E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 3, März 2002,
S. 68 - 69)

Entwicklungsforschung und Politik
Warum lassen sich die Politiker zu wenig beraten?
Hartmut Ihne

Die Entwicklungspolitik könnte großen Nutzen daraus ziehen, wenn sie die Entwicklungsforschung stärker zu ihrer Beratung heranziehen würde, insbesondere für interdisziplinäre Fragen. Dass sie das nicht tut, hat Gründe auf beiden Seiten, meint Hartmut Ihne: Einerseits gewährt die Politik der Wissenschaft zu wenig Einblick in ihre Probleme, andererseits ist die Wissenschaft zu wenig bereit, ihre Erkenntnisse nutzerfreundlich und verständlich aufzubereiten.

Die Komplexität der Wirklichkeit
1. Die Welt, oder genauer das Bild, das wir von ihr haben, wird mit fortschreitender Globalisierung zusehends komplexer. An dieser Zunahme von Komplexität hat die Wissenschaft ihren nicht unerheblichen Anteil, weil immer mehr analytische Daten, Informationen und Wissen über die Welt angehäuft werden. Sie spielt in diesem Zusammenhang eine Doppelrolle:
Einerseits ist sie durch ihre Erkenntnisse an der Verdichtung unserer Vorstellungen von der Welt beteiligt, andererseits ist sie es, die auf Mikro-, Meso- und Makroebene versucht, die Welt und ihre Inhalte und Prinzipien verstehbar (wenn auch nicht unbedingt verständlich) zu machen.
2. Für die Politik stellt dieser Zuwachs an Komplexität eine enorme Herausforderung dar. Sie braucht permanente wissenschaftliche Begleitung, um diese Komplexität in ihrer Tragweite überhaupt verstehen und ihr adäquat begegnen zu können. Das gilt für die Entwicklungspolitik in besonderem Maße, da sie alle Politikbereiche berührt, per se also eine politische Querschnittsaufgabe ist. Diese hat eine horizontale und eine vertikale Dimension. Die horizontale erstreckt sich auf die auf einer politisch-organisatorischen Ebene befindlichen Politikbereiche (wie Innen, Soziales, Justiz etc. in einer Kommune, einem Land oder einer Region), die vertikale auf die Beziehungen zwischen verschiedenen Ebenen (d. h. von der untersten institutionellen Ebene, z. B. einer Kommune, über die nationale bis in die supranationale und das globale System).

Der interdisziplinäre Kontext der Politik
3. Damit politische Entscheidungen in komplexen Gesellschaften in der Gesamtheit ihrer Facetten vernünftig gestaltet werden können, ist eine den politischen Prozess und seine Folgen für Staat und Gesellschaft vorausdenkende, begleitende und weiterentwickelnde Beratung durch Wissenschaft notwendig. Insbesondere im anglo-amerikanischen Raum hat sich eine breite Beratungslandschaft durch Universitäten, Think Tanks und Beratungsagenturen entwickelt.
In Deutschland gibt es nach wie vor nur wenige Einrichtungen, die in diese Richtung erfolgreich arbeiten. Um den Komplexitätsherausforderungen der Politik überhaupt begegnen zu können, muss Politikberatung durch Wissenschaft umfassend sein, in sektorspezifischer, interdisziplinärer und methodischer Hinsicht. Insbesondere bei der Querschnittsaufgabe Entwicklungspolitik ist es zwingend, dass wissenschaftliche Politikberatung einen Schwerpunkt auf Interdisziplinarität legt.
In der Vergangenheit hat in der deutschen Entwicklungsforschung der sektorspezifische Ansatz dominiert, der isolierte Betrachtungen von politischen Einzelproblemen vornahm. Interdisziplinäre Forschung aber, die sowohl die horizontale als auch die vertikale Dimension berücksichtigt, bleibt, trotz ermutigender Konzepte, in Deutschland nach wie vor ein
Desiderat - und das, obwohl die politische Wirklichkeit (etwa bei der Armutsfrage, bei der internationalen Finanzarchitektur, bei nationalen und globalen Governancefragen, beim Schutz öffentlicher globaler Güter, bei der Schaffung nachhaltiger
globaler menschlicher Sicherheit) gerade heute intensiv mit Querschnitt-Problemen konfrontiert ist. Was nach wie vor fehlt, ist eine überzeugende, qualitativ anschlussfähige, konsequent interdisziplinäre und auf die Querschnittsaufgabe der Entwicklungspolitik reagierende wissenschaftliche Politikberatung.
4. Zu fragen ist, woran das liegt. Warum fordert die Politik nicht stärker eine wissenschaftliche Praxisberatung ein und fördert Maßnahmen, die ihren Bedarf an interdisziplinärer Expertise decken?
Die Beziehung zwischen Politik und Wissenschaft ist hierzulande in vielerlei Hinsicht defizitär. Es sind zwei verschiedene Welten, die sich nur mit Mühe aufeinander zu bewegen. Die Gründe dafür sind vielfältig, wie unterschiedliche Milieus, Methoden, Zielsetzungen, Sprachen, Geschwindigkeiten, Themen etc. Sie lassen sich in den bekannten Metaphern vom Elfenbeinturm auf der einen und den Niederungen der Praxis auf der anderen Seite zusammenfassen. Bei manchem politisch Verantwortlichen sind wohl Zweifel am Sinn von Zusammenarbeit mit der Wissenschaft entstanden - insbesondere wenn es um die Nachfrage nach kurzfristigen, wissenschaftlich soliden Handlungsempfehlungen geht, die die Zwänge der Praxis berücksichtigen.
Beide haben aber sowohl eine Bring- als auch eine Holschuld, denn beide stehen in gesellschaftlicher Verantwortung. Die Bringschuld der Politik besteht im Öffnen von politischen Entscheidungsprozessen für die Wissenschaft, die Bringschuld der Wissenschaft in der verständlichen und adressatenorientierten Aufbereitung der Expertise. Die Holschuld der Politik besteht in der Rezeption von wissenschaftlichen Erkenntnissen, die Holschuld der Wissenschaft in der Kenntnisnahme und Analyse dessen, wie politische Entscheidungsprozesse praktisch (nicht theoretisch) vonstatten gehen.

Die Zwänge der Wissenschaften
und die politische Agenda
5. Die Wissenschaft bemüht sich zu wenig (proaktiv) um die Agenda der politischen Praxis (z. B. die Planungen der Parlamente, der Ministerien und der Gruppen der Zivilgesellschaft). Sie will ihre eigene Agenda. Das ist bei den Naturwissenschaften weniger dramatisch, da ihr Praxiserfolg sich anders ausprägt. Aber für die Sozial- und Geisteswissenschaften ist das möglicherweise fatal, weil ihr Gegenstand die Lebens- und Handlungsräume der Menschen, der Gesellschaften und der von ihnen geschaffenen Institutionen ist. Welchen Sinn - außer einem ästhetischen und egoistischen für den Wissenschaftler selbst oder seine Peer Group - machen Modelle, Theorien, Konzepte über soziale Entitäten, die diesen nicht helfen, ihre Lage besser zu verstehen und damit verbundene Probleme zu lösen? Insbesondere die Universitäten und die ihnen verwandten anderen Forschungseinrichtungen tun sich immer noch schwer, sich der Politik zu öffnen und ausreichend interdisziplinäre Beratungsexpertise anzubieten, die für politische Entscheidungsträger attraktiv, also relevant, verständlich und anwendbar ist.
6. Wenn Wissenschaft aber - und das muss für die Entwicklungsforschung in hohem Maße gelten - kurz-, mittel- und langfristig gesellschaftlich relevant sein und Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger einerseits und die gesellschaftliche Entwicklung andererseits haben will, muss sie die Planungen und
Vorhaben der Praxis genau kennen und
darauf reagieren. Wissenschaft wird ge- sellschaftlich relevant, wenn sie politische Entscheidungsprozesse voraus- und mitdenkt und beeinflussen kann. Gerade die häufig noch vorherrschende reine Selbstbezüglichkeit der wissenschaftlichen Welt und die damit verbundenen (selbstorganisierten) akademischen Karrierezwänge insbesondere für den wissenschaftlichen Nachwuchs (Dissertation, Habilitation) verhindern häufig wirkungsvoll die notwendige Öffnung der Wissenschaft in die Entscheidungswelt der Politik auf der einen und eine wirkungsvolle Interdisziplinarität zur konzeptionellen wissenschaftlichen Beratung von Entwicklungspolitik auf der anderen Seite.

Voraussetzungen für Brücken zwischen
Entwicklungsforschung und Politik
7. Zur Überbrückung der beiden Welten muss eine Reihe von Voraussetzungen auf Seiten der Entwicklungsforschung erfüllt sein. Dazu gehören unter anderem Änderungen von Mentalitäten und Ressourcenplanung, neue Wege bei Fort- und Weiterbildung, stärkere interdisziplinäre Arbeitsweisen, eine bessere Vernetzung sowie neue Vermittlungsformen. Das setzt im Einzelnen voraus,
- dass die Entwicklungsforschung zur Stärkung ihrer Relevanz in der Wirklichkeit außerhalb wissenschaftlicher Peer Groups stärker auf die Agenden der Entwicklungspraxis ausgerichtet wird und sich dort ihre Themen holt (wobei jedoch Grundlagenforschung nicht auf der Strecke bleiben darf);
- dass die Wissenschaftler in einen engen Dialog mit den Praktikern treten und sich mit den realen Strukturen, Verfahren und Problemen von Politik vertraut machen (und nicht nur eine theoretische Vorstellung von Politik haben), im Idealfall auch einmal die Seiten wechseln können;
- dass viel stärker als bisher qualifizierte Praktiker in die wissenschaftliche Arbeit eingebunden werden (als Resource Persons und/oder als Forscher), um eine bislang wenig genutzte Expertise in den Forschungsprozess substantiell einzubinden und damit dessen politische Relevanz und Attraktivität zu erhöhen;
- dass flexible Mechanismen im Personalbereich entwickelt werden, die auch kurzfristige Expertise möglich machen (etwa über Pools oder Netzwerke oder eine flexiblere Organisation der Einbindung eigener Forscher in die jeweils laufenden Forschungsprojekte; eine solche Flexibilität ist in universitären Einrichtungen bislang kaum anzutreffen, da diese meist langfristig arbeiten);
- dass Fortbildungsstrategien für Wissenschaftler erarbeitet und umgesetzt werden, um Defizite der Kenntnis der entwicklungspolitischen Praxis auszugleichen und einen neuen Typus von beratungsfähigen Wissenschaftlern im Sinne von David A. Crockers ,Theory Practice auszubilden (das geht z. B. über den Ausbildungskurs des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik hinaus, da hier explizit jene praktische Kompetenz erworben werden soll, um die politische Entscheidungsträgerpraxis adäquater zu verstehen);
- dass nicht nur multidisziplinär (also unterschiedliche Beiträge zwischen zwei Buchdeckeln unverbunden sammelnd, was gegenwärtig in der Regel das Maximum des zu Erwartenden ist), sondern wirklich interdisziplinär gearbeitet wird, damit sich neben dem disziplinären zugleich auch ein interdisziplinäres Paradigma in der Wissenschaftslandschaft etablieren kann, in dem Antworten auf die miteinander verbundenen Fragen der Entwicklungspraxis erarbeitet werden und das auch den interdisziplinär interessierten Nachwuchswissenschaftlern nützt;
- dass Entwicklungsforschung und Entwicklungspolitik gemeinsam systematisch Netzwerke ausbilden, die einen kurz-, mittel- und langfristigen Zugriff auf Expertise ermöglichen (gerade die von der Politik häufig benötigte kurzfristige Expertise im Sinne von Task Forces durch die klassischen Forschungseinrichtungen ist bislang aufgrund der Organisation von Forschung kaum möglich); in diese Netzwerke sollten auch andere Akteure der Entwicklungsszenerie wie Stiftungen, Entwicklungsorganisationen, Consultancies und schon bestehende Netzwerke (wie etwa das Global Development Network) einbezogen werden;
- dass neue, verständliche Formen der Vermittlung und Präsentation wissenschaftlicher Expertise auf hohem Niveau entwickelt werden, die von Entscheidungsträgern tatsächlich zur Kenntnis genommen werden können;
- dass die Entwicklungsforschung stärker Einfluss nimmt auf die öffentliche Atmosphäre im Zusammenhang mit Problemen der Entwicklungspolitik und ihre Erkenntnisse und Policy-Empfehlungen nach Außen hin ,vermarktet.
8. Andererseits muss die Politik sich dem wissenschaftlichen Denken stärker öffnen. Sie wird ohne Einbezug wissenschaftlicher Analyse und synthetischer Schlussfolgerungen den Weg in das
21. Jahrhundert und zu einer verantwortungsvollen globalen Strukturpolitik schwerlich erfolgreich gehen können.
Eine Forderung an die Politik ist, der Wissenschaft deutlicher als bisher (uneingeschränkt) Zugang zu den eigenen Diskursen zu geben. Wünschenswert wären über Enquete-Kommissionen und Ausschussanhörungen hinaus Jours Fixes, bei denen sich Wissenschaft und Politik auch in Grundsatzfragen austauschen. Noch wichtiger aber ist der Einbezug von Wissenschaft in die tägliche Arbeit (z. B. Supervision bei Gremiensitzungen o. ä.). Dadurch lassen sich Kommunikationsdefizite und Unkenntnis des politischen Prozesses bei den Wissenschaftlern abbauen. Um wissenschaftliche Politikberatung nachhaltig zu gestalten, bedarf es zudem ausreichender Finanzmittel. Im eigenen Interesse, besonders aber im Interesse der Gesamtgesellschaft, sollte auch von Seiten der Politik über neue Formen der Finanzierung von wissenschaftlicher Beratungsexpertise nachgedacht werden. Die Politik weiß längst, dass nicht sie alleine die Welt menschlich gestalten kann; sie benötigt dazu auch die Wissenschaft. Verantwortliche Politik muss die sie beratende Wissenschaft fordern und sich leisten, diese stärker zu fördern. Grenzen sind jedoch da zu setzen, wo die wissenschaftlichen Berater zu ,Dienern werden. Das bekommt am Ende niemandem.
9. Insgesamt ist es unerlässlich, den Prozess einer effizienten, die Interessen von Wissenschaft und Politik berücksichtigenden Politikberatung genauer zu erforschen. Der Transfer von wissenschaftlichem Wissen in den politischen Entscheidungsraum ist ein komplizierter Kommunikationsvorgang, der bislang systematisch nicht ausgewertet ist. Er wird umso erfolgreicher und nachhaltiger sein und der Gesellschaft und den Menschen dienen, je mehr die beteiligten Welten über ihre Ziele und Strukturen als auch ihre Möglichkeiten und Grenzen wissen.1
1) Dass er ohne dieses wechselseitige Wissen nur schwer oder gar nicht möglich ist, wurde 2001 auf einem internationalen Workshop an der Universität von Warwick mit dem Thema ,Bridging Research and Policy deutlich gemacht. Dazu liegt ein gutes zusammenfassendes Papier von Diane Stone unter dem gleichen Titel vor.
Dr. Hartmut Ihne ist Geschäftsführer des Internationalen Wissenschaftsforums Bonn (IWB), einer Organisationsgemeinschaft des Zentrums für Entwicklungsforschung (ZEF) und des Zentrums für Europäische Integrationsforschung (ZEI).
ihne.cicero@uni-bonn.de

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