E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 3, März 2002, S. 89 - 91)


Mohandas Karamchand Gandhi (1869 - 1948)
Der Ahnherr der Entwicklung von unten

Cord Jakobeit, Steffen Bauer


Auch wenn Gandhi weniger Entwicklungstheoretiker als politischer Aktivist war, der durch seine Strategie des gewaltlosen Widerstands das Britische Weltreich in die Schranken weisen konnte, wird doch heute, mehr als 50 Jahre nach seinem Tod, deutlich, wie wichtig auch seine Überlegungen zur Entwicklung des indischen Dorfs waren. Seine Idee der dezentralisierten Dorfrepubliken, die weitgehend autark, aber gleichzeitig auch untereinander vernetzt sind, und der dörflichen Eigenproduktion, also insgesamt der Entwicklung von unten, ist in der gegenwärtigen Globalisierungsdebatte als lokales Gegenmodell bei den Kritikern der Moderne hochaktuell.


Journalist: "Mr. Gandhi, what do you think of Western civilization?" Gandhi: "I think it would be a good idea."


I.

Mohandas Karamchand Gandhi wurde am 2. Oktober 1869 im kleinen Fürstentum Porbandar im indischen Gujarat geboren, wo sein Vater Premierminister war. Gandhis Mutter Putlibai, die vierte Frau seines Vaters, war sehr religiös und prägte mit ihrer Verehrung des Hindu-Gottes Vishnu und der Praktizierung des Jainismus grundlegende Überzeugungen ihres Sohnes: Gewaltfreiheit, Unverletzlichkeit aller Lebewesen (Ahimsa), Vegetarismus, Fasten zur Selbstreinigung sowie Toleranz gegenüber den Anhängern anderer Überzeugungen und Religionen.

Nach dem Studium der Rechtswissenschaft in London (1888-1891) kehrte Gandhi zunächst nach Indien zurück und ließ sich in Rajkot und Bombay als Rechtsanwalt nieder. Aufgrund nur bescheidener beruflicher Erfolge nahm er 1893 das Angebot einer indischen Firma in der damaligen britischen Kronkolonie Natal an und ging als Jurist nach Südafrika, wo er sich mit kurzen Unterbrechungen bis 1914 aufhielt. Diese beiden Jahrzehnte waren für den politischen Aktivisten wie für den Theoretiker Gandhi prägend. Er erlebte die rassistisch motivierten Diskriminierungen und Benachteiligungen des Alltagslebens am eigenen Leibe, war aber anders als in der Vergangenheit nicht länger bereit, sie klag- und widerstandslos hinzunehmen.

Mit der Gründung des Natal Indian Congress organisierte Gandhi 1894 erstmals den Widerstand der indischen Einwanderer gegen die Aberkennung des Stimmrechts und andere diskriminierende Gesetze. Von 1906 bis 1913 lenkte er in Transvaal als politischer Führer der indischen Bevölkerung in Südafrika eine Kampagne für die Anerkennung der bürgerlichen Rechte seiner Landsleute.

In seinem politischen Manifest "Hind Swaraj" (freie Selbstregierung Indiens), das 1909 in Südafrika erschien, forderte Gandhi seine Anhänger auf, im Zeichen des Satyagraha (Hingabe an die Wahrheit) an dem als wahr Erkannten festzuhalten und sich von diesem Fundament aus im Sinne einer bewussten Selbstbeherrschung gewaltfrei dem Unrecht, der Diskriminierung und der Gewalt entgegenzustellen. Gandhi selbst hat seine prägenden Erfahrungen in Südafrika in seinem 1924 entstandenen Buch "Satyagraha in South Africa" zusammengefasst.

1914 nach Indien zurückgekehrt, stieg Gandhi innerhalb weniger Jahre zum herausragenden Führer der indischen Nationalbewegung auf. In drei Kampagnen des zivilen Ungehorsams, die ihm immer wieder Verhaftungen, Verurteilungen und Gefängnisaufenthalte einbrachten, setzte er Massenbewegungen in Gang, die darauf abzielten, die britische Regierung zu Zugeständnissen in der Unabhängigkeitsfrage zu bewegen. Die Kampagnen waren so gewählt, dass dadurch die Selbstzweifel bei den Kolonialherren geschürt und deren moralische Verteidigungslinien eingerissen werden sollten.

Zwischen 1920 und 1922 propagierte er die Asahayoga (Nichtbeteiligung) an den Institutionen der britisch-indischen Regierung, z. B. der Verwaltung und dem Gerichts-, Schul- und Bildungswesen. Integraler Bestandteil dieser Aktionen war der Boykott britischer Firmen und Produkte. Gleichzeitig war Gandhi darum bemüht, die kleinhandwerklichen Traditionen des Landes zu fördern, um durch die Verwendung lokaler Produkte, z. B. der häuslichen Handspinnerei, die Abhängigkeit von den britischen Industriewaren zu brechen und ökonomischen Druck auf die Kolonialherren auszuüben.

Nachdem die britische Regierung sich geweigert hatte, Indien den Dominion-Status zu gewähren, löste Gandhi 1930 die zweite Kampagne des zivilen Ungehorsams aus. Um gegen das Salzmonopol der britisch-indischen Regierung zu protestieren, führte er Hunderttausende von Menschen in einem Demonstrationsmarsch zum Meer, wo traditionell Salz durch Verdunstung erzeugt wurde. Zugleich widersetzte er sich erfolgreich den britischen Versuchen, in der vorgesehenen neuen Verfassung die Unberührbaren auszugrenzen und herabzustufen.

Die wichtigste Phase des Entwicklungstheoretikers und -politikers Gandhi fiel in die zweite Hälfte der 1930er Jahre, nachdem er sich 1934 aus der Kongress-Partei zurückgezogen hatte, deren führende Mitglieder er des Verrats an seiner Maxime der Gewaltlosigkeit bezichtigte. Gandhi konzentrierte sich auf die Nationenbildung und Entwicklung "von unten" und startete sein konstruktives Programm zur Bildung der ländlichen Bevölkerung, zur Förderung der kleinhandwerklichen Produktion und der angepassten Technologien sowie zur Gleichstellung der benachteiligten und diskriminierten Teile der Bevölkerung. Seine ökonomischen Konzepte waren dabei maßgeblich von der Kapitalismuskritik des britischen Sozialreformers John Ruskin (1819-1900) inspiriert, dessen Werk "Unto This Last" er in Südafrika eingehend studiert hatte. Zum Symbol der Kampagne gegen die Kolonialwirtschaft wurde das häusliche Spinnrad, das Gandhis Bewegung als gewaltlose Waffe im Kampf "Mensch versus Maschine" effektiv gegen die Vorherrschaft der britischen Textilmanufakturen in Stellung brachte. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges begann Gandhi 1940 seine dritte politische Kampagne, in der er die sofortige Entlassung Indiens in die Unabhängigkeit forderte.

Es gehörte zu den großen Enttäuschungen seines Lebens, dass er durch sein Wirken im Zusammenspiel mit den veränderten Realitäten der Nachkriegszeit zwar die Unabhängigkeit für Indien erreichen konnte, dabei aber die Einheit des Subkontinents verloren ging. Trotz unermüdlichen Einsatzes gelang es Gandhi nicht, zu verhindern, dass der Subkontinent im August 1947 unter millionenfachem Leid und zahllosen Todesopfern geteilt wurde und neben Indien das muslimisch geprägte Pakistan entstand. Nur gut fünf Monate später, am 30. Januar 1948, kam der Mahatma, die "große Seele" Indiens, in Delhi durch das Attentat eines jungen Hindufanatikers ums Leben. Seine eigene Nation verehrt ihn zwar bis heute als ihren Vater, aber seine entwicklungspolitischen Lehren wurden in Indien lange Zeit weitgehend ausgeschlagen. Vielmehr setzte Jawaharlal Nehru als erster Ministerpräsident des unabhängigen Indien eine Politik der industriellen Modernisierung durch, die für die weitere Entwicklung Indiens wegweisend war.


II.
Das Dorf als Basis der Entwicklung

Obwohl Gandhi unermüdlich schrieb, öffentliche Ansprachen vorbereitete und korrespondierte - seine gesammelten Werke umfassen mehr als 90 Bände -, war doch vieles davon für die politischen Erfordernisse der jeweiligen Situation konzipiert. In seinen Schriften hat er sich kaum zu umfassenderen sozialen und politischen Kategorien geäußert, sondern immer die Maximen der eigenen Lebensführung und der zwischenmenschlichen Beziehungen in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen gestellt. Daher sind seine Schriften voll von sehr persönlichen Bekenntnissen und Beobachtungen über das Verhalten seiner Mitmenschen wie über die Motive seines Einsatzes in bestimmten Situationen. In seiner Ende der 1920er Jahre geschriebenen Autobiographie "The Story of my Experiments with Truth", steht die intimste Gewissenserforschung direkt neben der öffentlichen Stellungnahme. Gefragt nach dem, was er der Welt mitzuteilen habe, lautete Gandhis Antwort: "Mein Leben ist meine Botschaft."

Immer hat Gandhi versucht, seine Überzeugungen konsequent selbst zu verwirklichen. In den verschiedenen Gemeinschaften, die er in Südafrika und Indien aufgebaut hat - am eindrucksvollsten sicher sein Sevagram Ashram, die "heimliche Hauptstadt" Indiens -, war er darum bemüht, als Vorbild zu wirken und den eigenen Kenntnisstand im Experiment zu erweitern.

Im Streben, sich und andere vom Sachzwang-Denken zu befreien, wurde die theoretische Analyse der real vorhandenen Sachzwänge von Gandhi zeitlebens vernachlässigt. Dennoch zeigte er in seinen Grundüberzeugungen seit der 1909 in Südafrika publizierten Schrift "Hind Swaraj" eine bemerkenswerte Kontinuität. Er übte immer wieder beißende Kritik am Materialismus und Kolonialismus des Westens, brachte seine Vorbehalte gegenüber Industrialisierung und Urbanisierung zum Ausdruck und betonte stattdessen den Wert handwerklicher Arbeit. Er äußerte sein Misstrauen gegenüber dem modernen Zentralstaat, lehnte die vorgeplante Entwicklung "von oben" ab und warb unablässig für Gewaltlosigkeit, dorfzentrierte Entwicklung und den Einsatz angepasster Technologien.

Im Mittelpunkt seiner Überlegungen stand dabei die traditionelle Dorfgemeinschaft und ihre Selbstregierung. Seine wesentlichen Gedanken dazu hat er in einem Artikel "Village Swaraj" niedergelegt, den er 1942 in seiner Zeitschrift Harijan veröffentlichte. Seine Texte zur dörflichen Selbstregierung (Village Swaraj) wurden nach seinem Tod von H. M. Vyas in einem Buch gleichen Titels gesammelt.

Die Selbstregierung der Dorfgemeinschaft betrachtete er als Basis für die indische Demokratie: "My idea of village swaraj is a complete republic independent of its neighbours for its own vital wants, and yet interdependent for many others in which dependence is a necessity" (Harijan, 26. 7. 1942). Gandhi wollte die schon in alten hinduistischen Schriften erwähnte Einrichtung des Panchayati Raj (Herrschaft der Fünferräte) wiederbeleben: "Every Panchayat will be expected to attend to a) the education of boys and girls in its village, b) its sanitation, c) its medical needs, d) the upkeep and cleanliness of village wells or ponds, e) the uplift of and the daily wants of the so-called untouchables." Der Panchayat sollte auch als Streitschlichtungsinstanz für lokale Dispute dienen: "That would ensure speedy justice without any expenditure. They would need neither the police nor the military" (Village Swaraj, p. 68).

Dabei wollte er die dörfliche Besitzstruktur und die Produktionsverhältnisse nicht grundsätzlich antasten. Sein Konzept von Bodenbesitz ist das einer Treuhänderschaft: "Der Reiche wird im Besitz seines Reichtums bleiben, von dem er verwendet, was er für seine persönlichen Bedürfnisse vernünftigerweise beansprucht, und er wird als Treuhänder für das übrige handeln, das für die Gesellschaft zu verwenden ist" (Harijan 25. 8. 1940). Der Leitsatz seiner ökonomischen Vorstellungen war: "Diejenige Ökonomie ist unwahr, die den moralischen Wert nicht kennt oder ihn missachtet" (Young India, 26. 12. 1924).

Ausgehend von diesen Vorstellungen, kämpfte er gegen die Vernichtung dörflicher Arbeitsplätze wie gegen den Ersatz traditionell hergestellter Nahrungsmittel durch solche, die industriell aufbereitet wurden und zusätzlich der Gesundheit schadeten. Ihm ging es um das Empowerment von Frauen, Armen und Unberührbaren, um die Überwindung von Armut und Unwissenheit als Voraussetzung dafür, auch übergeordnete politische Ziele mit Aussicht auf Erfolg in Angriff nehmen zu können. Sein Eintreten für eine Entwicklung "von unten", für angepasste Technologien und für die Mitsprache der lokal betroffenen Menschen, sein Diktum, dass es auf der Erde "genug gibt für die Bedürfnisse von allen, aber nicht für die Gier von allen" weisen ihn aus als Vordenker der Ökologiebewegung und der Suffizienzrevolution.

Wie alle großen Denker vor und nach ihm blieb auch Gandhi nicht davor gefeit, dass einzelne sich aus Teilen seines umfangreichen Werkes bedienten, ohne dabei sein stets verfolgtes Gesamtziel einer gewaltfreien, von sozialen Konflikten befreiten Gesellschaft aus selbstbeherrschten, sich als gleichwertig akzeptierenden Menschen zu berücksichtigen. Gandhi hat vermutlich nicht hinreichend erkannt, dass das, was er aufgrund seiner Erfahrungen und Erkenntnisse für sein eigenes Leben konsequent zum Maßstab gemacht hatte, nur schwer als dauerhaft praktikable Leitlinie für andere taugt. Für die breite Masse der indischen Bevölkerung hatte die Modernisierungsphilosophie, wie sie vor allem von der Regierung Nehru konsequent propagiert wurde, offenkundig die größere Anziehungskraft.


III.
Gandhis Erbe:
Sarvodaya und Panchayat

Es gehört zur besonderen Tragik Gandhis, dass seine Vorstellungen von Hilfe zur Selbsthilfe, ländlicher, dorfzentrierter Entwicklung und kleinräumiger, lokal bestimmter Wirtschaftsentwicklung aus eigenen Kräften im postkolonialen Indien unter Nehru im Zeichen der "Modernisierung" in ihr Gegenteil verkehrt wurden. Die schrittweise Zuspitzung der Auseinandersetzung um den Entwicklungsweg Indiens und die daraus resultierende Entfremdung der beiden langjährigen politischen Weggefährten Gandhi und Nehru ist dafür symptomatisch. Während Gandhi vergeblich für Genügsamkeit und angepasste Technologien plädierte, setzte der Ministerpräsident ganz auf Massenproduktion und Massenkonsum. So waren Nehrus regierungsamtliche Devise "Groß ist grandios" und Gandhis Motto "Let us not think of Big Things, but of Good Things" grundsätzlich unvereinbar. Infolgedessen wurde und wird Indien bis heute mit überdimensionierten Projekten und Staudämmen ausgestattet, für die immer wieder Tausende Einwohner umgesiedelt und viele Dörfer vernichtet werden.

Gandhis Ideen leben dennoch weiter, besonders seit klar geworden ist, dass Nehrus Strategie die Armut in Indien nicht hat beseitigen können. Beleg dafür ist vor allem die Sarvodaya-Bewegung, aber auch die in den letzten Jahren wieder zunehmende Bedeutung des Konzepts der lokalen Selbstregierung (Panchayat).

Den Begriff Sarvodaya (Wohlfahrt aller) hatte Gandhi 1908 geprägt, als er für seine Landsleute in Südafrika eine Textauswahl aus John Ruskins "Unto this Last" (über die Grundprinzipien der politischen Ökonomie) veröffentlichte. (Eine von Gandhi selbst in Gujerati übersetzte Fassung unter dem Titel "Sarvodaya" erschien später in Indien.) Seine Erklärung für dieses Prinzip war, dass jeder Mensch stets für die "Wohlfahrt aller" arbeiten solle, und dass dies zugleich Bestandteil der Selbstverwirklichung jedes Einzelnen sei.

Die Sarvodaya-Bewegung formierte sich nach Gandhis Tod unter der Leitung von Vinoba Bhave mit dem Ziel, eine Neuverteilung des Bodens (Bhoodan) auf freiwilliger Basis zu erreichen. Zugleich sollte durch den Aufbau von "Dorfindustrien" Gandhis Konzept der "Brotarbeit" verwirklicht werden, das er so beschrieben hatte: "Die Idee besteht darin, dass jeder gesunde Mensch für seine Nahrung ausreichend arbeiten muss und seine intellektuellen Fähigkeiten nicht benutzt, um ... ein Vermögen anzuhäufen" (Harijan, 29. 6. 1930). Die Dorfindustrien und ein damit verbundenes System lokaler Märkte waren ihm deshalb so wichtig, weil er erkannte, dass eine Industrialisierung nach westlichem Muster die Masse der indischen Arbeiter ihres Lebensunterhalts berauben und die erdrückende Armut des Landes vergrößern würde.

Zentrale Elemente der Sarvodaya-Bewegung sind heute u. a. lebendig in der Chipko-Bewegung gegen die fortschreitende Waldzerstörung oder in dem breiten Widerstand gegen die Errichtung der Narmada-Staudämme - seit Jahren Fokus der umweltpolitischen Debatte in Indien. Wichtiger noch als die Proteste sind dabei die ökologisch und sozial verträglichen Alternativen, die von Umweltgruppen in der Tradition Gandhis zur Lösung der anstehenden Probleme erarbeitet werden. Dazu zählen Dorfschulen, Ansätze zur nachhaltigen Land- und Forstwirtschaft, traditionelle Heilverfahren und eine dezentralisierte, regenerative Energiegewinnung. Auch der in weltweiter Vernetzung durchgeführte Widerstand gegen die Patentierung des Pestizids auf der Basis des indischen Neem-Baumes durch eine US-amerikanische Firma (der im Mai 2000 mit einem Sieg der Kläger vor dem Europäischen Patentamt endete) berief sich auf das Erbe Gandhis: Lokales Wissen, das auf lokalen Bedingungen und Erfahrungen beruht, darf nicht einfach ohne Mitsprache und Entschädigung von den Mächtigen enteignet werden.

In der Tradition Gandhis vollzieht sich auch die neuerdings wiederbelebte Bewegung zur Institutionalisierung lokaler Autonomie. Als die indische Verfassung geschrieben wurde, hatte Gandhi erreicht, dass darin in Artikel 40 die Klausel aufgenommen wurde: "The State shall take steps to organise village panchayats and endow them with such powers and authority as may be necessary to enable them to function as units of self-government." Dies blieb zunächst weitgehend Papier, die existierenden Panchayats waren mit wenig Entscheidungsmacht und geringen Mitteln ausgestattet. 1957 empfahl das Balwantrai-Mehta-Komitee, das die Ursachen für die geringe Wirksamkeit des Community Development Programme untersuchen sollte, den Panchayats die Verantwortung dafür zu übertragen. Auf dieser Basis wurden bis Mitte der 60er Jahre in allen Bundesstaaten Panchayat-Gesetze verabschiedet. Auch jetzt beschränkte sich allerdings in den meisten Staaten die Zuständigkeit der Panchayats auf eine Beteiligung an den Projekten der Administration.

Eine entscheidende Veränderung ergab sich jedoch im April 1993 mit der 73. Verfassungsänderung, die die Panchayats (auf Dorf-, Landkreis- und Distriktebene) entschieden aufwertete: Zum ersten Mal wurde eine tragfähige Finanzierung der Räte sichergestellt, sowohl durch Mittel von Bund und Einzelstaat als auch durch eigene Steuern. Die Räte müssen regelmäßig (alle fünf Jahre) neu gewählt werden, und sie können nicht mehr durch höhere Autoritäten abgesetzt werden. Eine Frauenquote gilt sowohl für die Räte als auch für den Vorsitz, und für Kastenlose und Ureinwohner (scheduled tribes) sind ebenfalls Quoten eingeführt. Damit können, Jahrzehnte nach Gandhis Tod, die indischen Dörfer endlich ihre Entwicklung in die eigene Hand nehmen, wie er es sich vorgestellt hat.


Schriften von M. K. Gandhi

- 1909: Indian Home Rule (Hind Swaraj). Madras 1921
- 1927-1929: The Story of my Experiments with Truth, 2 Bde. Ahmedabad 1927 (dt.: Eine Autobiographie oder die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit. Freiburg 1960)
- 1928: Satyagraha in South Africa. Madras 1950
- 1962: Village Swaraj (compiled by H. M. Vyas). Ahmedabad
- B. Kumarappa (ed.): Collected Works of Mahatma Gandhi (90 vols., 2 suppl. and index). Delhi, Publications Division, Ministry of Information, 1958-1984

Schriften über M. K. Gandhi

- N. Anadkat: International Political Thought of Gandhi, Nehru, and Lohia. Dehli, Bharatiya Kala Prakashan 2000
- M. Blume: Satyagraha: Wahrheit und Gewaltfreiheit, Yoga und Widerstand bei Gandhi. Gladenbach, Hinder & Deelmann 1987
- A. Bose: A Gandhian Perspective on Peace, in: Journal of Peace Research, Vol. 18, No. 2, 1981, S. 159-164
- R. Chhaya: Relevance of Ghandian Thought. Delhi, New Bharatiya 2000
- A. K. Dasgupta: Gandhi’s Economic Thought. London, Routledge 1996
- S. Gosalia: Sarvodaya - Mahatma Gandhis Modell der "Sozialen Marktwirtschaft von unten" für Indien, in: Indien in der Gegenwart, Vol. 2, Nr. 3, 1997, S. 65-80
- I. C. Harris: Sarvodaya in Crisis. The Gandhian Movement in India Today, in: Asian Survey, Vol. 27, No. 9, 1987, S. 1036-1052
- R. Hörig: Auf Gandhis Spuren. Soziale Bewegungen und ökologische Theorien in Indien. München, Beck 1995
- U. Hoering, C. Wichterich: Local Governance oder: Vorwärts - Zurück zu Gandhi? in: Peripherie 1999, Nr. 76, S. 49-68
- R. N. Iyer: The Moral and Political Thought of Mahatma Gandhi. New Delhi, OUP 2000
- R. D. Jung: Einige Bemerkungen zur gandhistischen ökonomischen Lehrmeinung, in: Asien Afrika Lateinamerika, Vol. 22, Nr. 3, 1994, S. 279-291
- D. Rothermund: Mahatma Gandhi. Eine politische Biographie. 2. Aufl. München, Beck 1997
- I. Rothermund: The Philosophy of Restraint. Mahatma Gandhi’s Strategy and Indian Politics. Bombay, Popular Prakashan 1963
- A. Roy, B. Wielenga: Gandhismus, in: Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus, Bd. 4. Berlin 1999
- K. Sames: Der Unabhängigkeitsgedanke in Gandhis Wirtschaftskonzept. Stuttgart, Steiner 1998
- S. P. Varma: Gandhi and Contemporary Thinking of Development, in: Development and Peace, Vol. 5, No. 2, 1984, S. 228-234
- S. Wolpert: Gandhi’s Passion: The Life and Legacy of Mahatma Gandhi. Oxford, OUP 2001


Cord Jakobeit ist Professor für Politische Wissenschaft mit dem Schwerpunkt Internationale Politik an der Universität Hamburg und Direktor des Instituts für Afrika-Kunde in Hamburg.
cord-j-iak@uni-hamburg.de

Steffen Bauer, MA der Politikwissenschaft, arbeitet zu Fragen der internationalen Umwelt- und Entwicklungspolitik. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politische Wissenschaft der Universität Hamburg.
steffen.bauer@vad-ev.de



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