E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 3, März 2002, S. 72 - 76)


Neue Konzepte zur Entwicklung des ländlichen Raums
Eine vergleichende Analyse

Winfried von Urff


Die Förderung ländlicher Entwicklung ist nach wie vor eine zentrale Aufgabe der Entwicklungszusammenarbeit. Drei Viertel der 1,2 Milliarden Menschen, die unter extremer Armut leiden, leben im ländlichen Raum. Die Aufgabe, sie bei selbstverantworteter Entwicklung zu unterstützen, wird in jüngerer Zeit von der Entwicklungspolitik wieder stärker betont. Winfried von Urff untersucht die Konzepte, die hierfür bei Weltbank, EU, BMZ und der Deutschen Welthungerhilfe entwickelt wurden, und stellt ein großes Maß an Übereinstimmung fest.



Ländliche Entwicklung -
30 Jahre Entwicklungszusammenarbeit

Von den rund 5 Millliarden Menschen in den Entwicklungsländern leben 80 Prozent in ländlichen Gebieten, von den 1,2 Milliarden, die in extremer Armut leben, sind es 75 Prozent. Der kärgliche Lebensunterhalt vieler der ländlichen Armen hängt noch immer direkt oder indirekt von der Landwirtschaft ab. Diese muss auch die Nahrungsmittel zur Verfügung stellen, die für die wachsende Bevölkerung und für eine Verminderung der Zahl der gegenwärtig 800 Millionen mangelernährten Menschen - die meisten davon ebenfalls in ländlichen Gebieten lebend - benötigt werden.

Ob es gelingen wird, bis zum Jahr 2015 die Zahl der in extremer Armut Lebenden (Weltsozialgipfel 1995) und die Zahl der Mangelernährten (Welternährungsgipfel 1996) zu halbieren, hängt in erster Linie von der Entwicklung der ländlichen Regionen ab.

Ländliche Entwicklung (LE) ist also eine zentrale Aufgabe der Entwicklungszusammenarbeit. Das Mitte der 70er Jahre entstandene Konzept der ,Integrierten Ländlichen Entwicklung‘ war zunächst mit Euphorie betrachtet worden, an deren Stelle bald Enttäuschung trat. Das Bemühen um LE blieb aber weiterhin auf der Tagesordnung. Immer wieder wurden neue Konzepte vorgestellt, die im Wesentlichen zwei Dinge gemeinsam hatten: (1) eine Abkehr von der übertriebenen Breite und Komplexität, die für viele Programme der ,integrierten ländlichen Entwicklung‘ charakteristisch waren, und (2) eine Rückbesinnung auf die ursprünglichen Wurzeln, d. h. ein Ernstnehmen der Partizipation der Zielbevölkerung und des ,Bottom-up-Ansatzes‘.


Neue Konzepte

In jüngerer Zeit erreichte erneut eine Reihe von Grundsatzpapieren zur ländlichen Entwicklung die Öffentlichkeit. Sie sollen im Folgenden mit ihren wesentlichen Merkmalen kurz vorgestellt und miteinander verglichen werden. Nicht einbezogen wurde der Rural Poverty Report 2001 des International Fund for Agricultural Development (IFAD), da es sich dabei weniger um ein Strategiepapier des IFAD handelt als vielmehr um eine generelle Darstellung und Analyse der Armut in ländlichen Regionen und um Forderungen an die Politik, mehr zur Beseitigung der Armut in ländlichen Regionen zu tun, wofür Ansatzpunkte grundsätzlicher Art genannt werden.


1. Strategiepapiere der Weltbank:
1.1. Rural Development:
From Vision to Action

Einer der Ausgangspunkte dieses im Frühjahr 1997 vorgelegten Strategiepapiers war die Unzufriedenheit mit den rückläufigen Anteilen der Ausleihungen für Landwirtschaft und LE, die ihrerseits im Zusammenhang damit standen, dass bei der nachträglichen Evaluierung von Projekten aus diesem Bereich im Vergleich zu anderen ein größerer Anteil als unbefriedigend eingestuft wurde.

Das Strategiepapier beginnt mit den Beiträgen, die LE zu den Zielen (1) Armutsminderung, (2) breit gestreutes Wachstum, (3) Ernährungssicherheit auf der Haushaltsebene, der nationalen und der globalen Ebene sowie (4) nachhaltiges Management der natürlichen Ressourcen leisten kann und leisten muss. Für die LE selbst werden folgende Ziele genannt:

  • Ländliches Wachstum mit privater, wettbewerbsfähiger Landwirtschaft und Agribusiness als Hauptwachstumsmotoren kommt vielen zugute.
  • Familienbetriebe und außerlandwirtschaftliche Unternehmen bieten Männern und Frauen ein breites Angebot an einträglicher Beschäftigung.
  • Die ländliche Bevölkerung bewirtschaftet Boden, Wasser, Forsten, Weide und Fischgewässer auf nachhaltige Weise.
  • Die ländliche Bevölkerung ist über gut funktionierende Märkte für Produkte, Betriebsmittel und Finanzdienstleistungen mit der Gesamtwirtschaft verbunden.
  • Die ländliche Bevölkerung hat Zugang zu medizinischer Versorgung, sauberem Wasser und Abwasserentsorgung, Diensten der Familienplanung. Erziehungseinrichtungen und nährstoffreichen Nahrungsmitteln.
  • Entscheidende rechtliche Rahmenbedingungen, öffentliche Investitionen sowie produktive und soziale Dienstleistungen werden dezentralisiert und in partizipativer Weise bereitgestellt und finanziert.

Zur Erreichung dieser Ziele sollen die Ausleihungen der Weltbank für Landwirtschaft und LE erhöht und die Projekte qualitativ verbessert werden. Für LE-Projekte wurde eine Checklist erarbeitet, die sich im Wesentlichen an den o. g. Zielen orientiert. Im Übrigen sieht die Weltbank für sich auch eine katalytische Rolle bezüglich der Beiträge anderer Geber und eine konkrete Aufgabe in der Geberkoordination.

Den Rahmen für ein stärkeres Engagement in den Bereichen Landwirtschaft und LE sieht die Weltbank in ihren Country Assistance Strategies (CAS). Thematisch werden folgende Schwerpunkte genannt:

  • Formulierung von Strategien und Maßnahmenbündeln für ländliche Räume,
  • Intensivierung landwirtschaftlicher Produktionssysteme,
  • Management natürlicher Ressourcen und Forstwirtschaft,
  • Wasserverteilung und -management,
  • ,Community Development‘ und ländliche Infrastruktur.
In einem Konzeptionspapier vom Juli 2000 wird das Strategiepapier einer kritischen Bewertung unterzogen. Neue Elemente werden darin gesehen, dass (1) mit dem Fokus auf ländliche Gebiete ein breiterer Ansatz gegenüber dem der Landwirtschaft gewählt wird, (2) die ganze Weltbankgruppe in die Förderung der ländlichen Entwicklung einbezogen wird, (3) stärker mit Partnerländern und mit der internationalen Gebergemeinschaft zur Integration der LE in Länderstrategien zusammengearbeitet wird, (4) lange vernachlässigte Themen aufgegriffen und (5) alte Themen in neuer Form angesprochen werden. Schwächen werden darin gesehen, dass Aspekte der außerlandwirtschaftlichen Beschäftigung nicht in adäquater Form angesprochen werden, dass neue globale Entwicklungen, wie etwa die Auswirkungen der WTO-Runde, zu wenig einbezogen werden, und dass der ,Bottom-up-Ansatz‘, d. h. die Teilnahme der ländlichen Bevölkerung an der Planung und Durchführung, zu wenig operationalisiert wird.

Außerdem wird selbstkritisch festgestellt, dass es nicht gelungen sei, den Anteil der Ausleihungen für LE zu erhöhen und sie konsequent in die CAS zu integrieren. Diese Feststellungen waren für die Weltbank Anlass, erneut einen Prozess zum Überdenken des Konzepts der LE in Gang zu setzen.


1.2. Reaching the Rural Poor -
An Updated Strategy for Rural Development

Dieser Prozess hat inzwischen Ergebnisse hervorgebracht. Dem Autor stand davon ein im Dezember 2001 ins Internet eingestelltes Papier zur Verfügung, das als ,Executive Summary‘ bezeichnet wird, obwohl die Inhaltsübersicht darauf schließen lässt, dass es sich um eines von sechs Kapiteln handelt, das die Überschrift ,Implementing the Strategy: Key Thrusts‘ trägt. Zentrales Anliegen ist die Revitalisierung der Aktivitäten der Weltbank zur Verminderung der Armut in ländlichen Regionen. Dazu werden vier Hauptstoßrichtungen genannt:

1. Integration der Bedürfnisse der ländlichen Armen in nationale Politikdialoge:
Die Erfahrungen aus ,From Vision to Action‘ zeigten, dass alle zusätzlichen Bemühungen sowohl auf der Makro- als auch auf der Sektorebene, da sie nicht von lokaler Eigentümerschaft begleitet waren, nur zu einer marginalen Verstärkung des Einbezugs der LE in die Länderprogramme führten. Die Weltbank will sich daher verstärkt für die Berücksichtigung der LE in nationalen Entwicklungsstrategien und für die Stärkung von Institutionen, welche die ländliche Bevölkerung in die Lage versetzen, ihre Bedürfnisse zu artikulieren, einsetzen.

Neben den CAS werden dafür Ansätze gesehen in den ,Comprehensive Development Frameworks‘ (CDF) sowie in den für die Inanspruchnahme der Vorteile der HIPC-Initiative zu erstellenden ,Poverty Reduction Stategy Papers‘ (PRSP).

2. Skalenvergrößerung von Investitionen in die LE:
Erfolgreiche Beispiele sollen im Rahmen des Politikdialogs auf höherer Ebene in die nationale Investitionsplanung eingebracht werden. Dabei soll es sich um Maßnahmen handeln, die die ländliche Bevölkerung erreichen, einen Beitrag zu Armutsreduzierung leisten, sich für Partnerschaften mit anderen Gebern eignen, ohne eine Änderung übergeordneter Politiken durchführbar sind und für eine Einbeziehung in die Programmfinanzierung in Frage kommen.

3. Verbesserung der Qualität und der Auswirkungen der Operationen der Weltbank:
Alle Operationen sollen stärker auf Armut fokussiert werden. Dazu bedarf es einer Verbesserung der Armutsanalyse und ihrer institutionalisierten Einbeziehung in operationelle Strategien und Projektplanungen sowie eines armutsbezogenen M.u.E.-Rahmens (Monitoring und Evaluierung), der für alle Projekte verbindlich vorgegeben werden soll.

4. Implementierung globaler gemeinsamer Prioritäten und Stärkung von Partnerschaften:
Die Weltbank strebt eine stärkere Einbindung in die internationale Bereitstellung öffentlicher Güter an. Dazu gehört für sie eine stärkere Unterstützung der Entwicklungsländer im WTO-Prozess, die Fortsetzung der erfolgreichen Zusammenarbeit mit der Beratungsgruppe Internationale Agrarforschung und eine verstärkte Weiterfüh-rung der Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Institutionen (FAO, IFAD, ADB, IADB). Eine ,Global Alliance for Rural Development‘ wird vorgeschlagen.


2. Politik der EU im Bereich
Ländliche Entwicklung

Der Vertrag von Maastricht von 1992 erteilte der EU erstmals ein formales Mandat zur Entwicklungszusammenarbeit. Artikel 130 u weist ihr die Aufgabe zu, ergänzend zur Entwicklungszusammenarbeit der Mitgliedsstaaten Entwicklungspolitik zu betreiben, und nennt als Ziele dieser Politik (1) Armutsverminderung, (2) Unterstützung des Wachstums durch Stärkung des Wettbewerbsfähigkeit im ländlichen Sektor, (3) Förderung der Demokratie und der Menschenrechte, (4) Verbesserung der umweltbezogenen und der institutionellen Nachhaltigkeit.

Im Februar 2000 wurde von der Generaldirektion Entwicklung - Ländliche Entwicklung und Ernährungssicherheit - ein ,Policy Orientation Paper‘ zur ländlichen Entwicklung vorgelegt, das sich auf die Ziele des Vertrags von Maastricht beruft. Kernstück der Analyse ist die Herausarbeitung von Entwicklungshemmnissen und darauf aufbauend entwicklungspolitischen Prioritäten in der Form von Visionen, an die sich - der Vorgehensweise des Planungsinstruments ,Logical Framework‘ folgend - Ziele in der Form von Ergebnissen und daraus abgeleitete Aktivitäten anschließen. Die ersten Schritte dieses Prozesses werden in stark vereinfachter Form in der folgenden Abbildung wiedergegeben:

Auf der Seite der Entwicklungshemmnisse wird mit dem Stichwort ,Ethische und politische Fragen‘ das Problem angesprochen, dass in vielen Ländern Krieg und Gewalt herrschen, unter denen insbesondere die ländliche Bevölkerung leidet, dass viele Formen der Diskriminierung anzutreffen sind, große Teile der Bevölkerung nicht oder nur sehr eingeschränkt über Nutzungsrechte an natürlichen Ressourcen verfügen und gerade die sozial schwachen Gruppen kaum eine Möglichkeit haben, sich auf politisch relevante Weise Gehör zu verschaffen.

,Ungeeignete Institutionen‘ hemmen private Investitionen, behindern den Zugang zu Produkt- und Faktormärkten und schließen einen Teil der Bevölkerung sogar von der Wahrnehmung ihrer politischen Rechte aus. Unter dem Stichwort ,Fehlen eines befähigenden wirtschaftlichen Umfeldes‘ werden die Überbewertung der eigenen Währung, nicht-nachhaltige externe Verschuldung, unzureichende Inlandsersparnisse, ein unkontrolliertes Budgetdefizit, alle Arten von Preisverzerrungen, ineffiziente und ungleiche Besteuerung, Mängel der Infrastruktur und ineffiziente Märkte genannt.

Hinter dem Stichwort ,Schwache Ausstattung der Individuen‘ stehen geringes Ausbildungsniveau, schlechter Gesundheitszustand, Fehlen technischer und betriebsleiterischer Fähigkeiten sowie fehlende finanzielle Ausstattung. Als Elemente einer ,nicht-nachhaltigen Nutzung der natürlichen Ressourcen‘ werden die Konflikte zwischen Nachhaltigkeit und kurzfristigen Überlebensstrategien, umweltschädigende landwirtschaftliche Produktionsweisen, mangelndes Verständnis der Bedingungen der Nachhaltigkeit, ungesicherte Nutzungsrechte, externe Effekte und der von einer wachsenden Bevölkerung ausgehende Druck auf die Bodennutzung genannt.

Ehrlicherweise scheut die EU-Kommission nicht davor zurück, auch auf ,negative Effekte gewisser EU-Politiken‘ für die Entwicklungsländer einzugehen, insbesondere auf die Auswirkungen der Protektion der eigenen Landwirtschaft, des beschränkten Marktzugangs für sensible Produkte und der Beschränkung von Wanderungsbewegungen.

Die in der Form einer Vision wiedergegebenen Prioritäten der Entwicklungszusammenarbeit zielen darauf ab, diese Hemmnisse zu überwinden. Welche Zielvorstellungen damit verbunden sind, wird sich der Leser leicht vorstellen können. Sie im einzelnen darzustellen, würde den Umfang dieses Beitrags sprengen.

Insgesamt fällt auf, dass politischen Grundsatzentscheidungen und grundlegenden Politiken gegenüber Maßnahmen, die auf der Projektebene ansetzen, ein höherer Stellenwert eingeräumt wird. So wird ,Empowerment‘, der Unterstützung sich herausbildender demokratischer Systeme und verantwortlichen dezentralisierten Institutionen breiter Raum gewidmet, ebenso der Haushalts- und Währungspolitik, einer marktwirtschaftlichen Ordnung oder institutionellen Reformen, die den Einzelnen einen besseren und sicheren Zugang zu natürlichen Ressourcen und zu Institutionen einräumen sollen. Darin kommt die Überzeugung der EU zum Ausdruck, für solche grundsätzlichen Bereiche ein besonderes Mandat zu haben bzw. besser als andere Geber in der Lage zu sein, eine Selbstbindung der Regierungen der Partnerländer im Prozess des politischen Dialogs zu erreichen.


3. BMZ-Entwurf zum
,Konzept Ländliche Entwicklung‘

Das (noch unveröffentlichte) neue ,Konzept Ländliche Entwicklung‘ des BMZ ist eine programmatische Vorgabe für die Gestaltung der staatlichen deutschen EZ. Es dient als Referenzrahmen für die Festlegung von Grundsätzen, Kriterien, angestrebten Wirkungen und Leitlinien für Handlungsansätze bei der Planung und Durchführung von Vorhaben im ländlichen Raum. Eine Weiterentwicklung des Sektorkonzepts ,Ländliche Entwicklung‘ aus dem Jahr 1988 erfolgt durch einen Diskussionsprozess mit staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen. Die Fassung vom November 2001 macht deutlich, dass es sich um eine Weiterentwicklung von einem eher auf die landwirtschaftliche Produktionsförderung konzentrierten Sektorkonzept zur einem sek- torübergreifenden Gesamtkonzept für die Entwicklung ländlicher Räume handelt, das einem umfassenden system- und prozessorientierten Ansatz folgt.

Ziel der Entwicklungszusammenarbeit in der LE ist es danach, ,die betroffenen Menschen dabei zu unterstützen, in eigener Verantwortung die Entwicklung ihrer Region voranzutreiben. Sie sollen sowohl ihre Lebensgrundlage sichern und die Qualität ihrer Lebensbedingungen verbessern können als auch einen steigenden Beitrag zur sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung ihres Landes leisten.‘ Für Vorhaben der LE wird als Voraussetzung gesehen, ,dass

  • die Politik von Kooperationsländern entwicklungsorientiert und bereit ist, die erforderlichen Rahmenbedingungen zu schaffen,
  • die Bevölkerung diese Entwicklungsorientierung teilt und den Entwicklungsprozess als ihren eigenen ansieht,
  • Entwicklungsorganisationen und staatliche Institutionen ihre Rollen neu definieren und ihr Handeln so anpassen, dass sich die Menschen in eigener Verantwortung und aktiv entfalten können,
  • die Industrieländer ihre internationale Verantwortung wahrnehmen und dazu beitragen, dass die Entwicklungsländer auf globaler Ebene faire Chancen für ihre wirtschaftliche und soziale Entwicklung erhalten,
  • die Gebergemeinschaft bereit ist, ihre Beiträge über verbesserte Kooperation und Koordination kohärent in die Strategien und Programme der Kooperationsländer einzubauen‘.

Durch Vorhaben der Ländlichen Entwicklung sollen folgende Veränderungsprozesse gefördert werden:

  • ,auf der politischen Ebene, indem Partnerregierungen dabei unterstützt werden, die notwendigen Rahmenbedingungen herzustellen für eine regionalwirtschaftliche ländliche Struktur, die Frauen und Männern gleiche Chancen garantiert,
  • des sozialen Wandels, indem Mitglieder und Institutionen der ländlichen Gesellschaft dabei unterstützt werden, veränderte Rollen und Aufgabenverteilungen friedlich zu klären, Kapazitäten für die Übernahme neuer Verantwortung zu entwickeln und die Leistungsfähigkeit sozialer Sicherungssysteme wiederherzustellen,
  • zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft, indem öffentliche und private Akteure darin unterstützt werden, Möglichkeiten zur Erweiterung produktiver sowie entlohnter Beschäftigungen über den landwirtschaftlichen Bereich hinaus zu schaffen,
  • für eine nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen, indem die ländliche Bevölkerung bei der Wahrnehmung ihrer lokalen Verantwortung unterstützt wird, beispielsweise für die Nahrungsmittelerzeugung ressourcenschonende und umweltverträgliche Ansätze zu entwickeln und anzuwenden.‘

Abschließend werden die Bereiche genannt, auf die sich Vorhaben der LE erstrecken können. Dazu gehören land- und forstwirtschaftliche Produktion, Fischerei, Ressourcenmanagement, Bezugs- und Absatzorganisation, vor- und nachgelagertes produktives Gewerbe, nationale und internationale Agrarforschung, Dienstleistungen und Handwerk, Infrastruktur, Selbsthilfeeinrichtungen, Beratung zum Konfliktmanagement, gezielte Einbeziehung benachteiligter Gruppen, Aufbau des Kommunal- und Gemeindewesens, soziale Sicherungssysteme, Gesundheitsversorgung, Familienplanung sowie formale und außerschulische Bildung.


4. Das Fachkonzept Ländliche Entwicklung
der Deutschen Welthungerhilfe

Als Arbeitshilfe für ihre Partner, Fachkräfte und Gutachter hat die Deutsche Welthungerhilfe (DWHH) im Juli 2000 ein ,Fachkonzept Ländliche Entwicklung‘ vorgelegt. Es basiert auf einer realistischen Einschätzung der begrenzten Möglichkeiten einer NRO, die weder den Anspruch erheben kann, Einfluss auf grundsätzliche Politikentscheidungen in den Partnerländern und deren Makropolitiken zu nehmen, noch in der Lage ist, das durch den Rückzug staatlicher Akteure im Rahmen von Strukturanpassungsprogrammen entstandene Vakuum zu füllen.

Als Oberziel der von ihr geförderten und mitgestalteten LE-Projekte sieht die DWHH die nachhaltige Verbesserung der Lebensbedingungen armer Bevölkerungsgruppen im ländlichen Raum. Die Entwicklungsziele hängen davon ab, welche konkreten Verbesserungen (z. B. höhere Einkommen, verbesserte Grundbildung oder größere Einflussmacht benachteiligter Gruppen ) von den Beteiligten als besonders wichtig angesehen werden. Die Projektziele bestehen darin, dass die Zielgruppen ökonomisch, ökologisch und sozial tragfähige Verfahren bei ihren Aktivitäten in identifizierten Schwerpunktbereichen praktizieren. Betont werden der regionale Bezug, eine mittel- bis langfristige Programmorientierung und eine partizipative, prozessorientierte Vorgehensweise bei Planung und Implementierung.

Für die von ihr geförderten und mitgestalteten LE-Projekte nennt die DWHH neun Grundsätze, die bei der Planung und Gestaltung von Projekten Berücksichtigung finden sollen:

  1. Armutsbekämpfung,
  2. Nachhaltigkeit,
  3. Zielgruppenorientierung,
  4. Selbsthilfeorientierung,
  5. Partizipationsorientierung,
  6. Genderorientierung,
  7. Kapazitätsorientierung,
  8. Vernetzungsorientierung,
  9. Krisenprävention und Konfliktbearbeitung.
Unter dem Stichwort ,Kapazitätsorientierung‘ wird der Notwendigkeit Rechnung getragen, Potential und Begrenzungen der Beteiligten mit Blick auf die Projektdurchführung von Beginn an realistisch einzuschätzen, Träger- und Institutionenförderung in das Projekt zu integrieren sowie Ziele und Aufgaben den zu erwartenden Implementations-, Monitoring- und Evaluierungskapazitäten anzupassen.

Unter dem Stichwort ,Vernetzungsorientierung‘ wird angesprochen, dass eine NRO wie die DWHH umso wirksamer arbeiten kann, je mehr es ihr gelingt, ihre Arbeit mit der anderer Akteure zu koordinieren, insbesondere mit solchen bi- und multilateralen Gebern, die eine größere Chance haben, Einfluss auf die durch staatliche Akteure gesetzten Rahmenbedingungen zu nehmen.

Zu ,Krisenprävention und Konfliktbearbeitung‘ wird deren Charakter als in allen Projekten mitzuverfolgende Querschnittsaufgabe hervorgehoben. Auch LE-Projekte können konfliktmindernd oder konfliktverschärfend wirken, je nachdem ob die Projektmaßnahmen stärkend oder schwächend auf die in jeder Gesellschaft vorhandenen konfliktfördernden oder ausgleichenden Akteure und Mechanismen einwirken.

Dem Charakter des Papiers als Arbeitshilfe entsprechend werden die Instrumente für die Planung und Gestaltung von LE-Projekten in einer Form behandelt, die an frühere Handbücher erinnert. Es wird gezeigt, was bei der Analyse der Ausgangssituation zu beachten ist und wie dabei insbesondere die Zielgruppenanalyse unter Verwendung partizipativer Erhebungsmethoden durchzuführen ist.

Besondere Aufmerksamkeit wird der zielgruppenspezifischen Maßnahmenplanung gewidmet, wobei gezeigt wird, wie Maßnahmen inhaltlich so gestaltet werden können, dass sie bevorzugt der Zielgruppe zugute kommen (self-targeting). Weitere Anleitungen finden sich zur Entwicklung angepasster Problemlösungen, zum partizipativen Projektmanagement und zur Selbsthilfeförderung, wobei konsequent dem Subsidiaritätsprinzip gefolgt wird.

Abschließend wird auf die Trägerförderung und Institutionenentwicklung eingegangen, insbesondere auf die Organisation der Zielgruppen einerseits und die Ergänzung staatlicher Förderorganisationen durch private Unternehmen und NROs andererseits sowie die Vernetzung zwischen diesen Ebenen, um die Kluft zwischen staatlichen Förderungsorganisationen und benachteiligten Gruppen zu überwinden.


Zusammenfassende Bewertung

Vergleicht man die verschiedenen Papiere, so fällt zunächst auf, dass sie in der Beurteilung dessen, was die integrierte ländliche Entwicklung geleistet hat, und in der Analyse der Ursachen für die unbefriedigenden Erfolge weitgehend übereinstimmen. Gleiches gilt für die Forderungen, die an ländliche Entwicklung zu stellen sind. Dazu gehören die Beteiligung der Zielgruppen, insbesondere ihre Befähigung, Wünsche und Forderungen in politisch relevanter Form zu artikulieren, die Schaffung eines entwicklungskonformen wirtschaftlichen Umfeldes, die Schaffung geeigneter Institutionen, der Zugang der ländlichen Armen zu Ressourcen und zu Institutionen, die Ausbildung, der Zugang der Zielgruppen zu medizinischen und sozialen Dienstleistungen, die Nachhaltigkeit der Ressourcennutzung usw.

Unterschiedliche Schwerpunkte werden in den Ansatzpunkten für eigene Aktivitäten deutlich. Es ist sinnvoll, wenn sich die EU und im Wesentlichen auch die Weltbank auf die höhere, die politische Ebene konzentrieren, das BMZ sowohl die Ebene des Politikdialogs als auch die Programm- bzw. Projektebene anspricht und die DWHH als NRO ihren Fokus auf die Projektebene legt, da sie auf übergeordnete Ebenen allenfalls indirekt über potentere bi- oder multilaterale Partner Einfluss nehmen kann.

Bei der Lektüre der von der Weltbank innerhalb der letzten fünf Jahre vorgelegten Papiere drängt sich der Eindruck auf, dass damit jeweils auf eine öffentliche oder interne Kritik an der Diskrepanz zwischen früheren Programmen und tatsächlich Erreichtem reagiert wird. Zum Teil wird in den Papieren offen Selbstkritik geübt, was zu begrüßen ist. Zieht man aus den vielen Absichtserklärungen der letzten Veröffentlichung den Schluss, dass sie sich auf Dinge beziehen, die bisher nicht erreicht wurden, so drängt sich der Eindruck auf, dass die Diskrepanz zwischen Programm und Umsetzung größer ist, als es in der expliziten Selbstkritik zum Ausdruck kommt. Besonders auf der Programm- oder Projektebene dürfte die Umsetzung dessen, was in den Strategiepapieren als Elemente ländlicher Entwicklung herausgearbeitet wird, zu wünschen übrig lassen. Dass man selbst die Formulierung ,Revitalisierung der Aktivitäten zur Verminderung der Armut in ländlichen Regionen‘ verwendet, ist aufschlussreich.

In einem gewissen Widerspruch dazu steht die Tatsache, dass man aus den Papieren der Weltbank einen Führunganspruch herauslesen kann, der sich sowohl auf die konzeptionelle Ebene der Strategieentwicklung als auch auf die Ebene der Umsetzung bezieht. Insbesondere sieht die Weltbank für sich eine gewisse Führungsrolle in der Zusammenarbeit mit anderen nationalen und internationalen Institutionen und in einer Koordination von deren Tätigkeiten.

Im Übrigen sind die Papiere der Weltbank wohl auch durch ihre innere Struktur geprägt. Es wird deutlich, daß es innerhalb der Weltbank unterschiedliche Meinungen gibt, und daß ein Teil der Funktionen der Strategiepapiere wohl auch darin besteht, im eigenen Haus Überzeugungsarbeit zu leisten.

Inwieweit bei allen Akteuren eine Umsetzung der Konzepte zur ländlichen Entwicklung - sei es auf der Ebene des Politikdialogs, sei es auf der Programm- oder Projektebene - stattgefunden hat, könnte nur durch eine umfangreiche empirische Analyse beurteilt werden. Dazu müssten zumindest die internen Evaluierungen der Akteure ausgewertet werden. Dies wäre nur im Rahmen eines größeren Forschungsvorhabens zu leisten. Ein solches Vorhaben wäre dringend erwünscht. Ein Akteur, der es initiiert, finanziert und die übrigen für die Mitwirkung gewinnt, würde damit sein Interesse an einer kritischen Bestandsaufnahme unter Beweis stellen.

Nach der Lektüre der vorliegenden Papiere war der Autor dieses Beitrags von ihrem Umfang und ihren ausgefeilten Formulierungen beeindruckt. Er fühlte sich aber auch an den Ausspruch eines afrikanischen Delegierten der Welternährungskonferenz von 1974 erinnert, der ihm unvergessen geblieben ist: ,Remember, they can’t eat your words!‘


Literatur

  • Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Entwurf zum Konzept Ländliche Entwicklung (noch nicht abgeschlosser unveröffentlichter Entwurf)
  • Deutsche Welthungerhilfe: Fachkonzept Ländliche Entwicklung. Leitlinien für die Förderung von Projekten der ländlichen Entwicklung. Bonn 2000
  • EU-Commission: European Policy to Support Rural Development. Policy Orientation Paper. Brussels 2000
  • International Fund for Agricultural Development: Rural Poverty Report 2001. Rome 2001
  • World Bank: Rural Development: From Vision to Action. Washington DC 1997
  • World Bank: From Vision to Action. Update (Concept Paper). Washington DC 2000
  • World Bank: Reaching the Rural Poor. An Updated Strategy for Rural Development. December 4, 2001 (www.worldbank.org/ruralstrategy)



Prof. (em.) Dr. Winfried von Urff lehrte Agrarpolitik an der TU München. Sein Spezialgebiet ist internationale Agrarentwicklung. Er war von 1994 bis 1996 Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des BMZ.
winfried.vonurff@t-online.de



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