E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 4, April 2001, S. 103)


Editorial

Wider die Faszination der Technik

Tillmann Elliesen


Wie Pilze schossen in den 20er Jahren in den Vereinigten Staaten Radiostationen aus dem Boden. Das Radio galt als das Medium der Demokratie: Jeder, der das wolle, dachte man damals, könne sich als Sender betätigen. In Deutschland forderte Bertolt Brecht, das demokratisierende Potenzial des neuen Mediums zu nutzen. In seinen "Vorschlägen für den Intendanten des Rundfunks", publiziert am 25. Dezember 1927 im "Berliner Börsen-Courier" plädierte Brecht dafür, den Reichskanzler dazu zu zwingen, sich über Radio für seine Politik zu rechtfertigen und auf die ebenfalls über Radio direkt übertragenen Fragen der Zuhörer zu antworten.

Im selben Jahr zerstoben in den USA abrupt die politischen Hoffnungen, die mit der Einführung des Radios aufgekommen waren: Mit dem Radio Act von 1927 wurde die Federal Radio Commission eingerichtet, die als erste Amtshandlung alle bis dahin sehr freigiebig vergebenen Lizenzen für den Betrieb von Radiosendern widerrief und fortan (1934 wurde sie in Federal Communications Commission umgetauft) streng darüber wachte, wer sich mit welcher Meinung im Äther tummeln dürfe.

Jörg Becker macht in diesem Heft darauf aufmerksam, dass an neue Medien schon immer überzogene Erwartungen geknüpft wurden. Heute erwarten viele vom Internet, dass es die Welt verbessere. In der "Okinawa Charter on Global Information Society", verabschiedet auf dem G8-Gipfel im Juli letzten Jahres, heißt es, es müsse sichergestellt werden, dass Informationstechnologien (IT) zum Wirtschaftswachstum, zur Stärkung des sozialen Zusammenhalts und der Demokratie, zur Achtung der Menschenrechte und sogar zum internationalen Frieden beitragen. Dass auf politischen Gipfeltreffen kräftig Stroh gedroschen wird, ist nichts Besonderes. Irritierend ist aber, dass die "Okinawa Charter" auch in der entwicklungspolitischen community aus Wissenschaft, Nichtregierungsorganisationen und Publizistik, die eigentlich nicht verdächtig ist, offizielle Verlautbarungen kritiklos zu übernehmen, zu einem der am häufigsten zitierten Dokumente in der Debatte um IT und Entwicklung avanciert ist. Die Faszination der Technik, die die "Okinawa Charter" durchzieht, scheint ansteckend zu sein.

Dabei sind die Beispiele dafür, welchen entwicklungspolitischen Nutzen IT entfalten können, dünn gesät. Und ein Ergebnis der Recherche für dieses Heft ist es, dass so manches vermeintliche Vorzeigeprojekt gar keines ist. So wurde eines der weltweiten Projekte auf der EXPO 2000 von der GTZ als "Technik-Eruption" auf einer philippinischen Vulkaninsel angepriesen: Ein solarbetriebenes Telefonnetz habe der Insel Camaguin einen "rasanten wirtschaftlichen Aufschwung" bereitet; das sei einer das Projekt begleitenden Studie zu entnehmen. Tatsächlich ist dieser Studie offenbar nichts Derartiges zu entnehmen: Die Ergebnisse seien so dürftig, dass sie nicht veröffentlicht werden sollten, gaben die zuständigen Mitarbeiter in BMZ und GTZ unumwunden zu.

Noch ein Beispiel: Die DSE warb letztes Jahr in einer Pressemitteilung unter der Überschrift "Entwicklung via Internet" für ein neues Netzwerk zwischen afrikanischen Fachkräften für ökologischen Landbau (NECOFA). Es gibt dieses Netzwerk, allerdings spielt das Internet im Grunde keine Rolle für die Kommunikation zwischen den Teilnehmern, weil diese in der Regel keinen Zugang zum Netz haben. Auch das Nachkontakt-Netzwerk der DSE im Bereich Biotechnologie, das Thomas Brinks in diesem Heft vorstellt, kommt ohne das "alte Medium" eines gedruckten Rundbriefs nicht aus, weil 40 % der Teilnehmer elektronisch nicht erreichbar sind.

Das Problem des unzureichenden Zugangs zu den neuen Medien in den armen Ländern verweist darauf, dass aus entwicklungspolitischer Sicht Internet, Handy und Telefon nicht so sehr nutzenbringende, sondern zunächst einmal kostenverursachende Technologien sind: Soll auch nur ein kleiner Teil jener 80 % der Weltbevölkerung, die nicht einmal einen Telefonanschluss haben, von den versprochenen Segnungen der neuen Medien profitieren, sind riesige Investitionen in die Infrastruktur nötig - Uwe Afemann verdeutlicht in seinem Beitrag, wie tief der "digitale Graben" zwischen Arm und Reich ist. Die Faszination der Technik bewirkt, dass zu viel über Möglichkeiten und zu wenig über den Preis geredet wird. Natürlich ist es technisch möglich, von jedem Fleck der Erde aus über Satellit zu telefonieren und sich an das Internet anzuschließen - aber kaum jemand kann das bezahlen. Die beiden einzigen Unternehmen, die bisher einen entsprechenden Dienst angeboten haben - "Iridium" und "Globalstar" -, sind ziemlich schnell pleite gegangen, weil aufgrund der horrenden Gebühren die Nachfrage viel zu gering war.

Daraus folgt nicht, dass es müßig wäre, über technische Möglichkeiten nachzudenken und dass für die Überwindung des "digitalen Grabens" keine finanziellen Ressourcen bereitgestellt werden sollten. Es gibt durchaus Beispiele für entwicklungspolitisch sinnvolle Anwendungen der neuen Medien - in diesem Heft werden einige vorgestellt, denen zwei Dinge gemeinsam sind: Sie sind praxisnah, und weil sie das sind, sind sie im Vergleich zu den hochtrabenden Verheißungen einer "Okinawa Charter" eher bescheiden. Genau deshalb überzeugen sie aber auch.

Solcher überzeugender Beispiele bedarf es, um die Investition knapper EZ-Mittel in die informationstechnische Infrastruktur in Entwicklungsländern zu rechtfertigen. Es genügt nicht, zu sagen, bei den neuen Medien handele es sich um "pervasive", also früher oder später alle Lebensbereiche durchdringende Technologien, in die deshalb auf jeden Fall investiert werden müsse. So schafft man die Entwicklungsruinen von morgen.

Insofern kann man den Hinweis eines Teilnehmers einer Podiumsdiskussion zum Thema "IT und Entwicklung", die deutsche EZ sei auf diesem Gebiet ja nicht gerade ein "front-runner", durchaus als Auszeichnung verstehen - auch wenn er nicht so gemeint war. Der von Behutsamkeit und Realismus geprägte Ansatz für eine deutsche EZ im IT-Bereich, den Peter Michael Rügner in seinem Beitrag entwirft, geht in die richtige Richtung. Vielleicht hat das BMZ tatsächlich die eine oder andere Entwicklung bei den neuen Medien verschlafen, wie ihm mitunter vorgeworfen wird. Diese Schläfrigkeit hat das Ministerium aber zugleich davor bewahrt, der weit verbreiteten Faszination der Technik zu erliegen.



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