E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 4, April 2001,
S. 124)

Neue Medien, alte Hoffnungen
Früher erwartete man die Entwicklungsfortschritte von Radio und Fernsehen
Jörg Becker

Alle Medien sind "Neue Medien", wenn sie eingeführt werden. Und mit allen "Neuen Medien" verbanden sich in der Vergangenheit große Hoffnungen - zum Beispiel auf Fortschritte im Bildungsbereich. Ein Rückblick auf die Geschichte des Schulfunks in Deutschland und des satellitengestützten Schulfernsehens in Indien zeigt, dass solche Hoffnungen häufig unbegründet sind. Warum sollte sich das im Falle des Internet anders verhalten?
"When Old Technologies were New" - so betitelte die US-amerikanische Kommunikationswissenschaftlerin Carolyn Marvin 1988 ihr Buch über die Anfänge des Telefonwesens im späten 19. Jahrhundert. Mit diesem griffigen Buchtitel machte sie darauf aufmerksam, wie fragwürdig der Begriff der "Neuen Medien" ist. Seit es technische Substitutionsmöglichkeiten von personaler Kommunikation gibt, also spätestens seit dem optischen Flügeltelegraphen Anfang des 19. Jahrhunderts, gibt es "Neue Medien". Die zunehmende technologische Dynamik erst von Industrialisierung, dann von Computerisierung bringt permanent "Neue Medien" hervor. Neue Medien gebären dauernd weitere neue "Neue Medien" - neue Medien werden immer schneller zu alten Medien.
Wann immer es "Neue Medien" gibt, tauchen sehr ähnliche Begründungsmuster auf, warum sie entweder gut oder schlecht für die Menschen seien. Eines solcher typischen Muster ist beispielsweise der immer wieder erneute Hinweis darauf, dass das neue Medium X die alte Kommunikationsform Y zerstören werde. Dagegen findet sich im Katalog der Hoffnungen, die an die Genese neuer Medien typischerweise geknüpft werden, stets auch die Pädagogik.

Am Anfang des Radios
stand der Schulfunk
"Die Mütter sind tiefinnerlich glücklich darüber, daß es ihnen mit Hilfe des Rundfunks gelingt, die heranwachsenden Kinder zu Haus von den verderblichen Einflüssen der Strasse und der Vergnügungssucht fernzuhalten." Dies zumindest meinte 1924 Hans Bredow, zunächst Vorsitzender im Telegraphentechnischen Reichsamt und dann Verwaltungsratsvorsitzender der Reichsrundfunkgesellschaft, oft "Vater" des deutschen Rundfunks genannt. Bredow stand mit dieser Meinung keinesfalls alleine da: Der Hamburger Rundfunk strahlte bereits 1924, ein Jahr nach seinem Beginn, spezielle Schulfunksendungen aus. Und nur weitere zwei Jahre später wurde in Berlin der "Deutsche Schulfunkverein" gegründet, der nach nur zehnmonatiger Existenz bereits 2000 Mitglieder hatte. In rascher Folge richteten alle deutschen Radiosender ein Schulfunkprogramm ein, besonders in Deutsch, Volkskunde, Musik, Englisch, Französisch und Wirtschaftskunde. 1931 - nur acht Jahre nach Beginn des Rundfunks in Deutschland - wurden im Deutschen Reich 2000 verschiedene Schulfunksendungen angeboten, und mehr als die Hälfte aller deutschen Schulen besaß ein Rundfunkgerät. Kurz: Das Radio war zu dem pädagogischen Supermedium geworden, und Fortschritte im Lehren und Lernen wurden in weiten Kreisen daran gemessen, wie aktiv ein Lehrer den Schulfunk in seinen Unterricht integrierte.
"Technischer Fortschritt" gleich "sozialer Fortschritt" gleich "aktive Erziehung und Vorbereitung der Schüler auf das ,richtige Leben'": Diese Gleichung und aus ihr abgeleitete Konzepte haben stets die Fortschrittsgläubigen aller politischen Ideologien untereinander geeinigt. Und da Entwicklung häufig ähnlich wie Erziehung definiert wird, war die Pädagogik schon immer ungemein wichtig als Triebfeder bei der Einführung jeweils neuer Medien in den Entwicklungsländern. Noch allgemeiner wird man sagen können: Ohne Erziehungsideologie hätte der Westen in den letzten 60 Jahren keine einzige Medienabsatzstrategie in den Entwicklungsländern erfolgreich durchführen können.

"Teacher in the Sky" über Indien
Ein geradezu klassisches und paradigmatisches Beispiel für diese Strategie ist die Geschichte des Satellitenfernsehens in Indien. 1969 hatten die USA und die indische Weltraumforschungsorganisation einen Vertrag über ein Experiment abgeschlossen, das unter dem Namen "Satellite Instructional Television Experiment", kurz SITE genannt, damals internationales Aufsehen erregte. Die Ziele dieses Programms zur Erziehung der indischen Landbevölkerung - von den Indern gerne "Teacher in the Sky" genannt - entsprachen genau denen, die die UNESCO kurze Zeit später auf ihrer Generalkonferenz 1972 in Paris formulierte: "Die Ziele von Satellitenfunk im Bildungsbereich bestehen darin, die Verbreitung von Bildungsinhalten voranzutreiben, pädagogische Möglichkeiten auszuweiten, den Inhalt von Lehrplänen und die Ausbildung der Lehrer zu verbessern, den Kampf gegen das Analphabetentum zu unterstützen und generell den Prozess lebenslangen Lernens zu fördern."
Das SITE-Projekt lief zwischen 1975 und 1976 in 2400 indischen Dörfern und wurde dort in Schulen oder anderen der Dorfgemeinschaft zugänglichen Gebäuden empfangen. Jeden Tag wurde ein vierstündiges TV-Programm gesendet: Morgens gab es einführende Lehrprogramme für die Grundschulkinder, während sich das Abendprogramm aus Nachrichten und Beratungssendungen für Landwirtschaft, Ernährung, Tierhaltung und Familienplanung zusammensetzte.
Das SITE-Projekt war ein voller Erfolg - ein voller technologischer Erfolg. Dieser war bereits im Budget vorprogrammiert: 70 % der Kosten entfielen auf reine Technik, auf die Hardware. Weitere 18 % entfielen auf die Technikkosten der Programmproduktion, 9 % auf die Programmproduktion selbst und 3 % auf Begleitforschung, bei der es freilich nicht nur um sozialwissenschaftliche oder pädagogische, sondern auch um technische Fragen ging.
War SITE auch ein pädagogischer Erfolg? Dazu stellte 1976 ein vom Planungskomitee der indischen Bundesregierung zur Veröffentlichung nicht freigegebener Bericht fest: "Es ist ganz offensichtlich, dass das indische TV-Satellitenprogramm weder insgesamt noch gar in erster Linie etwas mit pädagogischem Fernsehen zu tun hat. Unterricht und Unterhaltung sind lediglich Nebenprodukte einer hardwareorientierten Infrastruktur, die aus anderen Gründen und für andere Zwecke errichtet wurde." Amerikanische Erziehungswissenschaftler vom Educational Policy Research Center in Washington schrieben damals leicht resigniert: "Dieses Projekt war ein einzigartiges Beispiel für den Druck, den die Hochtechnologie ausübt, um zur Anwendung zu gelangen. Dies allein deswegen, weil sie existiert." Und der südindische Kommunikationswissenschaftler Eapen K. Eapen kritisierte diesen Hardware-Fetischismus in seinem 1979 erschienenen Aufsatz "Pie in the Sky" (frei übersetzt: "Alles Gute kommt von oben") mit folgenden Worten: "Das SITE-Experiment war offensichtlich ein Mittel, um ein ganz spezifisches Ziel zu erreichen: das Mittel selbst war das Ziel."
Wo die amerikanischen Pädagogen noch (normativ) ideologiekritisch räsonnieren, da kommt der deutsche Medienentwicklungshelfer Jürgen Schimanek vom Westdeutschen Rundfunk zum gleichen Thema nur noch zynisch daher. In seinem 1979 erschienenen Buch "Negerweiß. Deutsches Fernsehtraining in Afrika in 99 Einstellungen" beschreibt er, wie bundesdeutsche Entwicklungshilfe im Uganda des Idi Amin ein Farbfernsehsystem aufbaut. Nachdem alle westlichen Botschaften die Hauptstadt des Diktators bereits verlassen haben, schenkt die Bundesrepublik Idi Amin das Farbfernsehen. Natürlich auch aus pädagogischen Gründen, weil im Schulfernsehen nur farbige TV-Bilder chemische Versuche didaktisch sinnvoll wiedergeben könnten.
Was ist aus dem Radio, das als Schulfunk begann, nach nun knapp 80 Jahren geworden? In erster Linie geht es um Musik - bei den privaten Radiostationen macht Musik inzwischen rund 70 % des Programms aus. Es geht auch um viel Werbung und Kommerz, um "Middle-of-the-road-Geschmack", um den so genannten Dudelfunk. Es geht um Zielgruppen- und Spartenradio, es geht außerdem um Hintergrundradio, Fahrstuhlmusik und verschiedenartige Musikteppiche. Es geht auch noch um ein bisschen Wort - aber nur ein bisschen. Was auch immer einem heute zum Thema Radio einfällt, die Pädagogik ist es sicherlich nicht - auch wenn das Radio ihr seinen Anfang zu verdanken hat.
Und wie sieht es heute mit dem Fernsehen in Indien aus - also knapp 25 Jahre nach dem SITE-Experiment? Da gibt es den drögen Staatsfernsehsender Doordarshan mit langweiligen Nachrichten mit Ministerköpfen und vorfahrenden Staatskarossen, aufmunternd gemeinten, aber einschläfernd wirkenden Politansprachen ans Volk und den seit 1988 so erfolgreichen indischen soap operas wie "Ramayana" oder "Mahabharata". Und es gibt privates Fernsehen wie Zee TV mit seinem Programmschwerpunkt auf entertainment für die indische Mittelschicht. Um Pädagogik geht es in der indischen TV-Landschaft schon lange nicht mehr. Im Jahre 1959 mit Hilfe der UNESCO gegründet, steht das indische Fernsehen heute paradigmatisch für den Wechsel von Pädagogik zu Unterhaltung.

Schafft das Internet,
wo der Rundfunk enttäuschte?
Und nun das Internet, wieder eine Mediengenese, wieder ein "neues Medium", und wieder ist die Pädagogik gefragt, wieder soll sie durch die Technik große Fortschritte machen. In Deutschland heißt die Hoffnung "Schulen ans Netz", nach Afrika kommt sie aus den USA als "African Virtual University" der Weltbank. Wieder soll die Pädagogik als Vehikel für die Einführung des Mediums in Entwicklungsländern dienen. So heißt es programmatisch im Memorandum "Internet und der Süden" von Holger Baum, Klaus Boldt und Kambiz Ghawami (Frankfurter Rundschau vom 23.1.1999):
"Die Geberländer sollten prüfen, ob sie die Zugangskosten zum Internet für Bildungseinrichtungen künftig als Teil einer gezielten Budgethilfe im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit übernehmen können. Das würde die deutsche Zukunftsinvestition 'Schulen ans Netz' auf Afrika, Asien und Lateinamerika ausdehnen. (...) Das Projekt 'Schulen ans Netz' könnte Schulklassen in Deutschland mit Schulklassen in Afrika, Asien und Lateinamerika an gemeinsame, fächerübergreifende Fragestellungen heranführen. So könnten alle von- und miteinander lernen."
"So könnten alle von- und miteinander lernen" - das ist ohne Zweifel gut gemeint. Auch die TV-Programmproduzenten in Indien hatten gute pädagogische Absichten. Und auch der Schulfunk in der Weimarer Republik war von großem pädagogischen Eros getragen. Was lernen wir aus diesen beiden historischen Beispielen?
- Schon immer wurde den jeweils neuen Medien ein "genetischer" pädagogischer Nutzen zugeschrieben. Dieser vermeintliche Nutzen ist ein Topos der Protagonisten des Neuen, und als Topos entzieht er sich jeder Empirie.
- Mediensysteme verändern sich im Laufe der Zeit durch Nutzungszusammenhänge, die anfangs nicht sichtbar sind. Was als Kultur oder Erziehung beginnt, kann durchaus als Kommerz enden. Schon jetzt sprechen viele Indikatoren dafür, dass auch das Internet vor allem zu einem Medium und einer Infrastruktur des Spiels und der Unterhaltung und nicht der Pädagogik wird.
- Das Interesse der Hersteller von informationstechnologischer Hard- und Software, ihre Produkte zu verkaufen, sowie andere ökonomische und politische Interessen sind legitim. Die Pädagogik sollte aber nicht dazu missbraucht werden, solche Interessen zu verschleiern. Pädagogik ist ein Wert an sich, und Pädagogen sollten sich nicht als nützliche Idioten der Ökonomie oder der Politik hergeben.
- Für die Entwicklungsländer (aber auch für uns) ist dringend eine Rückkehr zu Grundsatzfragen der Pädagogik geboten und nicht die Reduktion der Pädagogik auf Fragen ihrer technischen Vermittlung. Ausgangspunkt für eine solche Debatte könnte nach wie vor die folgende Maxime des Erziehungswissenschaftlers Hartmut von Hentig sein: "Die Schule hat die nächste Generation auf das Leben vorzubereiten, wie es ist, ohne sie dem Leben zu unterwerfen, wie es ist."
Literatur:
Binod C. Agrawal: SITE Social Evaluation. Results, Experiences and Implications. Ahmedabad, Space Applications Centre 1981
ders. u. a.: Communication Research for Development. The ISRO Experience. New Delhi, Concept 1986
Winfried B. Lerg: Rundfunkpolitik in der Weimarer Republik. München, dtv 1980
Carolyn Marvin: When Old Technologies were New. Thinking About Electric Communication in the late 19th Century. New York, Oxford University Press 1988
Jürgen Schimanek: Negerweiß. Deutsches Fernsehtraining in Afrika in 99 Einstellungen. Frankfurt/M., März 1979
Reinold E. Thiel: Hardware Fetishism and Planning. Some Reasons for Misled Decisionmaking in Media Projects, in: Peter Herrmann, Rainer Kabel (Hg.): Media - Technology - Development. Berlin, Dialogus Mundi 1979
Dr. Jörg Becker ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Marburg und Geschäftsführer des KomTech-Instituts für Kommunikations- und Technologieforschung in Solingen.
joerg.becker@wupperonline.de

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