E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 02, Februar 1999,
S. 42-44)

Die gelungene Demokratisierung
Ungarn und Polen Paradoxien ungleicher Erfolgsgeschichten
Melanie Tatur

In Ungarn und Polen war es, im Gegensatz zu den Staaten Ost- und Südosteuropas,
schon vor dem politischen Umbruch zu Ansätzen der Verrechtlichung und
Dezentralisierung, zu privaten Wirtschaftsaktivitäten und zur Gründung
zivilgesellschaftlicher Gruppen gekommen. Deshalb gab es hier günstigere
Voraussetzungen, auf denen die Demokratisierungsprozesse aufbauen konnten.
Allerdings war der Verlauf dieser Prozesse, wie Melanie Tatur zeigt,
in beiden Ländern durchaus unterschiedlich. In Polen war die Bevölkerung
zu Beginn wesentlich stärker politisiert, während in Ungarn ein
stärkerer Akzent auf dem Aufbau einer effizienten Wirtschaft lag. Erst
in den letzten Jahren hat sich die Entwicklung der beiden Länder einander
angenähert.
Anfang der neunziger Jahre wurde die demokratische und marktwirtschaftliche
"Transformation" der sozialistischen Gesellschaften als ein in
sich widersprüchliches Projekt betrachtet. So verwies Claus Offe auf
das Dilemma des "gleichzeitigen" Nachholens von Prozessen mit
unterschiedlicher Zeittiefe (Nationsbildung, Verfassungssetzung und Alltagspolitik)1.
Und Jadwiga Staniszkis machte auf den Widerspruch von demokratischer Transformation
und marktwirtschaftlichem Umbruch aufmerksam: Demokratisierung ziele auf
die Institutionalisierung eines Mechanismus, der das Allgemeininteresse
als Ergebnis eines offenen Interaktionsprozesses zwischen gesellschaftlichen
Akteuren fasse. Für eine Einführung der Marktwirtschaft und eine
strukturelle Anpassung an den Weltmarkt spreche zwar ein abstraktes politisches
Gemeininteresse, es fehlten jedoch potentielle gesellschaftliche Akteure,
die ein eigenes Interesse an der Durchsetzung der ökonomischen Transformation
haben könnten2.
Es zeigte sich aber bald, daß die Vertreter der These von der "Akteurslücke"
die Möglichkeit übersehen hatten, daß die alten Machteliten
zum Träger einer "spontanen" Privatisierung wurden und einen
"politischen Kapitalismus" etablierten, der Status und politische
Macht zur Quelle ökonomischer Gewinne machte3.
So stellte sich im Verlauf der neunziger Jahre heraus, daß die
Fähigkeit, den Staat als demokratische Rechtsordnung zu rekonstituieren
und Instrumente zur politischen Kontrolle des Kapitalbildungsprozesses sowie
zur Regulation ökonomischer Beziehungen zu schaffen, das differenzierende
Kriterium der in verschiedenen post-sozialistischen Staaten sich formierenden
neuen Ordnung waren4. Verglichen mit den Entwicklungen in Rußland
und anderen GUS-Staaten, wo sich staatliche Regulation und Politik verflüchtigte,
haben Ungarn und Polen die Bewährungsprobe der Transformation bestanden
und Grundvoraussetzungen für einen demokratischen Kapitalismus geschaffen.

Die Schaffung demokratischer
Systeme ist gelungen
In beiden Ländern konnten demokratische politische Systeme etabliert
und durch mehrfache demokratische Regierungswechsel eingespielt werden.
Die staatlichen Verwaltungsapparate wurden effektiviert und dezentralisiert.
Schon 1990 wurden lokale Selbstverwaltungen eingeführt, später
mittlere Ebenen der Selbstverwaltung als Träger regionaler Entwicklungspolitik.
In beiden Ländern wurden die industriellen Beziehungen reformiert und
Gewerkschaften als Mitgliederverbände sowie Arbeitgeber- und Unternehmerorganisationen
geschaffen, ebenso wie unterschiedliche Agenden für die Beteiligung
der Interessenorganisationen an politischen Willensbildungsprozessen ("tripartistische"
Kommissionen). In beiden Ländern resultierten demokratischer Umbruch
und marktwirtschaftliche Transformation in einem stetigen Wirtschaftswachstum,
das in Polen bereits 1993 und in Ungarn 1996 einsetzte und erst gegenwärtig
unter dem Druck der Rußlandkrise und weltweiter Rezessionsgefahren
durch extreme Außenhandelsungleichgewichte gefährdet scheint.
Ohne Infragestellung dieses Erfolges wird in beiden Ländern von
kritischen Sozialwissenschaftlern auch konstatiert, daß die gesellschaftliche
Verankerung der neuen demokratischen Institutionen flach sei, daß
sich hinter der Fassade demokratischer Politik die technokratische Entscheidungslogik
und alternativlose Macht staatlicher und nichtstaatlicher Bürokratien
und Netzwerke durchsetzte, daß soziale Disparitäten dramatisch
zugenommen haben, und daß ungeachtet der formellen Effizienz der demokratischen
Mechanismen faktisch große Teile der Bevölkerung von Chancen
und politischer Beteiligung ausgeschlossen seien5. Diese Kritik verweist
auf Schwächen des demokratischen Kapitalismus, wie sie sich z. T. auch
in etablierten westlichen Demokratien beobachten lassen und im Kontext der
Globalisierung zuspitzen.
Jenseits dieser Gemeinsamkeiten lassen sich jedoch Besonderheiten der
polnischen und ungarischen Transformationspfade und ihrer institutionellen
Ergebnisse ausmachen. In beiden Ländern war es (anders als in Ost-
und Südosteuropa) schon unter dem alten Regime zu Verrechtlichungstendenzen,
zur Dezentralisierung der Staatswirtschaft und zur Legalisierung eines privaten
und grauen Sektors sowie zu Ansätzen autonomer gesellschaftlicher Assoziation
gekommen. Im Rahmen dieser Gemeinsamkeiten unterschieden sich jedoch Ungarn
und Polen Ende der achtziger Jahre auf solche Weise, daß von einer
"ökonomischen" ungarischen im Gegensatz zu einer "politischen"
polnischen Zivilgesellschaft gesprochen werden konnte6.
Diese Gegenüberstellung akzentuierte die Ergebnisse der (im Vergleich
der sozialistischen Staaten) erfolgreichen Wirtschaftsreformen in Ungarn
und der politische Mobilisierung, mit der die polnische Gesellschaft auf
das Fehlschlagen der ökonomischen Reformpolitik ihrer Staatsführung
reagierte.

Pazifizierung der
Gesellschaft in Ungarn
Von ungarischen Ökonomen und Politologen werden die bereits Ende
der sechziger Jahre eingeleiteten Reformen als Beginn eines evolutionären
Systemwechsels verstanden. Soziologen machen deutlich, daß die Reformpolitik
die Akteurskonstellation des ungarischen Systemwechsels geprägt hat:
Die Dezentralisierung des Leitungssystems der Staatswirtschaft und die Legalisierung
einer damit verknüpften "zweiten", privaten und grauen Ökonomie
hatte den Status eines professionell qualifizierten und technokratisch denkenden
Managements aufgewertet. Zugleich konnten große Teile der Intelligenz
in das Reformregime kooptiert werden, und auch die demokratische Opposition
stand in einem "heimlichen" Dialog mit der Parteiführung.
Die Masse der Bevölkerung wurde über die Zweitbeschäftigung
und das System der Subverträge auf ökonomische Interessen und
individuelle Strategien des Sich-Durchwurstelns verwiesen und entpolitisiert.
Zum Motor der systemischen Umgestaltung wurden Manage- ment und Verwaltungseliten,
deren Interessen auf eine rechtliche Absicherung ihrer faktischen Verfügungsrechte
gerichtet waren. Im Kontext einer stagnierenden Wirtschaft, sich radikalisierender
wirtschaftswissenschaftlicher Diskussionen und des Politikwechsels in Moskau
wurde der demokratische Umbruch und die Schaffung von alternativen politischen
Akteuren von der reformkommunistischen Führung selber eingeleitet.
Der nach polnischem Vorbild geschaffene Runde Tisch hatte - unter Bedingungen
einer demobilisierten, unpolitischen Gesellschaft - einen exklusiven Charakter
und der Übergang die Form eines von den Eliten ausgehandelten Kompromisses.

Politisierung der
Gesellschaft in Polen
Anders in Polen, wo es schon 1956 zu halbherzigen Reformen gekommen war.
Hier reagierten Arbeiterschaft und Intelligenz auf fehlschlagende Reformschübe
mit sozialen Protesten. Diese führten zu einer schrittweisen Integration
und Politisierung der Gesellschaft, die 1980 in der Massenbewegung der Solidarno's'c
kulminierte. Zwar brachte die Verhängung des Kriegsrechts eine gewaltsame
Demobilisierung der Gesellschaft. Als Hinterlassenschaft der Institutionalisierung
des Konfliktes zwischen "Gesellschaft und Staat" 1980/81 blieb
aber eine große, über das ganze Land verteilte Schar von politisch
engagierten Aktivisten, eine politische Symbolik und die Polarisierung der
Gesellschaft entlang politischer Werte.
In den achtziger Jahren wurden auch in Polen technokratische Reformschritte
unternommen, und auch hier wurde bereits 1988 mit der "spontanen"
Privatisierung der Systemwechsel eingeleitet. Die politische Transformation
war aber hier nicht nur die Sache aufgeklärter Machteliten und kleiner
oppositioneller Kreise, sondern ein Anliegen der Mehrheit der Bevölkerung.
Anders als in Ungarn saßen hier am Runden Tisch auf der einen Seite
die Regierung, auf der anderen Vertreter "der Gesellschaft", die
nur bedingt durch demokratische Prozeduren (Gewerkschaftswahlen 1981), wohl
aber durch einen symbolischen Konsens legitimiert waren.

Politischer Systemwechsel
Paradoxerweise schugen sich die unterschiedlichen Kräfteverhältnisse
der beiden Länder in gewissermaßen seitenverkehrten Entwicklungsverläufen
nieder.
In Polen mußte die hochlegitimierte "gesellschaftliche Seite"
den reformkommunistischen Eliten Garantien für deren politische Dominanz
zugestehen und einer Quotenregelung für das 1989 gewählte "Vertragsparlament"
und Vorrechten für einen (von außen kontrollierbaren, aber kommunistischen)
Präsidenten zustimmen. Der politische Systemwechsel vollzog sich so
als Destabilisierung, über eine Abfolge von Wahlen (1989, 1990, 1991,
1993) mit unterschiedlichen Wahlordnungen, und war begleitet durch zugespitzte
rhetorische Auseinandersetzungen. Ungeachtet einer faktischen Politik der
Rechtskontinuität stand die polnische Entwicklung unter einer Symbolik
des Bruchs und des Konflikts.
In Ungarn brachte demgegenüber der kaum legitimierte Runde Tisch
dennoch die Einigung auf demokratische Wahlen und führte zur raschen
Konstitution eines parlamentarischen Systems und zur Formierung eines scheinbar
stabilen Parteiensystems. Der Eindruck der Reife der ungarischen Demokratie
wurde durch eine breit akzeptierte Legitimationsstrategie verstärkt.
In Anbetracht dieser unterschiedlichen Ausgangssituationen wurde zu Beginn
der neunziger Jahre nicht selten vor autoritären Gefahren in Polen
gewarnt, während von der ungarischen Demokratie eine unproblematische
Konsolidierung erwartet wurde. Tatsächlich verwischten sich aber die
anfänglichen Unterschiede im Laufe der neunziger Jahre.
Die lange diskutierte neue polnische Verfassung (1997) schränkte
die Rolle des Präsidenten zugunsten einer eindeutigen Dominanz des
Parlaments ein. Die Wahlen 1993 zeigten die Präsenz der post-kommunistischen
Sozialdemokratie, und die Urnengänge 1996 und 1997 bestätigten
die Stabilisierung des Post-Solidarno's'c-Lagers.
In Ungarn kam es dagegen nach der Regierungsübernahme durch die
post-kommunistischen Sozialisten zum Zerfall des konservativen Demokratischen
Forums, und aus den Parlamentswahlen von 1998 ging die durch Regierungserfahrung
"unbelastete" Bürgerliche Partei (FIDESZ) als Sieger hervor.
Wahlanalysen machten deutlich, daß die Stabilität des ungarischen
Parteiensystems ein rechtspolitisches Konstrukt war, daß Wechsel-
und Protestwähler dominierten und sich die ungarische Gesellschaft
- als Erbe der Kádár-Ära - durch politische Amorphie
auszeichnet7.
Der polnischen Gesellschaft war eine ähnliche Diagnose Ende der
siebziger Jahre gestellt worden. Nach 1980/81 hatte sich aber in Polen ein
polarisiertes politisches Meinungsfeld herausgebildet, dessen Bestand durch
Wahlanalysen belegt wurde: Ungeachtet der Fragmentierungsbewegungen im "rechten"
Parteienlager wies das Wählerverhalten eine erstaunliche Konsistenz
auf. Dieses günstige Ergebnis wird allerdings dadurch relativiert,
daß der Anteil der Nichtwähler mit ca. 50% sogar leicht über
dem ungarischen Niveau lag8.

Wirtschaftlicher Systemwechsel
Noch eindeutiger als im Bereich der Politik waren zu Beginn der neunziger
Jahre die Unterschiede in den Erfolgserwartungen bei der ökonomischen
Transformation. Für begrenzte Chancen Polens sprach nicht nur die katastrophale
Situation der polnischen Wirtschaft; zusätzlich wurde von der Macht
der Gewerkschaften, insbesondere der Solidarno's'c, die Blockade sozial
kostspieliger Reformen erwartet. Für eine rasche Entwicklung Ungarns
schienen demgegenüber die günstigeren ökonomischen Ausgangsbedingungen
zu sprechen, aber auch die Demobilisierung der Gesellschaft und die Schwäche
der post-kommunistischen Gewerkschaften.
Tatsächlich zeigte sich, daß in Polen die Gewerkschaft Solidarno's'c
und die Konfliktfähigkeit der polnischen Gesellschaft zu einer Ressource
radikaler Reformpolitik wurden, während in Ungarn die Angst vor der
großen Unbekannten "Volk" die erste konservative Regierung
zu einer vorsichtigen, konjunkturpolitisch verfehlten Politik veranlaßte.
Denn paradoxerweise motivierte gerade der fehlende Rückhalt in der
Gesellschaft die konservative Regierung nach ersten sozialen Protesten dazu,
mit dem "Rat für Interessenausgleich" ein tripartistisches
Gremium zu schaffen, in dem zwischen Gewerkschaften, Arbeitgebern und Regierung
die Eckdaten der Lohn-, Beschäftigungs- und Sozialpolitik ausgehandelt
werden sollten.
Ungeachtet des weit ausladenden Systems tripartistischer Verhandlungen
zeigt eine eingehende Betrachtung, daß Legitimität und Durchsetzungskraft
der gesellschaftlichen Akteure schwach sind. So hinderten nach 1994 weder
der Rat für Interessenausgleich noch die Gewerkschaften die sozialistische
Regierung, eine neoliberale Wende einzuleiten, weitreichende Einschnitte
im Sozialbereich durchzusetzen, Reallohnrückgänge von über
10% zu dekken und die Politik des Sozialpakts für gescheitert zu erklären.
Tatsächlich sind die tripartistischen Einrichtungen weniger Agenturen
der Interessenvermittlung als vielmehr Foren professionell qualifizierter
Technokraten aus miteinander vernetzten Apparaten.
In Polen ermöglichte es gerade der anfänglich fraglose Rückhalt
der neuen Eliten in einer politisierten Gesellschaft und die Unterstützung
der Gewerkschaft Solidarno's'c, auf korporatistische Interessenvermittlung
zu verzichten und eine radikale Stabilisierung der Ökonomie zu Lasten
der Masseneinkommen durchzusetzen. Der Balcerowicz-Plan schuf mit freiem
Marktzugang die Voraussetzungen für die Expansion eines neuen Privatsektors
und ein bereits 1992 einsetzendes endogenes industrielles Wachstum.
Es war hier die Regierung aus post-kommunistischen Sozialdemokraten und
Bauernpartei, die 1994 formale tripartistische Einrichtungen schuf, um damit
ihre Lohn- und Sozialpolitik und den Status der ihnen nahe stehenden Gewerkschaften
abzusichern. Unter dieser Regierung wurde die neoliberale Politik zwar konsequent
fortgesetzt und eine Kommerzialisierung der Sozialpolitik vorbereitet, das
Tempo der Reformen aber verlangsamt.
Eine neue Beschleunigung brachte 1997 der Wahlsieg der "rechten"
Wahlaktion Solidarno's'c (AWS), in der Gewerkschaftler die größte
Gruppierung bildeten. Zusammen mit der liberalen Freiheitsunion brachte
diese Gruppierung die Dezentralisierung der Staatsverwaltung, die Kommerzialisierung
der Sozialsysteme und eine Reform der Schule auf den Weg und forcierte die
im Interesse des EU-Beitritts drängende Restrukturierung des Kohlebergbaus
und der Hüttenindustrie. Wie schon Anfang der neunziger Jahre dürften
die Kosten des neuen Reformschubes neben Randgruppen vor allem Arbeitnehmer
der alten Industriezweige belasten, d. h. die Klientel der Gewerkschaften.
Wie damals ist ein reformpolitisches Ethos und die geringe Bedeutung macht-
und organisationspolitischer Erwägungen die Erklärung für
die Entschlossenheit der "neuen" Eliten.

Der Einfluß ausländischer
Investoren
Anders als im Bereich endogener Entwicklung bestätigten sich die
unterschiedlichen Erwartungen hinsichtlich des Einflusses ausländischer
Investoren auf die Entwicklungsperspektiven beider Länder.
Das kleine Ungarn konnte bis in die Mitte der neunziger Jahre sehr große
Auslandsinvestitionen anziehen, während der Zufluß ausländischen
Kapitals in Polen erst in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre deutlich
zunahm. Als Ergebnis dieser Entwicklung hat sich in Ungarn eine tendenziell
duale Ökonomie herausgebildet, in welcher Großbetriebe im Besitz
multinationaler Konzerne und kleine lokale Zulieferbetriebe dominieren.
Der Umfang ausländischer Kontrolle stellt aber auch die Frage nach
der ökonomischen und politischen Souveränität des Landes:
nicht nur, weil strategisch wichtige Bereiche (z. B. zwei Drittel des Bankensektors)
in "fremden Händen" sind, sondern auch weil der von den multinationalen
Konzernen kontrollierte Sektor in hohem Maße außerhalb der allgemeinen
Ordnung funktioniert (Off-shore-Bedingungen für relevante Bereiche;
gewerkschaftsfreie Räume; exklusive Verhandlungen mit der Regierung
außerhalb der tripartistischen Einrichtungen für Interessenausgleich).
Eine analoge Entwicklung deutet sich in Polen angesichts der erhöhten
Investitionsbereitschaft des ausländischen Kapitals und der von der
Solidarno's'c-Regierung geplanten beschleunigten Privatisierung an.

Resümee eines Jahrzehnts
In Ländern wie Rußland und der Ukraine ist die Transformation
der sozialistischen Gesellschaft von den alten Machteliten als ein politisch
und rechtlich nicht kontrollierter Prozeß spontaner Privatisierung
und unregulierter Kommerzialisierung staatlicher Ressourcen und Funktionen
vollzogen worden, wobei sich die "roten Direktoren" punktuell
auf einen unpolitischen, ökonomischen Protest der Arbeiter stützen
konnten. Als Ergebnis dieser Konstellation beobachten wir in den Ländern
der GUS einen in weiten Bereichen kriminellen Kapitalismus und dramatische
soziale Regressionen.
In Ungarn und Polen ist es gelungen, einerseits die alten, bereits professionalisierten
Eliten in eine demokratische Rechtsordnung einzubinden und in einer fragilen
Balance von schwachem Staat, schwachen Interessenorganisationen und Assoziationen
und schwachen Parteien zu kontrollieren. In beiden Ländern ist es zudem
gelungen, neue, vergleichsweise große Gruppen von Gewinnern zu schaffen
und die Transformationsverlierer auf eine sanfte, die demokratischen Mechanismen
nicht außer Kraft setzende Weise vom politischen Prozeß auszuschließen.
Für Ungarn finden wir einen in weiten Strecken technokratischen Diskurs
professioneller, "alter" und "neuer" Eliten und eine
legalistische Legitimationsstrategie als Technik der Inklusion und Exklusion.
Für Polen haben politisches Re- formethos und politische Polarisierung
der Gesellschaft eine analoge Funktion gehabt.
Angesichts des politischen Konsenses über Öffnung und Westintegration
waren die Handlungsspielräume der politischen Eliten und die Optionen
der Gesellschaft in Ungarn und Polen begrenzt. Für das erste Jahrzehnt
der Transformation können diese Außenzwänge als Vorteil
für die Demokratisierung verstanden werden. Es ist aber deutlich, daß
die neuen Verflechtungen auch Gefahren für die noch jungen Demokratien
bergen, weil sie den Stellenwert von demokratischen Prozeduren und von Politik
überhaupt relativieren und die Integrität von Staat und Gesellschaft
in Frage stellen.
1) Claus Offe: Dilemma der Gleichzeitigkeit, in ders.:
Der Tunnel am Ende des Lichts. Frankfurt/M. 1994
2) Jadwiga Staniszkis: Dilemmata der Demokratie in Osteuropa, in: R.
Deppe u. a. (Hg.): Demokratischer Umbruch in Osteuropa. Frankfurt/M. 1991,
S. 326-347
3) Jadwiga Staniszkis: Postkommunismus - Versuch einer soziologischen
Analyse, in: Prokla 112 (1998/3), S. 375-394
4) Melanie Tatur: Ökonomische Transformation. Staat und moralische
Ressourcen in den post-sozialistischen Gesellschaften, in: Prokla 112 (1998/3),
S. 339-374
5) Bela Greskovits: The Hungarian Experience with Lessons for Poland.
Paper Presented at the
CASE-Workshop on "Consolidating Economic Reforms", Warsaw, Nov.
1998 / J. Staniszkis: Kommunismus, a. a. O.
6) Janina Frentzel-Zagorska: Civil Society in Poland and Hungary, in:
Soviet Studies vol. 42 (1990/4)
7) Andras Kovacs: Voting For and Voting Against:
Electoral Behaviour and Political Culture in Post-Communist Hungary. Paper
Presented at the Conference "Postcommunist Transition and the Social
Sciences", Berlin, Oct. 1998
8) Miroslawa Grabowska: Czy polskie spoleczenstwo jest podzielone? in:
Wicz 1996/4, S. 8-21 / Lena Kolarska-Bobinska: Co innego bedzie dzielic
Polakow, in: Rzeczpospolity 26. 11. 1998
Dr. Melanie Tatur ist Professorin für Politikwissenschaft
und politische Soziologie (Schwerpunkt Osteuropa) an der Universität
Frankfurt/M.

E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit,
herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE)
Redaktionsanschrift:
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