E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 3, März 2000,
S. 78-79)

Friedensfachkräfte im Zivilen Friedensdienst
Ein neues Instrument in der Entwicklungszusammenarbeit
Annette Hornung

Im November 1999 haben 14 Teilnehmer ein vier Monate dauerndes Trainingsprogramm als Friedensfachkräfte abgeschlossen. Die meisten von ihnen sind inzwischen in ihre Einsatzländer ausgereist. Annette Hornung berichtet, wie der Vorbereitungskurs aussah und worin die jetzige Tätigkeit
der Helfer besteht.
Sie sollen Feinde miteinander versöhnen, zwischen Konfliktparteien vermitteln: Friedensfachkräfte. Sie arbeiten im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes (ZFD). Ihre Aufgaben reichen von der Friedenserziehung über die Förderung von Menschenrechten bis hin zur Verwaltungsarbeit in Städten und Gemeinden. Sie
arbeiten in Krisenregionen, in Kosovo, Palästina, Simbabwe, Guatemala oder Rumänien. Ziel des Einsatzes ist es, Konflikte ohne Gewalt zu lösen und Schaden nach dennoch entstandenen gewaltsamen Auseinandersetzungen zu begrenzen. Das neue Instrument der Entwicklungszusammenarbeit greift vor allem auf jahrzehntelange Erfahrungen von Entwicklungsdiensten und Kirchen im Bereich der Friedensarbeit zurück.

Organisation des ZFD
Die Projekte des ZFD werden von anerkannten Trägern des Entwicklungsdienstes durchgeführt: dem Deutschen Entwicklungsdienst (DED), der katholischen Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH), der evangelische Organisation Dienste in Übersee (DÜ), der ökumenischen Organisation Eirene, dem Weltfriedensdienst (WFD), dem Forum Ziviler Friedensdienst e.V. und der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden e.V. (AGDF).
Das Procedere: Die Organisationen stellen Projektanträge, über die das BMZ gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt nach Zustimmung des jeweiligen Partnerlandes entscheidet. Jeder Einsatz einer Friedensfachkraft ist dann an (staatliche oder nicht-staatliche) Träger in den Einsatzländern gekoppelt. 18 Projektanträge sind bisher bewilligt worden, bis zu 100 Fachkräfte sollen in Krisenregionen eingesetzt werden.
Auf den Personalpool der ZFD-Fachkräfte will die Bundesregierung langfristig auch zur Unterstützung multilateraler Missionen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und der UN zurückgreifen. Der ZFD ist der einzige Bereich, für den das BMZ trotz massiver Haushaltskürzungen mehr Geld ausgeben will. 5 Mio. DM standen dafür 1999 zur Verfügung, im Jahr 2000 sollen es voraussichtlich 17,5 Mio. DM werden.
Die Friedensfachkräfte arbeiten - wie im Entwicklungsdienst üblich - ohne so genannte Erwerbsabsicht. Damit gelten für sie die Regelungen des Entwicklungshelfer-Gesetzes: Haftpflicht-, Kranken-, Unfallversicherung, Lohnersatzleistungen bei Arbeitslosigkeit und Eingliederungshilfen bei der Rückkehr werden finanziert. Die Aufgaben der Friedensfachkräfte unterscheiden sich aber von der herkömmlichen Arbeit der Entwicklungsdienste. Sie betreuen Interessengruppen in jenen sensiblen Bereichen, wo sich die Entwicklungszusammenarbeit bisher bewusst zurückgehalten hat. Die neue Herausforderung ist, bei gewaltsam ausgetragenen Konflikten zu intervenieren.

Trainingsprogramm für den Frieden
Für den Einsatz der Friedensfachkräfte gibt es eine spezielle Vorbereitung, durchgeführt von der Arbeitsgemeinschaft Qualifizierung für zivile Konfliktbearbeitung / Zivilen Friedensdienst. Dieser Arbeitsgemeinschaft gehören an: die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden e.V., das Forum Ziviler Friedensdienst e.V., die Bildungs- und Begegnungstätte für gewaltfreie Aktion (KURVE Wustrow), die Schalom Diakonie, der Bund für soziale Verteidigung und der Ökumenische Dienst im Konziliaren Prozess. Das Trainingsprogramm wurde zunächst allein vom Land Nordrhein-Westfalen finanziert, vom Jahr 2000 an beteiligt sich das BMZ.
Im November 1999 haben 14 Teilnehmer ein vier Monate langes Trainingsprogramm der AG in Bonn und in Burgsteinfurt abgeschlossen. Ein wichtiges Ziel dieses Kurses besteht darin, für Situationen, die zu eskalieren drohen, gewaltfreies Handeln einzuüben. Die Teilnehmer sollen lernen, zwischen Konfliktparteien, wie z. B. Angehörigen unterschiedlicher Ethnien, Religionen und Interessengruppen, zu vermitteln. In Kleingruppen versuchen die Teilnehmer, Kommunikationsstrategien zu entwickeln und unterschiedliche Standpunkte einzunehmen. Vor allem durch Dialog soll Verständnis für das Ziel friedlichen Interessenausgleichs aufgebaut oder wiederhergestellt werden.
Während der Ausbildung in ziviler Konfliktbearbeitung sollen sich die Teilnehmer auch mit militärischen Fragen befassen: Sie sollen Minen und ihre Wirkungsweise kennen lernen, sie sollen den Aufbau und die Rangordnungen militärisch organisierter Gruppen durchschauen, denn der Selbstschutz von Friedensfachkräften steigt, je besser sie informiert sind. Bisher ist jedoch in der kurzen Ausbildung dafür nie Zeit gewesen.
Im letzten Teil der Ausbildung wird das Verhalten der Teilnehmer kritisch betrachtet. Sie müssen lernen, sich selbst zu motivieren, sich auf Schwäche, Erschöpfung und schwierige Situationen vorzubereiten. Ein zweiwöchiges Praktikum schließt die Fortbildung ab. Einige haben das Zentrum für Menschenrechte und Gewaltfreiheit im kroatischen Osijek besucht und wichtige Erfahrungen in Südosteuropa gemacht. Auch wenn das Praktikum nur kurz ist, können die angehenden Fachkräfte dabei zum ersten Mal die Arbeit in der Realität kennen lernen.
Fast alle haben sich in ihrer beruflichen Laufbahn bereits mit Konfliktprävention und -nachsorge auseinander gesetzt, teilweise kennen sie die Projektregionen sehr gut und sprechen die Sprache, sogar Dialekte der Gastländer. Im Verlauf des Fortbildungskurses hat sich jeder Kursteilnehmer mit der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation seines Einsatzgebietes beschäftigt, vor allem mit den speziellen Problemen, die dort zu gewaltsamen Auseinandersetzungen führen könnten oder schon geführt haben. Nun sind sie ausgereist, acht von ihnen hat Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul im November der Öffentlichkeit vorgestellt. Worin besteht ihre Aufgabe im Einsatzland?

Die Praxis im Einsatzland
Die 28jährige Nicola Pape, vermittelt durch den DED, soll nach Simbabwe ausreisen. Sie ist Soziologin mit den Arbeitsschwerpunkten Entwicklungsplanung, Entwicklungspolitik, Friedens- und Konfliktforschung. In Simbabwe wird sie für den nicht-staatlichen Farmers Development Trust (FDT) arbeiten, der die Lebenssituation schwarzer Farmer verbessern will. Im FDT sind alle Konfliktparteien vertreten: Farmer-Verbände aller Bevölkerungsgruppen und auch die betroffenen Ministerien. Der FDT fungiert u. a. als Ausbildungsstätte für schwarze Kleinbauern und erteilt seinen Absolventen auf drei Jahre begrenzte Landnutzungsrechte. Weiße Großfarmer übernehmen für jeweils einen schwarzen Kleinbauern eine Patenschaft. Dadurch entsteht ein Netzwerk von Farmern unterschiedlicher Herkunft, so genannte Friedensallianzen. Sie haben das Ziel, Vorurteile abzubauen und ein möglichst konfliktfreies Umfeld für die landwirtschaftliche Produktion zu schaffen. Als Fachkraft des ZFD wird die Soziologin für den FDT arbeiten und ihn dabei unterstützen, das System der Friedensallianzen und der Patenschaften konzeptionell weiterzuentwickeln.
Thilo Krauße ist mit seiner Frau im Dezember 1999 für Dienste in Übersee (DÜ) nach Rumänien ausgereist. Er arbeitet in Brasow (früher Kronstadt) für die Akademie der reformierten Kirche. Die Kirche will in Siebenbürgen angesichts einer von Krieg und Zerstörung geprägten Vergangenheit einen Beitrag zum Aufbau einer politischen Kultur leisten. Krauße berät die Akademie beim Aufbau von Bildungsprogrammen zur Konfliktschlichtung, er entwickelt Curricula für Trainer in der Erwachsenenbildung, die für Versöhnungsarbeit in der Region qualifiziert werden sollen.
Thilo Krauße ist Historiker mit dem Schwerpunkt in osteuropäischer Zeitgeschichte. Er hat in London studiert, spricht neben Englisch auch Jiddisch und Rumänisch, kennt sich in seinem Einsatzgebiet gut aus. Viele Krisen und Konflikte hat er auch persönlich erfahren, sein Leben ist geprägt von der kritischen Kirche in der DDR: Er war Mitglied der Aktion Sühnezeichen, wandte sich gegen die Indoktrination durch die FDJ, gehörte zu den wenigen Wehrdienstverweigerern der DDR. Bis zur Wende war er Eisenbahn-Facharbeiter in Dresden. Dann ging er für ein Jahr nach Nordirland, um als Freiwilliger im Zentrum für Begegnung und Versöhnung in der Corrymeela Community zu arbeiten. Die dabei gesammelten Erfahrungen will der 31jährige nun in Rumänien einbringen.
Der 35jährige katholische Johannes Zang, der in Deutschland als Musiktherapeut gearbeitet hat, ist ebenfalls von DÜ vermittelt worden. Als Musiklehrer unterrichtet er seit November 1999 im Palästinensischen Autonomiegebiet in Bethlehem an der evangelischen Grundschule. Außerdem koordiniert er Musikveranstaltungen am Internationalen Begegnungszentrum der Stadt. Zang ist von diesem Zentrum angefordert worden, das sich zum Ziel gesetzt hat, eine palästinensische Zivilgesellschaft aufzubauen. Zang möchte den Kindern durch Musik eine neue Perspektive geben, Frustrationen abbauen und im Laufe des Jahres durch Konzerte auch Kontakte zu israelischen Jugendlichen knüpfen. Die palästinensischen Kinder mussten Jahrzehnte auf Musikunterricht verzichten. Es gab keine ausgebildeten Lehrer, keine Klassenräume und keine Musikinstrumente. Mit diesen Kindern soll eine neue Generation in Palästina heranwachsen, die auch durch Musik friedliches Verhalten lernen soll. Musik, so sagen die Psychologen, soll eine heilende Funktion für die Seelen der jungen Leute haben, die bisher fast täglich mit Gewalt und Tod leben mussten.
Vermittelt von der Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) plant Verena Blickwede, im Mai nach Kosovo zu reisen. Dort wird sie für das Kolpingwerk Albanien arbeiten. Sie wird im Team mit drei anderen Friedensfachkräften zurückkehrende Flüchtlinge beraten. Der Aufbau eines so genannten Welcome Center und die Förderung von lokalen Handwerksbetrieben gehören ebenso zu ihrer Arbeit wie der Aufbau von Selbsthilfegruppen zur Verarbeitung von Gräueltaten des Bürgerkriegs.
Die 30jährige evangelische Geographin befasst sich seit 1994 mit dem Thema der Nachsorge in Konfliktgebieten. Sie hat verschiedene Auslandspraktika hinter sich, u. a. im Centre for Human Settlements in Indien und als internationale Friedensbeobachterin in Südmexiko. Als internationale Begleiterin von Flüchtlingen arbeitete sie in Guatemala. In Mittelamerika hat Blickwede die Menschenrechtsarbeit der katholischen Kirche schätzen gelernt. Für sie war klar, dass sie auch im ZFD mit einem kirchlichen Träger zusammenarbeiten wollte.
Auch in Guatemala in Mittelamerika liegt eine große Aufgabe des ZFD bei der Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen und Grausamkeiten, die während des jahrzehntelangen Bürgerkrieges begangen wurden. Vermittelt durch DÜ soll dort die 34jährige Sozialpädagogin Heike Burba arbeiten. Ihre Partnerorganisation Capacitación y Desarrollo Comunitario (CODECO) setzt sich für guatemaltekische Flüchtlinge ein, die wegen des Bürgerkrieges nach Mexiko geflohen waren. Seit Kriegsende unterstützt die Organisation Fortbildungsmaßnahmen für Rückkehrer. Heike Burba soll Aus- und Fortbildungsprogramme für Mitarbeiter der Partnerorganisation entwickeln.

Fazit
Die Friedensfachkräfte versuchen, ihre Arbeit realistisch einzuschätzen: Sie wissen, dass der Friedenprozess von den Menschen vor Ort gestaltet werden muss. Die meisten sehen sich als kleines Rad innerhalb der lokalen Partnerorganisation. Auch Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul neigt nicht zur Überschätzung der von ihr nun stärker geförderten Friedensarbeit: Das Tor zum ewigen Frieden wird sie durch den ZFD nicht aufstoßen. Doch wenn es in einigen Regionen der Welt durch den ZFD gelingt, das Miteinander der Menschen etwas friedlicher zu gestalten und mitzuhelfen, dass Konflikte relativ gewaltfrei ausgetragen oder gar beendet werden können, dann ist es die Sache wert, sagt die Ministerin mit Überzeugung. In drei Jahren soll die Arbeit des ZFD evaluiert werden.
Annette Hornung arbeitet als freie Journalistin vor allem für Deutsche Welle TV in Berlin.

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