E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 02, Februar 1999,
S. 39-41)

Das Regime der Präsidenten
Staatsbildung und "Demokratisierung" in Zentralasien und im Kaukasus
Uwe Halbach

Als die Staaten der ehemaligen Sowjetunion unabhängig wurden, beschworen
alle die Demokratie und den Primat der Zivilgesellschaft. Anfang der 90er
Jahre wurden neue Verfassungen verabschiedet, die diesem Vorsatz dem Buchstaben
nach Rechnung tragen. Tatsächlich aber sind bis heute in den Staaten
des Kaukasus und Zentralasiens das Parteiengefüge und die Zivilgesellschaft
schwach geblieben, überall herrschen starke, autokratische Präsidenten,
die im Kontrast stehen zu schwachen Staatsverwaltungen.
Beim Zerfall der Sowjetunion beschworen die meisten der in ihre Unabhängigkeit
eintretenden Unionsrepubliken Demokratie und Marktwirtschaft. Dieses Bekenntnis
wurde nicht nur an der europäischen Westperipherie der Sowjetunion,
zum Beispiel in der Ukraine, abgegeben, sondern auch in außereuropäischen
Regionen des Vielvölkerreichs. Auch hier berief man sich auf das Konzept
der "civil society". Doch wenn diese Zivilität sich dadurch
definiert, daß sie die "Vielfalt begrüßt und als gesellschaftliche
Kontrolle über diejenigen, die Macht ausüben, fungiert"1,
dann standen ihr die meisten der historischen, politischen und gesellschaftlichen
Voraussetzungen, mit denen diese Länder in die Unabhängigkeit
eintraten, entgegen.
Sieben Jahre danach läßt sich feststellen: Trotz mannigfacher
Veränderungen nach 1991 und trotz erheblicher Unterschiede zwischen
den einzelnen Ländern im Süden der GUS, etwa zwischen Armenien
und Turkmenistan, kann kaum einer der hier behandelten Staaten - an der
Elle westlicher Demokratiekriterien gemessen - als demokratisch bezeichnet
werden.
Allerdings wurde in diesen sieben Jahren auch deutlich, daß die
betreffenden Länder an dieser Elle nicht gemessen werden durften.
Nach einem Frühling demokratischer Illusionen in einer frühen
Phase, in der man die bloße Negation kommunistischer Macht- strukturen
mit Demokratisierung verwechselte, zeigte sich, daß für die sowjetischen
Nachfolgestaaten im Kaukasus und in Zentralasien die Hauptaufgabe in der
Konsolidierung ihrer inneren und äußeren Souveränität
und Staatlichkeit angesichts mannigfacher Krisen- und Konfliktpotentiale
bestand. Man mußte feststellen, daß sowjetische Nachfolgestaaten
insgesamt, und besonders in diesen Regionen, kaum in der Lage sein konnten,
enorme Transformationsaufgaben auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig zu
bewältigen - nämlich
1. die Festigung ihrer Souveränität bei starken, aus der sowjetischen
Periode ererbten Abhängigkeitsverhältnissen und in den Grenzen
von Staaten, die wie die ehemaligen Unionsrepubliken in Zentralasien keine
historisch gewachsenen Nationalstaaten sind,
2. die Wahrung der inneren und äußeren Sicherheit bei hohem
Potential für soziale Konflikte für die im Umbruch befindlichen
Gesellschaften und für ethnische Konflikte in Vielvölkerstaaten
(nur Armenien ist ein ethnisch homogener Nationalstaat),
3. die Umwandlung des Wirtschaftssystems unter den Bedingungen einer
dramatischen Wirtschaftskrise und
4. die Ersetzung kommunistischer Machtstrukturen durch demokratische
Institutionen, die hier kaum an historische Traditionen anknüpfen können.

Unterschiedliche Voraussetzungen
Von den historischen Voraussetzungen her gab es für die Perspektive
der Demokratisierung freilich Unterschiede zwischen den einzelnen Staaten.
In Georgien und Armenien berief man sich auf demokratische Elemente in der
eigenen Geschichte, besonders auf die kurze Periode staatlicher Unabhängigkeit
zwischen 1918 und 1921, in der unter äußerst schwierigen Kriegs-
und Nachkriegsbedingungen demokratische Strukturen aufgebaut worden waren.
Auch Präsident Alijew beruft sich auf den "demokratischen aserbaidschanischen
Nationalstaat" dieser Periode, obwohl sein eigener politischer Werdegang
und seine Machtausübung als Präsident für eine ganz andere
Tradition stehen. Georgien und Armenien gehörten auch zu denjenigen
Sowjetrepubliken, in denen sich in der Bresch- new-Ära Ansätze
von Demokratie- und Bürgerrechtsbewegungen herausgebildet hatten.
Die zentralasiatischen Staaten dagegen können sich historisch weder
auf nationalstaatliche noch auf demokratische Traditionen berufen - es sei
denn auf Traditionen der Stammesdemokratie, auf die Präsident Akajew
in Kirgistan gelegentlich anspielt. Ihre gegenwärtige Machtstruktur
ist stark von den Verhältnissen vorgeformt worden, die sich seit den
sechziger Jahren unter sowjetischen Bedingungen herausgebildet hatten. Da
waren in der konservativen Breschnew-Ära relativ eigenständige
Herrschaftsgebilde in der Peripherie entstanden, in denen Erste Parteisekretäre
von Unionsrepubliken in sehr langen Amtszeiten wie Landesfürsten regiert
und ihre Herrschaft durch Patronage- und Klientelbeziehungen abgestützt
hatten. Einige dieser "kommunistischen Khane" - die mehr Khane
als Kommunisten im Sinne ideologischer Überzeugung waren - erfahren
auch heute noch Verehrung, so der 1983 verstorbene langjährige Parteichef
Raschidow in Usbekistan. Der Grund: Sie hatten eine gewisse Eigenständigkeit
gegenüber Moskau bewiesen.
Skepsis gegenüber dem Demokratisierungsprozeß bedeutet jedoch
nicht, jeglichen politischen Wandel in den sowjetischen Nachfolgestaaten
in Abrede zu stellen. Zu den Ergebnissen solchen Wandels gehörten nach
den Unabhängigkeitserklärungen ehemaliger Sowjetrepubliken die
neuen Verfassungen, die Herausbildung neuer Staatsorgane, Elemente einer
formellen (nicht realen) Gewaltenteilung wie die nachsowjetischen Parlamente
und Verfassungsgerichte, die Bildung von "Parteien", die Durchführung
formell "freier" Parlaments- und Präsidentschaftswahlen.

Nachsowjetische Verfassungen
Ein notwendiges Attribut unabhängiger Staatlichkeit waren neue Verfassungen,
die an die Stelle der zuletzt 1977/78 verabschiedeten Verfassungen von Unionsrepubliken
traten. Sie konstituierten Regierungssysteme, aus denen das Amt des Präsidenten
durch seine Machtfülle herausragt, sprechen aber auch von politischen
Werten wie Gewaltenteilung, Pluralismus und bürgerlichen Grundrechten
und sind an solchen Stellen nach westlichen Vorbildern modelliert.
Die neuen Staaten in Zentralasien haben am frühesten ihre Verfassungen
verabschiedet - Turkmenistan bereits im Mai 1992, Usbekistan im Dezember
1992, Kasachstan im Januar 1993, Kirgistan im Mai 1993. Lediglich Tadschikistan
wurde durch Bürgerkrieg und nachfolgende innenpolitische Konflikte
lange an der Verabschiedung einer neuen Verfassung gehindert.
Auch die transkaukasischen Staaten konnten ihre Verfassungen erst später
verabschieden, nachdem kriegerische Konflikte wie die um Berg-Karabach und
Abchasien durch Waffenstillstand in einen Status von "weder Krieg noch
Frieden" überführt worden waren.
In Kasachstan und Kirgistan wurden die neuen Verfassungen bald novelliert,
wurde per Referendum die politische Gewalt stärker als in den ersten
Verfassungsvorlagen zur Präsidialexekutive hin verschoben. Die Verfassungen
machten dort, wo sie sich an der "civil society" orientierten,
normative Vorgaben, denen die tatsächliche politische Entwicklung nicht
folgte. So weitete sich die Kluft zwischen dem liberalen Wortlaut einzelner
Verfassungspassagen und den politischen Realitäten der Länder.
In Turkmenistan hatten bei der Verfassungsdiskussion im Parlament Abgeordnete
den "fundamentalen Unterschied zur sowjetischen Republikverfassung"
betont, z. B. was den Rechtsstatus des Individuums betrifft. Die neue Verfassung
gewährt Grundrechte, von denen in der politischen Realität Turkmenistans
überhaupt keine Rede sein kann, ganz ähnlich wie dies sowjetische
Republik- und Unionsverfassungen getan hatten. Es gibt im neuen Turkmenistan
nur eine Quelle politischer Meinung und Handlung, den Turkmenbaschi, das
"Haupt der Turkmenen", der quasi als Monarch unter dem Präsidententitel
regiert.
Die Verfassung Usbekistans fordert, daß sich "das gesellschaftliche
Leben auf der Grundlage der Vielfalt politischer Institutionen, Ideologien
und Meinungen" vollziehen solle. Auch hier wird ein Pluralismus als
Grundwert postuliert, der in der politischen Praxis hingegen als Gefahr
für die Stabilität eines jungen Nationalstaats in einer risikoreichen
Übergangsperiode behandelt wird. Eine freie Bildung politischer Kräfte
wurde verhindert bzw. von der Regierung kontrolliert und auf ihr genehme
Parteien beschränkt. Kritik an der Regierung oder gar Opposition gegen
das Regime wird als "politischer Extremismus" behandelt und mit
polizeistaatlichen Mitteln verfolgt. Von Pressefreiheit kann keine Rede
sein.
Weist man auf solche Demokratiedefizite hin, bekommt man zu hören,
man unterschätze die Gefahren, denen der junge Nationalstaat ausgesetzt
ist. "Bei uns würde das Prinzip der westlichen Demokratie mit
seiner individualistischen Orientierung von den Interessen partikularer
Kräfte wie Clan, Stamm und anderen okkupiert werden", so kommentierten
1994 Politologen in Taschkent den "usbekischen Weg zur Demokratie".
Zum Hauptlegitimationsargument für die strenge Präsidialautokratie
und einen aufgeblähten Sicherheitsapparat wurde der Hinweis auf die
Gefahr des von Süden her drohenden "islamischen Fundamentalismus".
Unter den politischen Grundwerten erlangte Stabilität die eindeutige
Priorität. Konfrontiert mit abschreckenden Beispielen für staatlichen
Zerfall wie in Tadschikistan und Afghanistan, setzte der usbekische Präsident
Karimow auf die Strategie einer autoritären Stabilitätswahrung,
unterstellte den risikoreichen Prozeß wirtschaftlicher und politischer
Reform einer rigiden staatlichen Kontrolle und nutzte dazu aus der sowjetischen
Periode ererbte Machtstrukturen mit neuen ideologischen Vorzeichen. Seine
in mehreren Schriften dargelegte Staatsphilosophie sucht die Balance zwischen
Stabilität und kontrollierten Reformschritten. Von der internationalen
Öffentlichkeit wurde diese Strategie kontrovers beurteilt: Einerseits
wurden Stabilisierungserfolge gelobt, andererseits klagte man Taschkent
schwerer Demokratiedefizite an.
Den Kontrast dazu bildete in Zentralasien zunächst das Nachbarland
Kirgistan, in dem Verfassungsgeist und politische Entwicklung weniger stark
auseinanderzudriften schienen. Im Westen wurde das Land plakativ als "Insel
der Demokratie" in der Region dargestellt. Doch auch Kirgistan unter
seinem als demokratisch und reformorientiert geltenden Präsidenten
Akajew folgte dem Trend zur Präsidialautokratie. Auch Akajew regierte
weitgehend unabhängig von Parlament und Regierung, traf seine Entscheidungen
in einem engen Kreis von Beratern und einem "Sicherheitsrat" und
schränkte in den letzten Jahren zunehmend die Pressefreiheit ein. Von
seinen Amtskollegen in Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan unterschied
er sich aber dadurch, daß er sich Neuwahlen stellte und einer Verlängerung
seiner Amtszeit per Referendum entsagte.
Im Transkaukasus entspricht Aserbaidschan unter seinem Präsidenten
Alijew weitgehend dem Modell der zentralasiatischen Präsidialautokratien.
Dagegen ordnen sich Georgien und Armenien mit besonderem Nachdruck der politischen
Kultur des Westens und aufgrund ihrer religions-und kulturgeschichtlichen
Grundlagen Europa zu. In Georgien wurde die nachsowjetische demokratische
Staatsbildung von schweren innenpolitischen Krisen und von Sezessionskonflikten
mit den autonomen Landesteilen Abchasien und Süd-Ossetien überschattet.
Trotz dieser enormen Belastungen konnte ein gewisses Maß an politischer
Gewaltenteilung, Meinungsfreiheit und demokratischer Institutionenbildung
erzielt werden. Armenien galt vor 1997 als größter Hoffnungsträger
für Demokratisierung im Süden der GUS. Dann zeigten die von der
Opposition heftig angefochtenen und auch von internationalen Beobachtern
in Frage gestellten Präsidentenwahlen aber, daß auch hier die
Voraussetzungen für eine funktionierende Demokratie noch nicht gewachsen
waren.

Die Präsidenten als
"Väter der Nation"
Von allen politischen Institutionen wurde am gründlichsten die Gewalt
des Präsidenten ausgebaut. In der gesamten GUS haben sich Regierungssysteme
mit starker Präsidialgewalt etabliert, aber in den zentralasiatischen
Staaten trat der Trend zur "Präsidialautokratie" am stärksten
hervor. Der Präsident tritt in Usbekistan, Kasachstan oder Turkmenistan
als der exklusive "nation-builder" und Entwicklungsstratege seines
Landes auf, so daß nachsowjetische Staats- und Nationsbildung und
der politische und wirtschaftliche Reformprozeß einen zutiefst paternalistischen
Charakter erlangten. Bei Präsidentenwahlen ist von vornherein ausgemacht,
daß es zu dem regierenden Staatsoberhaupt keine politische Alternative
gibt.
Präsident Karimow legte seine Vorstellungen über den "usbekischen
Weg zur Demokratie", der in der vorläufigen Suspendierung demokratischer
Reformen besteht, in mehreren Büchern und Broschüren dar. Der
kasachische Präsident Nasarbajew trat vor dem Parlament und in "Botschaften
an die Nation" wiederholt mit langfristig angelegten Entwicklungsprojekten
für sein Land hervor.
Im Oktober 1997 stellte er der Öffentlichkeit sein Regierungsprogramm
mit dem Titel "Kasachstan 2030. Aufschwung, Sicherheit und ewiges Wohlergehen
für alle Kasachstaner" vor, das unter dem Symbol des Schneeleoparden
stehende Zukunftsprojekt eines Kasachstan, das sich nach dem Vorbild der
asiatischen Tigerstaaten entwickelt und in dem politische und wirtschaftliche
Stabilität und Frieden zwischen den Volksgruppen herrschen soll2.
In seiner Jahresbotschaft an die Nation ein Jahr später mußte
er allerdings einräumen, daß Kasachstan sich in einer tiefen
Wirtschaftskrise befindet und erhebliche Demokratiedefizite aufweist. In
dieser Botschaft vom Oktober 1998 stellte er ein "Programm für
Demokratisierung und politische Reformen" vor, worin faire Wahlen,
die Verbesserung und Vereinfachung von Bedingungen für die Kandidatur
bei Parlamentswahlen, die Unterstützung für nationale und internationale
NROs und die Intensivierung der politischen Rolle von Parteien angekündigt
wurden. Die Bedingungen, unter denen dann die vorgezogenen, für den
10. Januar 1999 angesetzten Präsidentenwahlen vorbereitet wurden, ließen
jedoch das genaue Gegenteil von der Versprechung "fairer Wahlen"
erkennen.
Auffallend war der paternalistische Ton, in dem diese Jahresbotschaft
abgefaßt war. Sie strotzte vor ich-bezogenen Aussagen des Präsidenten.
"Solche Ich-Aussagen sind symptomatisch für ein Land, dessen Verfassung
dem Präsidenten eine immense Machtfülle gewährt. Sie sind
ebenso eine unfreiwillige Illustration für die Hilflosigkeit der Regierung
und der rein dekorativen Funktion des Parlaments"3.

Schwache Staatsverwaltung
Die straffe Präsidialgewalt steht in Kontrast zu einer allgemein
schwachen Staatsverwaltung. Das staatliche Gewaltmonopol wurde in Tadschikistan
durch bewaffnete Oppositionsgruppen und "warlords", in Georgien
zeitweise durch Privatmilizen und paramilitärische Gruppen durchlöchert.
Auf fiskalischer Ebene zeigt sich die Begrenzung staatlicher Gewalt in dem
extrem niedrigen Steueraufkommen, unter dem die meisten GUS-Staaten leiden.
Für die Mehrzahl der hier behandelten Staaten ist ein hohes Maß
an Korruption zu verzeichnen, das "governance" und "civil
society" empfindlich einschränkt. Zusammen mit den immer noch
überdimensionierten, aus sowjetischer Zeit ererbten bürokratischen
Apparaten schränkt diese Korruption auch die Reformperspektiven ein.
Die Reformimpulse aus den Präsidentenpalästen versickern oft im
Gestrüpp der Staatsverwaltung. So beklagen zum Beispiel ausländische
Investoren in Kasachstan die Diskrepanz zwischen der Reformorientiertheit
Nasarbajews und der Reformresistenz der lokalen Verwaltungen.
Politik in Zentralasien wird zudem von einer Tradition der Patronage-
und Klientelbeziehungen, von Clan-Loyalitäten mitbestimmt. Sie geben
dem Individuum im gesellschaftlichen und politischen Leben einen Rückhalt,
den eine allenfalls rudimentäre Rechtssicherheit noch nicht zu vermitteln
vermag, und sie haben in den stürmischen Zeiten nach dem Zerfall der
Sowjetunion, als gewohnte soziale Sicherungssysteme zerbrachen, an gesellschaftlicher
und psychologischer Bedeutung noch zugenommen.

Zersplitterung von Opposition
und Parteienlandschaft
Der Personalisierung der politischen Führung steht ein ähnlicher
Zug bei der Bildung von Opposition gegenüber - sofern solche sich gegenüber
der Allgewalt der Präsidialexekutive überhaupt bilden konnte.
Beim Übergang in die Eigenstaatlichkeit war es auch in zentralasiatischen
Sowjetrepubliken (mit Ausnahme Turkmenistans) zur Bildung "informeller
Bewegungen" und "parteiförmiger" Organisationen gekommen.
Zur Kommunistischen Partei alternative Organisationen entstanden hier am
frühesten in Kasachstan.
Bald stellte sich aber heraus, daß der Begriff der "Partei"
im westlichen Verständnis des Wortes auf diese Gruppierungen kaum anwendbar
war. Auch dort, wo sich "Parteien"-bildung unter relativ liberalen
Bedingungen wie in Kirgistan vollziehen konnte, waren die diesbezüglichen
politischen Kräfte nur schwach organisiert, in der Gesellschaft kaum
verwurzelt, oft nur an ihren Führern und kaum an einem Programm für
die Bevölkerung erkennbar. Die Parteienlandschaften ordneten sich bei
bevorstehenden Parlamentswahlen jedesmal neu, wiesen kaum Kontinuität
auf. Im kleinsten sowjetischen Nachfolgestaat, in Armenien, existieren gegenwärtig
mehr als 30 Parteien.
Die Regierungs- und Präsidentenparteien waren mitunter die Nachfolgeparteien
der alten KP - so die Demokratische Partei Turkmenistans und die Volksdemokratische
Partei Usbekistans. Gesetze über Parteibildung gewähren der Regierung
Möglichkeiten zur Unterbindung von organisierter Opposition, zum Beispiel
durch rechtliche Vorbehalte gegen ethnischen oder religiösen Extremismus.
Diese Vorbehalte sind in der Situation, in denen sich die jungen Staaten
gegenwärtig befinden, zwar keineswegs aus der Luft gegriffen, sind
aber auch nicht gegen willkürliche Auslegung und Handhabung gefeit.
Bewaffnete Opposition gegen die Regierung bildete sich 1991-92 in Tadschikistan
aus verschiedenen ideologischen Strömungen, darunter maßgeblich
islamistische Kräfte, und aus regionalen Interessengruppen, die bei
der Machtverteilung in sowjetischer Zeit benachteiligt worden waren. Diese
Entwicklung trug wesentlich dazu bei, daß der Begriff "Opposition"
in den Nachbarländern in die Nähe von "Extremismus"
gerückt wurde.

Fazit
Autoritären Staatsführern wie Islam Karimow in Usbekistan sind
Führungskompetenz und Erfolge bei der Wahrung eines Mindestmaßes
an Stabilität nicht abzusprechen. Für die regierenden Präsidenten
sehen auch ausländische Beobachter zumeist keine Alternativen. Dennoch
bleiben kritische Fragen an die vermeintliche Stabilität des "autokratischen
Modells" zu stellen: Sind die herrschenden Bürokratien in sich
stabil oder unterliegen sie der Gefahr von Machtkämpfen zwischen clanartigen
Fraktionen wie in Tadschikistan? Sind sie fähig, unaufschiebbare Reformen
in Angriff zu nehmen? Beruhen Stabilität und Staatsbildung auf Institutionen
oder auf einer Person, dem "starken Führer"? Wenn letzteres
der Fall ist, werden Berichte über die Gesundheit des amtierenden Präsidenten
zum Hauptdokument für Sicherheit, Stabilität und Entwicklung der
Länder.
1) Douglas Saltmarshe: Civil Society and Sustainable Development in Central
Asia, in: Central Asia Survey, 3-4/1996, S. 387-398, zit. S. 387-388
2) Nursultan Nazarbajew: Kazakhstan 2030. Prosperity, Security and Ever
Growing Welfare of All the Kazakhstanis. Almaty 1997
3) Focus Central Asia, October 1998, S. 6-14
Literatur:
Paul Georg Geiß: Nationenwerdung in Mittelasien. Frankfurt/M. 1995
Gregory Gleason: The Central Asian States - Discovering Independence.
Boulder Col. 1997
Uwe Halbach: Prekäre Transformation - Reform und Stabilitätswahrung
in Kaukasien und Zentralasien, in: Der Osten Europas im Prozeß der
Differenzierung. BIOst, Jahrbuch 1996/97, S. 105-116
R. D. McChesney: Central Asia - Foundations of Change. Princeton N. J.
1996
Dr. Uwe Halbach ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesinstituts
für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln.

E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit,
herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE)
Redaktionsanschrift:
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