E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 4, April 2000, S. 112-114)Expo 2000: Chance für die EntwicklungspolitikPeter Conze Bei der Expo 2000, der ersten deutschen Weltausstellung, die von Juni bis Oktober in Hannover stattfindet, sollen Entwicklungspolitik und Entwicklungsländer eine wesentliche Rolle spielen - nie zuvor war das bei einer Weltausstellung der Fall. Die GTZ hat für das BMZ die Organisation der entwicklungspolitischen Beiträge übernommen, aber auch andere Organisationen sind vertreten. Peter Conze berichtet, worum es geht.
Entwicklungsländer und Entwicklungspolitik werden im Programm der Expo 2000 eine wesentliche Rolle spielen. Das ist nie zuvor bei einer Weltausstellung der Fall gewesen. Sicherlich ist dies eine Konsequenz des Expo-Mottos Mensch - Natur - Technik, das das Konzept der nachhaltigen Entwicklung in den Mittelpunkt rückt. Die Expo 2000 will ein Forum für den Austausch von Ideen, Erfahrungen und Know-how sein, um gemeinsam nach tragfähigen Wegen in das 21. Jahrhundert zu suchen. Dieser hohe Anspruch kann nur dann erfüllt werden, wenn an dieser Diskussion auch die Länder des Südens und Ostens teilnehmen. Hier leben drei Viertel aller Menschen. Sie haben wertvolle Anregungen für zukunftsweisende Lösungen zu bieten. Die Bundesregierung hat hierfür Sondermittel in Höhe von 100 Millionen Mark bereitgestellt, die vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) verwaltet werden. Etwa drei Viertel dieses Betrages dienen dazu, die Darstellung ärmerer Länder auf der Expo 2000 zu fördern. Darüber hinaus sollen die Inhalte von Entwicklungszusammenarbeit in das Konzept der Weltausstellung integriert werden. Mit anderen Worten: Die Beteiligung der deutschen Entwicklungspolitik an der Expo soll sicherstellen, dass die Weltausstellung in Bezug auf die Auswahl der Teilnehmer, aber auch von den Inhalten her nicht nur eine Show westlicher Industriestaaten ist, sondern wirklich eine Weltausstellung. Das BMZ hat den Auftrag zur Umsetzung des entwicklungspolitischen Beitrags der Bundesregierung zur Expo 2000 der GTZ (Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) übertragen, die nach den Vorgaben und in enger Zusammenarbeit mit dem Arbeitsstab Expo 2000 im BMZ das Programm steuert. 130 Entwicklungs- und Reformstaaten auf der Expo Kurz bevor die Expo beginnt, ist zu sehen, dass die Länder des Südens und Ostens auf der Expo 2000 herausragende Beiträge präsentieren werden. Über 130 Entwicklungs- und Reformstaaten wollen in Hannover dabei sein. Mit rund 100 davon arbeiten BMZ und GTZ bei der Vorbereitung der Expo-Teilnahme zusammen. Diese Länder nehmen das Motto dieser Weltausstellung ernst, wahrscheinlich ernster als die meisten Industriestaaten. Ursache hierfür ist sicher zum einen die konzeptionelle Unterstützung durch die GTZ, aber wahrscheinlich auch, dass Diskussionen über nachhaltige Entwicklung in der politischen Auseinandersetzung dieser Länder oft einen höheren Stellenwert als bei uns haben. Viele, zum Beispiel die afrikanischen Staaten, haben mit schwierigen natürlichen Gegebenheiten zu kämpfen. Andere, wie die zentralasiatischen Länder, müssen die ökonomischen und ökologischen Folgen der Planwirtschaft überwinden. Vieles von diesen Erfahrungen fließt in die Länderpräsentationen auf der Expo 2000 ein. Die Expo 2000 ist natürlich keine entwicklungspolitische Bildungsveranstaltung. Es gilt, den inhaltlichen Anspruch mit einem attraktiven Auftritt zu verbinden, der die Besucher mit allen Sinnen anspricht. Will man neue Besuchergruppen für Entwicklungszusammenarbeit interessieren, muss Komplexität teilweise reduziert werden, und Show-Elemente müssen in die Präsentationen eingebaut werden. Sonst wird Entwicklungspolitik auf der Expo untergehen. Ein Beispiel, wie das funktionieren kann, ist die Afrika-Halle, die zweifellos zu einem Highlight der Expo werden wird. 40 Länder Schwarzafrikas präsentieren sich gemeinsam in einer Messehalle und werden die Vielseitigkeit ihres Kontinents zum Erlebnis machen. Das inhaltliche und gestalterische Konzept steht unter dem Motto The Gift of Africa. Afrika gab und gibt der modernen Kunst intensive Impulse, ganz zu schweigen von der Musik, zu deren Rhythmen die gesamte Welt tanzt. Der Kontinent kann der Welt eine eigene, vitale und unverbrauchte Sehweise aufzeigen, die mit ihrer Kraft teilweise den technischen Fortschritt überlagert und wichtige Beiträge für die Zukunft der menschlichen Kultur und den Umgang mit der Technik bieten kann. Diese Grundidee stellt das Klischee von Afrika auf den Kopf: Afrika wird so vom Nehmenden zum Gebenden. Bei allen Gemeinschafts- und Einzelpräsentationen arbeiten deutsche und afrikanische Fachleute zusammen. An der Kunsthochschule in Nairobi werden Muster für große Segel gestaltet, die die Hallen-Fassade umkleiden werden. Für eine hohe Stele, die als Symbol des Lebens das Wahrzeichen der Afrika-Halle werden soll, läuft zur Zeit ein Gestaltungswettbewerb unter afrikanischen Designern. Innerhalb der 20000 Quadratmeter großen Halle werden die Beiträge der Länder nach ihrer geographischen Anordnung auf dem Kontinent platziert. Die Gemeinschafts- präsentationen der Sahel-Staaten und der Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrikas (SADC) bilden die Eckpfeiler, zwischen denen die Einzelstände der anderen Staaten locker gruppiert werden. In gemeinsamen Restaurants kommen die Besucher auf den Geschmack Afrikas, im gemeinsamen Basar schnuppern sie Marktatmosphäre. Auf den Bühnen laden Musik-, Theater- und Tanzgruppen die Zuschauer zum Mitmachen ein. Natürlich sind auch die Länder anderer Kontinente vertreten. Bhutan, das zum ersten Mal an einer Weltausstellung teilnimmt, will mit seinem Beitrag einen ganzheitlichen Eindruck vermitteln, der die Besucher rational und emotional anspricht. Das Königreich im östlichen Himalaja besitzt eine außergewöhnlich reiche und vielfältige Fauna und Flora. Tief verwurzelt in den Traditionen des Buddhismus, der die Heiligkeit allen Lebens lehrt, genießt der Umweltschutz hohe Priorität. In Bhutan ist es gelungen, das ökologische Gleichgewicht weitgehend zu erhalten. Doch das Land ist kein Freilichtmuseum. In seinem Pavillon will das Land zeigen, wie es möglich ist, sich der Moderne zu öffnen, ohne das Bewusstsein für die eigenen Traditionen und Werte zu verlieren. Bhutan baut in Hannover einen authentischen buddhistischen Tempel, der nicht nur über dieses kaum bekannte Land informieren soll, sondern auch Raum für Ruhe und Meditation bietet. Nach der Expo soll der Tempel in einem religiösen Umfeld genutzt werden. Weltweite Projekte: Die Expo als Bühne der Zivilgesellschaft Die Expo 2000 hat sich zum Ziel gesetzt, ein weltweites Netzwerk nachhaltiger Entwicklung zu knüpfen. Dieses Netz lebt insbesondere von den Aktivitäten in Entwicklungsländern. Die für die Expo ausgewählten 487 Weltweiten Projekte zeigen auf, dass es kaum ein nationales Problem gibt, das nicht auch einen internationalen Bezug hätte oder auch andere Länder betrifft, oder umgekehrt kaum eine Frage der nachhaltigen Entwicklung, die nicht auch Rückwirkungen auf das einzelne Land hat. Diese Tatsache, Grundlage der täglichen Entwicklungszusammenarbeit, würde ohne sichtbare Beispiele für die meisten Besucher der Expo eine abstrakte Idee bleiben. Die Weltweiten Projekte bringen die Beispiele auf die Expo. Sie machen für die Besucher anschaulich, dass die Maxime Global denken, lokal handeln überall auf der Welt bereits mit Leben erfüllt wird. Gerade die Beispiele aus Entwicklungsländern zeigen oft auch unkonventionelle Ansätze. Zum Beispiel, wie es gelingen kann, Traditionen und Erfahrungen mit moderner Technik zu verbinden. So sind etwa die Buschmänner in der südafrikanischen Kalahari ausgezeichnete Spurenleser, können aber meist weder lesen noch schreiben. Mit Hilfe eines kleinen Computers, der einem Gameboy ähnelt, können sie jetzt ihre Beobachtungen aufzeichnen und liefern so wichtige Daten zur wissenschaftlichen Beobachtung von Fauna und Flora. So spielen Initiativen aus den Partnerländern des BMZ eine wesentliche Rolle bei dem Modul Weltweite Projekte. Im Auftrag des BMZ hat das GTZ-Büro Expo 2000, insbesondere über das Netz der GTZ-Büros vor Ort, Hunderte von empfehlenswerten Vorhaben ausfindig gemacht und deren Bewerbungen aufbereitet. Die Auswahl traf eine internationale Experten-Jury unter Vorsitz von Ricardo Diez Hochleitner, dem Präsidenten des Club of Rome, an der auch das BMZ sowie eine Vertreterin von VENRO beteiligt waren. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Von den insgesamt nominierten 487 Projekten stammen mehr als 300 aus Entwicklungs- und Reformstaaten. Das Spektrum reicht von der Friedenssicherung für die Tuareg in Mali über Kleinwasserkraftwerke im Himalaja bis zum Solartelefon auf den Inseln der Philippinen. Bei den bisherigen Weltausstellungen waren die Akteure ausschließlich die Staaten. Durch das Modul Weltweite Projekte hat in Hannover die Zivilgesellschaft zum ersten Mal die Möglichkeit, sich aktiv an der Gestaltung einer Weltausstellung zu beteiligen. Der Vorgabe des BMZ entsprechend hat die GTZ bei der Suche nach geeigneten Projekten gezielt auch (deutsche und internationale) Nichtregierungsorganisationen angesprochen. An über 200 der nominierten Projekte sind sie beteiligt. Unter den deutschen NROs, deren Vorhaben empfohlen wurden, sind die Deutsche Welthungerhilfe, Misereor, Brot für die Welt und die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung. Viele ausstellende Länder haben Weltweite Projekte in ihre Präsentation integriert. Wie z. B. der Tourismus als Einnahmequelle und die Erhaltung der Natur langfristig miteinander verbunden werden können, illustriert Tansania mit zwei Projekten: dem Selous-Wildpark und dem Korallenpark von Chumbe Island.
Das Global House als Zentrum der Entwicklungspolitik Die eigentliche Heimat des Expo-Elementes Weltweite Projekte und des Themas Entwicklungspolitik insgesamt ist das Global House direkt an der Expo-Plaza. Hier wird auch das BMZ die deutsche EZ präsentieren. Auf 600 m2 Ausstellungsfläche will das Ministerium anhand von 40 Weltweiten Projekten einen tiefen und spannenden Einblick in die Bandbreite und Themenvielfalt deutscher Entwicklungspolitik und ihrer Akteure vermitteln. Auch die CDG ist im Global House vertreten. In einem gläsernen Klassenzimmer wird sie in der Zeit der Expo insgesamt über 4000 Stipendiaten unterrichten. Die GTZ wird hier einen Stand mit einer VIP-Lounge und einem Meeting-Point einrichten. Ziel ist es, Besuchern der Expo eine Anlaufstelle für entwicklungspolitische Themen zu geben und sie mit Praktikern der Entwicklungspolitik ins Gespräch zu bringen. Gegenüber dem Global House wird in einem anderen Pavillon die KfW sich auf 1500 m2 präsentieren, wobei in erster Linie das Thema Mittelstandsförderung dargestellt werden soll. Auch hier werden FZ-Projekte, darunter teilweise anerkannte Weltweite Projekte, vorgestellt. Schließlich befindet sich im Global House ein von der GEPA betriebenes Café mit einer Bühne, auf der im Auftrage des BMZ ein umfangreiches und vielfältiges Veranstaltungsprogramm der Teilnehmer des Global House, der Vorfeldorganisationen des BMZ und anderer entwicklungspolitisch interessierter Gruppen stattfinden wird.
Globale Dialoge über die Themen des 21. Jahrhunderts Für die Entwicklungspolitik bietet die Expo 2000 eine große Chance, Sympathie für Themen zu wecken, die für unsere gemeinsame Zukunft von entscheidender Bedeutung sind, eine breite Öffentlichkeit aber leider noch zu selten erreichen. Die EXPO 2000 soll möglichst viele Menschen in ihren Bann ziehen. Das Thema Mensch - Natur - Technik wird in Hannover zwar nicht oberflächlich, aber doch unterhaltsam und breitenwirksam inszeniert. Um die drängenden Fragen des 21. Jahrhunderts jedoch auch inhaltlich zu vertiefen, wurden die Global Dialogues als Bestandteil der Expo ins Leben gerufen. In einer Reihe von zehn Fachkonferenzen kommen für jeweils drei Tage Praktiker, Wissenschaftler, Entscheidungsträger und Vertreter von Projekten aus aller Welt zusammen, um Erfahrungen auszutauschen und Lösungsansätze zu diskutieren. Eines der wichtigsten Zukunftsthemen ist zweifellos die Bekämpfung der Armut. Sie steht im Mittelpunkt des Global Dialogue Fighting Poverty - Social Innovations and New Coalitions, den die GTZ im Auftrag des BMZ vom 25. bis 27. Juli 2000 veranstaltet. Es ist gelungen, ein breites Spektrum von Institutionen als Organisatoren zusammenzubringen: Neben BMZ/ GTZ auch das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) und das UN Research Institute for Social Development (UNRISD), die regionalen NRO-Netzwerke ALOP (Lateinamerika), FEMNET (Afrika) und SAPNA (Asien) sowie der Verband Entwicklungspolitik der deutschen NROs (VENRO), das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik (DIE) und die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). In diesem Dialog soll nicht erneut die Armutsbekämpfung in ihrer ganzen Breite diskutiert werden, sondern das Thema Soziale Innovationen und neue Koalitionen in den Mittelpunkt gestellt werden. Hierbei sollen insbesondere neue Ansätze der Zusammenarbeit von Staat, Privatunternehmen und Zielgruppen zur Linderung von Armut aufgezeigt werden. Lokale Innovationen können am besten bekannt gemacht werden, wenn die Betroffenen sich selbst zu Wort melden können. Der Global Dialogue - Wege aus der Armut will dafür eine Plattform bieten. Vielversprechende Projekte und interessante Initiativen werden ihre Arbeit und ihre Erfahrungen präsentieren. Dabei sollen insbesondere auch den Vertretern Weltweiter Projekte ein internationales Forum geboten werden. Der Global Dialogue Wege aus der Armut will Entscheidungsträger, Wissenschaftler und Zielgruppenvertreter miteinander in die Diskussion bringen. Nicht abstrakte Erörterungen, sondern konkrete Beispiele, vielversprechende Projekte und interessante Initiativen sollen im Mittelpunkt der Diskussionen stehen. Die breite Öffentlichkeit kann den Global Dialogue über die Medien verfolgen. Es ist geplant, eine globale Talkshow und die große Abschlussveranstaltung mit dem Titel Platform for the Future über Fernsehen in alle Welt zu übertragen. Entwicklungspolitik in allen Facetten wird also fester Bestandteil der Weltausstellung sein. Um sie für die Besucher erkennbar zu machen, hat das BMZ ein Signet entwickeln lassen: Drei stilisierte Personen (in drei Farben) bilden einen Kreis, der auch als Weltkugel verstanden werden kann. Darunter stehen die Worte One World. Dieses Signet kann als Symbol verstanden werden - für Solidarität, Gleichberechtigung und Partnerschaft: zwischen Nord und Süd, Ost und West, zwischen Mann und Frau, zwischen Regierungen, Zivilgesellschaft und Unternehmen. Es steht für eine Entwicklungspolitik, bei der alle zusammenwirken. Das Signet soll zum Markenzeichen für das große Engagement von Entwicklungspolitik auf der Expo werden und den Besuchern überall begegnen: auf dem Expo-Gelände, im Internet-Auftritt und im elektronischen Besucher-Informationssystem. Damit erleichtert es die Orientierung und regt die Neugier an. Aus dieser Neugier kann Interesse wachsen, aus Interesse Verständnis.
Peter Conze ist Leiter des GTZ-Büros Expo 2000. E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, herausgegeben von der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE) Redaktionsanschrift: E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Postfach, D-60268 Frankfurt
Copyright © 2000, DSE, letzte Änderung 04.03.2000 | |||||||||||