E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 03, März 1999, S. 60-61)


Zwischen Vision und Wirklichkeit
Das Forum Ziviler Friedensdienst und sein Anspruch

Willi Erl


Die neue Bundesregierung will, laut Koalitionsvertrag, eine "Verbesserung der ... Voraussetzungen für die Ausbildung und den Einsatz von Friedensfachkräften und -diensten (z. B. ziviler Friedensdienst)", und die Entwicklungsministerin hat dies zu ihrem Anliegen gemacht. Der Geschäftsführer des DED, Jürgen Wilhelm, hat das Thema aufgegriffen (E+Z 1999:2) und erklärt, seine Organisation sei bereit, sich der Aufgabe anzunehmen. Damit hat er andere Organisationen verprellt, die sich schon länger als der DED mit den Möglichkeiten einer zivilen Friedensarbeit befaßt und im "Forum Ziviler Friedensdienst" auch praktische Vorarbeiten geleistet haben. Willi Erl, Vorgänger von Wilhelm als Geschäftsführer des DED und Gründungsmitglied des Forums, stellt dessen Position dar.


Das war schon ein guter Grund zu beträchtlicher Freude für alle, die der Idee eines zivilen Friedensdienstes nahestehen und sich für ihre Verwirklichung einsetzen, als die neue Bundesregierung in ihrer Koalitionsvereinbarung festschrieb: Sie möchte im Rahmen der Friedenskonsolidierung nicht nur die Friedens- und Konfliktforschung fördern und bestehende Initiativen vernetzen, sondern auch die juristischen, finanziellen und organisatorischen Voraussetzungen für die Ausbildung und den Einsatz von Friedensfachkräften und -diensten fördern. Dabei wurde ausdrücklich ein ziviler Friedensdienst erwähnt.

Weniger erfreulich ist indessen für viele Förderer und Freunde des zivilen Friedensdienstes, daß nun der neue Geschäftsführer des Deutschen Entwicklungsdienstes, Dr. Jürgen Wilhelm, öffentlich den Anspruch erhebt, beim DED diesen Friedensdienst einzurichten und dabei kleinere Organisationen, die sich als potentielle Träger oder Mitträger empfohlen und ausgewiesen haben, abwertet. Dabei beschwört er die Gefahren, daß "die Aufgabe zerfasere" oder "weniger erfahrene Organisationen als der DED sie dominierten". Ein Ministerium, also das BMZ, fördere nur ungern "27 verschiedene Vorhaben", es "kleckere" nicht, wenn es an einer Stelle"klotzen" und damit an Prestige gewinnen könne, zumal es beim Klotzen erheblich an Verwaltungs- und Kontrollaufwand zu sparen in der Lage sei 1.

Später, in einem Artikel für E+Z (1999:2, S. 32), hob er freundlich die Bereitschaft des DED hervor, die Herausforderung ziviler Friedensdienst in "Zusammenarbeit" mit den Diensten und anderen "auf diesem Gebiet tätigen" Nichtregierungsorganisationen und Friedensforschungseinrichtungen anzunehmen. Allerdings fällt auf: Den wesentlichen Initiator des zivilen Friedensdienstes, das auch so benannte Forum, erwähnt er nicht ausdrücklich, wie auch das vom Forum und Entwicklungsdiensten erprobte "Konsortium Ziviler Friedensdienst" mit keinem Wort bedacht wird.

Zweifelsohne aber ist zu begrüßen, daß der DED öffentliches Interesse an der spezifischen Friedensarbeit bekundet. Betont ist bei dieser Feststellung das Spezifikum des Friedenshandelns. In einem generellen Sinne ist Entwicklungszusammenarbeit immer auch Friedensarbeit. Darauf weist Jürgen Wilhelm gebührend hin. Eindrücklich belegt das auch der Sammelband "Dem Frieden verpflichtet", in dem die Arbeitsgemeinschaft der Dienste (AGdD) die aktuellen Beiträge ihrer Mitglieder am Friedensprozeß vorstellt. Diese sind neben dem DED die AGEH (Arbeitsgemeinschaft Entwicklungshilfe), Dienste in Übersee (DÜ), Christliche Fachkräfte International (CFI), Eirene und Weltfriedensdienst (WFD) 2.

Doch trotz des generellen Friedensbeitrags, den fraglos Entwicklungsdienste erbringen, sind sie nicht hinreichend erfahren, Friedensarbeit im engeren Sinn zu betreiben. Das heißt vor allem:

  • Seelische Wunden, die durch Einwirken von Gewalt entstanden, heilen (helfen);
  • Gewalt vorbeugen und verhindern;
  • Möglichkeiten gewaltfreien Umgangs mit Konflikten erarbeiten und vermitteln;
  • In Konflikten zwischen einzelnen, Interessensgruppen, Rassen, Ethnien, Religionen schlichten;
  • Friedenspotentiale stärken;
  • Versöhnen.
Und das alles professionell!

Unter den Entwicklungsdiensten dürften für diese Aufgaben am ehesten bei jenen Organisationen Erfahrungen abrufbar sein, die auch in ihrem Namen die Verpflichtung zum Frieden hervorgehoben haben, nämlich der Weltfriedensdienst in Berlin und Eirene, der Internationale christliche Friedensdienst in Neuwied, beide in geistiger Nähe entstanden zu den klassischen Friedenskirchen der Quäker und Mennoniten. Die wenigsten Erfahrungen in der spezifischen Friedensarbeit hat unter den Diensten der DED aufzuweisen. Seine Stärken liegen auf anderen Ebenen. Das große Engagement seiner Entwicklungshelferinnen und -helfer wie seiner hauptamtlichen Kräfte ist zu nennen, ferner seine wirksame organisatorische Struktur, verbunden mit einem Partizipationssystem, sowie seine solide finanzielle Ausstattung.

Vor allem aber ist der Deutsche Entwicklungsdienst Mandatar des Bundes. Das bedeutet, er erhält seine Aufträge von der Bundesregierung, vertreten durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Die letzte Leitung des BMZ wünschte keinen zivilen Friedensdienst. Sie wurde nicht müde zu erklären: Die erforderliche Friedensarbeit geschieht hinreichend durch die bestehenden Durchführungsorganisationen. Dabei wurde neben der GTZ auch immer wieder der DED ausdrücklich erwähnt.

Die neue Bundesregierung hat es nun in der Hand zu entscheiden, wie sie ihr Koalitionsvorhaben eines zivilen Friedensdienstes in die Tat umsetzen möchte: durch eine Erweiterung des Mandats an den quasi-staatlichen DED oder aber durch Berücksichtigung der Erklärung der Koalitionsvereinbarung, die im Zusammenhang mit der Friedenskonsolidierung hervorhebt: "Eine besondere Bedeutung kommt der Zusammenarbeit mit den Nichtregierungsorganisationen zu."

Wenn dies ernst gemeint ist, kann das Forum Ziviler Friedensdienst nicht übergangen werden. Es wurde im November 1994 zunächst als lockerer Gesprächskreis gegründet und im Februar 1995 als gemeinnütziger Verein eingetragen 3. Laut Satzung verfolgt das Forum ZFD das Ziel: "Fortentwicklung und Verwirklichung der Idee eines zivilen Friedensdienstes als staatlich geförderter Dienst von ausgebildeten weiblichen und männlichen Fachkräften in pluraler gesellschaftlicher Trägerschaft".

Das Forum ist ein Garant dafür, daß die Aufgabe des Friedensdienstes nicht "zerfasert". Ihm gehören derzeit über 100 Einzelmitglieder an und 35 Mitgliedsorganisationen, darunter neben der (katholischen) Pax Christi zahlreiche evangelische Friedensorganisationen sowie die Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung eines Atomkrieges (IPPNW). Darüber hinaus gibt es eine enge Kooperation mit der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF), in der über 30 vorwiegend evangelische Friedensgruppen zusammengeschlossen sind.

Die intendierte Friedensarbeit des Forums bedeutet keine institutionelle Expansion wie beim DED. Sie ist vielmehr der eigentliche Sinn und Zweck dieser Nichtregierungsorganisation. Sie ist als Aufgabe zeitgeschichtlich gewachsen. Die Gründer des Forums sahen eine Verpflichtung, der sie sich trotz Schwierigkeiten und politischen Widrigkeiten fern jeglicher Opportunität stellten.

Tilman Evers sieht vier historische Erfahrungen des Friedenshandelns 4. Die älteste geht unmittelbar auf die Zeit nach dem 1. Weltkrieg zurück, in ihr lebt der "pazifistische" Impuls, die Absage an Nationalismus und Krieg, heute z. B. organisatorisch gefaßt im Internationalen Versöhnungsbund. Die "zweite Generation" von Friedensorganisationen griff den antifaschistischen Impuls auf, sie kam nach dem Zweiten Weltkrieg zum Leben, so die Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste. In den 60er und 70er Jahren wurden als "dritte Generation" das Peace Corps und die Entwicklungsdienste gegründet im Sinne der Erkenntnis des damaligen Papstes Paul VI., die lautet: "Entwicklung ist der neue Name des Friedens".

Im Laufe der Jahre aber geriet die Friedensaufgabe bei den Entwicklungsdiensten eher in Vergessenheit. Infolge der politischen Ereignisse von 1989 in Europa und im Ostblock wurde jäh wieder die Notwendigkeit einer besonderen Friedensarbeit bewußt. Nach dem Zerbrechen der sozialistischen Einheitsklammer trat die Vielfalt des europäischen Kontinents wieder zutage, verbunden mit der Vielzahl möglicher Konflikte. Als "vierte Generation" der Friedensorganisation wurde das Forum Ziviler Friedensdienst ins Leben gerufen. Es bündelt das Gedankengut der "älteren Generationen". Wirksame Anstöße erhielt es auch von den Kirchen. So schlug die Evangelische Kirche von Berlin-Brandenburg eine einjährige Grundausbildung im zivilen Friedenshandeln vor. Unterstützt vom Bund für Soziale Verteidigung (BSV) inspirierte dieser Vorschlag den "Ausbildungsplan für die Freiwilligen des zivilen Friedensdienstes", den das Forum 1996 vorlegte 5.

Gerade auf dem Gebiet der Qualifikation von Friedensarbeiten wies sich das Forum mittlerweile aus. Die genaue Bezeichnung, die eingeführt wurde, hieß "Friedensfachkraft". Damit sollte klar einem belächelten Dilettantismus eine Absage erteilt und dem soliden Herangehen, der Professionalität, das Wort gegeben sein. Aufgrund des Vetos von Bundesminister Carl-Dieter Spranger bekam das Forum keine Chance, mit Mitteln aus der Bundeskasse sein Konzept zu verwirklichen. Allerdings trat das Land Nordrhein-Westfalen auf den Plan und stellte 1997 die ersten Mittel für eine modellhafte Ausbildung von Friedensfachkräften zur Verfügung. Damit wurden in Kooperation mit der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden und dem Bund für Soziale Verteidigung die ersten 15 Fachkräfte für Projekte, hauptsächlich im ehemaligen Jugoslawien, vorbereitet, die mittels kooperierender Organisationen zum Einsatz gelangten. 1998 und 1999 konnten mit Hilfe nordrhein-westfälischer Landesmittel zwei Folgekurse durchgeführt werden, ein weiterer Kurs ist für 1999 vorgesehen.

Wissenschaftlich begleitet, zeitigen diese Kurse wichtige Erkenntnisse zur Verbesserung der fachlichen Qualifikation der Friedensfachkräfte. Die ersten Erfahrungen belegen: So wichtig wie die spezifische Qualifikation ist auch die Auswahl der für Friedenshandeln geeigneten Persönlichkeiten, die nicht zu jung sein dürfen und Lebens- und Berufserfahrung mitbringen müssen, ohne daß eine Festlegung auf einen bestimmten Beruf, z. B. Jurist oder Psychologe, erfolgen sollte.

Bei der Anhörung des Bundestags-Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung über Konfliktprävention und zivilen Friedensdienst im November 1997 wurde klar: Zusätzlich zu der bisherigen Entwicklungsarbeit ist ein spezielles, Konflikte austragendes, Frieden vorbereitendes und Frieden sicherndes Handeln dringend erforderlich, wie es der zivile Friedensdienst bereits im kleinen ausübt und im größeren intendiert. Bei aller Bestätigung des Konzepts des Forums wurde auch klar: Seine Schwäche ist, daß es als kleinere, vorwiegend von Spenden lebende Organisation die durch sie qualifizierten Friedensfacharbeiter nicht selbst für ihren Einsatz in den Krisengebieten und Konfliktregionen unter Vertrag nehmen kann. Gerade deshalb sucht das Forum die komplementäre Kooperation mit anderen Trägern der Entwicklungs- und Friedensarbeit. Als mögliche Kooperationsbasis wurde das "Konsortium ziviler Friedensdienst" begrüßt. In ihm soll "als Initiator und Entwickler des Konzepts" das Forum ZFD mit der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden und der Arbeitsgemeinschaft der Dienste bzw. ihren Mitgliedern, also auch mit dem DED, "unter Wahrung ihrer rechtlichen und wirtschaftlichen Selbständigkeit" Vorhaben des Friedenshandelns abstimmen und durchführen 6.

Das Forum Ziviler Friedensdienst ist in der neuen Regierungssituation berechtigt, eine führende Rolle beim Aufbau eines aus Bundesmitteln geförderten Friedensdienstes zu übernehmen, denn:

  • Das Forum ergriff aus ethischer Verantwortung die Initiative zur Schaffung eines die Entwicklungsarbeit ergänzenden Friedensdienstes.
  • Das Forum entwickelte aus seiner pazifistischen und irenischen Substanz das Konzept zur spezifischen Qualifikation von Friedensfachkräften.
  • Das Forum verfügt über einschlägige Erfahrungen und ist bereit, aus seinen Erfahrungen zu lernen.
  • Das Forum sieht seine Handlungsfelder nicht nur in den Entwicklungsländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas, sondern auch in Europa und dabei auch im wiedervereinigten Deutschland.
  • Das Forum kann als Nichtregierungsorganisation schneller und flexibler handeln. Es kann größere Risiken eingehen als staatliche oder quasi-staatliche Unternehmungen.
  • Das Forum ist ausbaufähig. Es kann bei entsprechender finanzieller Förderung auch die Trägerschaft für den Einsatz von Friedensfacharbeitern übernehmen.
  • Das Forum verfügt über sachkundige und ausgewiesene Mitarbeiter, Mitglieder und Sprecherinnen wie Sprecher. Durch die Berufung eines Beirates ist es dabei, seinen Zugang zu politischem, didaktischem und organisatorischem Wissen zu erweitern.
  • Das Forum will nicht dominieren. Es möchte aber auch nicht dominiert werden. Es ist offen für Herausforderungen und Möglichkeiten. Und es ist offen zur Zusammenarbeit mit anderen Entwicklungs- und Friedensorganisationen, vor allem im Konsortium ziviler Friedensdienst.
  • Das Forum will nicht "klotzen". Es will auch nicht "kleckern". Es will fokussieren und verbinden, damit die Friedensengagements verbindlich und verbindend werden.

Das Forum Ziviler Friedensdienst erhielt für seine Initiative und sein Konzept 1997 den Gustav-Heinemann-Bürgerpreis, den der Vorstand der SPD verleiht. Mehr noch als mit diesem angesehenen Preis wäre dem Forum damit gedient, wenn ihm die neue Bundesregierung, in der die SPD nicht ohne Einfluß ist, eine führende Rolle bei der Verwirklichung dieses Konzepts zubilligte und es mit angemessenen Bundesmitteln ausstattete.


1) Vgl.: DED will Friedenshelfer ausbilden, in: FAZ, 08. 12. 98

2) Erschienen als Band der Schriftenreihe der AGEH

3) Vgl. Tilman Evers: Arbeit am Konflikt. Lernschritte zum zivilen Friedensdienst. In: Forum EB. Beiträge und Berichte aus der evangelischen Erwachsenenbildung 3/1997, S. 19 ff.

4) Vgl. Tilman Evers: a. a. O., S. 20

5) Erschienen unter diesem Titel in Minden

6) Vgl. Willi Erl: Konsortium ziviler Friedensdienst ­ Ein Vorschlag, in: epd Dokumentation. Frankfurt/M., Evangelischer Pressedienst 51/96, S. 3 f.


Willi Erl, von 1985 bis zu seinem Ruhestand 1998 Geschäftsführer des DED, ist Gründungsmitglied des Forums Ziviler Friedensdienst e.V. und derzeit Vorsitzender von CARE Deutschland e. V.



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