in etwa der Hälfte der sich demokratisierenden Transformationsländer
der dritten und vierten Welle - zur Herausbildung einer nichtliberalen Demokratie
(illiberal democracy). Im Gegensatz zum konstitutionellen Liberalismus
in Westeuropa und den USA stehen hier die Bürger- und Eigentumsrechte
auf unsicherem Fundament. Der Weg zu einem Rechtsstaat ist lang - und keineswegs
sicher.

Rußlands nichtliberale Demokratie
Die Partizipation der Bevölkerung an der Politik bleibt auf den
Urnengang beschränkt. Die lokale Selbstverwaltung ist unterentwickelt
und unerwünscht. Inhalte und Ziele der Regierungstätigkeit handeln
die Oligarchen unter sich aus. Für Gemeinwesen und Gemeinwohl zeigen
sie kein Interesse. Die persönliche Bereicherung ist Motor und Maßstab
des Machtkampfes.
"Die neue russische Machtelite ist weder demokratisch noch kommunistisch,
weder konservativ noch liberal - sie ist lediglich unersättlich habgierig".
Dieser Charakterisierung der politischen Klasse durch den Führer der
liberalen Opposition, Grigorij Jawlinskij, lassen sich zahlreiche Nuancen
zufügen. Ihre "Korruptionsanfälligkeit" und "Unreife"
(Claude Frioux) klingen dabei noch wie subjektive Fehler, die der Annäherung
an einen Marktkapitalismus nicht unbedingt im Wege stehen müssen. Doch
zu dieser Annäherung kann es nicht kommen, weil die Räuber-Barone,
statt ökonomische und soziale Probleme zu lösen, einen "kriminellen
Staat" errichtet haben. George Soros und Alexander Solschenizyn unterscheiden
sich kaum in der Aussage, daß die Privatisierung nicht viel anderes
war als der massenhafte Raub des nationalen Eigentums.
Den Räuber-Baronen ist es sodann gelungen, demokratische Wahlen
zu instrumentalisieren, schreibt Jawlinskij, Fraktionschef der sozialen
Jabloko-Partei im Unterhaus, der Staatsduma. Die Wahlen sind nichts als
eine teure Fassade. Die Oligarchie demonstriert damit ihre Macht. Der Unterschied
zum kommunistischen System ist insofern nur als graduell und nicht als qualitativ
zu betrachten, als die Wahlen nicht zum Machtwechsel dienen, sondern zur
Manipulation der schweigenden Mehrheit.
Während Wahlkampfkosten und Wahlkampftricks in Rußland im
Vergleich mit den USA sich durchaus sehen lassen können, ist das institutionelle
System des Machtgleichgewichts und der Machtkontrolle völlig unterentwickelt.
Das Land bleibt dem Zugriff einer kommerziell engagierten Exekutive ausgeliefert,
obwohl in der Staatsduma demagogische Debatten allmählich legislativer
Arbeit Platz machen und die Abgeordneten eine gewisse Professionalität
gewonnen haben.
Boris Jelzin und sein mächtiger Präsidialapparat neigen aber
immer noch dazu, die Duma soweit wie möglich zu übergehen. Die
autoritäre Anmaßung des Parlamentsfeindes Jelzin findet bis heute
die Billigung westlicher Berater und Beobachter. In diesem Kreis gehört
es zum guten Ton, von der Obstruktionspolitik der Duma zu sprechen, also
den Wählerauftrag zu ignorieren. Die nationalistisch-kommunistische
Mehrheit in der Duma wird im Westen routinemäßig mit abschätzigen
Bemerkungen bedacht, als ob sie die Macht heimtückisch erschlichen
und nicht in Wahlen, die von EU und OSZE als fair und frei anerkannt wurden,
errungen hätte.
Wie zu Sowjetzeiten, als der Westen Geschäfts- und Gesprächspartner
in der oberen Nomenklatura suchte und fand, sind auch heute die wichtigsten
Kontakte auf die Oligarchie konzentriert. Die mächtige Riege der Kleptokraten
versucht, vom Westen mehr und mehr Geld zu bekommen, und die Gläubiger
wollen mit "zuverlässigen" Managern der russischen Makroökonomie
zu tun haben, aber sich nicht mit den sozialen Verpflichtungen demokratischer
Politik herumschlagen. Die internationalen Finanzorganisationen können
bei ihrer Kreditpolitik zwar die Kräfteverhältnisse in Rußland
nicht gänzlich ignorieren, doch erwarten sie, daß die Regierung
ihrem Diktat Folge leistet.
Die monetaristische Reformstrategie des Westens läßt sich
nur in einer nichtliberalen Demokratie durchsetzen. Die Exekutive müsse
wie eine Faust funktionieren, forderte einst Anatolij Tschubaijs, Boris
Jelzins Privatisierungsminister und Vizepremier, der häufig die Verhandlungen
mit dem Internationalen Währungsfonds führte. Nach Meinung von
Gennadij Selesnjow, dem Vorsitzenden der Staatsduma, kann Rußland
die Auflagen der internationalen Finanzinstitutionen nur um den Preis einer
strammen Diktatur erfüllen. Das mag übertrieben klingen, aber
das gute Verhältnis der USA zu diktatorischen Regimen in Lateinamerika
während des Kalten Krieges sollte nicht in Vergessenheit geraten.
In Rußland reduziert die Verfassung die Möglichkeiten der
Abgeordneten, die Regierung zu kontrollieren. Die Verabschiedung des Staatshaushalts
gehört zu den beschränkten Kompetenzen der Duma. Der Haushaltsentwurf
der Regierung kommt jedoch aus dem Finanzministerium, wo die Eckdaten mit
dem IWF abgestimmt werden. Der Duma bleibt regelmäßig nur die
Rolle, ihre Zustimmung zu einer Austerity-Politik zu geben und den Mangel
zu verteilen. Vor der jetzigen halbkommunistischen Regierung von Jewgenij
Primakow war der Konflikt zwischen Exekutive und Legislative programmiert.
Dabei haben beide Seiten an Ansehen verloren und das Land in die Unregierbarkeit
geführt - was wiederum den Rufen nach einer "starken Hand"
neue Nahrung gegeben hat.
Die monetaristische Reformkonzeption des IMF trug zur Herausbildung einer
nichtliberalen Demokratie in Rußland auch durch die damit verbundene
"Geheimdiplomatie" bei. Den Abgeordneten waren viele Details der
Vereinbarungen nicht bekannt. Gerüchte über Washingtons Einflußnahme
auf die Besetzung wichtiger Regierungsposten machten die Runde.
Den größten Schaden fügte der jungen Demokratie jedoch
der vom Westen gerühmte Stabilitätserfolg der Regierung zu. Um
das Budgetdefizit und die Inflation auf das vom IWF gewünschte Niveau
zu drücken, hat die Regierung Staatsaufträge und Staatsbedienstete
oft nicht bezahlt. Die monatelange Verzögerung bei der Auszahlung von
Löhnen und Renten bestätigte nur die landläufigen Vorurteile
gegen den Liberalismus. "Das letzte normale Jahr war 1990", bekundete
jüngst eine Sprecherin der protestierenden Pädagogen. Sie dürfte
ihren Platz in einer "bürgerlichen Gesellschaft" bereits
verfehlt haben und an deren Herausbildung kein Interesse mehr entwickeln.

Der Präsident
Boris Jelzin verkörpert die nichtliberale russische Demokratie.
Der erste frei gewählte Präsident Rußlands stieg im August
1991 vor dem Weißen Haus auf einen Panzer, um den Putschisten Widerstand
zu demonstrieren. Mit seinem Kampf gegen die sowjetische Zentralmacht -
und persönlich gegen Michail Gorbatschow - sicherte sich der frühere
KP-Chef von Swerdlowsk ein Image als Demokrat. Bei der Politik der Preisfreigabe
und der Privatisierung folgte er westlichem Rat und öffnete sein Land
für westliche Konsumgüter und Kapitalanlagen.
Sein Ansehen im Westen und seine Popularität im Lande klafften nach
kürzester Zeit auseinander. Dieses Schicksal teilte er mit seinem früheren
Erzrivalen Michail Gorbatschow. Doch während dieser als Staatschef
der Sowjetunion nach der von Jelzin betriebenen Gründung der Gemeinschaft
Unabhängiger Staaten im Dezember 1991 zurücktrat, wollte Boris
Jelzin im Juni 1996 wiedergewählt werden. Zu Beginn des Wahlkampfes
hatte Jelzin jedoch nur eine Wählerunterstützung zwischen drei
und sechs Prozent.
Der Vorsprung des kommunistischen Präsidentschaftskandidaten Gennadij
Sjuganow sorgte im Jelzin-Lager und im Westen für Unruhe. Nach der
Rückkehr ehemaliger Kommunisten an die Macht in Polen, Ungarn und Litauen
erschien der Sieg des Kapitalismus noch nicht so endgültig wie vielfach
angenommen. Und im Gegensatz zu Osteuropa hätte nicht eine reformkommunistisch
oder sozialdemokratisch orientierte Linke den Wahlsieg errungen, sondern
eine Partei, die auf Kontinuität mit dem alten Regime setzte und sich
vom Westen abgrenzte. Diese Aussicht mobilisierte die Verteidiger der russischen
Demokratie.
Anatolij Tschubajs machte beim Internationalen Währungsfonds 10,2
Milliarden Dollar locker. Helmut Kohl kam seinem Sauna-Freund, dem Hauptimporteur
deutscher Agrarprodukte, mit vier Milliarden Mark zu Hilfe. Auch Frankreich
und andere Länder griffen in ihre Kassen. Boris Jelzin konnte Wahlgeschenke
machen: Soldatenfamilien und der hohe Norden, Kinderreiche und Alte erhielten
Bares und Versprechungen. Gouverneure, die in ihren Regionen ein positives
Wahlergebnis in Aussicht stellten, konnten mit Zuwendungen und Steuererleichterungen
rechnen. Es gehörte nicht nur im Wahlkampf zu Jelzins Politik, Loyalität
zu seiner Person mit finanziellen Privilegien zu belohnen, ohne auf die
erforderlichen gesetzlichen Grundlagen zu achten.
Den Herausforderern standen natürlich nicht annähernd die gleichen
Ressourcen zur Verfügung. Jelzins Wahlkampf hat ein Mehrfaches der
gesetzlich zulässigen 2,9 Millionen Dollar gekostet - ohne juristische
Folgen, versteht sich. Die Vorliebe der russischen Medien galt ebenso einseitig
dem Amtsinhaber wie die Bemühungen seiner Freunde im Westen, Rußlands
Sehnsucht nach internationaler Anerkennung (so zum Beispiel die Aufnahme
in den Europarat, die wegen des Tschetschenien-Krieges verzögert worden
war) als Wahlkampfhilfe zu instrumentalisieren.
Das auffälligste Merkmal dieser Interventionen während der
Präsidentenwahlen 1996 war, daß sie nicht der russischen Demokratie,
sondern Boris Jelzin galten. Der einzige demokratische Herausforderer, Grigorij
Jawlinskij, der eine demonstrative Unterstützung westlicher Politiker
gebraucht hätte, entsprach offenbar nicht den Vorstellungen, die der
Westen von einem Wunschkandidaten hatte. Boris Jelzin hingegen wurde trotz
angegriffener Gesundheit und seiner notorischen Neigung, Recht und Gesetz
zu mißachten, wenn es der Machterhaltung nützt, zum Garanten
sowohl der politischen Stabilität als auch der kapitalistischen Transformation
hochstilisiert und alimentiert. Das Bundeskanzleramt unter Helmut Kohl verfolgte
die Politik, "Zeit zu kaufen" - Zeit für Geschäftsabschlüsse
und für politischen Einfluß.
Dieses Ziel ist trotz der Zäsur vom 17. August 1998 in beträchtlichem
Maße erreicht worden. Die Verluste der EU-Exportwirtschaft nach der
an diesem Tag verkündeten drastischen Rubel-Abwertung werden sich im
Vergleich mit denen der Asien-Krise in Grenzen halten. Die Folgen der westlichen
"Stabilisierungsstrategie" für die Konsolidierungschancen
der russischen Demokratie sind jedoch vorerst unübersehbar - und unter
den heutigen Bedingungen vielleicht auch nicht erforschbar. Das heißt
natürlich nicht, daß der Westen vor Bumerang-Effekten seiner
"Demokratie-Politik" im Osten sicher sein kann. Das Beispiel Albanien
ist gewiß ein Extremfall, zeigt aber, daß das Wahlgesetz eines
Kieler Politik-Professors, finanziert über eine politische Stiftung
aus deutschen Steuergeldern, noch lange keine Garantie für langfristige
Erfolge im demokratischen Aufbau einer postsozialistischen Gesellschaft
bietet.
Die direkten und indirekten Langzeitfolgen der von vested interests
geleiteten Intervention in die demokratischen Institutionen Rußlands
können in Verbindung mit den Mängeln der russischen Verfassung
sowohl die Gewaltenteilung als auch die klassischen konstitutionellen Funktionen
der einzelnen Gewalten so weit untergraben, daß der Weg in eine Diktatur
erleichtert wird, wenn Wirtschaftsmisere und politische Kultur dafür
den Boden bereitet haben. Wie leicht zum Beispiel die Meinungsfreiheit als
postulierter Bestandteil einer entstehenden Demokratie in eine Schieflage
geraten kann, zeigt das Beispiel der russischen Massenmedien, die sich von
einer Parteinahme für Boris Jelzin im Wahlkampf 1996 politische und
materielle Vorteile versprochen haben und seitdem mehr Schwierigkeiten haben
als vorher, ihre Unabhängigkeit wiederzufinden.

Meinungs- und
Pressefreiheit in Rußland
Die russische Verfassung folgt nicht dem Modell des deutschen Grundgesetzes,
obwohl Bonn viel in die Beratung und Fortbildung der Fachleute investiert
hatte. Die Grundrechte stehen nicht im ersten, sondern im zweiten Hauptteil,
nach den Grundprinzipien des staatlichen Aufbaus - ähnlich wie in der
Weimarer Verfassung. Und unter den "Rechten und Freiheiten der Menschen
und Bürger" erscheint Artikel 29, die Meinungsfreiheit, erst auf
der 13. Position - nach der Unverletzlichkeit des Brief- und Postgeheimnisses
und nach der Unverletzlichkeit der Wohnung.
Die Verfassungswirklichkeit in der nichtliberalen russischen Demokratie
hebelt selbst diese normativen Rechte weitgehend aus. Die Abwehr politischer
Alternativen durch die Oligarchen setzt, im Zeitalter der Kommunikation,
die Kontrolle der Medien voraus. Jelzins Gefolgsleute und Konkurrenten,
wie der Moskauer Bürgermeister Luschkow, sowie die mit ihnen verbundenen
Finanzkonglomerate halten die Fernsehkanäle und die Zeitungsredaktionen
finanziell in der Hand. Mit bestellten Artikeln und PR-Informationen aus
dem Konzern, dem die Zeitung oder die Mehrheit an einem Fernsehkanal gehört,
kann die Oligarchie die Meinungsäußerung und die Meinungsverbreitung
manipulieren. Dem investigativen oder kritischen Journalismus werden seine
Grenzen durch Auftragsmorde mehrfach im Jahr aufgezeigt.
Die im Westen bekannten, noch einigermaßen informativen überregionalen
Zeitungen wie Moskowskije Nowosti und Iswestija sind auf dem
Lande kaum verbreitet. Sie sind vor allem zu teuer. Die Berichterstattung
der regionalen Presse orientiert sich an den Zwecken der Blattgründer,
die ihre Zeitung wie eine PR-Abteilung finanzieren.
Es fehlt also in weiten Teilen des Landes und für die armen Schichten
der Bevölkerung an wichtigen Voraussetzungen für die freie Meinungsbildung:
an umfassenden Informationen und an kritisch-konstrukti-ven Anregungen.
Private Meinungsfreiheit und politische Kommunikation fallen auseinander.

Der Rechtsstaat
Boris Jelzin präsentiert sich gern als Garant der Verfassung. Aber
tatsächlich hat Rußland bislang wenig geleistet, um das Fehlen
demokratischer Traditionen auszugleichen, um Rechtsbewußtsein und
Rechtsstaatlichkeit zu entwickeln. Vor allem Geschäftsleute und Investoren
klagen darüber, wie schwierig es ist, Gerichtsentscheidungen herbeizuführen
und durchzusetzen.
Für Rußlands nichtliberale Demokratie ist bezeichnend, daß
Arbeitsfähigkeit und Unabhängigkeit der Gerichte nicht garantiert
sind. Dabei sah der Aufbruch in die Demokratie durchaus vielversprechend
aus. Boris Jelzin verfügte, eine Reihe von Gebäuden der KPdSU
den Gerichten zu überlassen. Aber für die laufenden Kosten können
die öffentlichen Haushalte unter dem Spardiktat des IWF nun nicht aufkommen.
Die Gerichte verlieren an Ansehen, die Eintreibung von Kreditforderungen
hat die russische Mafia übernommen.
Rußland würde schätzungsweise 35 000 Richter benötigen.
Zur Verfügung stehen etwa zehn Prozent davon. Immer öfter wenden
sich die überlasteten Gerichte mit der Bitte um Unterstützung
gesetzwidrig an finanzkräftige lokale Institutionen.
Der Unterschied zwischen Ideal und Praxis wird noch für lange Zeit
den Stand der russischen Demokratie charakterisieren. Nach 1000 Jahren Despotismus
und 70 Jahren Kommunismus braucht Rußland viel mehr Zeit für
die Transformation zur Demokratie als Polen oder Ungarn.
Noch ist Rußland nicht Weimar - das war das Urteil mancher Kommentatoren
nach der August-Krise 1998. Aber um zu vermeiden, daß es in Rußland
zu einer vergleichbaren Entwicklung kommt, muß der Westen Lehren aus
Weimar ziehen:
- Nachdem Rußland den Kalten Krieg verloren hat, darf das Friedensdiktat
der Westmächte nicht die Gefahr wirtschaftlicher Ausblutung des Landes
(durch Schuldendienst oder internationale Finanzspekulation) fördern.
- Die sozialen Kosten der Entwicklung dürfen nicht (zugunsten einseitiger
"Standortinteressen") vernachlässigt werden. Hohe Arbeitslosigkeit
und eine perspektivlose Armut würden den Weg in die Moderne verzögern
- im schlimmsten Fall mit katastrophalen Folgen.
Claude Frioux: Nationalismus und Antipolitik im Rußland
der Jelzin-Ära. Das Schweigen der Intellektuellen, in: Le Monde Diplomatique
(deutsch), November 1998
Christian Schmidt-Häuer: Rußland im Aufruhr. Innenansichten
aus einem rechtlosen Reich. München, Piper 1993
Grigory Yavlinsky: Russia's Phony Capitalism, in: Foreign Affairs, vol.
77, no. 5, 1998
Fareed Zakaria: The Rise of Illiberal Democracy, in: Foreign Affairs,
vol. 76, no. 6, 1997
Dr. Mária Huber ist Professorin für Politikwissenschaft
mit Schwerpunkt Osteuropa an der Universität Leipzig.

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