Andre Gunder Frank wurde im Jahre 1929 als Sohn des radikal-pazifistischen Schriftstellers Leonhard Frank in Berlin geboren. 1933 emigrierte die Familie und lebte schließlich ab 1940 in den USA. Frank studierte Ökonomie an der University of Chicago, wo er 1957 den Grad des Ph. D. erwarb. Nach vier Jahren als Lecturer an der Michigan State University folgten dann jeweils zwei Jahre in Brasilien und Mexiko, in denen er die zentralen Thesen der Dependenztheorie entwickelte. Nach einem zweijährigen Intervall in Montreal war er von 1968 bis 1973 Professor für Soziologie und Ökonomie an der Universidad de Chile in Santiago, bevor ihn der Putsch gegen die Regierung der Unidad Popular ins europäische Exil vertrieb. Es folgten ein kurzes Intervall am Lateinamerika-Institut der FU Berlin, dann vier Jahre als Visiting Research Fellow am damaligen Max-Planck-Institut in Starnberg; 1978 bis 1983 lehrte er als Professor of Development Studies an der University of East Anglia (Norwich, England) und von 1981 bis 1994 als Professor für Entwicklungsökonomie und Sozialwissenschaften an der Universität von Amsterdam. Nach seiner Emeritierung ist er nach Nordamerika zurückgekehrt. Er lebt in Toronto, ist Mitglied der Graduate Faculty der University of Toronto und Gastforscher an verschiedenen US-amerikanischen Universitäten.
Frank studierte Ökonomie am Swarthmore College und begann 1950 sein Ph.D.-Studium in Chicago, das zunächst von einer kritischen Auseinandersetzung mit der dort dominierenden monetaristischen Schule gekennzeichnet war (Wirtschaftstheoriekurs bei Milton Friedman); er verließ bald das dortige Ökonomie-Department, kam aber über die University of Michigan (u. a. bei Kenneth Boulding) mit neu gewecktem Interesse an Entwicklungsökonomie nach Chicago zurück (Bert Hoselitz, Harvey Perloff), wo er 1957 schließlich doch promovierte (mit einer Arbeit zum Produktivitätswachstum in Landwirtschaft und Industrie in der Ukraine). Längere Reisen nach Kuba, Ghana und Guinea bestärkten ihn schließlich darin, seine Stelle als Assistant Professor an der University of Michigan aufzugeben und die Probleme von Armut und Unterentwicklung von innen her kennen zu lernen.
All diesen Ansätzen gemeinsam sei der Fehler, so Frank, Entwicklung als Nachvollzug der Entwicklung der Metropolen anzusehen.
Frank stellte dem in verschiedenen Schriften seine Dependencia-Thesen
gegenüber, die er zuerst 1963 in Auseinandersetzung mit Thesen zur dualen
Gesellschaft (damals u. a. vertreten von Fernando Henrique Cardoso) auf einer
Anthropologen-Tagung in São Paulo präsentierte: Wichtig sei nicht die Gegenüberstellung dualer Gesellschaftsstrukturen, wichtig seien die Beziehungen zwischen modernen und (angeblich) traditionellen Sektoren und deren Abhängigkeit von externen Entwicklungen.
Die jetzt entwickelten Länder waren niemals unterentwickelt, auch wenn sie unentwickelt gewesen sein mögen. ... Die historische Forschung zeigt ..., dass die zur Zeit stattfindende Unterentwicklung zum großen Teil das historische Produkt der vergangenen und andauernden wirtschaftlichen und anderen Beziehungen zwischen den unterentwickelten Satelliten und den jetzt entwickelten Metropolen ist (1969a, S. 31f.).
Die Metropolen-Satelliten-Struktur der kapitalistischen Weltwirtschaft ist danach durch drei grundlegende kapitalistische Widersprüche gekennzeichnet:
Der Widerspruch der Kontinuität im Wandel: Auch wenn sich das kapitalistische Weltsystem im Laufe seiner historischen Entwicklung wandelt, reproduzieren sich die Grundstrukturen der Metropolen-Satelliten-Beziehungen immer wieder. Dabei erfahren die Satelliten eine ökonomische Entwicklung, die dem klassischen Kapitalismus dann am nächsten kommt, wenn ihre Bindungen an ihre Metropolen am schwächsten sind. Aber wenn die jeweiligen Metropolen sich von ihren Krisen erholen und durch eine neue Expansion der Handels- und Investitionsbeziehungen die Satelliten wieder völlig in das System integrieren, brechen diese Ansätze wieder in sich zusammen. Frank verweist auf die Krise der wirtschaftlichen und vor allem sozialen Entwicklung gerade der modernen Stadtregionen von Buenos Aires und São Paulo als Folge der seit Kriegsende wieder verstärkten Beziehungen zwischen diesen lokalen Metropolen und den Weltmetropolen.
Frank betont, dass es aufgrund dieser Strukturen verständlich sei, dass diejenigen Gebiete, die heute als am stärksten unterentwickelt und feudal erscheinen, diejenigen waren, die in der Vergangenheit die engsten Bindungen an die Metropolen hatten. Er verweist auf die Westindischen Inseln, Nordost-Brasilien und das Hochland von Peru und Bolivien mit den dort entstandenen Latifundien.
Franks politische Schlussfolgerungen gingen in diesen Jahren allerdings weit über die verbreiteten Reformvorschläge zur Stärkung der Position Lateinamerikas in den Beziehungen zu den Industrieländern hinaus: Sein 1968 zum ersten Mal veröffentlichter Artikel Lateinamerika: Kapitalistische Unterentwicklung oder sozialistische Revolution (vgl. Frank 1969b) betont, dass nationale Befreiung nicht vom lokalen Bürgertum ausgehen könne, sondern dass dieses gerade ihr unmittelbarer Feind sei: Die lokale Bourgeoisie sei ein Produkt der Lateinamerika aufgezwungenen kolonialen Struktur; der Imperialismus hat sich fast alle wirtschaftlichen und politischen Institutionen angeeignet, um die gesamte Wirtschaft in das imperialistische System einzugliedern (ebd. S. 104). Es habe zwar Perioden gegeben, in denen bürgerlich-national orientierte Industrielle versuchten, sich gegen diese Strukturen aufzulehnen, doch seien sie immer wieder in den folgenden Perioden einer erneuten wirtschaftlichen Expansion der Metropolen gescheitert.
Diese Thesen implizierten eine grundlegende Kritik an den sowjet-marxistischen Thesen der Notwendigkeit eines Bündnisses von Bauern und Arbeitern mit dem nationalen Bürgertum, wie sie auch kommunistische Parteien in Lateinamerika vertraten. Frank bezeichnete das angebliche nationale Bürgertum in Anknüpfung an Marx Rede vom Lumpenproletariat als Lumpenbourgeoisie. In seinem Buch Lumpenbourgeoisie et Lumpendéveloppement (das leider in Deutschland kaum zur Kenntnis genommen wurde) findet sich die klarste Formulierung dieser These zum Zusammenhang von Abhängigkeit und internen Klassenstrukturen:
1) Die Conquista plazierte ganz Lateinamerika in eine Position wachsender Subordination und wirtschaftlicher Abhängigkeit kolonialer und neokolonialer Form gegenüber dem einheitlichen Weltsystem des expandierenden Handelskapitalismus.
2) Diese Beziehung hat die Wirtschafts- und Klassenstrukturen und selbst die Kultur im Herzen der lateinamerikanischen Gesellschaft geformt und transformiert. Diese nationale Struktur transformiert sich somit in Funktion der periodischen Veränderungen der Formen kolonialer Abhängigkeit.
3) Diese Struktur bestimmt sehr direkt die Klasseninteressen des dominanten Teils der Bourgeoisie. Indem sie sich die Regierungsorgane und andere Instrumente des Staates zunutze macht, produziert dieser Teil der Bourgeoisie für die lateinamerikanische ,Nation und das lateinamerikanische Volk Politiken der Unterentwicklung im ökonomischen, sozialen, kulturellen und politischen Bereich (Frank 1971, S.19).
Dieses Zitat macht evident, dass die Dependenz-Theorie keineswegs nur die externe Abhängigkeit als Ursache von Unterentwicklung ansah, sondern von einer Internalisierung der Abhängigkeit ausging; Frank hat damit bereits allen Kritikern, die später auf dem Primat der internen Faktoren insistierten, im Voraus geantwortet: Natürlich sind es interne Faktoren, die gegenwärtig Entwicklung am stärksten behindern, aber diese internen Faktoren und ihre ständige Reproduktion sind nur zu verstehen im historischen (und in der Gegenwart fortbestehenden) Zusammenhang von Metropolen-Satelliten-Beziehungen.
Franks Vorstellungen von der Notwendigkeit einer sozialistischen Revolution in Lateinamerika fielen angesichts des sich radikalisierenden Widerstands popularer Schichten und linker Intellektueller zunächst auf fruchtbaren Boden. Er erkannte jedoch bald, dass die Hoffnungen auf eine revolutionäre Strategie trügerisch waren. Eine differenziertere Analyse der Wechselbeziehungen zwischen externer Abhängigkeit und internen Klassenstrukturen hat er allerdings nie vorgelegt, zumal sich später sein Interesse immer mehr auf die Weltsystemebene verlagerte.
Andre Gunder Franks Arbeiten stießen auf Kritik von Seiten anderer dependenztheoretisch und/oder marxistisch orientierter Autoren wie etwa Samir Amin und Giovanni Arrighi und wurden von liberalen und neoklassisch orientierten Entwicklungstheoretikern weitgehend ignoriert. Letzteres störte ihn wenig; die Auseinandersetzungen mit den Ersteren prägte jedoch seine weitere Arbeit. Schon in seinen frühen Arbeiten stand hinter der Zentrum-Peripherie-Perspektive die These von der Bedeutung der Entwicklung eines integrierten Weltsystems als Voraussetzung eines adäquaten Verständnisses jedweden Entwicklungsproblems.
In den 1960er Jahren hatte er sich mit der Unterentwicklung vor allem der lateinamerikanischen Gesellschaften befasst. Da er die bestimmende Dynamik bereits hier auf der Ebene des kapitalistischen Weltsystems ansiedelte, ist es nur logisch, dass er schon Ende der 1960er Jahre begann, sich mit der historischen Entwicklung kapitalistischer Akkumulation insgesamt zu beschäftigen. Die ersten Manuskripte der beiden erst später veröffentlichten Bände World Accumulation 1492-1789 und Dependent Accumulation and Underdevelopment (beide erschienen 1978) wurden schon zwischen 1968 und 1970 verfasst. Ausgehend von der Frage nach der internen oder externen Determinierung von Entwicklung, die er auf dem Hintergrund verschiedener marxistischer Schriften diskutiert, formuliert er: Im Grunde gebieten [diese Überlegungen] eine historisch-theoretische Analyse des Gesamtprozesses der kapitalistischen Produktion sowie der Veränderungen der Produktionsweisen, die damit weltweit verbunden sind (1980, S. 21).
Auch wenn diese Arbeiten nie die Dichte der historischen Argumentation erreichen, wie man sie in Immanuel Wallersteins The Modern World-System findet, ist sein Ansatz doch insofern interessant, als er die Entwicklung der Handelsbeziehungen und der Akkumulation des Handelskapitals in den Mittelpunkt seiner Analyse stellt. Darin war bereits der Kern seiner späteren Ablehnung einer besonderen Bedeutung kapitalistischer Akkumulation angelegt. Später sollte er schreiben, dass die Begriffe Feudalismus, Kapitalismus und Sozialismus transitional ideological modes seien, die aufgrund ihres Mangels an realer bzw. wissenschaftlicher Grundlage am besten aufgegeben werden sollten. They obscure more the fundamental continuity of the underlying world system than they supposedly clarify (Frank, in: Chew 1996, S. 44). In seiner Analyse verschiedener Phasen der Entwicklung der Unterentwicklung sind es die Strukturen der Handelsbeziehungen, die die Strukturen der Ausbeutung und damit auch die Entwicklung der Produktionsweisen in den kolonialen und neokolonialen Regionen bestimmen, und nicht umgekehrt. Dieser Ansatz wird auch im Schlusskapitel der Abhängigen Akkumulation im Hinblick auf die Analyse der Beziehungen zwischen Metropolen und Satelliten im 20. Jht. durchgehalten.
Etwa zur gleichen Zeit erschienen zwei umfangreiche Bände zur Weltwirtschaftskrise der 1970er Jahre, die er - wie viele andere auch - als eine zyklische Krise im Verlauf der langen Wellen globaler Akkumulation interpretierte; er veröffentlichte viele Beiträge zur Schuldenkrise der Dritten Welt und verwies auf den dort sich verstärkenden Differenzierungsprozess, ohne allerdings auch nur annähernd so viel Aufmerksamkeit zu erregen wie mit seiner Abhängigkeitstheorie zehn Jahre zuvor.
In den 1990er Jahren weitete sich seine Perspektive immer mehr aus. Er bekämpfte nun nicht mehr modernisierungstheoretische Ansätze und deren politische Schlussfolgerungen, sondern die eurozentrische Perspektive, die er überall entdeckte (sogar in Wallersteins Weltsystemtheorie und in seinen eigenen früheren Arbeiten). Seine Argumentation, entwickelt vor allem in Zusammenarbeit mit Barry K. Gills, geht aus von zwei Grundthesen (vgl. Frank/Gills 1993):
1) Das derzeitige Weltsystem ist nicht 500, sondern 5000 Jahre alt und basiert daher nicht auf den spezifischen europäischen Errungenschaften, die die Dominanz des Westens nur in den letzten zweihundert Jahren erklären.
2) Die eurozentrische Sichtweise überschätzt erheblich die Bedeutung Europas für den historischen Entwicklungsprozess der Neuzeit.
Sein neuestes Buch ReORIENT. Global Economy in the Asian Age (1998) liefert nun von diesem Ausgangspunkt aus eine neue Analyse der Entwicklung des Weltsystems von 1400 bis 1800. Er betont - auf der Basis von gut 300 Seiten historischer Analyse -, dass bis etwa 1800 Produktivität, Produktion und Akkumulation in Asien (von Indien bis China) größer waren als in jeder anderen Weltregion und die Kapitalakkumulation in Europa vor allem auf der Aneignung von Edelmetallen aus Amerika beruhte. Frank erwartet auf der Grundlage seiner Analyse der sehr langen Wellen, dass das Pendel der Vorherrschaft im jahrtausendealten afro-eurasischen Weltsystem im 21.Jht. wieder zugunsten Asiens zurückschlagen wird. Die aktuelle Asienkrise interpretiert er in diesem Zusammenhang: Es sei die erste Weltrezession, die wieder in Ostasien beginnt und sich von dort nach Westen ausbreitet (1998a, S.105).
Er distanzierte sich im Verlaufe dieser eigenen intellektuellen Entwicklung explizit von einigen seiner frühen Thesen, die den Kern des Dependenz-Ansatzes ausmachten, so vor allem die Annahme eines fundamentalen Bruchs gegen Ende des 15. Jhts., einer seit dieser Zeit kontinuierlichen Selbstverstärkung von Zentrum-Peripherie-Beziehungen sowie der Möglichkeit eines Ausbruchs aus diesen Beziehungen durch eine sozialistische Revolution. Er spricht jetzt eher von einem globalen evolutionären Prozess (1996, S. 45), in dessen Rahmen nationale, regionale und sektorale Strategien lediglich marginale Auswirkungen haben:
Therefore, any development ,policy for a particular country, region, sector, group, or individual must identify and promote some selected ,comparative advantage within the world economy. The policy is to find one or more niches in which to carve out a temporary position of comparative monopoly advantage in the international division of labor (S. 45).
Franks große Arbeiten lösen sich schon seit den 1970er Jahren immer mehr aus dem Zusammenhang des im engeren Sinne entwicklungstheoretischen Diskurses heraus; anderereseits gewinnt, angesichts der Einsicht, dass Entwicklung von einer Frage der Nord-Süd-Beziehungen zu einer Frage von Exklusion und Inklusion in einer sich globalisierenden Welt wird, eine engagierte Weltsystemperspektive auch wieder an entwicklungspolitischer Bedeutung. Ausgehend von seiner evolutionsorientierten Weltsystemanalyse und den zitierten entwicklungsstrategischen Überlegungen schloss sich Frank der Perspektive einer alternativen Selbstentwicklung an. Da alle großen Entwürfe zum Scheitern verurteilt seien, von einer kapitalistischen neuen internationalen Wirtschaftsordnung bis zur nicht-existenten und immer weniger erreichbaren alternativen sozialistischen Arbeitsteilung, gehe es um die Unterstützung der vielfältigen Kämpfe der vielen Minderheiten, die, etwa im Falle der Frauen, zahlenmäßig durchaus auch Mehrheiten sein können (Frank 1990a).

III.
Die Auseinandersetzung darüber, wer sozusagen die Urheberrechte an der Dependenztheorie hat, ist müßig; Überlegungen zur Rolle der Abhängigkeit Lateinamerikas von Europa und Nordamerika (bzw. ungleicher Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie) lassen sich historisch weit zurück verfolgen und haben auch für die Grundlegung des entwicklungsstrategischen Ansatzes der CEPAL durch Raúl Prebisch eine wichtige Rolle gespielt. Zwischen der Anthropologentagung in São Paulo 1963 (s. o.) und dem Lateinamerikanischen Soziologenkongress in Mexiko 1969, auf dem der Dependenzansatz zum neuen Paradigma der lateinamerikanischen Entwicklungssoziologie erhoben wurde, waren Dutzende von Arbeiten von einer beträchtlichen Zahl von Autoren entstanden (u. a. Cardoso, Córdova, Marini, Sunkel), die sich trotz unterschiedlicher theoretischer Ansätze doch den Grundthesen Franks anschlossen. Mit seinen klaren, theoretisch nicht besonders komplexen, aber anschaulich historisch belegten Aussagen und seinem grenzenlosen Streben nach wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit Freunden und Gegnern spielte Frank eine zentrale Rolle in der Entwicklung und Verbreitung dieses Ansatzes. Wahrscheinlich hat kein anderer Autor der Dependencia-Schule (Cardoso inbegriffen) eine gleich hohe Verbreitung seiner Schriften erreicht wie Andre Gunder Frank.
Dass Franks Arbeiten (und, in unterschiedlichem Maße, diejenigen anderer Autoren der entstehenden Schule) so große Auswirkungen auf die lateinamerikanische Diskussion hatten, lag sicher auch daran, dass sie in unmittelbarer Auseinandersetzung mit den aktuellen gesellschaftlichen Problemen Lateinamerikas entstanden waren, d. h. zu einem Zeitpunkt erschienen, in dem die Grenzen und Widersprüche der Strategie der importsubstituierenden Industrialisierung deutlich zu werden begannen und Chancen für eine alternative sozialistische Entwicklung gegeben schienen. Santiago de Chile war damals, vor allem nach dem Putsch in Brasilien, das Zentrum der gesellschaftspolitischen und -theoretischen Auseinandersetzungen in Lateinamerika.
Auch in Deutschland waren es zunächst Übersetzungen der Schriften von Frank (u. a. Frank 1969, 1969a), die die Dependenztheorie bekannt machten. Der Boden war hier bereitet worden durch die Studentenrebellion von 1968 und die bereits in den Jahren zuvor begonnene Auseinandersetzung mit der Marxschen und marxistischen Kapitalismuskritik sowie mit Entwicklungen in der Dritten Welt (hier vor allem Kuba, Vietnam, Iran). Die Entwicklung in Chile nach dem Wahlsieg der Unidad Popular verstärkte das Interesse an einer kritischen Auseinandersetzung mit Lateinamerika und Fragen der abhängigen (Unter-)Entwicklung.
Allerdings wurden auch die Unzulänglichkeiten seines Ansatzes schnell deutlich, zumal der holzschnittartige Charakter seiner Argumentation und die häufig doch recht unzulänglichen Belege seiner Thesen zur Kritik einluden und die politisch radikalen Schlussfolgerungen angreifbarer waren als etwa die differenzierteren Analysen Cardosos. Eine häufig vernichtende Kritik von Seiten der etablierten Entwicklungssoziologie und -ökonomie (vgl. etwa Behrendt 1971) war nicht erstaunlich, doch nahmen auch die Kritiken von Autoren, die die Grundperspektive des Dependenzansatzes durchaus teilten, rasch zu. So kritisiert etwa Thomas Hurtienne (1974, S. 260f.) wie viele andere, dass Franks Surpluskonzept von der Distribution der Einkommen und nicht von der Analyse der Produktion ausgehe, dass er Geschichte als nur quantitativ variierende Wiederholung des Ewiggleichen analysiere, d. h. dass er in der Geschichte des kapitalistischen Weltsystems in allen seinen Subsystemen nur den Formwandel gleichbleibender Grundstrukturen (ebd. S. 262) sehe, sowie seine Tendenz zum logischen Deduktionismus und zu einer strukturalistischen Reduzierung des Konkreten auf die Widerspiegelung allgemeiner Strukturen.
Leider wurden die Thesen seines Lumpenbourgeoisie-Buches kaum rezipiert und auch von ihm nicht detaillierter weiterverfolgt. Hier gibt es einen klaren Bezug zur Rent-seeking-Diskussion: Interne entwicklungshemmende Faktoren sind eben nicht zu verstehen ohne Bezug auf den globalen Zusammenhang der peripheren Entwicklung, und der Charakter der herrschenden Eliten ist das Ergebnis der spezifischen historischen Entwicklung der jeweiligen Gesellschaft.
Franks Arbeiten zur Weltsystemtheorie wurden in Deutschland seit Mitte der 80er Jahre immer weniger rezipiert; nur wenige Beiträge wurden übersetzt (zuletzt 1998a). Waren ihm in seinen dependenztheoretischen Thesen und den politischen Schlussfolgerungen viele in allen Teilen der Welt gefolgt, so interessiert sich heute nur noch ein eingeschränktes akademisches Publikum für seine aktuellen Arbeiten. Lediglich in Nordamerika wird ihm offenbar größere Aufmerksamkeit zuteil (etwa: Internet-Diskussionsforen in den Bereichen World System und World History, Affiliationen mit einer Reihe von Universitäten). Trotz eines gewissen Respekts werden seine Thesen auch hier als zwar anregend, aber doch ein wenig abwegig wahrgenommen (vgl. die Festschrift Chew 1996; hier z. B. Christopher Chase-Dunn: It is a wholesale move toward a timeless and endless model of historical repitition. Gunder Frank has become a Hindu, p. 248).
Seine neuen Arbeiten verbinden - wie eigentlich auch die alten - eine durchaus originelle und fruchtbare Ausgangsthese mit einer wissenschaftlich problematischen Arbeitsweise (Zusammenstellen von passenden Zitaten) und einer oft unerträglich arroganten Polemik gegen seine wissenschaftlichen Kontrahenten. Immerhin stellen seine evolutive Perspektive der Entwicklung des Weltsystems und die daraus folgende Skepsis im Hinblick auf die Möglichkeiten radikaler Veränderungen nicht nur eine Wendung seiner politisch-strategischen Folgerungen um 180 Grad dar, sondern durchaus auch einen bedenkenswerten Beitrag für die aktuelle entwicklungstheoretische Diskussion.

IV.
Die Dependenzthese hat die entwicklungstheoretische Diskussion entscheidend beeinflusst. Die Thematisierung ungleicher Nord-Süd-Beziehungen lag in den 1960er Jahren sicherlich in der Luft. Sie knüpfte in einzelnen Aspekten an ältere Arbeiten an (Prebisch, Furtado) und war insgesamt ein kollektives Unternehmen. Wesentliche Konzepte (strukturelle Heterogenität, Marginalisierung, abhängige Entwicklung) wurden auch von anderen Autoren (wie etwa Córdova und Cardoso) entwickelt. Franks Rolle dabei war allerdings zentral: Seine Hauptthesen über Unterentwicklung und Weltsystem spielten eine katalysatorische Rolle in der lateinamerikanischen Diskussion, die prägnante Formulierung seiner Thesen sorgte für rasche Verbreitung. Wichtig waren dabei die Zuspitzung und die illustrative Art seiner Darstellung und die Klarheit seiner politischen Aussagen.
Er lieferte auch Anstöße zu der (von Wallerstein dominierten) Weltsystem-Diskussion. In der weiteren Entwicklung dieser Diskussion war er allerdings nur ein Teilnehmer unter vielen - eher ein Außenseiter, der aber in der Lage ist, wichtige neue Impulse zu geben. Gerade in der Frage nach den Grundlagen für den Aufstieg Asiens (und der begann ja bereits mit Japan und wird mit der aktuellen Asien-Krise auch nicht beendet sein) ist eine intensivere Beschäftigung mit dessen langfristigen historischen Voraussetzungen und den vorindustriellen Beziehungen im afro-eurasischen Weltsystem sicherlich mehr als überfällig. Auch dazu kommen Anregungen von Andre Gunder Frank.
Schriften von Andre Gunder Frank
- 1969: Kapitalismus und Unterentwicklung in Lateinamerika. Frankfurt (englisch New York 1967)
- 1969a: Die Entwicklung der Unterentwicklung, in: Frank u.a.: Kritik des bürgerlichen Anti-Imperialismus, Berlin 1969, S.30-45 (englisch in: Monthly Review, Sept. 1966)
- 1969b: Lateinamerika: Kapitalistische Unterentwicklung oder sozialistische Revolution?, ebd., S. 91-131 (spanisch in: Pensamiento Crítico, Februar 1968)
- 1971: Lumpenbourgeoisie et Lumpendéveloppement. Paris 1971 (engl. New York 1972)
- 1972: Sociology of Development and Underdevelopment of Sociology, in: James D. Cockcroft/ A. G. Frank/ Dale Johnson: Dependence and Underdevelopment. Garden City, S.321-397 (zuerst veröffentlicht: Stockholm. Zenit 1969)
- 1978: World Accumulation 1492-1789. New York
- 1980: Abhängige Akkumulation und Unterentwicklung. Frankfurt (engl.: Dependent Accumulation and Underdevelopment. New York/ London 1978)
- 1990 (with S. Amin, G. Arrighi, I. Wallerstein): Transforming the Revolution: Social Movements and the World-System. New York, Monthly Review Press
- 1990a (mit Maria Fuentes): Civil Democracy: Social Movements in Recent World History, in: Frank 1990
- 1993 (with B. K. Gills, eds.): The World System: Five Hundred Years or Five Thousand? London
- 1998: ReORIENT. Global Economy in the Asian Age. Berkeley, University of California Press
- 1998a: Aber die Welt ist doch rund, in: Michael Heinrich/ Dirk Messner (Hg.): Globalisierung und Perspektiven linker Politik. Festschrift für Elmar Altvater. Münster, S. 80-109
Schriften über Andre Gunder Frank
- Richard F. Behrendt (1971): Die Zukunft der Entwicklungsländer als Problem des Spätmarxismus, in: Michael Bohnet (Hg.), Das Nord-Süd-Problem, München
- A. Foster-Carter (1976): From Rostow to Gunder Frank: Conflicting Paradigms in the Analysis of Underdevelopment, in: World Development, Vol. 3, pp. 167-180
- Thomas Hurtienne (1974): Zur Ideologiekritik der lateinamerikanischen Theorien der Unterentwicklung und Abhängigkeit, in: Probleme des Klassenkampfs, Nr.14/15, S. 213-283
- Sing C. Chew/ Robert A. Denemark (1996, Eds.): The Underdevelopment of Development. Essays in Honor of Andre Gunder Frank. Thousand Oaks (CA)/ London/ New Delhi
Dr. Wolfgang Hein ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Übersee-Instituts in Hamburg. Er veröffentlichte u. a.: Unterentwicklung - Krise der Peripherie. Opladen 1998.

E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit,
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