E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 4, April 2001, S. 115)


Personalentwicklung online
Personelle Zusammenarbeit im Internet wird wichtiger, kann Präsenzkurse aber nicht ersetzen

Bernd Gutterer


Auch in der internationalen Beruflichen Fortbildung spielt der Einsatz neuer Informationstechnologien eine immer wichtigere Rolle. Im letzten Jahr hat die Carl-Duisberg-Gesellschaft (CDG) erstmals das virtuelle Trainingsprogramm zur "Umweltorientierten Unternehmensführung" durchgeführt. Dabei wurden Möglichkeiten und Grenzen der Personalentwicklung über das Internet deutlich: Zwar können durch die berufliche Fortbildung im Netz potenziell mehr Teilnehmer als durch Präsenzseminare erreicht werden, sie kann diese dennoch nicht ersetzen.


Die Organisationen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit sehen sich zunehmend mit der Herausforderung konfrontiert, ihre Partner in den Entwicklungsländern bei der Bewältigung und der Gestaltung von Globalisierungsprozessen zu unterstützen. So wird beispielsweise immer häufiger Unterstützung beim Zugang zu aktuellem Wissen und moderner technischer Infrastruktur eingefordert. "best practices" ist längst ein Schlüsselwort im Rahmen der Wirtschafts- und Technologiekooperation und, im Umweltbereich, bei der Ausarbeitung von Aktionsplänen zur Umsetzung der Agenda 21 geworden.

Besonders die Organisationen der internationalen Personalentwicklung sind gefordert, leistungsfähige Programme anzubieten, die den weltweit rasch wachsenden Bedarf an beruflicher Weiterbildung zu decken vermögen. Dass der Einsatz von neuen Informationstechnologien hierbei eine zunehmend wichtige Rolle spielen wird, zeichnet sich schon heute ab. Die Carl-Duisberg-Gesellschaft (CDG) und die Deutsche Stiftung für internationale Entwicklung (DSE) bauen seit 1999 im Internet die Lernplattform "Global Campus 21" (www.gc21.de) auf. Der "Global Campus 21" ist zum einen ein öffentliches Wissensportal für den Bereich "Berufliche Weiterbildung". Zum anderen, und das ist das Herzstück des Campus, ist er ein "geschlossener" Treffpunkt für Teilnehmer von Kursen der CDG und der DSE, an dem Lehr- und Trainingsprogramme angeboten werden. Im Rahmen des "Global Campus" hat die CDG von August bis Dezember 2000 erstmals das virtuelle Trainingsprogramm "Umweltorientierte Unternehmensführung und Umweltmanagement" durchgeführt. Dabei wurden Möglichkeiten und Grenzen der Personalentwicklung über das Internet deutlich.


Wie funktioniert
ein Kurs im Internet?

Der Kurs richtet sich insbesondere an solche Teilnehmer, die aufgrund ihrer beruflichen Verpflichtungen nicht an Präsenzprogrammen teilnehmen können. Die Ausschreibung erfolgt weltweit, z. B. in Publikationen des UN-Umweltprogramms UNEP. Für den ersten Durchgang gingen rund 200 Bewerbungen ein, aus denen die CDG 80 Teilnehmer aus 27 Ländern auswählte. Der Anspruch des Kurses ist es, die Teilnehmer in vier bis fünf Monaten zum Aufbau von Umweltmanagementsystemen in Betrieben zu befähigen. Das Angebot richtet sich außerdem an ehemalige Teilnehmer, die ihren Wissensstand aktualisieren möchten. Natürlich soll der virtuelle Kurs der Qualität von Präsenzkursen möglichst nahe kommen und praxisnah sein. Das soll erreicht werden, indem die Vermittlung von Lernstoff, der den aktuellen Stand im Bereich "Umweltmanagement" widerspiegelt, und interaktive Lehrmethoden miteinander verbunden werden.

Die Teilnehmer sollen im Kursverlauf fünf Unterrichtseinheiten (Module) bearbeiten; der wöchentliche Zeitaufwand dafür beläuft sich auf etwa vier Stunden. Der Inhalt der Module ist im Internet abrufbar oder wird über CD-ROM bereitgestellt. Um einen Bezug zur beruflichen Praxis der Teilnehmer herzustellen, sollen diese zum Abschluss des Kurses ein Umweltmanagement-Konzept für ihre Betriebe erarbeiten.

Das besondere Merkmal dieses Kurses ist die Betreuung der Teilnehmer durch (europäische) "Tele-Tutoren" - Experten, die in der betrieblichen Umweltberatung tätig sind und über internationale Erfahrung verfügen. So erhalten die Teilnehmer zum einen eine Fachbetreuung bei der Umsetzung umweltpolitischer Ziele in ihren Betrieben (beispielsweise die Substitution bestimmter Chemikalien oder die Optimierung von Betriebsprozessen). Zum anderen stehen die Tutoren im Zwei-Wochen-Rhythmus für Tele-Konferenzen mit den Teilnehmern zur Verfügung, um mit diesen über den Unterrichtsstoff und Fragen dazu zu diskutieren. Das geschieht in Form von "live chats" in einzelnen Arbeitsgruppen, in die die Teilnehmer je nach Zeitzone, aus der sie kommen, und ihrer fachlichen Kompetenz eingeteilt werden. Beim ersten Kursdurchgang wurden vier Regionalgruppen (Ozeanien/Ferner Osten, Südostasien/Südasien, Afrika/Europa/Mittlerer Osten und Süd-/Mittelamerika) mit je zwei Arbeitsgruppen aus jeweils 10 Teilnehmern gebildet. Die Chat-Räume sind für die Teilnehmer immer geöffnet, so dass diese sich dort jederzeit treffen und zusammen arbeiten können.


Erfahrungen und Schlussfolgerungen
aus dem ersten Kursdurchgang

Für den Kurserfolg ist eine qualifizierte Auswahl der Teilnehmer bzw. eine möglichst hohe Homogenität in den Arbeitsgruppen von Bedeutung. Bei einem weltweit angebotenen Kurs sind die fachlichen Hintergründe und Erfahrungen, aber auch die Lernkulturen der Teilnehmer sehr verschieden. Ein Betriebsleiter bei einem auf dem Weltmarkt tätigen Automobilzulieferer in Brasilien hat einen anderen Erfahrungshintergrund als ein in Sambia tätiger Lebensmittelingenieur, der bislang nur peripher mit Umweltpolitik bzw. mit Prozessoptimierung in Berührung gekommen ist. Vor dem Hintergrund dieser unterschiedlichen Erfahrungen und Motivationslagen einen für alle Teilnehmer gewinnbringenden Kurs durchzuführen, ist eine große Herausforderung für die Programmverantwortlichen.

Ein Fortbildungskurs im Internet erfordert bei den Teilnehmern - vor allem bei starker beruflicher und privater Belastung - ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Zwar sorgen auch beim Lernen im Internet der Tele-Tutor, die Tele-Konferenzen und der ständige Austausch mit anderen Teilnehmern für ein hohes Maß an sozialer Interaktion, die für die Motivation zur Mitarbeit unerlässlich ist. Doch um Aufmerksamkeit und kontinuierliche Teilnahme auf einem stabilen Niveau zu halten, müssen die Teilnehmer intensiver als in einem Präsenzkurs betreut und direkt angesprochen werden. Im Falle des ersten Kursdurchgangs sank die Zahl der aktiven Teilnehmer nach acht bis zehn Wochen zunächst stark ab, stieg dann nach erfolgreichen Motivierungsversuchen der Verantwortlichen wieder an und pendelte sich bei rund 50 % der angemeldeten Teilnehmer ein.

Ähnlich wie in einem Präsenzseminar gibt es Teilnehmer, die sich von Anfang an sehr stark beteiligen, ein Mittelfeld, das sich nach und nach aktiv in die Diskussion einschaltet, und ein weiteres Drittel, das sich eher passiv verhält. Hingegen ist es weitaus schwieriger als in einem Präsenzseminar, über das Internet ein Gruppengefühl zwischen diesen unterschiedlichen Persönlichkeiten herzustellen, das wichtig für Akzeptanz und Erfolg des Kurses ist. Ob das gelingt, inwieweit also die Teilnehmer den Kurs als ein intensives gemeinsames Vorhaben erleben, hängt maßgeblich von den fachlichen und didaktischen Kompetenzen der Tutoren, aber auch sehr stark von ihrer Persönlichkeit ab.

Viele Teilnehmer haben über den Kursdurchgang im letzten Jahr erstmals Zugang zur internationalen Fachdiskussion im Internet erhalten. Auf diesen wertvollen Nebeneffekt wurde in den Tele-Konferenzen immer wieder hingewiesen. Die meisten Teilnehmer sind sonst nur sporadisch oder überhaupt nicht in regionale oder internationale Debatten zu den Themen Umwelt- und Entwicklungspolitik eingebunden. Dies gilt besonders für Teilnehmer aus Afrika. Neben der Vermittlung von fachlichen Kenntnissen erhalten die Teilnehmer von Internet-Kursen auf diesem Weg Zugang zur "Global Community".


Der Kurs verdeutlichte,
wie tief der digitale Graben ist

Gleichzeitig wurde die Tiefe des globalen "digitalen Grabens" deutlich. Während Teilnehmer aus Ländern mit relativ guten Telekommunikations- bzw. Internetdiensten (z. B. Tunesien, Brasilien, Südafrika), sich intensiv über das Netz austauschen können, hinken Teilnehmer aus Ländern mit niedrigen Übertragungsraten wie Tansania, Peru oder Guinea-Bissau oft hinterher. Ihre Diskussionsbeiträge erschienen während der Tele-Konferenzen erst mit Verzögerung auf dem Bildschirm; die Diskussion war häufig schon zwei Schritte weiter. Hier zeigte sich die Berechtigung von Förderprogrammen zur raschen Verbesserung der informationstechnischen Infrastruktur In Entwicklungsländern.

Es ist aber auch deutlich geworden, dass Kurse im Internet Präsenzseminare in Europa mit den Möglichkeiten der direkten Anschauung von "best practices" in Betrieben und des Fachaustauschs mit dem dortigen Personal nicht ersetzen können. Präsenzkurse sind zudem eine wichtige persönliche Erfahrung für die Teilnehmer, während Internet-Programme die Teilnehmer in ihrem gewohnten beruflichen Kontext und Alltag begleiten. Andererseits können durch Internet-Kurse auch solche Teilnehmer erreicht werden, denen die Teilnahme an einem Präsenzseminar nicht möglich ist.

Als nächsten Schritt wird die CDG sich an der Entwicklung von Programmen bzw. entsprechenden Ausbildungskapazitäten in verschiedenen Partnerländern beteiligen. So werden mit Partnerorganisationen in Indien und Süd- bzw. Mittelamerika Module für virtuelle Kurse für die Automobilzulieferer- und für die Lederindustrie entwickelt. Im südlichen Afrika werden bereits mit Unterstützung der CDG vom "South African Network for Training and Research in Environment" (SANTREN) Umweltmanagement-Programme für die Bergbauindustrie entwickelt. Auf diese Weise werden "global and local content" in diesen Internet-Kursen zu zwei Seiten der selben Medaille.


Dr. Bernd Gutterer ist Projektleiter bei der Arbeitseinheit "Wirtschaft, Umwelt und Entwicklung" in der Gruppe Umwelt und Ressourcenschutz der CDG in Berlin. guttererb@cdg.de





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